Musste Jesus den Zorn Gottes besänftigen?

Es ist nicht einfach, die christliche Erlösungslehre in Worte zu fassen. Verschiedene Bilder und Konzepte haben im Laufe der Geschichte zu Missverständnissen oder falschen Gedanken geführt. Ausgehend vom biblischen Bild des Zornes Gottes könnte man auf den Gedanken kommen, dass sich Jesus statt uns Gottes Zorn ausgesetzt hat, wodurch dieser nun besänftigt wurde. So wie ein Blitzableiter den Blitz auf sich lenkt, um das Haus zu schützen, habe Jesus den Zorn des Vaters aufgefangen. Ich habe mich mit ähnlichen Fragen bereits hier und hier und hier auseinandergesetzt. In diesem Beitrag soll es vor allem um den Aspekt des „Zornes“ Gottes gehen. Ist das oben skizzierte Bild biblisch begründet?

Gottes Zorn

Jesus hat Gott als einen liebenden Vater offenbart. Da passt die Rede vom Zorn Gottes, die wir auch im Neuen Testament finden, scheinbar nicht dazu.

Wir müssen uns immer bewusst sein, dass wir mit unserem begrenzten Verstand und mit unserer aus unserer menschlichen Erfahrung geformten Sprache das unendliche Wesen Gottes nur sehr begrenzt erfassen können. Trotzdem hat Gott, weil er Gemeinschaft mit uns will, sich unter Verwendung der Sprache offenbart. Er will uns nicht im Nichtwissen über ihn und sein Wesen lassen, auch wenn unser Erkennen in dieser Welt nur Stückwerk (1 Korinther 13,9) bleiben kann.

Wenn ein Mensch vom Zorn erfasst wird, wird er von seinen Emotionen bestimmt. Er hat sich selbst nicht unter Kontrolle. Deswegen werden wir in der Heiligen Schrift auch vor dem Zorn gewarnt.

19 Wisset, meine geliebten Brüder: Jeder Mensch sei schnell zum Hören, langsam zum Reden, langsam zum Zorn; 20 denn der Zorn eines Mannes schafft keine Gerechtigkeit vor Gott. (Jakobus 1,19-20)

Wenn ihr zürnt, sündigt nicht! Die Sonne soll über eurem Zorn nicht untergehen. (Epheser 4,26)

Jede Art von Bitterkeit und Wut und Zorn und Geschrei und Lästerung mit allem Bösen verbannt aus eurer Mitte! (Epheser 4,31)

Jetzt aber sollt auch ihr das alles ablegen: Zorn, Wut, Bosheit, Lästerung und schmutzige Rede, die aus eurem Munde kommt. (Kolosser 3,8)

Epheser 4,26 setzt die Möglichkeit eines „gerechten Zornes“ voraus. Doch auch dieser soll zeitlich begrenzt sein und rasch zur Versöhnung führen.

Gott ist vollkommen und nicht von Emotionen gesteuert. Dieser Aspekt, weswegen wir Menschen vor dem Zorn gewarnt werden, ist bei Gott ausgeschlossen.

Ein zorniger Mensch drückt durch seinen Zorn die völlige Ablehnung dessen aus, worüber er erzürnt. „Mit dieser Sache oder mit diesem Menschen kann und will ich absolut nichts zu tun haben!“ Ich denke, dass es dieser Aspekt ist, der vor allem gemeint ist, wenn in der Bibel vom Zorn Gottes die Rede ist.

Gott ist rein und heilig. Er ist Licht, in dem es keine Finsternis gibt (1 Johannes 1,5). Er hat keine Gemeinschaft mit Sünde und Bosheit. Wenn wir an unserer Sünde festhalten, stehen wir unter dem Zorn Gottes. Wir sind von ihm getrennt.

1 Ihr wart tot infolge eurer Verfehlungen und Sünden. 2 Ihr wart einst darin gefangen, wie es der Art dieser Welt entspricht, unter der Herrschaft jenes Geistes, der im Bereich der Lüfte regiert und jetzt noch in den Ungehorsamen wirksam ist. 3 Unter ihnen haben auch wir alle einmal unser Leben geführt, als wir noch von den Begierden unseres Fleisches beherrscht wurden. Wir folgten dem, was das Fleisch und der böse Sinn uns eingaben, und waren von Natur aus Kinder des Zorns wie auch die anderen. (Epheser 2,1-3)

Obwohl hier auch von satanischem Einfluss die Rede ist, sind wir selbst für unsere Sünde verantwortlich. Unsere eigenen Verfehlungen und Sünden haben den geistlichen Tod, die Trennung von Gott, zur Folge. Weil wir dem Fleisch, unserer gegen Gott gerichteten Gesinnung, gefolgt sind, wurden wir zu Kindern des Zorns. Vielleicht schreibt Paulus deswegen „von Natur aus“, weil der Mensch durch den Sündenfall geschwächt wurde. Die Verantwortung für unsere Sünde liegt dennoch bei uns. Es ist die Rebellion gegen unseren Schöpfer, die uns zu „Kindern des Zorns“ gemacht hat.

18 Denn der Zorn Gottes wird vom Himmel herab offenbart wider alle Gottlosigkeit und Ungerechtigkeit der Menschen, die die Wahrheit durch Ungerechtigkeit niederhalten. 19 Denn es ist ihnen offenbar, was man von Gott erkennen kann; Gott hat es ihnen offenbart. 20 Seit Erschaffung der Welt wird nämlich seine unsichtbare Wirklichkeit an den Werken der Schöpfung mit der Vernunft wahrgenommen, seine ewige Macht und Gottheit. Daher sind sie unentschuldbar. 21 Denn obwohl sie Gott erkannt haben, haben sie ihn nicht als Gott geehrt und ihm nicht gedankt, sondern verfielen in ihren Gedanken der Nichtigkeit und ihr unverständiges Herz wurde verfinstert. (Römer 1,18-21)

Es sind die Gottlosigkeit und die Ungerechtigkeit, die den Menschen unter den Zorn Gottes bringen. Die Bosheit trennt den Menschen von Gott und führt zum Gericht.

4 Oder verachtest du den Reichtum seiner Güte, Geduld und Langmut? Weißt du nicht, dass Gottes Güte dich zur Umkehr treibt? 5 Weil du aber starrsinnig bist und dein Herz nicht umkehrt, sammelst du Zorn gegen dich für den Tag des Zornes, den Tag der Offenbarung von Gottes gerechtem Gericht. (Römer 2,4-5)

Gottes Güte will zur Umkehr leiten. Gott will uns nicht als Richter begegnen, sondern als Retter.

Hier ist nicht die Rede davon, dass Gott ein Objekt benötigt, an dem er seinen Zorn ausführen kann. Wer sich von Gottes Güte zur Umkehr leiten lässt, steht nicht mehr unter dem Zorn.

Was hat das mit Jesus zu tun?

9 Denn man erzählt sich überall, welche Aufnahme wir bei euch gefunden haben und wie ihr euch von den Götzen zu Gott bekehrt habt, um dem lebendigen und wahren Gott zu dienen 10 und seinen Sohn vom Himmel her zu erwarten, Jesus, den er von den Toten auferweckt hat und der uns dem kommenden Zorn entreißt. (1 Thessalonicher 1,9-10)

Paulus erinnert die Thessalonicher an die Zeit, als er ihnen das Evangelium gebracht hatte. Die Heiden haben sich dem wahren Gott zugewandt und erwarten die Wiederkunft seines Sohnes, der sie vor dem kommenden Gericht bewahrt.

Paulus führt nicht näher aus, wie diese Bewahrung geschieht. Er schreibt nicht, dass Jesus sich dem Zorn Gottes ausgesetzt hat. Laut Römer 2,4 will uns Gottes Güte zur Umkehr treiben. Nach Titus 3,4 ist in Jesus die Güte und Menschenfreundlichkeit Gottes erschienen. Jesus ist die Güte Gottes in Person. Durch unsere Sündenverstricktheit schaffen wir die Umkehr nicht. In Jesus hat sich Gott auf unser Niveau erniedrigt. Er wurde einer von uns. In der Beziehung zu ihm befähigt er zur Umkehr, stellt die Beziehung zum Vater wieder her.

Laut 1 Thessalonicher 5,9-10 hat das auch mit seinem Tod zu tun.

9 Denn Gott hat uns nicht für das Gericht seines Zorns bestimmt, sondern dafür, dass wir durch Jesus Christus, unseren Herrn, die Rettung erlangen. 10 Er ist für uns gestorben, damit wir vereint mit ihm leben, ob wir nun wachen oder schlafen.

Er ist für uns gestorben. Er hat das Los des gefallenen Menschen bis in den Tod hinein geteilt. In der Verbindung mit ihm haben wir Anteil an seinem Leben aus der Kraft seiner Auferstehung heraus. Das Bild des Blitzableiters des Zornes Gottes passt hier nicht.

Die Fortsetzung der oben zitierten Epheserstelle lautet:

4-5 Gott aber, der reich ist an Erbarmen, hat uns, die wir infolge unserer Sünden tot waren, in seiner großen Liebe, mit der er uns geliebt hat, zusammen mit Christus lebendig gemacht. Aus Gnade seid ihr gerettet. 6 Er hat uns mit Christus Jesus auferweckt und uns zusammen mit ihm einen Platz in den himmlischen Bereichen gegeben, 7 um in den kommenden Zeiten den überfließenden Reichtum seiner Gnade zu zeigen, in Güte an uns durch Christus Jesus. 8 Denn aus Gnade seid ihr durch den Glauben gerettet, nicht aus eigener Kraft – Gott hat es geschenkt -, 9 nicht aus Werken, damit keiner sich rühmen kann. 10 Denn seine Geschöpfe sind wir, in Christus Jesus zu guten Werken erschaffen, die Gott für uns im Voraus bestimmt hat, damit wir mit ihnen unser Leben gestalten. (Epheser 2,4-10)

Paulus schreibt nicht davon, dass Jesus den Zorn getragen hat. Er schreibt vom Erbarmen, von der Liebe und von der Gnade an denen, die infolge ihrer Sünden tot waren. Der liebende Gott hat in Jesus Christus Leben geschenkt, das stärker ist als der von den Sünden gewirkte Tod. Er ändert das Leben, er schenkt ein neues Leben mit guten Werken aus dem Glauben.

Wer an den Sohn glaubt, hat das ewige Leben; wer aber dem Sohn nicht gehorcht, wird das Leben nicht sehen, sondern Gottes Zorn bleibt auf ihm. (Johannes 3,36)

Es ist der Glaube an den Sohn und der Gehorsam ihm gegenüber, der das ewige Leben schenkt. Nur wer sich ihm verweigert, bleibt unter dem Zorn Gottes. Er bleibt in der Rebellion, die von Gott gerichtet werden wird.

Wer in der Rebellion verharrt, steht nicht nur unter dem Zorn des Vaters, sondern auch unter dem Zorn des Lammes, d. h. Jesu.

16 Sie sagten zu den Bergen und Felsen: Fallt auf uns und verbergt uns vor dem Blick dessen, der auf dem Thron sitzt, und vor dem Zorn des Lammes; 17 denn der große Tag ihres Zorns ist gekommen. Wer kann da bestehen? (Offenbarung 6,16-17)

Das Bild des zornigen Vaters, dem der milde Sohn gegenübergestellt wird, ist nicht richtig. Gott ist die Liebe in untrennbarer Einheit von Vater, Sohn und Heiligem Geist. Wer sich gegen Gott stellt, stellt sich auch gegen seine Liebe. Er bleibt unter dem Zorn Gottes und somit auch unter dem Zorn des Lammes, das für ihn gestorben und auferstanden ist. Vor diesem Zorn schützen auch keine Berge und Felsen.

1 Seht her, die Hand des HERRN ist nicht zu kurz, um zu helfen, sein Ohr ist nicht schwerhörig, sodass er nicht hört. 2 Aber eure Vergehen stehen trennend zwischen euch und eurem Gott; eure Sünden haben sein Gesicht vor euch verdeckt, sodass er nicht hört. (Jesaja 59,1-2)

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