Ich habe weggewischt deine Vergehen wie eine Wolke und deine Sünden wie Nebel. Kehr um zu mir; denn ich habe dich erlöst.
(Jesaja 44,22)
Im November 2024 hat in einer Wiener Freikirche ein Pastor in einer Predigt anhand von zwölf biblischen Beweisen nachzuweisen versucht, dass die Lehre der Sühnung von Strafschuld durch Stellvertretung den innersten Kern des Christentums darstellt, der unter keinen Umständen auch nur in Frage gestellt werden darf.
Diese Lehre ist besser unter dem englischen Begriff Penal Substitutionary Atonement bekannt. Sie besagt, dass Jesus die Strafe erlitt, die gemäß dem gerechten Zorn Gottes des Vaters für die Sünden der Menschheit fällig war. Jesus erfüllte die Gerechtigkeit Gottes, indem er an unserer Stelle die Strafe für die Sünde auf sich nahm, damit wir an seiner Gerechtigkeit teilhaben können. Jesus wurde deswegen verflucht, er trug den Zorn Gottes, damit Gott uns vergeben könne. Weil Gott Jesus bestraft hat, braucht er uns nicht zu bestrafen und kann uns unsere Schuld vergeben.
Zweifellos lehrt die Bibel, dass Jesus für unsere Sünden gestorben ist (z. B. 1 Korinther 15,3). Doch ist die durch Penal Substitutionary Atonement gegebene Erklärung tatsächlich die biblisch gebotene? Um dem nachzugehen habe ich mich mit den in dieser Predigt gelieferten Argumenten auseinandergesetzt.
Die Predigt kann hier angesehen werden.1 Die nach meinem Empfinden sehr emotionale Predigt beginnt bei Minute 31:00. Der Prediger wendet sich vor allem gegen eine unter dem Namen „Christus Victor“ („Christus ist der Sieger“) bekannte Erklärung der durch Jesus gewirkten Erlösung, die den Tod Jesu nicht als Ausgießen des Zornes Gottes auf Jesus sieht und stark die Auferstehung betont. Zuerst werden zwei Thesen von „Christus Victor“ aufgegriffen, worauf (ab Minute 47:56) eine Auflistung von „zwölf“ (es sind nur elf, Nr. 10 ist untergegangen) biblischen Beweisen zur Stützung der „Sühnung von Strafschuld durch Stellvertretung“ folgt. Hier wird immer wieder emotional der Satz wiederholt:
Wie könnte Jesus den Zorn Gottes NICHT an unserer Stelle getragen haben?
Mit der Frage des Tragens des Zorns Gottes durch Jesus habe ich mich schon im Beitrag Musste Jesus den Zorn Gottes besänftigen? beschäftigt.
Hier soll es um die im Video genannten Bibelstellen gehen. Ich habe über manche dieser Stellen schon eigene Beiträge geschrieben, die ich bei den betreffenden Stelle zur eingehenderen Lektüre verlinke. Über andere werden vielleicht noch welche folgen, in denen diese Stellen noch ausführlicher behandelt werden.
Zuerst die zwei abgelehnten Thesen von „Christus Victor“:
1 Es ist unvorstellbar, dass Gott nicht einfach vergeben kann, ohne dass zuvor seine Gerechtigkeit befriedigt wird.
Zum Zusammenhang von Gottes Gerechtigkeit und Vergebung habe ich meine Gedanken im Beitrag Gottes Gerechtigkeit und die Vergebung der Sünden niedergeschrieben. Meines Erachtens ist das biblische Verständnis von Gerechtigkeit viel umfassender als der enge, juristisch gefasste Begriff einer „Gerechtigkeit“, die „strafrechtlich“ befriedigt werden muss.
Pastor Rob weist darauf hin, dass die Sünden, die in der Geschichte vor dem Kreuzestod Jesu begangen worden sind, nicht einfach so vergeben wurden, sondern dass alle geschlachteten Opfertiere schon auf das Kreuzesopfer Jesu hingewiesen haben. Ja, die alttestamentlichen Opfer sind in der vollkommenen Hingabe Jesu erfüllt. Doch lesen wir nirgends im Alten Testament, dass bei einem Opfer der Zorn Gottes über das Opfertier ausgegossen worden wäre oder dass das Tier stellvertretend für den opfernden Sünder bestraft worden wäre.
Es folgt ein Verweis auf Römer 3,25.
25 Ihn hat Gott aufgerichtet als Sühnemal – wirksam durch Glauben – in seinem Blut, zum Erweis seiner Gerechtigkeit durch die Vergebung der Sünden, die früher, 26 in der Zeit der Geduld Gottes, begangen wurden; ja zum Erweis seiner Gerechtigkeit in der gegenwärtigen Zeit, um zu zeigen: Er selbst ist gerecht und macht den gerecht, der aus Glauben an Jesus lebt. (Römer 3,25-26)
Der Prediger versteht diese Stelle als „Zahlung“ für alle vergangenen Sünden, was so nicht im Text seht. Unter Punkt 2 der unten folgenden Auflistung folgen weitere Gedanken zum „Sühnemal“. Ein eigener Beitrag zu dieser wichtigen Stelle ist angedacht.
Wiederholt wird Hebräer 9,22 angeführt:
Fast alles wird nach dem Gesetz mit Blut gereinigt, und ohne dass Blut vergossen wird, gibt es keine Vergebung.
Auch zu diesem Vers habe ich einen eigenen Beitrag geschrieben. Es geht nicht darum, dass Gott Blut sehen muss, um vergeben zu können. Auch hier muss wieder darauf hingewiesen werden, dass die Opfer des Alten Testaments kein Ausgießen des Zorns Gottes darstellten, auch keine stellvertretende Strafe.
2 Es ist unvorstellbar, dass mein Heil mehr transaktional statt relational ist.
Dieser Punkt wurde in der ersten Predigt abgehandelt. Diese Frage ist eher philosophischer Art. Ich überspringe sie in meinem Beitrag ebenso wie Pastor Rob sie in seiner zweiten Predigt übersprungen hat.
3 Es ist unvorstellbar, dass ein allumfassend liebender Gott seinen Zorn auf seinen unschuldigen, geliebten Sohn ausgießt.
Der Prediger zitiert Römer 5,8:
Gott aber erweist seine Liebe zu uns darin, dass Christus für uns gestorben ist, als wir noch Sünder waren.
Ja, das ist „der unvorstellbarste Liebesbeweis“, wie Pastor Rob richtig sagt. Es ist nicht das Ausgießen seines Zorns auf seinen unschuldigen, geliebten Sohn. Davon schreibt Paulus kein Wort.
Als Antwort auf diese These folgen „zwölf“ Thesen, die die Lehre der Sühnung von Strafschuld durch Stellvertretung stützen sollen.
1 Wir sind von Natur aus ALLE „Kinder des Zorns“ und das Blut Jesu hat uns vor dem Zorn Gottes gerettet. (Epheser 2,3; Römer 5,9)
Hier sind die Stellen im Kontext:
1 Ihr wart tot infolge eurer Verfehlungen und Sünden. […] 3 Unter ihnen haben auch wir alle einmal unser Leben geführt, als wir noch von den Begierden unseres Fleisches beherrscht wurden. Wir folgten dem, was das Fleisch und der böse Sinn uns eingaben, und waren von Natur aus Kinder des Zorns wie auch die anderen. 4-5 Gott aber, der reich ist an Erbarmen, hat uns, die wir infolge unserer Sünden tot waren, in seiner großen Liebe, mit der er uns geliebt hat, zusammen mit Christus lebendig gemacht. Aus Gnade seid ihr gerettet. (Epheser 2,1.3-5)
Infolge unserer Sünden waren wir geistlich tot. Weil wir dem Fleisch (den gottfeindlichen Wünschen) gefolgt sind, standen wir unter dem Zorn Gottes, d. h. in Feindschaft gegen Gott. Gottes Antwort darauf wird in den Versen 4-5 geschildert. In seinem Erbarmen und in seiner Liebe hat Gott uns zusammen mit Christus lebendig gemacht. Die Antwort auf den durch unsere Sünden bewirkten geistlichen Tod ist die Auferstehung Jesu, durch die er uns sein Leben schenkt. Paulus betont das Erbarmen und die Liebe Gottes. Darüber, dass Gott seinen Zorn auf Jesus geladen habe, schreibt er nicht.
8 Gott aber erweist seine Liebe zu uns darin, dass Christus für uns gestorben ist, als wir noch Sünder waren. 9 Nachdem wir jetzt durch sein Blut gerecht gemacht sind, werden wir durch ihn erst recht vor dem Zorn gerettet werden. (Römer 5,8-9)
Christus ist für uns gestorben, als wir noch Sünder waren. Wir sind durch sein Blut gerecht gemacht worden. Im Alten Testament steht das Blut für das Leben (Levitikus 17,11; Deuteronomium 12,23). Sein Blut, das Leben, das er sowohl im Leben als auch im Sterben für uns hingegeben hat, macht uns gerecht. Dadurch werden wir verändert und stehen nicht mehr unter dem Zorn Gottes. Wir werden vor dem Zorn gerettet, weil Gott uns gerecht gemacht hat, nicht, weil Jesus den Zorn Gottes getragen hätte. Davon steht hier nichts.
2 Das Blut Jesu ist eine „Sühne für unsere Sünden“ und eine „Sühne“ ist das, was den Zorn besänftigt. (1 Johannes 2,2; Römer 3,25)
1 Meine Kinder, ich schreibe euch dies, damit ihr nicht sündigt. Wenn aber einer sündigt, haben wir einen Beistand beim Vater: Jesus Christus, den Gerechten. 2 Er ist die Sühne für unsere Sünden, aber nicht nur für unsere Sünden, sondern auch für die der ganzen Welt. (1 Johannes 2,1-2)
Wenn Johannes schreibt, dass wir Jesus als unseren Beistand beim Vater haben, dann ist das im Grunde dasselbe, was wir auch im Hebräerbrief lesen:
Darum kann er auch die, die durch ihn vor Gott hintreten, für immer retten; denn er lebt allezeit, um für sie einzutreten. (Hebräer 7,25)
Weil Jesus jetzt und für alle Ewigkeit beim Vater lebt, kann er immer für uns eintreten. Nicht deswegen, weil Gott seinen Zorn über ihn ausgegossen hat, sondern weil er bei ihm als unser Beistand lebt.
In 1 Johannes 2,2 schreibt der Apostel, dass Jesus die „Sühne“ für unsere Sünden, ja sogar für die Sünden der ganzen Welt ist. Aber ist hier mit „Sühne“ wirklich etwas gemeint, was den Zorn besänftigt? In der Lutherbibel steht hier nicht „Sühne“, sondern „Versöhnung“. Das griechische Wort ἱλασμός / hilasmós kommt im Neuen Testament sonst nur in 1 Johannes 4,10 vor, auch dort von Luther mit „Versöhnung“ übersetzt.
Darin besteht die Liebe: nicht dass wir Gott geliebt haben, sondern dass er uns geliebt hat und gesandt seinen Sohn zur Versöhnung für unsre Sünden. (1 Johannes 4,10; Luther 2017)
Versöhnung ist zumindest im allgemeinen Verständnis aber etwas anderes als dass einer seinen Zorn auslässt. Versöhnung heißt, dass zwei verfeindete Personen ihre Feindschaft und Trennung überwinden. Wenn einer schuldig geworden ist, bittet er um Vergebung und ändert seine Gesinnung. Wenn es um Versöhnung zwischen Gott und Mensch geht, geht es immer darum, dass der sündige Mensch sich ändert. Nicht Gott muss sich mit dem Menschen versöhnen, sondern der Mensch mit Gott. Da wir das aus uns heraus alleine nicht schaffen, hat Gott seinen Sohn gesandt, um uns zum Vater zurückzuführen. Es geht nicht darum, dass ein innergöttlicher Konflikt zwischen Gottes Liebe und seinem gerechtem Zorn gelöst wird. Es geht darum, dass wir zu Gott, der seine Arme nach uns ausgestreckt hat (vergleiche Jesaja 65,2), zurückfinden.
Im griechischen Alten Testament, der sogenannten Septuaginta, wird das Wort ἱλασμός / hilasmós in Ezechiel 44,27 für ein Sündopfer verwendet, wobei wiederum festzustellen ist, dass die Opfertiere im Alten Testament nicht als Objekte des göttlichen Zorns betrachtet worden sind. In Psalm 130,4 steht dieses Wort einfach für „Vergebung“. Das gilt auch für Daniel 9,9 in der Übersetzung von Theodotion.
Es ist nicht notwendig, einen Sühnegedanken in 1 Johannes 2,2 hineinzulesen. Es wird gesagt, dass wir durch Jesus Vergebung haben. Dass Gottes Zorn durch ihn besänftigt werden musste, steht nicht dort.
25 Ihn hat Gott aufgerichtet als Sühnemal – wirksam durch Glauben – in seinem Blut, zum Erweis seiner Gerechtigkeit durch die Vergebung der Sünden, die früher, 26 in der Zeit der Geduld Gottes, begangen wurden; ja zum Erweis seiner Gerechtigkeit in der gegenwärtigen Zeit, um zu zeigen: Er selbst ist gerecht und macht den gerecht, der aus Glauben an Jesus lebt. (Römer 3,25-26)
Diese Stelle wird in unterschiedlicher Weise verstanden. So Gott will, werde ich einen eigenen Beitrag zu dieser Stelle schreiben.
Häufig wird das in der Einheitsübersetzung mit „Sühnemal“ wiedergegebene Wort ἱλαστήριον / hilastērion auf den Deckel der Bundeslade im alttestamentlichen Tempel bezogen. Einmal im Jahr, am Versöhnungstag, betrat der Hohepriester das Allerheiligste im Tempel und sprengte das Blut des geopferten Ziegenbocks auf diesen Deckel der Bundeslade (Levitikus 16,15). Dieses Opfer diente der Versöhnung des Volks Israel mit Gott. Die Bundeslade wurde als Ort der Gegenwart Gottes verstanden, nicht als der Ort, an dem Gott seinen Zorn kundtat. Wenn nun der Deckel der Bundeslade als Bild für Jesus genommen wurde, dann zeigt das, dass Jesus der Ort der Gegenwart Gottes ist, nicht aber, wie in Punkt 9 behauptet wird, der Ort, den Gott verlassen hat. In Jesus finden wir die Versöhnung mit Gott, in Jesus finden wir Vergebung und Frieden. Vom Zorn Gottes ist in diesem Bild keine Rede.
3 Jesus wurde „zur Sünde gemacht“ und der Zorn Gottes richtet sich gegen die Sünde. (2 Korinther 5,21; 1 Petrus 2,24; Römer 1,18)
18 Aber das alles kommt von Gott, der uns durch Christus mit sich versöhnt und uns den Dienst der Versöhnung aufgetragen hat. 19 Ja, Gott war es, der in Christus die Welt mit sich versöhnt hat, indem er ihnen ihre Verfehlungen nicht anrechnete und unter uns das Wort von der Versöhnung aufgerichtet hat. 20 Wir sind also Gesandte an Christi statt und Gott ist es, der durch uns mahnt. Wir bitten an Christi statt: Lasst euch mit Gott versöhnen! 21 Er hat den, der keine Sünde kannte, für uns zur Sünde gemacht, damit wir in ihm Gerechtigkeit Gottes würden. (2 Korinther 5,18-21)
Im Beitrag Zur Sünde gemacht? habe ich darauf hingewiesen, dass es Gott war, der in Christus die Welt mit sich versöhnt hat. In der wörtlicheren Elbefelder Übersetzung heißt es sogar, dass Gott in Christus war. Wenn der heilige Gott (Vater) in Christus war und Jesus als der menschgewordene Sohn Gottes an der göttlichen Natur teilhat, ist ein wörtliches Verständnis, nämlich, dass Jesus im buchstäblichen Sinn zur Sünde geworden ist, nicht möglich. Der heilige Gott kann nicht gleichzeitig die Sünde sein. Der reine und heilige Sohn Gottes hat die Folgen der menschlichen Sünde auf sich genommen, damit wir die Folgen seiner Gerechtigkeit auf uns nehmen können. Er ist „in Gestalt des Fleisches der Sünde“ gekommen und hat so „die Sünde im Fleisch verurteilt“ (Römer 8,3). Er tat es dadurch, dass er von der Liebe geleitet allen Versuchungen widerstanden hat und so die Sünde völlig besiegt hat. Aber nicht dadurch, dass er zu einem Objekt von Gottes Zorn geworden ist. Mehr dazu im Beitrag Wie hat Gott die Sünde im Fleisch verurteilt?
Laut 2 Korinther 5,19 hat Gott der Welt, also uns Menschen, die Sünde nicht angerechnet. Es steht aber nichts darüber, dass er die Sünde Jesus angerechnetet hätte und seinen vollen Zorn auf ihn gerichtet hätte. Der allmächtige und barmherzige Gott kann und will vergeben, wenn ein Mensch sich von seinen Sünden abwendet. Da muss niemand bestraft werden.
Ein anderes Verständnis von 2 Korinther 5,21 ist, dass das Wort „Sünde“ als „Sündopfer“ zu verstehen sei. Tatsächlich hat im Alten Testament das Wort für „Sünde“ sowohl im Hebräischen als auch in der griechischen Übersetzung der Septuaginta immer wieder die Bedeutung „Sündopfer“. Z.B.: Exodus 29,14; Levitikus 4,21.24.29; 16,3.5.9.
Die Israeliten durften nur fehlerlose Tiere opfern (z.B. Levitikus 4,28). So war auch Jesus ein reines Opfer.
[…] um wie viel mehr wird das Blut Christi, der sich selbst als makelloses Opfer kraft des ewigen Geistes Gott dargebracht hat, unser Gewissen von toten Werken reinigen, damit wir dem lebendigen Gott dienen. (Hebräer 9,14)
18 Ihr wisst, dass ihr aus eurer nichtigen, von den Vätern ererbten Lebensweise nicht um einen vergänglichen Preis losgekauft wurdet, nicht um Silber oder Gold, 19 sondern mit dem kostbaren Blut Christi, des Lammes ohne Fehl und Makel. (1 Petrus 1,18-19)
Wenn Jesus das reine und makellose Opfer war, wie konnte er zugleich Objekt des göttlichen Zorns sein?
21 Dazu seid ihr berufen worden; denn auch Christus hat für euch gelitten und euch ein Beispiel gegeben, damit ihr seinen Spuren folgt. 22 Er hat keine Sünde begangen und in seinem Mund war keine Falschheit. 23 Als er geschmäht wurde, schmähte er nicht; als er litt, drohte er nicht, sondern überließ seine Sache dem gerechten Richter. 24 Er hat unsere Sünden mit seinem eigenen Leib auf das Holz des Kreuzes getragen, damit wir tot sind für die Sünden und leben für die Gerechtigkeit. Durch seine Wunden seid ihr geheilt. 25 Denn ihr hattet euch verirrt wie Schafe, jetzt aber habt ihr euch hingewandt zum Hirten und Hüter eurer Seelen. (1 Petrus 2,21-25)
Auch hier betont Petrus die Sündenlosigkeit Jesu Christi. Er hat die Bosheit seiner Feinde geduldig getragen und nicht erwidert. Wenn Petrus schreibt, dass Jesus seine Sache Gott, dem gerechten Richter überließ, scheint das nicht dazu zu passen, dass genau in dieser Situation Gott das Strafgericht über die Sünden der ganzen Menscheit an Jesus vollstreckt hätte. Jesus vertraute sich ganz seinem Vater, dem gerechten Richter an. Nicht die Bosheit der Menschen sollte den Sieg davontragen, sondern die Liebe Gottes in Jesus Christus.
Er hat die Sünde mit seinem eigenen Leib auf das Kreuz getragen, nicht weil der Vater unsere Sünde in ihm bestraft hätte. Das steht nicht im Text. Jesus in seiner Vollkommenheit und Heiligkeit ist stärker als unsere Sünde. Wenn wir an ihn glauben, unser alter sündhafter Mensch mit ihm mitgekreuzigt wird, haben wir teil an seinem Sieg und dürfen für die Gerechtigkeit leben.
Denn der Zorn Gottes wird vom Himmel herab offenbart wider alle Gottlosigkeit und Ungerechtigkeit der Menschen, die die Wahrheit durch Ungerechtigkeit niederhalten. (Römer 1,18)
Das ist eine Aussage über die Menschen, die durch ihre Sünden Gott widerstehen. Wenn sie nicht umkehren, stehen sie unter Gottes Zorn. Darum ist es wichtig, die Versöhnung, die uns Gott in Jesus anbietet, anzunehmen.
Oder verachtest du den Reichtum seiner Güte, Geduld und Langmut? Weißt du nicht, dass Gottes Güte dich zur Umkehr treibt? (Römer 2,4)
Ich sage euch: Ebenso wird im Himmel mehr Freude herrschen über einen einzigen Sünder, der umkehrt, als über neunundneunzig Gerechte, die keine Umkehr nötig haben. (Lukas 15,7)
Wenn ein Mensch umkehrt, steht er nicht mehr unter Gottes Zorn. Nicht deswegen, weil Gott seinen Zorn auf Jesus gelegt hätte, sondern weil Gott den Menschen liebt.
Dann brach er auf und ging zu seinem Vater. Der Vater sah ihn schon von Weitem kommen und er hatte Mitleid mit ihm. Er lief dem Sohn entgegen, fiel ihm um den Hals und küsste ihn. (Lukas 15,20)
4 Jesus wurde „zum Fluch gemacht”, was bedeutet, er wurde zu einem Objekt des Zorns gemacht. (Galater 3,13)
Ich habe mich mit dieser Frage im Beitrag Jesus – von Gott verflucht? auseinandergesetzt. Paulus sagt keineswegs, dass Jesus am Kreuz von Gott verflucht war. In den Augen der Menschen starb er wie ein Verfluchter. Er war ein Objekt des Zorns böser Menschen, aber gewiss kein Objekt des Zorns Gottes, war Jesus doch selber göttlicher Natur. Dann hätte Gott Vater seinen göttlichen Sohn verfluchen müssen, also Gott hätte Gott verflucht. Wie sollte das möglich sein?
5 Diejenigen, die nicht an Jesus glauben, bleiben unter dem Zorn Gottes. (Johannes 3,36)
35 Der Vater liebt den Sohn und hat alles in seine Hand gegeben. 36 Wer an den Sohn glaubt, hat das ewige Leben; wer aber dem Sohn nicht gehorcht, wird das Leben nicht sehen, sondern Gottes Zorn bleibt auf ihm. (Johannes 3,35-36)
Durch den Glauben an Jesus sind wir mit Gott versöhnt. Dadurch stehen wir nicht mehr unter dem Zorn Gottes. Wer sich dem Versöhnungsangebot, das uns Gott in Jesus macht, verweigert, bleibt unter dem Zorn Gottes. Hier steht nicht, dass der Vater seinen Zorn auf Jesus ausgegossen hat, sondern, dass der Vater den Sohn liebt und ihm alles in seine Hand gegeben hat. Ehre sei Ihm dafür!
6 Jesus ist das „Passahlamm“, das uns vor dem Zorn Gottes schützt. (Exodus 12,13; Johannes 1,29)
Das Blut an den Häusern, in denen ihr wohnt, soll für euch ein Zeichen sein. Wenn ich das Blut sehe, werde ich an euch vorübergehen und das vernichtende Unheil wird euch nicht treffen, wenn ich das Land Ägypten schlage. (Exodus 12,13)
Zum Verständnis dieses Verses empfiehlt es sich, den Zusammenhang in Exodus 12,1-14 zu lesen.
Vor dem Auszug aus der Ägypten, wo das Volk Israel in Knechtschaft lebte, sollten sie an einem bestimmten Tag ein Lamm schlachten, „ein fehlerfreies, männliches, einjähriges Lamm darf es sein, das Junge eines Schafes oder einer Ziege“ (Exodus 12,5). Etwas von dem Blut sollte an „die beiden Türpfosten und den Türsturz an den Häusern, in denen man es essen will,“ gestrichen werden (Exodus 12,7). Das Fleisch dieses Lammes sollte in der Nacht gegessen werden. Das Blut diente als Zeichen des Schutzes. Die Israeliten, die sich durch das Streichen des Bluts an die Türen ihrer Häuser zu Gott bekannten, wurden von dem Strafgericht, das über die Ägypter hereinbrach, geschützt werden.
Im Neuen Testament wird dieses Paschalamm als ein Zeichen gesehen, das auf Jesus hinweist. So schrieb Paulus:
Schafft den alten Sauerteig weg, damit ihr neuer Teig seid! Ihr seid ja schon ungesäuertes Brot; denn als unser Paschalamm ist Christus geopfert worden. (1 Korinther 5,7)
Paulus sieht darin einen Aufruf zur Heiligung:
Lasst uns also das Fest nicht mit dem alten Sauerteig feiern, nicht mit dem Sauerteig der Bosheit und Schlechtigkeit, sondern mit den ungesäuerten Broten der Aufrichtigkeit und Wahrheit! (1 Korinther 5,8)
Johannes der Täufer hat auf Jesus als das Lamm Gottes hingewiesen:
Am Tag darauf sah er Jesus auf sich zukommen und sagte: Seht, das Lamm Gottes, das die Sünde der Welt hinwegnimmt! (Johannes 1,29)
Vielleicht hat der Täufer aber nicht so sehr das Paschalamm vor Augen gehabt, sondern den Knecht Gottes in Jesaja 53, der auch mit einem Lamm verglichen wurde. In Exodus 12 steht nichts über einen Zusammenhang mit dem Wegtragen der Sünden. Aber vielleicht ist es nicht ganz so wichtig, auf welches alttestamentliche Vorbild sich Johannes bezogen hat.
Über das Paschalamm steht nicht, dass es Gottes Zorn getragen hat. Das Blut des Lammes war ein Zeichen des Schutzes, sein Fleisch wurde in einem gemeinsamen Mahl gegessen, das die bevorstehende Befreiung aus dem Sklavenhaus Ägypten feiern sollte. Später sollte das Paschafest eine jährliche Erinnerung an die Befreiungstat Gottes sein.
Das Blut der Tiere stand für das Leben und durfte daher nicht verzehrt werden.
Doch beherrsche dich und genieße kein Blut; denn Blut ist Lebenskraft und du sollst nicht zusammen mit dem Fleisch die Lebenskraft verzehren. (Deuteronomium 12,23)
Das Blut des Paschalamms hat daher nichts mit dem Zorn Gottes zu tun, sondern stand für das Leben. Der Gott des Lebens hat sein Volk vor dem Strafgericht beschützt.
So steht auch das Blut Jesu für sein Leben, das er für uns hingegeben hat. Sein ganzes Leben und Sterben war vollkommene Hingabe. In dieser Hingabe des Sohnes Gottes finden wir das Leben.
Wenn Johannes Jesus das Lamm Gottes nennt, das die Sünde der Welt hinwegnimmt oder wegträgt, dann heißt das nicht, dass Gott auf ihn seinen Zorn ausgegossen hat. Er nimmt unsere Sünden weg, er versöhnt uns mit Gott, er schenkt uns ein neues Leben in Frieden mit unserem Vater im Himmel. Seine Heiligkeit und Liebe sind stärker als unsere Sünde.
7 Die beiden Ziegen, die am Versöhnungstag ausgewählt wurden, waren ein Vorausbild auf Jesus. (Levitikus 16)
Dieser Punkt ist einer der längeren Punkte der Predigt. Im Grunde geht es um den großen Versöhnungstag, den das Volk Israel jedes Jahr im Herbst beging. Der genaue Ablauf dieses Tages wird in Levitikus 16 beschrieben.
Im Zentrum des Rituals standen zwei Ziegenböcke, von denen der eine als Sündopfer für das Volk geschlachtet wurde. Aaron, d. h. der Hohepriester, sollte mit dem Blut in das Allerheiligste, den innersten Raum des Tempels, betreten und das Blut auf die Deckplatte der Bundeslade sprengen (Levitikus 16,15).
So soll er für das Heiligtum von den Unreinheiten der Israeliten und von all ihren Freveltaten einschließlich all ihrer Sünden Sühne erwirken […] (Levitikus 16,16a)
Eigenartig ist die Formulierung, dass er „für das Heiligtum“ „Sühne erwirken“ soll. Er wirkt die Sühne nicht für das Volk, sondern für das Heiligtum. Warum muss für das Heiligtum, das ja nicht gesündigt hat, Sühne gewirkt werden?
Vielleicht ist das Wort „Sühne wirken“ nicht die beste Übersetzung für das Wort כִפֶּ֣ר / kippär. Die Grundbedeutung dieses Verbs hat mit „zudecken“ oder auch mit „reinigen“ zu tun. Darum übersetzte Martin Buber Levitikus 16,16a so:
Er bedecke über dem Heiligtum vor den Makeln der Söhne Jissraels und vor ihren Abtrünnigkeiten, all ihren Versündigungen …
Das Heiligtum, der Ort der Gegenwart Gottes im Volk Israel, soll durch das Leben, das im Blut der Opfertiere gedacht war, gereinigt werden. Die Sünden des Volkes, die das Heiligtum „beschmutzt“ haben, sollen durch das Blut bedeckt werden. Es geht nicht um eine juristisch verstandene Sühne. Schon gar nicht ist hier davon die Rede, dass Gott seinen Zorn auf das Opfertier ausgegossen hätte, auch wenn der Sprecher die Besänftigung des Zornes Gottes als einen der beiden Aspekte der „Sühne“ erklärt. (Der andere Aspekt ist die Entfernung der Sünde.) Der Ort der Gegenwart des heiligen Gottes sollte von aller Sünde gereinigt werden. Das sollte durch das Ritual des Versöhnungstages ausgedrückt werden.
Die im Video bei Minute 55:08 für Levitikus 16,15 (es war wohl 16,16 gemeint) gegebene Übersetzung „um alle Sünden Israels zu sühnen“ entspricht nicht genau dem hebräischen Text.
Der zweite Ziegenbock wurde nicht geopfert:
21 Aaron soll seine beiden Hände auf den Kopf des lebenden Bockes legen und über ihm alle Schuld der Israeliten und alle ihre Frevel mitsamt all ihrer Sünden bekennen. Nachdem er sie so auf den Kopf des Bockes geladen hat, soll er ihn durch einen bereitstehenden Mann in die Wüste schicken 22 und der Bock soll alle ihre Sünden mit sich in die Einöde tragen. (Levitikus 16,21-22a)
Auch bei Vers 21 wird ein Text eingeblendet (Minute 57:02), der nicht dem biblischen Text entspricht.
[…] um alle Sünden Israels zu sühnen […]
Das steht nicht im Text. Aaron soll alle Schuld und alle Frevel und Sünden der Israeliten bekennen und so auf den Kopf des Bockes laden, der anschließend in die Wüste geschickt wird. Das ist ein sehr schönes Bild dafür, dass Gott die Sünden von uns entfernt, ganz weit weg, so wie es auch im vom Sprecher zitierten Psalm 103,12 heißt:
So weit der Aufgang entfernt ist vom Untergang, so weit entfernt er von uns unsere Frevel.
Doch diente der „Sündenbock“ nicht der „Sühne“ oder „Bedeckung“.
In Hebräer 9,11-12 wird Jesus als der wahre und ewige Hohepriester vorgestellt, der mit seinem eigenen Blut eine ewige Erlösung bewirkt hat.
11 Christus aber ist gekommen als Hohepriester der künftigen Güter durch das größere und vollkommenere Zelt, das nicht von Menschenhand gemacht, das heißt nicht von dieser Schöpfung ist. 12 Nicht mit dem Blut von Böcken und jungen Stieren, sondern mit seinem eigenen Blut ist er ein für alle Mal in das Heiligtum hineingegangen und so hat er eine ewige Erlösung bewirkt.
So weist der erste Bock, dessen Blut der Hohepriester in das Allerheiligste gebracht hat, auf Jesus hin, der sich selbst als vollkommenes Opfer dargebracht hat. Mit der Besänftigung des Zornes Gottes hat das wiederum nichts zu tun.
Pastor Rob erklärt den Begriff „Erlösung“ als „Freiheit durch die Zahlung eines Preises“. Als Vergleich bringt er das Beispiel seiner reichen Tante, die für die Schulden, die er für sein Haus aufgenommen hatte, bezahlt hat. Als biblischen Beleg führt er kurz Matthäus 20,28 an. Ich habe meine Gedanken dazu im Beitrag Jesu Hingabe als Lösegeld niedergeschrieben. Auch dabei geht es nicht um den Zorn Gottes, der besänftigt wurde, oder um eine Strafe, die Jesus getragen hätte.
In der Erklärung von Hebräer 9,14
[…] um wie viel mehr wird das Blut Christi, der sich selbst als makelloses Opfer kraft des ewigen Geistes Gott dargebracht hat, unser Gewissen von toten Werken reinigen, damit wir dem lebendigen Gott dienen.
betont er, dass es hier um Gott geht. Die zweite göttliche Person hat sich durch den Heiligen Geist, die dritte göttliche Person, dem Vater dargebracht. Wo ist im Inneren des dreieinen Gottes ein Platz, wo der Vater seinen Zorn auf den Sohn gießt? Hat der Vater seinen Sohn verlassen? Wurde die Dreieinigkeit zerrissen?
8 Jesus schwitzte große Blutstropfen, als er auf den Kelch seines Leidens verwies. (Lukas 22,42-44)
39 Dann verließ Jesus die Stadt und ging, wie er es gewohnt war, zum Ölberg; seine Jünger folgten ihm. 40 Als er dort war, sagte er zu ihnen: Betet, dass ihr nicht in Versuchung geratet! 41 Dann entfernte er sich von ihnen ungefähr einen Steinwurf weit, kniete nieder und betete: 42 Vater, wenn du willst, nimm diesen Kelch von mir! Aber nicht mein, sondern dein Wille soll geschehen. 43 Da erschien ihm ein Engel vom Himmel und stärkte ihn. 44 Und er betete in seiner Angst noch inständiger und sein Schweiß war wie Blut, das auf die Erde tropfte. 45 Nach dem Gebet stand er auf, ging zu den Jüngern zurück und fand sie schlafend; denn sie waren vor Kummer erschöpft. 46 Da sagte er zu ihnen: Wie könnt ihr schlafen? Steht auf und betet, damit ihr nicht in Versuchung geratet! (Lukas 22,39-46)
Der Pastor vergleicht das Leiden Jesu Christi mit den Leiden christlicher Märtyrer, die etwa im Kolosseum singend in den Tod gegangen sind, oder mit dem Kreuzestod Petri, der einer Legende zufolge gesagt haben soll, er könnte diesen Tod hundertmal erleiden. Im Gegensatz dazu war der Tod Jesu ganz anders. Er war völlig am Boden. Das sei deswegen so gewesen, weil Jesus den Kelch des Zornes Gottes getrunken habe.
In diesem Zusammenhang erwähnt er die Frage Jesu an seine Jünger Johannes und Jakobus:
Könnt ihr den Kelch trinken, den ich trinken werde? (aus Matthäus 20,22 // Markus 10,38)
Er erweckt dabei den Eindruck, als hätten die Jünger einen anderen Kelch als den Kelch Jesu zu trinken gehabt. Der Pastor unterlässt allerdings, auf den Zusammenhang dieser Worte hinzuweisen, in welchem Jesus beiden Jüngern gesagt hat, dass sie diesen Kelch trinken werden.
20 Damals kam die Frau des Zebedäus mit ihren Söhnen zu Jesus, fiel vor ihm nieder und bat ihn um etwas. 21 Er fragte sie: Was willst du? Sie antwortete: Versprich, dass meine beiden Söhne in deinem Reich rechts und links neben dir sitzen dürfen! 22 Jesus erwiderte: Ihr wisst nicht, was ihr erbittet. Könnt ihr den Kelch trinken, den ich trinken werde? Sie sagten zu ihm: Wir können es. 23 Da antwortete er ihnen: Meinen Kelch werdet ihr trinken; doch den Platz zu meiner Rechten und zu meiner Linken habe nicht ich zu vergeben; dort werden die sitzen, für die es mein Vater bestimmt hat. (Matthäus 20,20-23)
Jesus hat hier etwas anderes gesagt als Pastor Rob. Gewiss ist ein Unterschied zwischen dem Tod des Erlösers und dem Tod der Erlösten. Aber den Schluss, den der Pastor gezogen hat, dass Jesus den Zorn Gottes ertragen musste, können wir nicht ziehen. Grundsätzlich haben die Jünger in ihrer Verfolgung denselben Kelch getrunken wie ihr Herr. Es war der Kelch des Leidens, nicht der Kelch des Zornes Gottes.
In Lukas 22 fehlen die Verse 43-44 in den ältesten Manuskripten. Es ist aber trotzdem möglich, dass diese Verse eine alte und zutreffende Überlieferung wiedergeben. Bemerkenswert ist, dass Vers 43 über die Stärkung Jesu durch einen Engel erzählt. Passt das zum Zorn Gottes, dass Gott vor dem Leiden einen Engel schickt, der seinen geliebten Sohn stärkt?
Wir dürfen Jesus dafür danken, dass er den Kelch des Leidens getrunken hat – in vollkommener Verbundenheit mit seinem Vater, der ihm zur Stärkung vielleicht sogar einen Engel geschickt hat.
9 Jesu Ruf „Mein Gott, mein Gott …“ zeigt, dass sein Leiden über das des Kreuzes hinausging. (Matthäus 27,46)
Ich habe im Beitrag War Jesus am Kreuz von Gott verlassen? darzulegen versucht, dass Jesus nie von Gott verlassen war, dass er gerade auch am Kreuz in vollkommener Einheit mit dem Vater war, wie es Jesus auch selber am Abend vor seinem Tod gesagt hat:
Siehe, die Stunde kommt und sie ist schon da, in der ihr versprengt sein werdet, jeder in sein Haus, und mich alleinlassen werdet. Aber ich bin nicht allein, denn der Vater ist bei mir. (Johannes 16,32)
Jesus hat mit seinen Worten am Kreuz Psalm 22,2 zitiert. Ein unschuldig verfolgter Gerechter scheint von Gott verlassen zu sein. Er klagt all sein Leid vor Gott, der ihn aber auch in dieser schwierigen Situation nicht verlassen hat, wie es auch in Psalm 22,25 heißt:
Denn er hat nicht verachtet, nicht verabscheut des Elenden Elend. Er hat sein Angesicht nicht verborgen vor ihm; er hat gehört, als er zu ihm schrie.
Sowohl Jesu eigene Worte (Johannes 16,32) als auch der Zusammenhang des Psalms zeigen eindeutig, dass Jesus am Kreuz nicht von Gott verlassen war. Man kann daher auch nicht das Ausgießen des Zornes Gottes über Jesus, wovon auch im Psalm 22 keine Rede ist, in die Worte Jesu hineininterpretieren.
10 (Dieser Punkt fehlt in der Predigt.)
11 Jesaja erklärt klar: „es gefiel dem HERRN, ihn zu zerschlagen … als Schuldopfer“. (Jesaja 53,10)
Zu Jesaja 53,10 habe ich den Beitrag Gefiel es Gott, Jesus zu zerschlagen? geschrieben. Es ist nicht so klar, wie in der Predigt behauptet wurde, ob dort tatsächlich steht: „es gefiel dem HERRN, ihn zu zerschlagen.“ Leider ist der hebräische Text nicht so eindeutig. Die von der Einheitsübersetzung gebotene Wiedergabe ist genauso möglich:
Doch der HERR hat Gefallen an dem von Krankheit Zermalmten.
In diesem Fall gefiel es Gott nicht, seinen Knecht zu zerschlagen, sondern er hatte Gefallen an dem Zermalmten, daran, wie er in Liebe und Treue sein Leid getragen hat. Es ist ein großer Unterschied, ob Gott daran Gefallen hat, einen Unschuldigen zu zerschlagen, oder daran, dass der Unschuldige trotz des Leides, das er erfahren hat, in seiner Liebe und Treue und Hingabe unerschütterlich blieb.
Eine noch andere Version bietet die griechische Übersetzung der Septuaginta, also der Text, der mit großer Wahrscheinlichkeit Paulus und den anderen Aposteln, wenn sie die Bibel auf Griechisch lasen, vorgelegen ist:
Aber der Herr will ihn reinigen von dem (Unglücks)schlag;
Der Herr reinigt seinen Knecht vom Schlag. Es war nicht der Herr, der ihn geschlagen hat. Der Herr hat ihn gereinigt. Laut Jesaja 53,4b war es nur die Annahme der Menschen, dass der Knecht von Gott geschlagen worden sei. Das setzt voraus, dass er nicht von Gott geschlagen wurde, auch wenn nach Vers 5 seine Leiden im Zusammenhang mit den Sünden der Menschen waren. Vom Zorn Gottes ist in Jesaja 53 ohnehin keine Rede.
Ja, das Leiden und Sterben des Knechts wird in Jesaja 53,10 als Schuldopfer gesehen. Doch ein Schuldopfer war für das Volk Israel nicht Objekt des göttlichen Zorns. Der Sünder opferte ein für ihn sehr wertvolles Tier, dass völlig makellos sein musste. Er verzichtete auf etwas sehr Kostbares, um es als Ausdruck seiner Reue hinzugeben. Das Blut, das für das Leben steht, sollte die Reinigung von den Sünden symbolisieren. Der Gedanke, dass das Tier an Stelle des Sünders die Todesstrafe tragen sollte, findet sich im Alten Testament nicht.
12 Abraham opferte Isaak, und Abraham ist ein Typus von Gott, dem Vater. (Genesis 22,6.8.9-10)
1 Nach diesen Ereignissen stellte Gott Abraham auf die Probe. Er sprach zu ihm: Abraham! Er sagte: Hier bin ich. 2 Er sprach: Nimm deinen Sohn, deinen einzigen, den du liebst, Isaak, geh in das Land Morija und bring ihn dort auf einem der Berge, den ich dir nenne, als Brandopfer dar! 3 Frühmorgens stand Abraham auf, sattelte seinen Esel, nahm zwei seiner Jungknechte mit sich und seinen Sohn Isaak, spaltete Holz zum Brandopfer und machte sich auf den Weg zu dem Ort, den ihm Gott genannt hatte. 4 Als Abraham am dritten Tag seine Augen erhob, sah er den Ort von Weitem. 5 Da sagte Abraham zu seinen Jungknechten: Bleibt mit dem Esel hier! Ich aber und der Knabe, wir wollen dorthin gehen und uns niederwerfen; dann wollen wir zu euch zurückkehren. 6 Abraham nahm das Holz für das Brandopfer und lud es seinem Sohn Isaak auf. Er selbst nahm das Feuer und das Messer in die Hand. So gingen beide miteinander. 7 Da sprach Isaak zu seinem Vater Abraham. Er sagte: Mein Vater! Er antwortete: Hier bin ich, mein Sohn! Dann sagte Isaak: Hier ist Feuer und Holz. Wo aber ist das Lamm für das Brandopfer? 8 Abraham sagte: Gott wird sich das Lamm für das Brandopfer ausersehen, mein Sohn. Und beide gingen miteinander weiter. 9 Als sie an den Ort kamen, den ihm Gott genannt hatte, baute Abraham dort den Altar, schichtete das Holz auf, band seinen Sohn Isaak und legte ihn auf den Altar, oben auf das Holz. 10 Abraham streckte seine Hand aus und nahm das Messer, um seinen Sohn zu schlachten. 11 Da rief ihm der Engel des HERRN vom Himmel her zu und sagte: Abraham, Abraham! Er antwortete: Hier bin ich. 12 Er sprach: Streck deine Hand nicht gegen den Knaben aus und tu ihm nichts zuleide! Denn jetzt weiß ich, dass du Gott fürchtest; du hast mir deinen Sohn, deinen einzigen, nicht vorenthalten. 13 Abraham erhob seine Augen, sah hin und siehe, ein Widder hatte sich hinter ihm mit seinen Hörnern im Gestrüpp verfangen. Abraham ging hin, nahm den Widder und brachte ihn statt seines Sohnes als Brandopfer dar. 14 Abraham gab jenem Ort den Namen: Der HERR sieht, wie man noch heute sagt: Auf dem Berg lässt sich der HERR sehen. (Genesis 22,1-14)
Ich habe Gedanken zu diesem Text bereits in den Beiträgen Die Prüfung Abrahams und Das islamische Opferfest aus islamischer Sicht zusammengestellt.
Im Zusammenhang der Predigt von Pastor Rob geht es vor allem um die Parallele zwischen dem Opfer Abrahams und dem Tod Jesu. Er betont, dass Abraham der einzige alttestamentliche Typus für Gott den Vater ist und dass Abraham bei der Hingabe seines Sohnes Isaak der einzige Mensch war, der fühlen konnte, was im Herzen Gottes beim Tod seines Sohnes Jesus vorging. Wem dem tatsächlich so war, dann war im Herzen Gottes beim Tod Jesu absolut keine Spur von Zorn. Im Herzen Abrahams war, als er seinen Sohn auf den Altar band, keine Spur von Zorn gegen seinen Sohn. Er hat seinen Sohn nicht als die Verkörperung menschlicher Sünde gesehen. Er war wohl sehr traurig und nach dem Zeugnis des Hebräerbriefs auch voller Glauben, dass Gott ihn wieder zum Leben erwecken würde.
Er war überzeugt, dass Gott sogar die Macht hat, von den Toten zu erwecken; darum erhielt er Isaak auch zurück. Das ist ein Sinnbild. (Hebräer 11,19)
Als Abraham Isaak darbrachte, ging es nicht um ein Sündopfer, auch nicht um die Übertragung einer Strafe. Es ging um die Bereitschaft Abrahams, sogar seinen viel geliebten einzigen Sohn loszulassen.
Dieses Opfer ist völlig anderer Art als die propagierte Lehre „Sühnung von Strafschuld durch Stellvertretung“. Das ist nicht das Thema.
Meines Erachtens stützt keiner dieser elf Punkte die von Pastor Rob und vielen anderen verkündete Lehre. Penal Substitutionary Atonement oder Sühnung von Strafschuld durch Stellvertretung ist nicht die Lehre der Bibel, sondern Theologie. Wenn man bereits an diese theologische Lehre glaubt, meint man leicht, in den zitierten Stellen eine Stütze für die eigene Lehre zu finden. Eine gründliche Prüfung dieser Stellen stützt diese Lehre aber nicht. Es handelt sich um einen von mehreren Versuchen, das Geheimnis unserer Erlösung durch Jesus zu erklären. Diese Lehre war meines Wissens im ersten christlichen Jahrtausend unbekannt, zumindest in der heute verkündeten Ausprägung. Sie wurde nach ersten Ansätzen bei Anselm von Canterbury im 11. Jahrhundert vor allem von den Reformatoren im 16. Jahrhundert geprägt. Es handelt sich nicht um eine christliche Lehre, die von Jesus und den Aposteln grundgelegt wurde.
Judas, der Bruder des Herrn, ermahnt uns:
Geliebte, da es mich sehr drängte, euch über unsere gemeinsame Rettung zu schreiben, hielt ich es für notwendig, euch mit diesem Brief zu ermahnen: Kämpft für den Glauben, der den Heiligen ein für alle Mal übergeben ist! (Judas 3)
Für diesen ein für alle Mal überlieferten Glauben sollen und dürfen wir uns einsetzen, nicht für eine Theologie des 16. Jahrhunderts.
Danken wir Gott für die großartige Erlösung, die er uns in der vollkommenen Hingabe seines Sohnes geschenkt hat, durch ein Leben, das seine Liebe reflektiert! Und lassen wir theologische Spekulationen, die das reine und heilige Bild Gottes entstellen!
Seid also vollkommen, wie euer himmlischer Vater vollkommen ist!
(Matthäus 5,48)
- Diese Predigt war die zweite zu diesem Thema. Die erste Predigt kann hier angesehen werden. Ich beschränke mich in diesem Thema auf die zweite Predigt, die eine größere Anzahl von Argumenten bringt. Einige dieser Punkte wurden auch in der ersten Predigt angesprochen, die weitgehend der „Widerlegung“ der Theorie „Christus Victor“ gewidmet war. Ich habe mich mit dieser Theorie nicht eingehend beschäftigt. Ich fürchte allerdings, dass sie in der Predigt nicht korrekt dargestellt wurde, wenn z. B. gesagt wurde, dass die Vertreter von „Christus Victor“ behaupteten, dass Jesus nicht für unsere Sünden gestorben sei. Meines Wissens wird das nicht behauptet, sondern anders erklärt als in der Theorie Penal Substitutionary Atonement. ↩
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