Wer schrieb das Johannesevangelium?

Für den Laien scheint die Frage nach dem Autor des Johannesevangeliums leicht zu beantworten sein. Natürlich war es Johannes. Die moderne Theologie ist hier weitgehend anderer Ansicht.

Die andere Art der Darstellung, die eigenständige Theologie, die zahlreichen Sonderüberlieferungen und die explizit an der nachösterlichen Perspektive orientierte Denkwelt lassen darauf schließen, dass nicht ein Augenzeuge des Lebens Jesu das 4. Evangelium verfasste. Es war ein Theologe der späteren Zeit, der auf der Basis umfangreicher Traditionen das Leben Jesu in besonderer Weise bedachte, interpretierte und darstellte.1

Nun finden wir im Text des Johannesevangeliums an keiner Stelle eine eindeutige Angabe des Autors. Das Johannesevangelium ist eine anonyme Schrift. Es wäre kein theologisches Problem, wenn der Verfasser nicht Johannes, der Sohn des Zebedäus, wäre.2 Es wäre allerdings ein Problem, wenn das Johannesevangelium erst aus nachapostolischer Zeit stammen würde.

Was für Johannes als Autor spricht

Ich möchte hier einige Gründe zusammenstellen, die dafür sprechen, dass Johannes, der Sohn des Zebedäus und Jünger Jesu, der Autor des nach ihm benannten Evangeliums ist.

  • Die Tradition hat, so weit wir sie zurückverfolgen können, Johannes als Schreiber des Evangeliums gekannt.
    Zuletzt gab Johannes, der Schüler des Herrn, der an seiner Brust ruhte, während seines Aufenthaltes zu Ephesus in Asien das Evangelium heraus. (Irenäus von Lyon, Gegen die Häresien, III 1,1 um 180 n. Chr.)
    Um 200 geht auch Tertullian an etlichen Stellen selbstverständlich davon aus, dass Johannes der Autor dieses Buches ist (z. B. Gegen Marcion IV 5; Gegen Praxeas 21; 26; Über den Leib Christi 3; 19 …).
    Das trifft auch für Clemens von Alexandrien zu, der etwa zur selben Zeit wirkte (Paidagogos I,6,38,2).
    Auch der Canon Muratori nennt den Jünger Johannes als Autor des Evangeliums.
  • Die alten Manuskripte Papyrus 66 (spätestens um 200) und Papyrus 75 (frühes 3. Jahrhundert) schreiben in der Inscriptio ΚΑΤΑ ΙΩΑΝΝΗΝ (kata ioannen / nach Johannes).
  • Im Text des Evangeliums wird der Jünger Johannes nie genannt, obwohl er in den synoptischen Evangelien (nach Matthäus, Markus, Lukas) einer der drei Jünger ist, die Jesus besonders nahe waren, obwohl gerade im Johannesevangelium häufiger als in den anderen Evangelien von verschiedenen Jüngern die Rede ist.
    Das Johannesevangelium spricht aber mehrmals von einem namentlich nicht genannten „Jünger, den Jesus liebte“ (13,23; 19,26; 20,2; 21,7.20), einmal (18,15) von einem „anderen Jünger“, der vermutlich mit dem „Jünger, den Jesus liebte“ identisch war. Dieser Jünger wird mehrmals im Zusammenhang mit Petrus genannt, scheint also in einem besonderen Naheverhältnis zu Petrus gewesen zu sein. Nach Lukas 22,8 und Apostelgeschichte 3,1-4.11; 4,13 … waren Petrus und Johannes eng miteinander verbunden. Gemeinsam mit Jakobus, dem Bruder des Johannes, bildeten sie den engsten Kreis der Jünger Jesu (z. B. Matthäus 17,1). Es legt sich nahe, dass der „Jünger, den Jesus liebte“, der im Evangelium namentlich nicht genannte Johannes war.
  • Johannes 21,24 nennt diesen Jünger (vergleiche 21,20) ausdrücklich den Schreiber des Evangeliums:
    Dies ist der Jünger, der all das bezeugt und der es aufgeschrieben hat; und wir wissen, dass sein Zeugnis wahr ist.
    Auf jeden Fall muss der Evangelist einer der sieben in Johannes 21,2 genannten Jünger gewesen sein:
    Simon Petrus, Thomas, genannt Didymus, Natanaël aus Kana in Galiläa, die Söhne des Zebedäus und zwei andere von seinen Jüngern waren zusammen.
    Hier ist die einzige Stelle im Johannesevangelium, wo die Söhne des Zebedäus (Jakobus und Johannes) erwähnt werden.
    Der Evangelist war der Jünger, der laut 21,20 beim Abendmahl „an der Brust Jesu“ war. Petrus konnte es nicht sein, da er die Frage stellte, Thomas vermutlich auch nicht, da er im Rahmen des Abendmahls in 14,5 separat genannt wird. Jakobus, der Bruder des Johannes, wurde nach Apostelgeschichte 12,2 schon früh hingerichtet, kam daher als Schreiber des Evangeliums nicht in Frage. So bleiben außer Johannes nur noch Nathanael und zwei andere namentlich nicht genannte Jünger als mögliche Autoren des Johannesevangeliums.
  • Johannes 1,35-40 spricht über die ersten beiden Jünger Jesu:
    35 Am Tag darauf stand Johannes wieder dort und zwei seiner Jünger standen bei ihm. 36 Als Jesus vorüberging, richtete Johannes seinen Blick auf ihn und sagte: Seht, das Lamm Gottes! 37 Die beiden Jünger hörten, was er sagte, und folgten Jesus. 38 Jesus aber wandte sich um, und als er sah, dass sie ihm folgten, sagte er zu ihnen: Was sucht ihr? Sie sagten zu ihm: Rabbi – das heißt übersetzt: Meister – , wo wohnst du? 39 Er sagte zu ihnen: Kommt und seht! Da kamen sie mit und sahen, wo er wohnte, und blieben jenen Tag bei ihm; es war um die zehnte Stunde. 40 Andreas, der Bruder des Simon Petrus, war einer der beiden, die das Wort des Johannes gehört hatten und Jesus gefolgt waren.
    Von den beiden Jüngern wird nur Andreas namentlich genannt. Die Nennung der Uhrzeit der Begegnung lässt auf einen Augenzeugenbericht schließen. Es sieht so aus, als ob hier der Evangelist seine erste Begegnung mit Jesus festgehalten hat, ohne sich selbst namentlich zu nennen.
  • Wenn im Johannesevangelium von Johannes dem Täufer die Rede ist, wird er immer nur Johannes, aber nie Johannes der Täufer genannt: Johannes 1,6.15.19.26.28.32.35.40; 3,23.24.25.26.27; 4,1; 5,33.36; 10,40.41.
    Wenn Johannes der Autor des Evangeliums war und sich selbst namentlich nie erwähnte, bestand keine Verwechslungsgefahr. Es war klar, dass mit „Johannes“ immer der Täufer gemeint war.
  • Der Schreiber des Evangeliums verfügte über gute Ortskenntnisse noch aus der Zeit vor der Zerstörung Jerusalems: vor allem 5,2 (zu beachten ist hier die Formulierung im Präsens, was für eine Abfassung des Textes vor der Zerstörung der Stadt im Jahre 70 spricht), aber auch 8,20; 9,7; 10,23; 11,18; 18,1; 19,13.

Nach dem Zeugnis des Johannesevangeliums war dessen Schreiber ein Jünger Jesu, ein Augenzeuge, mit großer Wahrscheinlichkeit Johannes, der Sohn des Zebedäus. Da dieser Name auch von der ältesten Tradition bestätigt wird, spricht alles dafür, dass Johannes der Schreiber des nach ihm benannten Evangeliums ist.

Einwände dagegen

Udo Schnelle bringt in seiner Einleitung auf den Seiten 553-554 einige Punkte, die gegen Johannes als Verfasser des Evangeliums sprechen:

Unterschiede zu den synoptischen Evangelien in der Darstellung des Lebens Jesu

Die Darstellung des Lebens weicht erheblich vom synoptischen Modell ab. Im Gegensatz zu den Synoptikern (vgl. Mk 11,15-17 par) steht die Tempelreinigung (Joh 2,14-22) am Anfang und nicht am Ende des öffentlichen Wirkens Jesu. Bei Johannes unternimmt Jesus mindestens drei Reisen nach Jerusalem (Vgl. Joh 2,13; 5,1; 7,10), was sich mit der markinischen Darstellung des einmaligen Zuges Jesu nach Jerusalem am Ende seiner Wirksamkeit nicht vereinbaren lässt.3

Das spricht nicht gegen einen Augenzeugen als Verfasser, sondern ist eher ein Argument dafür. Ein Nicht-Augenzeuge aus späterer Zeit hätte nicht so einfach gewagt, das dann bereits etablierte synoptische Modell abzuändern. Wenn die Synoptiker vor allem einen Überblick über die Lehre und die Taten Jesu bieten wollten, ohne exakt auf die Chronologie zu achten, dann konnte ein Augenzeuge wie Johannes, der nach den Synoptikern schrieb, korrigierend eingreifen. Es spricht vieles dafür, dass Johannes in diesen Punkten korrekt ist.

Aus Johannes 2,20 geht hervor, dass die Tempelreinigung 46 Jahre nach Beginn der umfangreichen Tempelrenovierung stattgefunden hat. Diese begann im Jahre 19 v. Chr. Die Tempelreinigung ist daher im Jahre 27 oder 28 anzusetzen, keinesfalls aber im Jahre 30, in dem Jesus gekreuzigt wurde. Johannes ist daher korrekt, wenn er die Tempelreinigung zu Beginn des Wirkens Jesu erzählt. Da die synoptischen Evangelien nur über einen Besuch Jesu in Jerusalem berichten, blieb ihnen nur die Möglichkeit, über die Tempelreinigung im Zusammenhang mit dem letzten Besuch Jesu zu schreiben.

Auch in den synoptischen Evangelien gibt es Indizien, die auf einen mehrfachen Aufenthalt Jesu in Jerusalem schließen lassen:

Jerusalem, Jerusalem, du tötest die Propheten und steinigst die Boten, die zu dir gesandt sind. Wie oft wollte ich deine Kinder sammeln, so wie eine Henne ihre Küken unter ihre Flügel nimmt; aber ihr habt nicht gewollt. (Matthäus 23,37)

Die Formulierung „wie oft“ passt doch nur, wenn Jesus mehrmals in Jerusalem war.

38 Als sie weiterzogen, kam er in ein Dorf. Eine Frau namens Marta nahm ihn gastlich auf. 39 Sie hatte eine Schwester, die Maria hieß. Maria setzte sich dem Herrn zu Füßen und hörte seinen Worten zu. (Lukas 10,38-39)

Aus Johannes 11,18 wissen wir, dass dieses Dorf Betanien hieß und nahe bei Jerusalem war. Daraus legt sich nahe, dass Jesus nicht erst kurz vor seinem Tod erstmals nach Jerusalem gezogen ist.

Das Johannesevangelium ist, was die Chronologie betrifft genauer als die synoptischen Evangelien, die mehr schematisieren.

Unterschiede in der Verkündigung Jesu

Auch die Verkündigung Jesu im Johannesevangelium spricht gegen die Annahme, ein Augenzeuge des Lebens Jesu habe das Evangelium verfasst. Im Zentrum der Verkündigung Jesu steht nach den synoptischen Evangelien das nahende und in der Person Jesu bereits gegenwärtige Reich Gottes (vgl. z. B. Lk 11,20; 17,21). Demgegenüber spielt das Reich Gottes in der Verkündigung Jesu nach der Darstellung des Johannes nur eine sehr untergeordnete Rolle, die Wendung βασιλεία τοῦ θεοῦ (basileia tu thëu / Reich Gottes) erscheint nur in Joh 3,3.5. Im Johannesevangelium verkündigt Jesus sich selbst (vgl. z. B. die ἐγώ εἰμι-Worte [ego eimi / ich bin] Joh 6,35a; 8,12; 10,7.11; 11,25; 14,6; 15,1), die joh. Offenbarungsreden haben bei den Synoptikern keine wirkliche Parallele. Ebenso sind der joh. Dualismus und die Gesandten-Christologie ohne vergleichbare Entsprechungen in den synoptischen Evangelien. Dominiert im Johannesevangelium die präsentische Eschatologie (vgl. z. B. Joh 5,25; 11,25f), so herrscht bei den Synoptikern die futurisch-eschatologische Verkündigung Jesu vor.4

Wenn man davon ausgeht, dass das Johannesevangelium zeitlich nach den synoptischen Evangelien geschrieben wurde und mindestens eines davon dem Evangelisten auch bekannt war, konnte er vieles, was wichtig war, auslassen. So kommt die Verkündigung Jesu in Galiläa im Johannesevangelium kaum vor (die einzige Rede Jesu in Galiläa war die Brotrede in Kapitel 6). Die Schwerpunkte des Evangeliums liegen in der Auseinandersetzung mit den theologisch gebildeten Gegnern Jesu in Jerusalem und in der abschließenden Jüngerbelehrung in den „Abschiedsreden“ in den Kapiteln 13-17. Dass Jesus mit den jüdischen Führern in Jerusalem anders spricht als mit den einfachen Leuten in Galiläa, sollte nicht überraschen. Dass die einzigen Stellen, an denen Jesus vom Reich Gottes spricht (3,3.5), in einem Erstgespräch mit einem Interessierten vorkommt, ist auch bemerkenswert. In den Gesprächen mit seinen Gegnern ging es vor allem darum, wer Jesus ist, um seinen Anspruch. Der Schritt vom Reich Gottes, das in Jesus schon gegenwärtig ist hin zu den „Ich bin“-Worten ist kein großer.

Auch in den synoptischen Evangelien gibt es zumindest eine Stelle in der Jesus „johanneisch“ spricht (Matthäus 11,25-27 // Lukas 10,21-22).

„Dualismus“ im Sinne des Gegensatzes zwischen Licht und Finsternis (Matthäus 5,14-16; Lukas 16,8) oder Jesus und Satan (Lukas 10,18) oder Gott und Welt (Matthäus 6,24) gibt es auch in den synoptischen Evangelien.

Das Johannesevangelium kennt auch die „futurisch-eschatologische Verkündigung Jesu“ (5,27-29; 6,39-40.44.54), genauso wie auch in den synoptischen Evangelien eine Art „präsentische Eschatologie“ zu finden ist (Matthäus 18,20; 28,20).

Sollten wir nicht davon ausgehen, dass gerade jemand, der Jesus persönlich gekannt hat, der während dessen ganzem öffentlichen Wirken mit ihm zusammen war, am besten fähig war, alles, was er an Jesus gesehen und gehört hat, in Worte zu fassen?

Man könnte auch die Frage stellen, ob jemand, der Jesus persönlich nicht gekannt hätte, zu einer Zeit, in der alle nur den „synoptischen Jesus“ kannten, mit einem neuen Evangelium, das andere Aspekte an Jesus und seiner Lehre betonte, so einfach akzeptiert worden wäre. Der Apostel Johannes, ein Augen- und Ohrenzeuge, war glaubwürdig. Jemand anderer hätte unter Menschen, die die Wahrheit lieben, keine Aufnahme gefunden.

So spricht alles dafür, dass das Johannesevangelium vom Apostel Johannes, dem Sohn des Zebedäus, geschrieben wurde.

Dies ist der Jünger, der all das bezeugt und der es aufgeschrieben hat; und wir wissen, dass sein Zeugnis wahr ist. (Johannes 21,24)


  1. Udo Schnelle, Einleitung in das Neue Testament, 9. Auflage, Halle 2017, S. 554., 
  2. Anders verhält es sich z. B. bei den Paulusbriefen, die ausdrücklich Paulus als Verfasser der Briefe angeben. Mehr dazu hier
  3. Schnelle S.553-554. 
  4. Schnelle S.554. 

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