Der Jakobusbrief und die Bergpredigt

Manchmal wird der Jakobusbrief als eine jüdische Weisheitsschrift mit wenig Bezug zur christlichen Lehre gesehen. Es sollen hier die vielfältigen Bezugspunkte des Jakobusbriefs zu den Worten Jesu in der Bergpredigt (Matthäus 5-7 und Lukas 6,20-49) dargestellt werden. Es sind in der Regel keine direkten Zitate, aber die Ähnlichkeit ist erstaunlich. Die Aufmerksamkeit des Lesers soll sich aber nicht auf den Textvergleich beschränken. Auch der Inhalt der Texte ist es wert, dass man darüber nachdenkt.
Die Zitate erfolgen nach der Revidierten Elberfelder Übersetzung.


Jakobus 1,2: Haltet es für lauter Freude, meine Brüder, wenn ihr in mancherlei Versuchungen (oder: Prüfungen) geratet, […]

Matthäus 5,10-12: Glückselig die um Gerechtigkeit willen Verfolgten, denn ihrer ist das Reich der Himmel. Glückselig seid ihr, wenn sie euch schmähen und verfolgen und alles Böse lügnerisch gegen euch reden werden um meinetwillen. Freut euch und jubelt, denn euer Lohn ist groß in den Himmeln; denn ebenso haben sie die Propheten verfolgt, die vor euch waren.
Lukas 6,22-23: Glückselig seid ihr, wenn die Menschen euch hassen werden und wenn sie euch absondern und schmähen und euren Namen als böse verwerfen werden um des Sohnes des Menschen willen. Freut euch an jenem Tag und hüpft! Denn siehe, euer Lohn ist groß in dem Himmel; denn ebenso taten ihre Väter den Propheten.


Jakobus 1,4: Das Ausharren aber soll ein vollkommenes Werk haben, damit ihr vollkommen und vollendet seid und in nichts Mangel habt.

Matthäus 5,48: Ihr nun sollt vollkommen sein, wie euer himmlischer Vater vollkommen ist.


Jakobus 1,5: Wenn aber jemand von euch Weisheit mangelt, so bitte er Gott, der allen willig gibt und keine Vorwürfe macht, und sie wird ihm gegeben werden.

Matthäus 7,7: Bittet, und es wird euch gegeben werden; sucht, und ihr werdet finden; klopft an, und es wird euch geöffnet werden!


Jakobus 1,17: Jede gute Gabe und jedes vollkommene Geschenk kommt von oben herab, von dem Vater der Lichter, bei dem keine Veränderung ist noch eines Wechsels Schatten.

Matthäus 7,11b: […] wie viel mehr wird euer Vater, der in den Himmeln ist, Gutes geben denen, die ihn bitten!


Jakobus 1,22: Seid aber Täter des Wortes und nicht allein Hörer, die sich selbst betrügen!

Matthäus 7,21: Nicht jeder, der zu mir sagt: Herr, Herr!, wird in das Reich der Himmel hineinkommen, sondern wer den Willen meines Vaters tut, der in den Himmeln ist.
Matthäus 7,24-27: Jeder nun, der diese meine Worte hört und sie tut, den werde ich mit einem klugen Mann vergleichen, der sein Haus auf den Felsen baute; und der Platzregen fiel herab, und die Ströme kamen, und die Winde wehten und stürmten gegen jenes Haus; und es fiel nicht, denn es war auf den Felsen gegründet. Und jeder, der diese meine Worte hört und sie nicht tut, der wird mit einem törichten Mann zu vergleichen sein, der sein Haus auf den Sand baute; und der Platzregen fiel herab, und die Ströme kamen, und die Winde wehten und stießen an jenes Haus; und es fiel, und sein Fall war groß.


Jakobus 2,5: Hört, meine geliebten Brüder: Hat nicht Gott die vor der Welt Armen auserwählt, reich im Glauben und Erben des Reiches zu sein, das er denen verheißen hat, die ihn lieben?

Matthäus 5,3: Glückselig die Armen im Geist, denn ihrer ist das Reich der Himmel.
Lukas 6,20b: Glückselig ihr Armen, denn euer ist das Reich Gottes.


Jakobus 2,10: Denn wer das ganze Gesetz hält, aber in einem strauchelt, ist aller Gebote schuldig geworden.

Matthäus 5,19: Wer nun eins dieser geringsten Gebote auflöst und so die Menschen lehrt, wird der Geringste heißen im Reich der Himmel; wer sie aber tut und lehrt, dieser wird groß heißen im Reich der Himmel.


Jakobus 2,11: Denn der da sprach: „Du sollst nicht ehebrechen“, sprach auch: „Du sollst nicht töten.“ Wenn du nun nicht ehebrichst, aber tötest, so bist du ein Gesetzesübertreter geworden.

Matthäus 5,21-22: Ihr habt gehört, dass zu den Alten gesagt ist: Du sollst nicht töten; wer aber töten wird, der wird dem Gericht verfallen sein. Ich aber sage euch, dass jeder, der seinem Bruder zürnt, dem Gericht verfallen sein wird; wer aber zu seinem Bruder sagt: Raka!, dem Hohen Rat verfallen sein wird; wer aber sagt: Du Narr!, der Hölle des Feuers verfallen sein wird.
Matthäus 5,27-28: Ihr habt gehört, dass gesagt ist: Du sollst nicht ehebrechen. Ich aber sage euch, dass jeder, der eine Frau ansieht, sie zu begehren, schon Ehebruch mit ihr begangen hat in seinem Herzen.

Jakobus kann in 2,11 Ehebruch oder Töten nur in dem von Jesus in der Bergpredigt angesprochenen Sinn gemeint haben. Ehebrecher oder Mörder im üblichen Sinn hatten in einer christlichen Gemeinde keinen Platz.


Jakobus 2,13: Denn das Gericht wird ohne Barmherzigkeit sein gegen den, der nicht Barmherzigkeit geübt hat. Die Barmherzigkeit triumphiert über das Gericht.

Matthäus 5,7:  Glückselig die Barmherzigen, denn ihnen wird Barmherzigkeit widerfahren.


Jakobus 3,12: Kann etwa, meine Brüder, ein Feigenbaum Oliven hervorbringen oder ein Weinstock Feigen? 

Matthäus 7,16-17: An ihren Früchten werdet ihr sie erkennen. Liest man etwa von Dornen Trauben oder von Disteln Feigen? So bringt jeder gute Baum gute Früchte, aber der faule Baum bringt schlechte Früchte.


Jakobus 3,18: Die Frucht der Gerechtigkeit aber wird in Frieden denen gesät, die Frieden stiften.

Matthäus 5,9: Glückselig die Friedensstifter, denn sie werden Söhne Gottes heißen.


Jakobus 4,9: Fühlt euer Elend und trauert und weint; euer Lachen verwandle sich in Traurigkeit und eure Freude in Niedergeschlagenheit!

Lukas 6,25b: Wehe euch, die ihr jetzt lacht, denn ihr werdet trauern und weinen.


Jakobus 4,11-12: Redet nicht schlecht übereinander, Brüder! Wer über einen Bruder schlecht redet oder seinen Bruder richtet, redet schlecht über das Gesetz und richtet das Gesetz. Wenn du aber das Gesetz richtest, so bist du nicht ein Täter des Gesetzes, sondern ein Richter. Einer ist Gesetzgeber und Richter, der zu retten und zu verderben vermag. Du aber, wer bist du, der du den Nächsten richtest?
Jakobus 5,9: Klagt nicht übereinander, Brüder, damit ihr nicht gerichtet werdet! Seht, der Richter steht schon vor der Tür.

Matthäus 7,1: Richtet nicht, damit ihr nicht gerichtet werdet!
Lukas 6,37: Und richtet nicht, und ihr werdet nicht gerichtet werden; und verurteilt nicht, und ihr werdet nicht verurteilt werden. Lasst los, und ihr werdet losgelassen werden.


Jakobus 5,1: Nun also, ihr Reichen, weint und heult über eure Plagen, die über euch kommen!

Lukas 6,24: Aber wehe euch Reichen! Denn ihr habt euren Trost dahin.


Jakobus 5,2: Euer Reichtum ist verfault, und eure Kleider sind von Motten zerfressen worden.

Matthäus 6,19: Sammelt euch nicht Schätze auf der Erde, wo Motte und Fraß zerstören und wo Diebe durchgraben und stehlen!


Jakobus 5,10: Nehmt, Brüder, zum Vorbild des Leidens und der Geduld die Propheten, die im Namen des Herrn geredet haben!

Matthäus 5,12: Freut euch und jubelt, denn euer Lohn ist groß in den Himmeln; denn ebenso haben sie die Propheten verfolgt, die vor euch waren.


Jakobus 5,12: Vor allem aber, meine Brüder, schwört nicht, weder bei dem Himmel noch bei der Erde noch mit irgendeinem anderen Eid! Es sei aber euer Ja ein Ja und euer Nein ein Nein, damit ihr nicht unter ein Gericht fallt.

Matthäus 5,34-37: Ich aber sage euch: Schwört überhaupt nicht! Weder bei dem Himmel, denn er ist Gottes Thron; noch bei der Erde, denn sie ist seiner Füße Schemel; noch bei Jerusalem, denn sie ist des großen Königs Stadt; noch sollst du bei deinem Haupt schwören, denn du kannst nicht ein Haar weiß oder schwarz machen. Es sei aber eure Rede: Ja, ja! Nein, nein! Was aber darüber hinausgeht, ist vom Bösen.


Diese Vergleichstexte zeigen, dass Jakobus mit dem Inhalt der Bergpredigt tief vertraut war. Diese Worte Jesus waren ein wesentlicher Teil der frühchristlichen Lehre, eine lebendige Tradition. Jakobus hat offensichtlich nicht die geschriebenen Texte von Matthäus und Lukas als Quelle verwendet, sondern hat auf die Worte Jesus zurückgegriffen, so wie sie in der Urgemeinde überliefert und durchdacht wurden.

Ein weiterer Text soll zeigen, dass Jesus für Jakobus nicht nur ein Weisheitslehrer war, aus dessen Worten er schöpfte, sondern viel mehr: der Herr der Herrlichkeit!

Meine Brüder, habt den Glauben Jesu Christi, unseres Herrn der Herrlichkeit, ohne Ansehen der Person! (Jakobus 2,1)

Für einen Juden war unbestritten, dass nur Gott selbst der Herr der Herrlichkeit sein konnte.

Wer ist er, dieser König der Herrlichkeit? Der HERR der Heerscharen, er ist der König der Herrlichkeit! (Psalm 24,10)

Auch für Jakobus war der Glaube an die Gottheit Jesu eine Selbstverständlichkeit, auf die er nur kurz anspielte, die er aber nicht weiter auszuführen brauchte. In seinem Brief ging es um andere Fragen.

Bloggen auf WordPress.com.

Nach oben ↑

%d Bloggern gefällt das: