Jesus – von Gott verflucht?

Christus hat uns vom Fluch des Gesetzes freigekauft, indem er für uns zum Fluch geworden ist; denn es steht geschrieben: Verflucht ist jeder, der am Holz hängt. (Galater 3,13)

Dieses Wort des Paulus an die Christen in Galatien wird in zweifacher Hinsicht missverstanden.

Vor allem in Gruppierungen mit protestantischem Hintergrund wird vertreten, dass Gott Jesus verflucht habe. Dadurch habe Jesus den Fluch, der wegen unserer Sünden auf uns liegt, von uns genommen, und uns mit Gott versöhnt.

Manche Muslime verwenden diesen Vers gegen Paulus und sagen, dass jemand, der Jesus verflucht, unmöglich ein Apostel Jesu sein kann. Hätte Paulus Jesus tatsächlich verflucht, wären diese Kritiker im Recht, da Paulus selbst schrieb:

Darum erkläre ich euch: Keiner, der aus dem Geist Gottes redet, sagt: Jesus sei verflucht! (1 Korinther 12,3a)

Wir können daher davon ausgehen, dass es Paulus nicht darum ging, Jesus zu verfluchen. Was wollte Paulus nun mit diesem Vers sagen?

Lesen wir die Stelle im Zusammenhang!

6 So auch bei Abraham: Er glaubte Gott und das wurde ihm als Gerechtigkeit angerechnet. 7 Erkennt also: Die aus dem Glauben leben, sind Söhne Abrahams. 8 Und da die Schrift vorhersah, dass Gott die Völker aufgrund des Glaubens gerecht macht, hat sie dem Abraham im Voraus verkündet: In dir sollen alle Völker gesegnet werden. 9 Also werden sie, die glauben, gesegnet mit dem glaubenden Abraham. 10 Diejenigen aber, die aus den Werken des Gesetzes leben, stehen unter einem Fluch. Denn geschrieben steht: Verflucht ist jeder, der sich nicht an alles hält, was das Buch des Gesetzes zu tun vorschreibt. 11 Dass aber durch das Gesetz niemand vor Gott gerecht gemacht wird, ist offenkundig; denn: Der aus Glauben Gerechte wird leben. 12 Für das Gesetz aber gilt nicht: aus Glauben, sondern es gilt: Wer die Gebote erfüllt, wird durch sie leben. 13 Christus hat uns vom Fluch des Gesetzes freigekauft, indem er für uns zum Fluch geworden ist; denn es steht geschrieben: Verflucht ist jeder, der am Holz hängt. 14 Jesus Christus hat uns freigekauft, damit den Völkern durch ihn der Segen Abrahams zuteilwird und wir so durch den Glauben den verheißenen Geist empfangen. (Galater 3,6-14)

Paulus hat diesen Brief an die christlichen Gemeinden Galatiens geschrieben. Die meisten der dortigen Christen kamen von einem nichtjüdischen Hintergrund und befolgten daher nicht die jüdische Thora. (Wenn Paulus über das „Gesetz“ schreibt, dann meint er nicht das staatliche Gesetz, sondern die Thora.) Nun gab es aber „Judaisten“, Juden, die glaubten, dass Jesus der Messias ist, die aber die Befolgung der Thora für notwendig erachteten, auch für die Christen, die vorher keine Juden waren. Es scheint, dass diese Judaisten in den jungen Gemeinden Galatiens Gehör fanden und sich etliche unter ihnen dazu entschlossen, alle Gebote der Thora zu befolgen. Paulus sah darin eine große Gefahr, weil nicht mehr der Glaube an Jesus das Heil bewirken würde, sondern das Einhalten der zahlreichen Ritualgebote der Thora.

Paulus wies deswegen auf Abraham hin. Abraham lebte bereits Jahrhunderte vor Mose, durch den das Gesetz (= Thora) gegeben wurde. Nicht das Einhalten der Thora wurde ihm als Gerechtigkeit angerechnet, sondern der Glaube. Das entnahm Paulus (in Galater 3,6) den Worten in Genesis 15,6. Ebenso wie Abraham erlangen alle Christen durch den Glauben ihre Gerechtigkeit vor Gott. „Glaube“ bedeutet natürlich mehr als ein bloßes Akzeptieren der christlichen Lehre. Glaube im christlichen Sinn bedeutet, sich ganz und gar Gott anzuvertrauen, ihn zum Herrn seines Lebens zu machen, in allen Lebensbereichen nach seinem Willen zu fragen und diesen zu tun. Das bedeutet aber nicht das Befolgen von Ritualvorschriften wie Speisegeboten oder Reinigungsriten. Wenn ein Christ, der niemals Jude war, beginnt sich an diese Vorschriften zu halten, ersetzt er den Glauben durch „Gesetzeswerke“. Paulus weist in Vers 10 darauf hin, dass sich so ein Mensch unter einen Fluch stellt, der in Deuteronomium 27,26 zu lesen ist. Jesus aber ist gekommen, um uns vom Fluch zu befreien. Jesus ist die liebende Zuwendung Gottes zu uns. Dadurch, dass er von den Menschen abgelehnt und gekreuzigt wurde, hat er sich wie ein Verfluchter behandeln lassen, da nach Deuteronomium 21,23 jeder, „der am Holz hängt“ verflucht ist. In Deuteronomium 21,23 geht es darum, dass ein Verbrecher, dessen Körper nach der Hinrichtung zur Abschreckung aufgehängt wurde, noch am selben Tag begraben werden soll, da ein Aufgehängter ein „Fluch Gottes“ ist. Das Land soll dadurch nicht verunreinigt werden und der Leichnam soll noch am selben Tag begraben werden.

Wenn nun Jesus am Kreuz hing, sah es aus, als sei er von Gott verflucht. Paulus hat in seinem freien Zitat aus Deuteronomium 21,23 aber gerade die Wörter „von Gott“ ausgelassen. Jesus war nicht von Gott verflucht. Er starb den Tod eines Verfluchten, war aber nicht verflucht, sondern mit seinem himmlischen Vater verbunden. Jesus hat sich wie ein verfluchter Verbrecher behandeln lassen, obwohl er ganz ohne Sünde war. Nach dem Buchstaben des Gesetzes wäre er ein Verfluchter. Er hat aber ganz aus dem Glauben heraus gehandelt. Der Glaube hat das Gesetz überwunden. Deswegen hat das Gesetz (die Thora) seine normative Bedeutung für den Christen verloren. Wer als Christ sich wieder unter dieses Gesetz stellt, begibt sich unter einen Fluch, von dem Christus uns befreit hat.

Vor seinem Tod rief Jesus mit lauter Stimme:

Vater, in deine Hände lege ich meinen Geist. (Lukas 23,46)

So spricht jemand, der mit Gott in tiefer Einheit ist, kein Verfluchter Gottes. Jesu vollkommene Hingabe am Kreuz hat die Kraft, auch uns aus unseren Sünden, unserem Fluch, unserer Trennung von Gott herauszuholen und uns ein neues Leben des Sieges über die Sünde zu schenken. Wenn wir ihm vertrauen.

Zur Freiheit hat uns Christus befreit. Steht daher fest und lasst euch nicht wieder ein Joch der Knechtschaft auflegen! (Galater 5,1)

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