Inspiration im Islam und im Christentum

Bei jedem Gespräch ist es notwendig, sich darüber im Klaren zu sein, dass mitunter ein Begriff vom Gesprächspartner anders verstanden wird, als es dem eigenen Verständnis entspricht. Das betrifft auch und gerade den Dialog zwischen Angehörigen verschiedener Religionen. Eine Klärung des Begriffs „Inspiration“ oder „Wort Gottes“ ist daher sowohl für Christen als auch Muslime im Gespräch über Bibel und Koran unbedingt notwendig, um Missverständnisse zu vermeiden.

1 Islamisches Verständnis

Muslime verstehen den Koran als pures Wort Allahs, an dem der Mensch in keiner Weise beteiligt ist. Der Koran wurde herabgesandt. Er ist nicht durch Nachdenken eines Menschen entstanden. Mohammed war nur der Empfänger des an ihn durch Gabriel vermittelten Wortes Allahs. Seine Aufgabe war es, das ihm anvertraute Wort verlässlich weiterzugeben, ohne daran etwas zu verändern. Es gibt keine menschliche Beteiligung am Inhalt. Deswegen ist der Koran, so wie er ist, vollkommen. Er ist vollkommen in der Sprache, vollkommen im Inhalt. Es findet sich kein Fehler darin.

Denken sie denn nicht sorgfältig über den Qur’an nach? Wenn er von jemand anderem wäre als von Allah, würden sie in ihm wahrlich viel Widerspruch finden. (Sure 4,82)

In der Einführung zur deutschen Übersetzung von Abu-r-Rida Muhammad Ibn Ahmad Ibn Rassoul heißt es unter anderem:

Das heilige Buch, der Qur’an, ist das Wort Allahs; das einzige, das seit seiner Offenbarung unverfälscht und vollkommen erhalten geblieben ist.
[…] denn Muhammad, […] , der des Lesens und Schreibens unkundig war, hätte diese Worte nicht im geringsten verändern können.
Das Wunder des Qur’an besteht auch darin, dass seine Offenbarung […] keinen sachlichen Fehler enthält, gleichwohl, um welches Wissensgebiet es sich auch handelt. […]
Der Qur’an ist absolut unfehlbar, denn er ist übernatürlicher und übermenschlicher Herkunft. […]
Jeder Versuch, den Qur’an zu fälschen – wie geringfügig er auch sein mag – wird fehlschlagen bis zum Tage der Auferstehung.
(Der Koran in deutscher Sprache, Übersetzer und Herausgeber: Abu-r-Rida Muhammad Ibn Ahmad Ibn Rassoul, 23. Auflage, Köln 2000, S. 562-567)

Es stellt sich daher die Frage, inwieweit man beim Koran überhaupt von Inspiration sprechen kann, da es ja nicht darum geht, dass ein Mensch von Gott inspiriert wird. Vielleicht sollte hier der Begriff „Herabsendung“ gewählt werden, der auch im Koran, zumindest als Verb wiederholt vorkommt (z. B. in Sure 2,170.185 …).

2 Christliches Verständnis

Verschiedene sich christlich nennende Gruppierungen haben ein unterschiedliches Verständnis von Inspiration. Aber für alle Richtungen ist eines klar, nämlich, dass die Bibel nicht nur Wort Gottes, sondern auch Wort von Menschen ist. Die Vorstellung, dass der Mensch nur der „Lautsprecher“ Gottes sei, ohne irgendeine Beteiligung des Menschen ist dem christlichen Denken fern.

Einige Bibelstellen sollen helfen, das christliche Inspirationsverständnis zu erklären:

Jede Schrift ist, als von Gott eingegeben, auch nützlich zur Belehrung, zur Widerlegung, zur Besserung, zur Erziehung in der Gerechtigkeit, damit der Mensch Gottes gerüstet ist, ausgerüstet zu jedem guten Werk. (2 Timotheus 3,16-17)

Es wird hier der Ursprung und der Zweck der Schrift angegeben. Sie ist von Gott eingegeben, und sie hat den Zweck der Unterweisung, aber nicht nur im Sinne von Wissensvermittlung, sondern zur Lebensveränderung. Wissen ist wichtig, aber nicht alles. Wissen, das nicht ins Leben umgesetzt wird, ist wertlos. Es geht um die richtige Gotteserkenntnis, um das richtige, gottgefällige Leben. Es geht aber nicht um Naturwissenschaft, Geografie, historische oder grammatische Fehlerlosigkeit.

Für „von Gott eingegeben“ steht im Griechischen θεόπνευστος theopneustos, „gottgehaucht“ oder „von Gott eingehaucht“. Gott gibt dem Menschen etwas, was dieser dann in seiner eigenen Sprache ausdrückt. Aber Gott ist fähig, den Menschen so zu führen, dass das was Gott vermitteln will, klar zum Ausdruck kommt.

Nach dieser Rettung haben die Propheten gesucht und geforscht und sie haben über die Gnade geweissagt, die für euch bestimmt ist. Sie haben nachgeforscht, auf welche Zeit und welche Umstände der in ihnen wirkende Geist Christi hindeute, der die Leiden Christi und die darauf folgende Herrlichkeit im Voraus bezeugte. Ihnen wurde offenbart, dass sie damit nicht sich selbst, sondern euch dienten; und jetzt ist euch dies alles von denen verkündet worden, die euch in der Kraft des vom Himmel gesandten Heiligen Geistes das Evangelium gebracht haben. Das alles zu sehen ist sogar das Verlangen der Engel. (1 Petrus 1,10-12)

Hier schreibt Petrus über die Aktivität des Menschen. Die Propheten waren nicht passive Empfänger der Botschaft. Sie haben selber nachgedacht, geforscht, gebetet. Doch das Wesentliche kam nicht von ihnen. Es wurde ihnen offenbart, aber nicht ohne ihre eigene Anstrengung.

Dadurch ist das Wort der Propheten für uns noch sicherer geworden und ihr tut gut daran, es zu beachten, wie ein Licht, das an einem finsteren Ort scheint, bis der Tag anbricht und der Morgenstern aufgeht in eurem Herzen. Bedenkt dabei vor allem dies: Keine Prophetie der Schrift wird durch eigenmächtige Auslegung wirksam; denn niemals wurde eine Prophetie durch den Willen eines Menschen hervorgebracht, sondern vom Heiligen Geist getrieben haben Menschen im Auftrag Gottes geredet. (2 Petrus 1,19-21)

Es waren die Menschen, die redeten, aber sie redeten von Gott her, getrieben vom Heiligen Geist. Die Initiative ging von Gott aus, doch redete Gott nicht ohne sie. Sie waren Menschen einer bestimmten Zeit, eines bestimmten Volkes, die an einem bestimmten Ort wohnten. Gott hat insofern durch sie gesprochen, dass sie alles, was er durch sie sagen wollte, mit ihren eigenen Worten korrekt wiedergegeben haben.

Der Beistand aber, der Heilige Geist, den der Vater in meinem Namen senden wird, der wird euch alles lehren und euch an alles erinnern, was ich euch gesagt habe. (Johannes 14,26)

Durch den Heiligen Geist waren die Jünger in der Lage, alles, was ihnen Jesus gesagt hatte, sowohl in ihrer Erinnerung zu haben, als auch tief zu verstehen, sodass sie seine Worte verlässlich wiedergeben konnten.

Sie sagten: Mose hat gestattet, eine Scheidungsurkunde auszustellen und die Frau aus der Ehe zu entlassen. Jesus entgegnete ihnen: Nur weil ihr so hartherzig seid, hat er euch dieses Gebot gegeben. Am Anfang der Schöpfung aber hat Gott sie männlich und weiblich erschaffen. (Markus 10,4-6)

Hier weist Jesus auf die Zeitbedingtheit mancher Worte des Alten Testaments hin, konkret der Erlaubnis der Ehescheidung. Das zeigt auch, dass es einen Fortschritt in der Offenbarung gab. Anfangs hat Gott sich an den unvollkommenen geistlichen Zustand des Volkes Israel „angepasst“. Mose hat die Ehescheidung erlaubt, obwohl sie nicht Gottes Wille ist. Durch Jesus ist dann der vollkommene Wille Gottes endgültig offenbar geworden. Das zeigt, dass nicht alle Worte der Bibel in derselben Intensität von Gott inspiriert sind. Jesus ist das Mensch gewordene Wort Gottes in Person (Johannes 1,1.14). Er ist der Maßstab, an dem die Offenbarungen, die vor ihm gekommen sind, zu messen sind.

Nun ist es nicht so, dass Jesus ohne Weiteres genau das Gegenteil der früheren Offenbarungen gesagt hat. Auch vom Alten Testament her war klar, dass Ehescheidung nicht gut ist. Im Buch Deuteronomium wurde sie geregelt, aber nicht empfohlen. Durch den Propheten Maleachi (2,16) wurde sogar gesagt, dass Gott die Scheidung hasst. Jesus hat diese bereits im Alten Testament vorgegebene Linie weitergeführt und vollendet.

Da Christen nicht glauben, dass in der Bibel jeder Buchstabe direkt von Gott kommt, sind Unvollkommenheiten in der Bibel kein Problem. Wenn ein biblischer Autor einen Grammatikfehler macht, oder auch wenn er einem Weltbild verhaftet ist, das nicht die Erkenntnisse der modernen Wissenschaft kennt, so ist das kein Problem. Gottes Ziel mit der Bibel war nicht, dass er uns über den Urknall, oder auch nur über die Kugelgestalt der Erde informieren wollte. Sein Ziel mit der Bibel ist, dass wir ihn, der uns unendlich liebt, kennenlernen und uns dadurch von den Sünden abwenden und ein Leben in Heiligkeit, Demut, Liebe führen. Jesus ist nicht gekommen, um uns über das Weltall aufzuklären, sondern um uns von den Sünden zu erlösen.

3 Zusammenschau

Während Muslime an die Herabsendung eines perfekten, fehlerlosen Wortes Allahs glauben, wissen Christen um die Grenzen der Inspiration, um die Zeitbedingtheit mancher Aussagen der Bibel. Wenn wir in der Bibel Stellen finden, die zeigen, dass der Autor ein geozentrisches Weltbild hatte, mit einer flachen Erde als Mittelpunkt, so ist das kein Grund, an der Inspiration der Bibel zu zweifeln, weil naturwissenschaftliches Wissen kein Thema der Inspiration war.

Wenn wir aber im Koran solche Stellen finden, gibt das durchaus einen Grund, an der Göttlichkeit des Korans zu zweifeln, da der Autor des Buches ja nicht ein Mensch mit all seinen Grenzen gewesen sein soll, sondern Gott selbst.

Versuche, Ergebnisse der modernen Wissenschaft in den Koran hineinzulesen, gibt es zur Genüge. Doch scheitern sie alle an der Realität.

Durch Fehler und Widersprüche im Koran besteht ein großes Problem für Muslime und ihr Verständnis von der Herabsendung des vollkommenen Wortes Gottes.

Wäre es da nicht naheliegend, sich dem zuzuwenden, der auch im Koran das „Wort Gottes“ genannt wird und der in den Schriften des Neuen Testaments glaubwürdig bezeugt ist?

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