1 Ihr wart tot infolge eurer Verfehlungen und Sünden. 2 Ihr wart einst darin gefangen, wie es der Art dieser Welt entspricht, unter der Herrschaft jenes Geistes, der im Bereich der Lüfte regiert und jetzt noch in den Ungehorsamen wirksam ist. 3 Unter ihnen haben auch wir alle einmal unser Leben geführt, als wir noch von den Begierden unseres Fleisches beherrscht wurden. Wir folgten dem, was das Fleisch und der böse Sinn uns eingaben, und waren von Natur aus Kinder des Zorns wie auch die anderen. (Epheser 2,1-3)
Lehrt Paulus an dieser Stelle, dass alle Menschen, weil sie Menschen sind, aufgrund ihrer Natur „Kinder des Zorns“ sind, d. h. als Sünder unter dem Zorn Gottes stehen?
Paulus unterscheidet zwischen „ihr“ (Verse 1-2) und „wir“ (Vers 3). Mit dem „Ihr“ sind wohl die Leser seines Briefs gemeint, die zu einem großen Teil nichtjüdischer Herkunft waren, mit „wir“ die Christen, die, wie auch Paulus selbst, aus dem Judentum kamen. Auch die Juden waren „wie auch die anderen“ „Kinder des Zorns“. Das setzt voraus, dass Paulus alle, ob sie jetzt jüdischen oder heidnischen Hintergrund hatten, vor ihrer Hinkehr zu Christus als „Kinder des Zorns“ sah. Auf den ersten Blick waren alle „von Natur aus“ Objekte des göttlichen Zorns, aus dem sie Gott selbst in seinem großen Erbarmen durch die in Jesus gewirkte Erlösung befreit hat (Verse 4-10).
Lesen wir aber Vers 1, dann werden wir herausgefordert, darüber nachzudenken, was das Wort „Natur“ in Vers 3 bedeutet.
Ihr wart tot infolge eurer Verfehlungen und Sünden.
Der geistliche Tod war nicht von Geburt an gegeben, sondern war eine Folge der eigenen Sünden.
So hat das auch Johannes Chrysostomus gesehen:1
Dieses Totsein dagegen, das geistige, hängt vom freien Willen ab, zieht Schuld nach sich […]
John MacArthur hingegen hat das anders erklärt:2
Eine ernüchternde Erinnerung an die völlige Sündhaftigkeit und Verlorenheit, aus der die Gläubigen erlöst wurden. Wörtl. heißt es: »in Übertretungen«, was auf den Bereich oder die Sphäre hinweist. in der ein nicht wiedergeborener Sünder lebt. Er ist tot nicht wegen seiner sündigen Taten, sondern wegen seiner sündigen Natur (vgl. Mt 12,35; 15,18.19)
Die beiden Verweise auf Matthäus sind wichtige Worte Jesu, stellen aber keine Beweise für MacArthurs These dar, eher das Gegenteil, da Jesus in Matthäus 12,35 auch von guten Menschen spricht. Im Übrigen steht im Griechischen keine Präposition, weder „infolge“, „in“ oder „durch“. Die Dativkonstruktion ist für verschiedene Interpretationen offen. Auch die Lutherbibel sieht die Sünde ursächlich für den geistlichen Tod:
Auch ihr wart tot durch eure Übertretungen und Sünden, […]
In Vers 2 erwähnt Paulus als weiteres negatives Element den Einfluss gottfeindlicher geistiger Mächte. Aber der geistliche Tod ist die Folge der eigenen Sünden. Wir leben zwar in einer gefallenen Welt. Doch ist der Einfluss des Sündenfalls nicht so stark, dass der Mensch, noch bevor er selber gesündigt hätte, schon als Sünder geboren würde.
Jeder Mensch ist für seine eigenen Sünden verantwortlich. Das hat Gott durch den Propheten Ezechiel mit aller Deutlichkeit gesagt:
Der Mensch, der sündigt, nur er soll sterben. Ein Sohn soll nicht an der Schuld des Vaters mittragen und ein Vater soll nicht an der Schuld des Sohnes mittragen. Die Gerechtigkeit des Gerechten kommt über ihn selbst und die Schuld des Schuldigen kommt über ihn selbst. (Ezechiel 18,20)
Wenn wir nun den geistlichen Tod nicht von unseren Vorfahren „geerbt“ haben, was wollte Paulus mit dem Ausdruck „von Natur aus“ sagen?
Wenn man „von Natur aus“ als „aufgrund der Abstammung“ versteht, dann müsste man den Begriff „Kinder des Zorns“ in einem abgeschwächten Sinn betrachten. Da wir nur durch die eigenen Sünden uns von Gott entfernt haben, können wir nicht von Geburt an im vollen Sinn unter Gottes Zorn gestanden sein. Man müsste das so verstehen, dass die menschliche Natur, da der Mensch in eine gefallene Welt hineingeboren wird, anfällig für Versuchungen und Sünden ist, aber keinesfalls in sich selbst sündhaft. Jeder Mensch, der zur Welt kommt, wird mit den Folgen der Sünde konfrontiert.
Oder man versteht „Natur“ in einem schwächeren Sinn. In 1 Korinther 11,14-15 schreibt Paulus bezüglich der Haartracht von Männern und Frauen:
14 Lehrt euch nicht schon die Natur, dass es für den Mann eine Schande, 15 für die Frau aber eine Ehre ist, lange Haare zu tragen? Denn der Frau ist das Haar als Hülle gegeben.
Hier hat Paulus mit „Natur“ die kulturellen Gegebenheiten seiner Umwelt zu seiner Zeit gemeint. Die Haartracht ist nicht notwendigerweise naturgegeben.
Dann könnte man Epheser 2,3 auch sinngemäß so verstehen:
Wir waren durch unsere Prägung und Umgebung von Gott entfremdet.
Eine bedenkenswerte Wiedergabe von Epheser 2,3 habe ich bei Norbert Baumert gefunden:3
… unter denen auch wir alle uns aufgehalten haben in den Begierden unseres Fleisches, indem wir taten, was dem Fleisch und dem eigenen Denken gefiel und somit, wie auch die übrigen, naturgemäß Kinder des Zornes waren.
Dadurch, dass wir uns in den Begierden des Fleisches, d. h. einer Gott entgegengesetzten Gesinnung, aufgehalten haben, waren wir „naturgemäß“ Kinder des Zorns. Ich bin mir nicht ganz sicher, ob ich ihn richtig verstanden habe. Ich hatte beim Lesen seiner Übersetzung den Eindruck, dass er sagen wollte, dass unsere Sünde dazu geführt hat, dass wir Kinder des Zorns wurden, weil es in der Natur der Sünde liegt.
Gott hat uns in seiner Liebe so geschaffen, dass wir auch in der gefallenen Welt als Menschen mit freiem Willen handeln können. Wir werden nicht als Sünder geboren, auch wenn wir in Folge des Sündenfalls alle gesündigt haben.
Vor allem dürfen wir Gott für seine große Barmherzigkeit danken, die er uns in Jesus Christus geschenkt hat.
Gott aber, der reich ist an Erbarmen, hat uns, die wir infolge unserer Sünden tot waren, in seiner großen Liebe, mit der er uns geliebt hat, zusammen mit Christus lebendig gemacht. Aus Gnade seid ihr gerettet. (Epheser 2,4-5)
- Johannes Chrysostomus, Kommentar zum Brief an die Epheser, 4,1. ↩
- John MacArthur Studienbibel, 6. Auflage Bielefeld 2009, S. 1719. ↩
- Norbert Baumert, Maria-Irma Seewann, Israels Berufung für die Völker, Würzburg 2016, S. 216. ↩
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