Ab wann ist ein Mensch ein Mensch?

In unserer Zeit erleben wir erfreulicherweise eine Betonung der Würde des Menschen, die etwa im Artikel 1 des Grundgesetzes für die Bundesrepublik Deutschland als unantastbar deklariert wird. Auf der anderen Seite werden gerade in unserer Zeit Abtreibungen in einer unvorstellbar hohen Zahl durchgeführt. Nach Angaben der WHO werden jährlich 73 Millionen Abtreibungen durchgeführt. Wird bei einer Abtreibung nur ein „Zellhaufen“ oder ein „Schwangerschaftsgewebe“ aus dem Mutterleib entfernt, und gehört es zur Würde der Frau, dieses Gewebe entfernen zu lassen? Oder wird bei einer Abtreibung ein Mensch getötet, dessen Würde und Lebensrecht dadurch mit Füßen getreten wird?

Aus diesem Grund ist es wichtig festzustellen, wann das Leben eines Menschen beginnt, ab wann ein Mensch Mensch ist.

Ich möchte diese wichtige Frage von drei Seiten her beleuchten. Zuerst aus der Sicht der Biologie bzw. Medizin, dann auf Basis der Bibel und anschließend aus islamischen Quellen.

1 Aus medizinisch-biologischer Sicht

Aus biologischer Sicht ist der menschliche Embryo, sobald mit der Verschmelzung der Vorkerne ein neues Genom entstanden ist, ein menschliches Wesen, das sich kontinuierlich bis hin zur Geburt und weiter entwickelt. (Sibylle Rolf, Embryonenforschung: Über den Umgang mit menschlichem Leben, Deutsches Ärzteblatt 10/2010)

Mit diesem einen Satz ist für unsere Fragestellung schon alles gesagt. Mit der Befruchtung der mütterlichen Eizelle durch die väterliche Samenzelle hat ein neuer Mensch angefangen, zu existieren. Es gibt keinen anderen Punkt in der Entwicklung des Menschen, an dem man sagen könne, dass er den Beginn des menschlichen Lebens darstellen würde.

Auch wenn der öffentliche Diskurs meistens etwas anderes suggeriert, lässt sich aus biologischer Sicht genau bestimmen, wann menschliches Leben beginnt: bei der Empfängnis.

In dem Moment, in dem Ei- und Samenzelle verschmelzen, entsteht ein neuer, einzigartiger menschlicher Organismus. Dieser neue lebende Organismus – nun eine einzelne Zelle, die als Zygote bezeichnet wird – enthält bereits die gesamte genetische Information des Menschen, zu dem er sich entwickeln wird: Geschlecht, Haarfarbe, Augenfarbe usw. Während seiner gesamten Entwicklung wird keine zusätzliche Information hinzugefügt. Wenn nichts Unerwartetes geschieht oder die Entwicklung nicht unterbrochen wird, wird dieses neu entstandene menschliche Leben ungefähr neun Monate später als einzigartiges Baby geboren. (https://prolifeeurope.org/de/mehr-wissen/wann-beginnt-menschliches-leben/ – mit Quellenangaben)

Der Embryologe Erich Blechschmidt hat es so ausgedrückt:1

Ein Mensch wird nicht Mensch, sondern ist Mensch und verhält sich schon von Anfang an als ein solcher. Und zwar in jeder Phase seiner Entwicklung von der Befruchtung an.

2 Aus biblischer Sicht

Die Bibel ist kein Lehrbuch der Biologie, sondern will uns den Weg zu Gott und dadurch auch zu unserer eigenen Erfüllung zeigen. Wir finden daher keine systematische Darlegung, ab wann der Mensch Mensch ist. Aber verschiedene Stellen zeigen, dass die Bibel uns auch in diesem Punkt nicht im Unklaren lässt.

13 Du selbst hast mein Innerstes geschaffen, hast mich gewoben im Schoß meiner Mutter. 14 Ich danke dir, dass ich so staunenswert und wunderbar gestaltet bin. Ich weiß es genau: Wunderbar sind deine Werke. 15 Dir waren meine Glieder nicht verborgen, als ich gemacht wurde im Verborgenen, gewirkt in den Tiefen der Erde. 16 Als ich noch gestaltlos war, sahen mich bereits deine Augen. In deinem Buch sind sie alle verzeichnet: die Tage, die schon geformt waren, als noch keiner von ihnen da war. (Psalm 139,13-16)

Psalmen sind Dichtung und keine wissenschaftlichen Werke. Für den Psalmisten war aber klar, dass Gott ihn im Schoß seiner Mutter „gewoben“ hat. Es spricht nicht von einem Zellhaufen. Es war er selbst, der schon im Schoß seiner Mutter war. Mehr dazu im Beitrag Psalm 139 und das ungeborene Leben.

Ausgelöscht sei der Tag, an dem ich geboren bin, die Nacht, die sprach: Ein Knabe ist empfangen. (Ijob 3,3)

In seiner Klage über sein leidvolles bedauernswertes Schicksal geht Ijob so weit, dass er wünschte, es hätte ihn nie gegeben, er hätte nie existiert. Darum seien die Zeitpunkte, die den Beginn seiner Existenz markierten, ausgelöscht. Dass er den Tag seiner Geburt nennt, ist nicht erstaunlich. Aber er spricht auch von der Nacht, in der er empfangen worden ist, in der sein Leben begonnen hat. Sein Leben hat mit der Empfängnis begonnen.

Etwas später heißt es in Ijobs Klage:

11 Warum starb ich nicht vom Mutterschoß weg, kam ich aus dem Mutterleib und verschied nicht gleich? 12 Weshalb nur kamen Knie mir entgegen, wozu Brüste, dass ich daran trank? 13 Still läge ich jetzt und könnte rasten, entschlafen wäre ich und hätte Ruhe. (Ijob 3,11-13)

Wäre Ijob im Mutterleib gestorben, könnte er nun im Totenreich ruhen. Aber er wäre nicht nicht existent. Es gab ihn schon im Mutterleib.2

Noch ehe ich dich im Mutterleib formte, habe ich dich ausersehen, noch ehe du aus dem Mutterschoß hervorkamst, habe ich dich geheiligt, zum Propheten für die Völker habe ich dich bestimmt. (Jeremia 1,5)

Gott hat in seinem ewigen Wissen Jeremia schon zum Propheten bestimmt, bevor es ihn gab. Sein Leben hat im Mutterleib begonnen.

Hört auf mich, ihr Inseln, merkt auf, ihr Völker in der Ferne! Der HERR hat mich schon im Mutterleib berufen; als ich noch im Schoß meiner Mutter war, hat er meinen Namen genannt. (Jesaja 49,1)

Hier kündigt der Prophet das Kommen eines künftigen Knechts Gottes an, dem er diese Worte in den Mund legt. Auch er ist vom Mutterleib an zu seinem Dienst bestimmt.

Von Geburt an bin ich geworfen auf dich, vom Mutterleib an bist du mein Gott. (Psalm 22,11)

Schon im Mutterleib war Gott der Gott des Psalmisten, was voraussetzt, dass er schon im Mutterleib ein Mensch war (ähnlich auch Psalm 71,6).

41 Und es geschah, als Elisabet den Gruß Marias hörte, hüpfte das Kind in ihrem Leib. Da wurde Elisabet vom Heiligen Geist erfüllt 42 und rief mit lauter Stimme: Gesegnet bist du unter den Frauen und gesegnet ist die Frucht deines Leibes. 43 Wer bin ich, dass die Mutter meines Herrn zu mir kommt? 44 Denn siehe, in dem Augenblick, als ich deinen Gruß hörte, hüpfte das Kind vor Freude in meinem Leib. (Lukas 1,41-44)

Zwei schwangere Frauen sind einander begegnet. Die eine war Elisabeth, die schon seit sechs Monaten (vergleiche Lukas 1,36) ihren Sohn (Johannes den Täufer) unter ihrem Herzen trug. Die andere war Maria, die erst vor Kurzem durch ein göttliches Wunder ihren Sohn Jesus empfangen hatte. Elisabeth nannte Maria die „Mutter meines Herrn“. Ihr eigenes Kind hüpfte vor Freude in ihrem Leib. In dieser Begegnung waren vier Menschen zugegen. Neben den beiden Müttern auch noch ihre Kinder im Mutterleib.

Als es aber Gott gefiel, der mich schon im Mutterleib auserwählt und durch seine Gnade berufen hat, […] (Galater 1,15)

Was für den Propheten Jeremia im Alten Testament galt, gilt auch für den Apostel Paulus, den Gott schon im Mutterleib zu seiner wichtigen Aufgabe auserwählt hat.3

Diese Stellen zeigen, dass der Mensch bereits im Mutterleib als Mensch betrachtet wurde. Es gibt nach der Empfängnis keinen späteren Zeitpunkt, an dem das menschliche Leben beginnen würde.

Allerdings wird mitunter auf Exodus 21,22-23 verwiesen, demzufolge der Abgang eines ungeborenen Kindes infolge einer Gewalteinwirkung milder bestraft wird als die Tötung eines Menschen. Aber auch an dieser Stelle ist von Kindern, also menschlichen Wesen, die Rede. Weiters ist die Erklärung, dass es hier um eine Frühgeburt und nicht um eine Fehlgeburt geht, durchaus wahrscheinlich. Ich habe mich im Beitrag Fehlgeburt oder Frühgeburt mit dieser Stelle beschäftigt.

Nach dem Zeugnis der Bibel ist der Mensch Mensch von Anfang an. Darum haben Christen Abtreibung immer verworfen. Das früheste Zeugnis dafür finden wir in der Didache, einer Schrift, die vielleicht schon im 1. Jahrhundert verfasst wurde.

Das zweite Gebot der Lehre aber (heißt): „Du sollst nicht töten, du sollst nicht ehebrechen“, du sollst nicht Knaben schänden, du sollst nicht Unzucht treiben, „du sollst nicht stehlen“, du sollst nicht Zauberei treiben, du sollst nicht Gift mischen, du sollst nicht das Kind durch Abtreiben umbringen und das Neugeborene nicht töten, […] (Didache 2,1-2)

3 Sukzessive Beseelung?

Im Laufe der Jahrhunderte gewann im von Christentum geprägten Kulturraum die griechische Philosophie immer mehr Einfluss. So wurden auch die Gedanken von Aristoteles (384-322 v. Chr.), dass der Mensch im Mutterleib sukzessiv beseelt würde, in die katholische Theologie aufgenommen, die davon viele Jahrhunderte geprägt war.

Aristoteles unterschied drei Stufen der Seele:4

1. Die erste Stufe bezeichnet er als „Nährseele“ (anima vegetativa). Diese finden wir bei Pflanzen vor. Sie ist in der Lage ebenfalls Leben hervorzubringen.

2. Die „Sinnseele“ (anima sensitiva) ist in der Lage, Lust und Schmerz zu empfinden. Sie ermöglicht außenbezogene Wahrnehmung. Dieser Stufe gehören Tiere an.

3. Die dritte Stufe hingegen erreicht nur mehr der Mensch. Aristoteles nennt sie „Vernunftseele“ (anima rationalis).

Das heißt nicht, dass dem Menschen drei Seelen oder dem Tier zwei Seelen zukommen würden. Der Mensch durchläuft vielmehr die drei Stufen und integriert dabei die jeweils niedrigere in die je höheren Stufe.
[…]
Aristoteles ging davon aus, dass diese „Geistseele“ von außen hinzukommt, und am 40. Tage beim
Mann und um den 90. Tage bei der Frau vorzufinden sei.

Diese Vorstellungen von Aristoteles wurden auch von der katholischen Theologie übernommen, insbesondere von Thomas von Aquin (ca. 1225-1274), der für die auf ihn folgende Zeit prägend wurde.5

Thomas hält wie Aristoteles daran fest, dass der Mensch in seiner Embryonalphase eine stufenweise Beseelung erfährt. Der Embryo entwickelt sich vom vegetativen Stadium hin zum sensitiven und erlangt zuletzt durch Gott die „anima rationalis“ am 40. (beim Mann) bzw. 90. Tag (bei der Frau) nach der Befruchtung.

Erst im 19. Jahrhundert hat die katholische Theologie die Lehre von der Sukzessivbeseelung aufgegeben.

Es scheint, dass auch Autoren des Talmuds unter dem Einfluss der aristotelischen Spätbeseelungslehre standen.

So habe R. Ḥisda gesagt:

[…] und ist sie schwanger, so ist [der Same] bis zum vierzigsten [Tage] nichts weiter als Wasser. (Jevamot 69b)

Weiters heißt es in Menachot 99b:

R. Joḥanan und R. Elea͑zar sagten beide: Die Tora wurde in vierzig [Tagen] verliehen und die Seele wird in vierzig [Tagen] gebildet; wer die Tora wahrt, dessen Seele wird gewahrt, und wer die Tora nicht wahrt, dessen Seele wird nicht gewahrt.

4 Im Islam

Der Koran handelt am ausführlichsten in Sure 23,12-14 über die Entwicklung eines Menschen im Mutterleib:

12 Wir schufen den Menschen ja aus einem Auszug aus Lehm. 13 Hierauf machten Wir ihn zu einem Samentropfen in einem festen Aufenthaltsort. 14 Hierauf schufen Wir den Samentropfen zu einem Anhängsel, dann schufen Wir das Anhängsel zu einem kleinen Klumpen, dann schufen Wir den kleinen Klumpen zu Knochen, dann bekleideten Wir die Knochen mit Fleisch. Hierauf ließen Wir ihn als eine weitere Schöpfung entstehen. Segensreich ist Allah, der beste Schöpfer.

Vers 12 bezieht sich wohl auf die Schöpfung Adams aus Lehm. Die Verse 13-14 behandeln die Entstehung der Nachkommen Adams im Mutterleib.6 Nachdem die Knochen mit Fleisch bedeckt worden sind, ließ Allah „ihn als eine weitere Schöpfung entstehen“. Soll damit gesagt werden, dass der Mensch erst ab diesem Zeitpunkt als Mensch gilt?

7 Der alles gut macht, was Er erschafft. Und Er machte die Schöpfung des Menschen am Anfang aus Lehm, 8 hierauf machte Er seine Nachkommenschaft aus einem Auszug aus verächtlichem Wasser. 9 Hierauf formte Er ihn zurecht und hauchte ihm von Seinem Geist ein, und Er hat euch Gehör, Augenlicht und Herzen gemacht. Wie wenig ihr dankbar seid! (Sure 32,7-9)

Hier gewinnt man den Eindruck, dass das Einhauchen des (Lebens?)Geists erst später im Verlauf der Schwangerschaft geschieht. (Im Zusammenhang mit dem Gehör, dem Augenlicht und dem Herz?)

Genaueres erfahren wir aus der islamischen Überlieferung:

Abdullah berichtete: Der Gesandte Allahs (Friede sei mit ihm), der Wahrhaftige und wahrhaft Eingebungsvolle, sagte: „Jeder von euch wird vierzig Tage lang im Mutterleib gesammelt, verwandelt sich dann für die gleiche Zeit (vierzig Tage) in einen Blutklumpen und anschließend für weitere vierzig Tage in ein Stück Fleisch. Dann sendet Allah einen Engel und befiehlt ihm, vier Dinge aufzuschreiben: seinen Lebensunterhalt, sein Alter und ob er im Jenseits zu den Unglücklichen oder den Gesegneten gehören wird. Dann wird ihm die Seele eingehaucht.“ (Buchari 6594, ähnlich Muslim 2643)

Im Hintergrund dieser Überlieferung steht wohl die oben zitierte Sure 23,13-14. Hier wird die Seele erst nach 120 Tagen Schwangerschaft eingehaucht. Nach dieser Überlieferung kann man von einem Menschen erst relativ spät sprechen. Es gibt aber auch eine Auslegung, die aufgrund der Version dieses Hadiths bei An-Nawawi, die sich im Arabischen so verstehen lässt, dass alle drei Phasen nur vierzig Tage dauern, annimmt, dass die Beseelung bereits am vierzigsten Tag stattfindet. Im Hintergrund dieser Beseelungslehre steht wohl auch Aristoteles.


Der Beginn des Lebens eines Menschen, der nach der Biologie zum Zeitpunkt der Empfängnis anzusetzen ist, wird auch von der Bibel so gesehen. Auch wenn die aristotelische Lehre von der Spätbeseelung die jüdische, muslimische und jahrhundertelang auch die katholische Betrachtungsweise beeinflusst hat, soll unser Denken nicht von einem berühmen Philosophen, sondern von der sowohl von der Wissenschaft als auch von der Bibel bezeugten Realität geprägt werden. Der Mensch ist Mensch ab dem ersten Augenblick seiner Existenz. Seine Würde ist unantastbar und sein Leben ist wertvoll. Es verdient, geschützt zu werden.

Ich danke dir, dass ich so staunenswert und wunderbar gestaltet bin. Ich weiß es genau: Wunderbar sind deine Werke.
(Psalm 139,14)


  1. Erich Blechschmidt, Wie beginnt das menschliche Leben? Forschungsergebnisse mit weitreichenden Folgen. Stein am Rhein, 1976, S. 30–31. 
  2. Wenn es in der Parallelstelle Ijob 10,18-19 heißt: Wie nie gewesen wäre ich dann, vom Mutterleib zum Grab getragen, dann ist gemeint, dass er nie auf der Erde gelebt hätte. Auch dort erwähnt er in den Versen 21-22 das Totenreich. 
  3. Die Erwählung durch Gott steht nicht im Widerspruch zum freien Willen von Paulus. Mehr dazu im Beitrag Hätte Paulus auch Nein sagen können? 
  4. Yvonne Kathrin Zelter, Präimplantationsdiagnostik. Wien 2015, S. 52-53. 
  5. Zelter, S. 55. 
  6. Für die koranische Embryologie ist ein späterer Beitrag angedacht. 

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