Der Islam und die Dreieinigkeit

Der Islam setzt als nachchristliche Religion das Christentum und auch das Judentum voraus. Man sieht das darin, dass der Koran sehr oft Bezug zu biblischen Themen und Gestalten und auch zu christlichen Lehren – oder dem, was er als solche vermutet – nimmt.

So wird auch die Dreieinigkeit thematisiert, auch wenn dieses Wort im Koran nicht vorkommt. Doch treffen die Stellen, von denen man annehmen kann, dass sie die Dreieinigkeit meinen, nicht den christlichen Glauben an den einen Gott in drei Personen. Die Dreieinigkeit erscheint eher als eine Götterdreiheit, bestehend aus Allah, Jesus und Maria. Diese Art von „Dreieinigkeit“ wird auch von Christen entschieden abgelehnt. Mir ist auch nicht bekannt, dass es jemals eine sich christlich nennende Gruppierung mit dieser Lehre gab. Möglicherweise hat der Autor des Korans manche Frömmigkeitspraktiken orientalischer Kirchen, in denen der unbiblische Marienkult gepflegt wurde, missverstanden.

Ich habe mich mit den verschiedenen Koranstellen zur Dreieinigkeit schon in mehreren Beiträgen beschäftigt. In diesem Text soll es eine Zusammenschau geben.

1 Ein Gott oder drei Götter?

An zwei Koranstellen ist von einer Dreiheit die Rede:

Wahrlich, ungläubig sind diejenigen, die sagen: „Allah ist der Dritte von dreien„; und es ist kein Gott da außer einem Einzigen Gott. Und wenn sie nicht von dem, was sie sagen, Abstand nehmen, wahrlich, so wird diejenigen unter ihnen, die ungläubig bleiben, eine schmerzliche Strafe ereilen. (Sure 5,73 – Abu-r-Rida)

O Leute der Schrift, übertreibt nicht in eurer Religion und sagt gegen Allah nur die Wahrheit aus! al-Masīḥ ʿĪsā, der Sohn Maryams, ist nur Allahs Gesandter und Sein Wort, das Er Maryam entbot, und Geist von Ihm. Darum glaubt an Allah und Seine Gesandten und sagt nicht „Drei“. Hört auf (damit), das ist besser für euch! Allah ist nur ein Einziger Gott. Preis sei Ihm (, und Erhaben ist Er darüber), daß Er ein Kind haben sollte! Ihm gehört (alles), was in den Himmeln und was auf der Erde ist, und Allah genügt als Sachwalter. (Sure 4,171)

Der biblische Gott ist nur ein einziger. Es gibt keinen ersten, zweiten oder dritten Gott. Nur auf der Basis des Monotheismus konnte Gott durch das Kommen Jesu sein dreieines Wesen im vollen Sinn offenbaren. Die Einheit Gottes erlaubt eine innere Pluralität innerhalb des einen unteilbaren Wesens Gottes. Gott ist durch und durch Liebe. Er ist das nicht erst, seitdem es Geschöpfe gibt, denen er seine Liebe schenken kann. Er ist seit Ewigkeit die Liebe in sich selbst. Wenn Christen „drei“ sagen, ist das nur auf der Basis des einzigen und einigen Wesens Gottes. Christen glauben an einen Gott, nicht an drei Götter.

Mehr zu diesen Stellen gibt es in den Beiträgen: Der dritte von dreien und Sure 4,171 – eine Kritik an der christlichen Lehre über Jesus.

2 Wer ist Jesus?

2.1 Das Wort Gottes

In Jesus ist das ewige Wort Gottes Mensch geworden. Jesus ist nicht erst Sohn Gottes geworden. Gott hat sich nicht einen Sohn genommen. Jesus ist seit Ewigkeit der wesensgleiche Sohn Gottes. Als Mensch hat er einen Anfang, hinsichtlich seiner göttlichen Natur ist er ewig. Weil Jesus das ewige Wort Gottes ist, kann er kein Gott neben Gott sein, wie es der Koran behauptet.

Der Koran hat keine Scheu, von Jesus als dem Wort Gottes zu sprechen.

Als die Engel sagten: „O Maryam, Allah verkündet dir ein Wort von Ihm, dessen Name al-Masīḥ ʿĪsā, der Sohn Maryams ist, angesehen im Diesseits und Jenseits und einer der (Allah) Nahegestellten. (Sure 3,45)

O Leute der Schrift, übertreibt nicht in eurer Religion und sagt gegen Allah nur die Wahrheit aus! al-Masīḥ ʿĪsā, der Sohn Maryams, ist nur Allahs Gesandter und Sein Wort, das Er Maryam entbot, und Geist von Ihm. […] (Sure 4,171a)

Er zieht aber nicht die Konsequenzen daraus. Oder der Autor dieser Stellen hat die Schlussfolgerungen nicht verstanden. Wenn Jesus nicht nur Gottes Wort gesprochen hat, sondern Gottes Wort in Person ist, ist er ewig. Ohne sein Wort wäre Gott stumm. Weitere Gedanken dazu hier und hier.

2.2 Sohn Gottes?

Wenn Jesus der Sohn Gottes ist, wie es die Bibel oft bezeugt, ist er es nicht, weil sein Vater mit Maria eine geschlechtliche Beziehung eingegangen wäre, was manche Muslime als christlichen Glauben annehmen. Wer so etwas annimmt, lästert tatsächlich den heiligen Gott in schrecklicher Weise.

Gott hat sich Jesus auch nicht auf eine andere Weise als „Kind genommen“, wie Sure 23,91 meint, falls an dieser Stelle der christliche Glaube angesprochen sein sollte.

Allah hat Sich keinen Sohn genommen, noch ist irgendein Gott neben Ihm: sonst würde jeder Gott mit sich fortgenommen haben, was er erschaffen hätte, und die einen von ihnen hätten sich sicher gegen die anderen erhoben. Gepriesen sei Allah (und Erhaben) über all das, was sie beschreiben! (Sure 23,91 – Abu-r-Rida)

Jesus steht auch in keinerlei Konkurrenzverhältnis zum Vater, wie man aus dieser Stelle annehmen müsste. Mehr zu dieser Stelle in diesem Beitrag.

Auch Sure 19 lehnt den Gedanken, dass sich Gott ein Kind genommen hätte, ab.

88 Und sie sagen: „Der Allerbarmer hat Sich einen Sohn genommen.“ 89 Wahrhaftig, ihr habt da etwas Ungeheuerliches begangen! 90 Beinahe werden die Himmel zerreißen und die Erde auseinanderbersten und beinahe werden die Berge in Trümmern zusammenstürzen 91 weil sie dem Allerbarmer einen Sohn zugeschrieben haben. 92 Und es geziemt dem Allerbarmer nicht, Sich einen Sohn zu nehmen. 93 Da ist keiner in den Himmeln noch auf der Erde, der dem Allerbarmer anders denn als Diener sich nahen dürfte. (Sure 19,88-93 – Abu-r-Rida)

Der Autor dieser Verse drückt seine Empörung über den Gedanken, dass sich Gott einen Sohn genommen hätte auf sehr drastische Weise aus. Gott hat sich Jesus auch nicht als Sohn genommen. Er ist seit aller Ewigkeit sein wesensgleicher Sohn. Allerdings werden alle, die an ihn glauben und sich durch ihn Gott nahen, zu Söhnen Gottes im weiteren Sinn. Diese Erfahrung der Gotteskindschaft blieb dem Autor dieser Verse ferne. Er hat dadurch auch allen Muslimen den Zugang zu diesem großen Geschenk erschwert.

Die Ablehnung der Gottessohnschaft Jesu war beim Autor der 9. Sure so stark, dass er in Vers 30 den Fluch Allahs über die Christen herabgerufen hat.

Die Juden sagen: „‚Uzair ist Allahs Sohn“, und die Christen sagen: „Al-Masih ist Allahs Sohn.“ Das sind ihre Worte aus ihren (eigenen) Mündern. Sie führen ähnliche Worte wie diejenigen, die zuvor ungläubig waren. Allah bekämpfe sie! Wie sie sich (doch) abwendig machen lassen! (Sure 9,30)

Er hat dadurch sowohl der Thora als auch dem Evangelium, die der Koran zu bestätigen vorgibt, ja sogar Jesus selbst widersprochen. Mehr dazu in diesem Beitrag.

2.3. Gezeugt?

In Sure 112,3 heißt es von Allah:

Er hat nicht gezeugt und ist nicht gezeugt worden.

Wenn es an dieser Stelle nicht um die Ablehnung heidnischer Göttermythen geht, ist anzunehmen, dass auch in diesem Vers der Glaube an die Gottessohnschaft Jesu bekämpft wird. Die Zeugung Jesu war, wie bereits erwähnt, keine sexuelle Zeugung. Es geht um eine ewige Zeugung. Der Sohn Gottes geht in Ewigkeit aus seinem Vater hervor. Dieser Hervorgang des Sohnes aus dem Vater wird „Zeugung“ genannt, um dadurch die Wesensgleichheit zwischen dem Zeugenden und dem Gezeugten auszudrücken. Der Sohn ist kein Geschöpf, sondern er hat dasselbe göttliche Wesen wie sein Vater. Mehr Gedanken zur Sure 112 gibt es hier.

Niemand hat Gott je gesehen. Der Einzige, der Gott ist (wörtlich: der einziggezeugte Gott) und am Herzen des Vaters ruht, er hat Kunde gebracht. (Johannes 1,18)

2.4 Gott?

Ungläubig sind ja diejenigen, die sagen: „Allah ist ja al-Masīḥ, der Sohn Maryams“. Sag: Wer vermag denn gegen Allah etwas (auszurichten), wenn Er al-Masīḥ, den Sohn Maryams, seine Mutter und all diejenigen, die auf der Erde sind, vernichten will? Allah gehört die Herrschaft der Himmel und der Erde und dessen, was dazwischen ist. Er erschafft, was Er will. Und Allah hat zu allem die Macht. (Sure 5,17)

Fürwahr, ungläubig sind diejenigen, die sagen: „Gewiß, Allah ist al-Masīḥ, der Sohn Maryams“, wo doch al-Masīḥ (selbst) gesagt hat: „O Kinder Isrāʾīls, dient Allah, meinem Herrn und eurem Herrn!“ Wer Allah (etwas) beigesellt, dem verbietet fürwahr Allah das Paradies, und dessen Zufluchtsort wird das (Höllen)feuer sein. Die Ungerechten werden keine Helfer haben. (Sure 5,72)

Dem Autor der 5. Sure war bekannt, dass Christen glauben, dass Jesus Gott („Allah“) ist. Er hat sie deswegen ungläubig genannt1. Andererseits hat er in Vers 72 im selben Zusammenhang vor der Beigesellung gewarnt. Wenn Jesus Gott („Allah“) ist, dann ist er nicht ein Gott neben ihm, der ihm beigesellt wird. Weitere Gedanken zu Sure 5,17 gibt es hier, zu Sure 5,72 hier.

Zur Drohung, dass Gott den Messias und seine Mutter vernichten könnte, ist festzuhalten, dass Gott das nicht getan hat. Mehr dazu in diesem Beitrag. Mohammed hingegen ist der islamischen Überlieferung zufolge den Tod gestorben, den ihm Allah in Sure 69,40-47 für den Fall angedroht worden ist, dass er sich einige Aussprüche selbst ausgedacht hätte. Näheres siehe hier.

Der Gedanke, dass Gott Mensch werden kann und Jesus göttlichen Wesens ist, ist für Muslime gewiss nicht leicht anzunehmen. Doch im unverfälschten Evangelium lesen wir, dass Jesus diesen Anspruch erhoben (siehe hier). Wer Jesus glaubt und ihm die von ihm beanspruchte Ehre gibt, ist kein Ungläubiger.

[…] damit alle den Sohn ehren, wie sie den Vater ehren. Wer den Sohn nicht ehrt, ehrt auch den Vater nicht, der ihn gesandt hat. (Johannes 5,23)

Sind nicht vielmehr die ungläubig zu nennen, die Jesus als Prophet und Messias, als Gesandten Gottes anerkennen und seinen Worten trotzdem nicht gehorchen?

3 Maria in der Dreieinigkeit?

Und wenn Allah sagt: „O ʿĪsā, Sohn Maryams, bist du es, der zu den Menschen gesagt hat: ‚Nehmt mich und meine Mutter außer Allah zu Göttern!‘?“, wird er sagen: „Preis sei Dir! Es steht mir nicht zu, etwas zu sagen, wozu ich kein Recht habe. Wenn ich es (tatsächlich doch) gesagt hätte, dann wüßtest Du es bestimmt. Du weißt, was in mir vorgeht, aber ich weiß nicht, was in Dir vorgeht. Du bist ja der Allwisser der verborgenen Dinge.  (Sure 5,116)

Natürlich hat Jesus das nicht gesagt. Er hat weder selbst beansprucht, ein Gott neben seinem Vater zu sein. Noch hat er dergleichen über seine Mutter behauptet. Sein Vater wird ihm auch niemals eine derartige Frage stellen. Dieser Vers zeigt nur, dass das Wissen seines Autors über die christliche Lehre, um die es hier offensichtlich geht, sehr beschränkt war. Oder wollte er die christliche Lehre bewusst entstellt darstellen? Mehr zu dieser Stelle in diesem Beitrag.

4 Der Heilige Geist

Aufgrund der unrichtigen Annahme, dass die Dreieinigkeit aus Allah, Jesus und Maria bestehe, wird der Heilige Geist in einem derartigen Zusammenhang nicht genannt. Muslime gehen in der Regel davon aus, dass im Koran mit dem Heiligen Geist der Engel Gabriel gemeint sei. In Sure 4,171 wird allerdings Jesus „ein Geist von ihm (= Allah)“ genannt.

O Leute der Schrift, übertreibt nicht in eurer Religion und sagt gegen Allah nur die Wahrheit aus! al-Masīḥ ʿĪsā, der Sohn Maryams, ist nur Allahs Gesandter und Sein Wort, das Er Maryam entbot, und Geist von Ihm. […] (Sure 4,171a)

Wenn Jesus ein Geist Gottes ist, wie passt das mit seinem Menschsein zusammen?

Es gibt auch einige Stellen, in denen davon die Rede ist, dass jemandem (Maria oder dem ersten Menschen) der Geist Gottes eingehaucht wird. Eine Zusammenstellung koranischer Stellen über den Heiligen Geist gibt es hier.

5 Denkansätze in Richtung Dreieinigkeit

Trotz der eindeutigen Ablehnung der Trinitätslehre gibt es im Koran bzw. im Islam Ansätze, die einem Muslim beim Nachdenken über die Dreieinigkeit helfen könnten.

  • Jesus wird das Wort Allahs genannt. Gottes Wort kann nicht einfach von seinem Sprecher getrennt werden. Ohne Wort ist der Sprecher stumm. Gott ist nicht stumm. Er hat durch sein Wort die Welt geschaffen.
  • Weil Gottes Wort ewig ist, glauben Muslime, dass der Koran ewig ist. Wenn der Koran ewig ist, aber nicht Gott ist, dann müsste man zwei ewige Wesen annehmen: Gott und den Koran. Wie passt das zur Einheit und zur Einzigkeit Gottes?
    Überdies enthält der Koran so viele eine konkrete Zeit betreffende oder auch abrogierte Aussagen und enthält viele Widersprüche. Der Koran kann daher nicht Gottes ewiges Wort sein. Liegt es da nicht nahe, dass Jesus, der sowohl in der Bibel als auch im Koran „Wort Gottes“ genannt wird, das ewige Wort Gottes ist? Anders als der Koran war und ist Jesus frei von Fehlern, Widersprüchen und Sünden. Dieses Wort Gottes ist aber nicht ein zweites ewiges Wesen neben Gott. Jesus ist völlig eins mit dem Vater.
  • Manche Stellen im Koran weisen eine der Dreieinigkeit entsprechende Struktur auf. Sie lehren natürlich nicht die Dreieinigkeit, könnten aber noch Reste einer christlichen Tradition sein, auf die der Koran aufbaut.
    Und Wir gaben ʿĪsā, dem Sohn Maryams, die klaren Beweise und stärkten ihn mit dem Heiligen Geist. (aus Sure 2,87 // 2,253)
    Wenn Allah sagt: „O ʿĪsā, Sohn Maryams, gedenke Meiner Gunst an dir und an deiner Mutter, als Ich dich mit dem Heiligen Geist stärkte […] (aus Sure 5,110)
    An diesen Stellen werden Allah, ʿĪsā und der Heilige Geist in einem Zusammenhang genannt. So wie es im Text steht, ist offensichtlich, dass hier nur Allah der Handelnde ist. Er stärkt Jesus mit dem Heiligen Geist (obwohl nach 4,171 Jesus auch ein Heiliger Geist ist). In diesem Zusammenhang liest es sich so, wie wenn Gott in der Bibel einen Gläubigen mit dem Heiligen Geist stärkt. Ein von Gott gestärkter Gläubiger ist natürlich kein Teil der Dreieinigkeit.
    Doch diese wiederholte gemeinsame Nennung von Allah, ʿĪsā und dem Heiligen Geist ist zumindest beachtenswert. Über Mohammed ist mir kein derartiges Wort bekannt.
  • Es gibt im Koran weitere Andeutungen der Gottheit Jesu, wie dass von ihm als einzigem außer Allah gesagt wird, dass er geschaffen hat, seine Wunder und der Anspruch, ihm zu gehorchen. Mehr dazu hier. Diese Stellen sollten zum Nachdenken anregen.

Die Lehre der Dreieinigkeit ist nicht einfach zu verstehen. Um Gott und sein Wesen kennenzulernen, sollten wir aber bereit sein, tiefer nachzudenken. Für Muslime gehört auch die Bereitschaft dazu, die eigene Heilige Schrift zu hinterfragen. Es ist ja offensichtlich, dass die Aussagen des Korans über die Dreieinigkeit etwas ablehnen, was niemals christliche Lehre war. Es sieht ganz danach aus, dass der oder die Autoren des Korans nicht einmal verstanden haben, worum es bei dieser christlichen Lehre geht. Das allein sollte schon zeigen, dass der Koran nicht das ewige und vollkommene Wort Gottes ist. Das ewige und vollkommene Wort Gottes ist in Jesus Christus Mensch geworden. Er ist ohne jeden Makel. Ihm dürfen wir trauen und gemeinsam mit Thomas bekennen:

Mein Herr und mein Gott!
(aus Johannes 20,28)

 


  1. In Sure 5,69 hat er allerdings (wie auch in 2,62) den Christen Trost zugesprochen. Mehr dazu in diesem Beitrag

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