Keine Vergebung ohne Blutvergießen?

Fast alles wird nach dem Gesetz mit Blut gereinigt, und ohne dass Blut vergossen wird, gibt es keine Vergebung. (Hebräer 9,22)

Muss Gott Blut sehen, damit er vergeben kann?

Aus verschiedenen Stellen sowohl des Alten als auch des Neuen Testaments gewinnt man einen anderen Eindruck.

Es gibt mehrere Psalmen, in denen es um Vergebung geht, ohne dass von Blut die Rede ist.

Selig der, dessen Frevel vergeben und dessen Sünde bedeckt ist. 2 Selig der Mensch, dem der HERR die Schuld nicht zur Last legt und in dessen Geist keine Falschheit ist. 3 Solang ich es verschwieg, zerfiel mein Gebein, den ganzen Tag musste ich stöhnen. 4 Denn deine Hand liegt schwer auf mir bei Tag und bei Nacht; meine Lebenskraft war verdorrt wie durch die Glut des Sommers. [Sela] 5 Da bekannte ich dir meine Sünde und verbarg nicht länger meine Schuld vor dir. Ich sagte: Meine Frevel will ich dem HERRN bekennen. Und du hast die Schuld meiner Sünde vergeben. (Psalm 32,1-5)

Dieser Psalm zeigt den Zusammenhang zwischen Sündenbekenntnis und Vergebung auf.

3 Mein Herr, sei mir gnädig, denn zu dir rufe ich den ganzen Tag! 4 Erfreue die Seele deines Knechts, denn zu dir, mein Herr, erhebe ich meine Seele! 5 Denn du, mein Herr, bist gut und bereit zu vergeben, reich an Liebe für alle, die zu dir rufen. (Psalm 86,3-5)

Der Psalmist appelliert an die Vergebungsbereitschaft Gottes. Von Opfern ist nicht die Rede, ebenso wenig wie in folgenden Psalmen:

Preise den HERRN, meine Seele, und alles in mir seinen heiligen Namen! 2 Preise den HERRN, meine Seele, und vergiss nicht, was er dir Gutes getan hat! 3 Der dir all deine Schuld vergibt und all deine Gebrechen heilt, 4 der dein Leben vor dem Untergang rettet und dich mit Huld und Erbarmen krönt, 5 der dich dein Leben lang mit Gaben sättigt, wie dem Adler wird dir die Jugend erneuert. 6 Der HERR vollbringt Taten des Heils, Recht verschafft er allen Bedrängten. 7 Er hat Mose seine Wege kundgetan, den Kindern Israels seine Werke. 8 Der HERR ist barmherzig und gnädig, langmütig und reich an Huld. 9 Er wird nicht immer rechten und nicht ewig trägt er nach. 10 Er handelt an uns nicht nach unsern Sünden und vergilt uns nicht nach unsrer Schuld. 11 Denn so hoch der Himmel über der Erde ist, so mächtig ist seine Huld über denen, die ihn fürchten. 12 So weit der Aufgang entfernt ist vom Untergang, so weit entfernt er von uns unsere Frevel. 13 Wie ein Vater sich seiner Kinder erbarmt, so erbarmt sich der HERR über alle, die ihn fürchten. (Psalm 103,1-13)

3 Würdest du, HERR, die Sünden beachten, mein Herr, wer könnte bestehn? 4 Doch bei dir ist Vergebung, damit man in Ehrfurcht dir dient. (Psalm 130,3-4)

In Psalm 51 wird sogar betont, dass Gott keine Schlacht- und Brandopfer will:

3 Gott, sei mir gnädig nach deiner Huld, tilge meine Frevel nach deinem reichen Erbarmen! 4 Wasch meine Schuld von mir ab und mach mich rein von meiner Sünde! 5 Denn ich erkenne meine bösen Taten, meine Sünde steht mir immer vor Augen. 6 Gegen dich allein habe ich gesündigt, ich habe getan, was böse ist in deinen Augen. So behältst du recht mit deinem Urteilsspruch, lauter stehst du da als Richter. 7 Siehe, in Schuld bin ich geboren und in Sünde hat mich meine Mutter empfangen. 8 Siehe, an Treue im Innersten hast du Gefallen, im Verborgenen lehrst du mich Weisheit. 9 Entsündige mich mit Ysop, dann werde ich rein; wasche mich und ich werde weißer als Schnee! 10 Lass mich Entzücken und Freude hören! Jubeln sollen die Glieder, die du zerschlagen hast. 11 Verbirg dein Angesicht vor meinen Sünden, tilge alle Schuld, mit der ich beladen bin! 12 Erschaffe mir, Gott, ein reines Herz und einen festen Geist erneuere in meinem Innern! […] 16 Befreie mich von Blutschuld, Gott, du Gott meines Heils, dann wird meine Zunge jubeln über deine Gerechtigkeit! 17 Herr, öffne meine Lippen, damit mein Mund dein Lob verkünde! 18 Schlachtopfer willst du nicht, ich würde sie geben, an Brandopfern hast du kein Gefallen. 19 Schlachtopfer für Gott ist ein zerbrochener Geist, ein zerbrochenes und zerschlagenes Herz wirst du, Gott, nicht verschmähen. (Psalm 51,3-12.16-19)

Auch die Propheten sprechen über Vergebung ohne Zusammenhang mit Blut oder Opfern:

22 Jakob, du hast mich nicht gerufen, Israel, du hast dir mit mir keine Mühe gemacht. 23 Du brachtest mir keine Lämmer als Brandopfer dar und mit Schlachtopfern hast du mich nicht geehrt. Ich habe dich nicht mit Speiseopfern geknechtet und habe dir mit Rauchopfern keine Mühe gemacht. 24 Du hast mir für dein Geld kein Gewürzrohr gekauft und hast mich nicht gelabt mit dem Fett deiner Opfer. Nein, du hast mich mit deinen Sünden geknechtet, mir Mühe gemacht mit deinen Vergehen. 25 Ich, ich bin es, der deine Vergehen wegwischt um meinetwillen, deiner Sünden gedenke ich nicht mehr. (Jesaja 43,22-25)

Gott vergibt nicht wegen der Opfer, sondern „um meinetwillen“.

21 Denk daran, Jakob, und du, Israel, dass du mein Knecht bist. Ich habe dich geformt. Du bist mein Knecht; Israel, du bist mir unvergessen. 22 Ich habe weggewischt deine Vergehen wie eine Wolke und deine Sünden wie Nebel. Kehr um zu mir; denn ich habe dich erlöst. (Jesaja 44,21-22)

Zieht durch Jerusalems Straßen, schaut genau hin und forscht nach, sucht auf seinen Plätzen, ob ihr einen findet, ob einer da ist, der Recht übt und auf Treue bedacht ist: Dann will ich der Stadt vergeben – Spruch des HERRN! (Jeremia 5,1)

33 Sondern so wird der Bund sein, den ich nach diesen Tagen mit dem Haus Israel schließe – Spruch des HERRN: Ich habe meine Weisung in ihre Mitte gegeben und werde sie auf ihr Herz schreiben. Ich werde ihnen Gott sein und sie werden mir Volk sein. 34 Keiner wird mehr den andern belehren, man wird nicht zueinander sagen: Erkennt den HERRN!, denn sie alle, vom Kleinsten bis zum Größten, werden mich erkennen – Spruch des HERRN. Denn ich vergebe ihre Schuld, an ihre Sünde denke ich nicht mehr. (Jeremia 31,33-34)

Auch Jesus hat über Vergebung gesprochen, ohne Blut oder Opfer zu erwähnen.

Und siehe, man brachte einen Gelähmten auf seinem Bett zu ihm. Als Jesus ihren Glauben sah, sagte er zu dem Gelähmten: Hab Vertrauen, mein Sohn, deine Sünden sind dir vergeben! (Matthäus 9,2)

20 Dann brach er auf und ging zu seinem Vater. Der Vater sah ihn schon von Weitem kommen und er hatte Mitleid mit ihm. Er lief dem Sohn entgegen, fiel ihm um den Hals und küsste ihn. 21 Da sagte der Sohn zu ihm: Vater, ich habe mich gegen den Himmel und gegen dich versündigt; ich bin nicht mehr wert, dein Sohn zu sein. 22 Der Vater aber sagte zu seinen Knechten: Holt schnell das beste Gewand und zieht es ihm an, steckt einen Ring an seine Hand und gebt ihm Sandalen an die Füße! 23 Bringt das Mastkalb her und schlachtet es; wir wollen essen und fröhlich sein. 24 Denn dieser, mein Sohn, war tot und lebt wieder; er war verloren und ist wiedergefunden worden. Und sie begannen, ein Fest zu feiern. (Lukas 15,20-24)

Das geschlachtete Kalb war kein Sündopfer sondern ein Festessen.

Gott erwartet von uns, dass wir vergeben. Das ist die Voraussetzung, dass uns vergeben werden kann.

14 Denn wenn ihr den Menschen ihre Verfehlungen vergebt, dann wird euer himmlischer Vater auch euch vergeben. 15 Wenn ihr aber den Menschen nicht vergebt, dann wird euch euer Vater eure Verfehlungen auch nicht vergeben. (Matthäus 6,14-15)

Und wenn ihr beten wollt und ihr habt einem anderen etwas vorzuwerfen, dann vergebt ihm, damit auch euer Vater im Himmel euch eure Verfehlungen vergibt. (Markus 11,25)

Wenn Gott von uns erwartet, dass wir vergeben, ohne dass uns ein Preis dafür gezahlt oder eine Gabe geschenkt wird, warum sollte Gott dann Blut als Voraussetzung für die Vergebung erwarten?

An einer Stelle erwähnt Jesus sein eigenes Blut im Zusammenhang mit der Vergebung. Bei der Einsetzung des Herrenmahls sagte er nach Matthäus 26:

27 Dann nahm er den Kelch, sprach das Dankgebet, gab ihn den Jüngern und sagte: Trinkt alle daraus; 28 das ist mein Blut des Bundes, das für viele vergossen wird zur Vergebung der Sünden. (Matthäus 26,27-28)

Jesus wusste, dass durch seine Hingabe im Tod am Kreuz einer neuer Bund Gottes mit den Menschen geschlossen wird. Er bezog sich auf das Blut des Bundes, den Mose nach dem Auszug aus Ägypten mit dem Volk Israel geschlossen hat.

3 Mose kam und übermittelte dem Volk alle Worte und Rechtssatzungen des HERRN. Das ganze Volk antwortete einstimmig und sagte: Alles, was der HERR gesagt hat, wollen wir tun. 4 Mose schrieb alle Worte des HERRN auf. Am frühen Morgen stand er auf und errichtete am Fuß des Berges einen Altar und zwölf Steinmale für die zwölf Stämme Israels. 5 Er schickte die jungen Männer der Israeliten aus und sie brachten Brandopfer dar und schlachteten junge Stiere als Heilsopfer für den HERRN. 6 Mose nahm die Hälfte des Blutes und goss es in eine Schüssel, mit der anderen Hälfte besprengte er den Altar. 7 Darauf nahm er das Buch des Bundes und verlas es vor dem Volk. Sie antworteten: Alles, was der HERR gesagt hat, wollen wir tun; und wir wollen es hören. 8 Da nahm Mose das Blut, besprengte damit das Volk und sagte: Das ist das Blut des Bundes, den der HERR aufgrund all dieser Worte mit euch schließt. (Exodus 24,3-8)

Das Schlachten der Stiere bedeutete nicht, dass die Stiere die Strafe für die Sünde tragen mussten. Es ging ja um Heilsopfer. Das Volk wollte Gott, von dem sie alles empfangen hatten, etwas vom Kostbarsten, das sie hatten, geben. Da ging es nicht nur darum, dass Tiere für ein Hirtenvolk etwas sehr Wertvolles sind. Es hatte auch mit dem Verständnis zu tun, dass im Blut das Leben ist.

Denn das Leben des Fleisches ist im Blut. Und ich selbst habe es für euch auf den Altar gegeben, um für euer Leben Versöhnung zu erwirken; denn das Blut ist es, das durch Leben Versöhnung erwirkt. (Levitikus 17,11)

Es heißt hier nicht, dass Gott das Blut fordert, weil er ohne Blut nicht vergeben kann. Sondern Gott hat das Blut gegeben, weil im Blut das Leben ist. Durch das Blut am Altar schenkt Gott den Opfernden das Leben. Das ist aber nicht als magischer Ritus zu verstehen. Aus anderen Stellen der Bibel geht klar hervor, dass das wichtigste die Reue ist. Durch das Opfer drückte der Sünder aus, dass ihm die Sünde leidtut. Von all dem Guten, das Gott mir geschenkt hat, schenke ich ihm ein wertvolles Tier. Im Blut des Tieres ist das Leben, das mir Gott durch die Versöhnung schenkt. Das Blut selber kann das Leben und die Versöhnung natürlich nicht schenken. Es liegt nicht an der Materie. Aber die Symbolik des Blutes der alttestamentlichen Opfertiere weist auf das Blut Jesu hin, der sich ganz für uns hingegeben hat.

Auch bei Jesus geht es nicht um die Körperflüssigkeit, sondern um das Leben, das er einerseits ganz hingegeben hat, das er andererseits aber auch schenkt. Er schenkt es allen, die sich durch ihn Gott nahen und sich von den Sünden ihres alten Lebens abwenden.

Wenn der Autor des Hebräerbriefs sagt, dass es ohne Blutvergießen keine Vergebung gibt, so geht es nicht um ein Gesetz, dass Gott nur vergeben kann, wenn Blut fließt. Der Zusammenhang, in dem er das schreibt, ist der alttestamentliche Opferkult, konkret der bereits erwähnte Bundesschluss am Sinai. Er erinnert daran, dass im Rahmen dieses Kultes die Sündenvergebung mit Blutvergießen verbunden war. Der Alte Bund mit seinen Opfern wurde im Opfer Jesu Christi, das er in seiner vollkommenen Hingabe ein für alle Mal dargebracht hat, erfüllt.

Der Schreiber des Hebräerbriefs setzt die Tatsache des Todes Jesu voraus. Jesus wurde von den Führern seines Volkes abgelehnt und durch die Hand der Römer getötet. Die Alternative, dass Israel Jesus als den Messias angenommen hätte, war nicht mehr gegeben. Der Hebräerbrief geht von dem aus, was geschehen ist, nicht von dem, was alternativ geschehen hätte können. Sein Anliegen war, seine Leser vor einem Rückfall ins alttestamentliche Opferritual zu bewahren. Aus diesem Grunde geht es so viel um das Opfer und Hohepriesteramt Jesu.

Manche Leute stellen einen Zusammenhang zwischen Hebräer 9,22 und dem Opfer Kains in Genesis 4,3 her. Weil Kain nur die Früchte des Feldes dargebracht hat, konnte Gott sein Opfer nicht annehmen. Aus Genesis 4 geht nicht hervor, dass es sich um ein Sündopfer gehandelt habe. Es scheint eher ein Erntedankopfer gewesen zu sein. Auch beim Opfer Abels wird in Genesis 4 das Blut nicht erwähnt. Wäre das Blut tatsächlich der entscheidende Faktor gewesen, könnte man erwarten, dass das Blut zumindest in der Erzählung erwähnt worden wäre. Es lag wohl an der Gesinnung Kains, nicht am fehlenden Blut.

Gottes Gnade und Vergebung kann man nicht durch Blut kaufen. Gott vergibt gerne aus seiner Gnade und Barmherzigkeit heraus. Im Blut Jesu schenkt Gott uns das Leben und die Reinigung von der Sünde, wenn wir von ihr umkehren.

[…] um wie viel mehr wird das Blut Christi, der sich selbst als makelloses Opfer kraft des ewigen Geistes Gott dargebracht hat, unser Gewissen von toten Werken reinigen, damit wir dem lebendigen Gott dienen. (Hebräer 9,14)

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