Gedanken zu Sure 9,30

Die Juden sagen: „‚Uzair ist Allahs Sohn“, und die Christen sagen: „Al-Masih ist Allahs Sohn.“ Das sind ihre Worte aus ihren (eigenen) Mündern. Sie führen ähnliche Worte wie diejenigen, die zuvor ungläubig waren. Allah bekämpfe sie! Wie sie sich (doch) abwendig machen lassen! (Sure 9,30)

Dieser Vers aus dem Koran richtet sich gegen Juden und Christen. Beiden Religionen wird ein Vorwurf gemacht, der es wert ist, näher betrachtet zu werden.

Der Autor des Korans geht davon aus, dass Allah der einzige Gott ist. Unter dieser Voraussetzung lautet der Vorwurf, dass die jeweilige Religion eine bedeutende Persönlichkeit als Sohn Gottes bekennt und wohl auch verehrt. Deswegen wird Allahs Strafe über sie herabgerufen.

1 Der Vorwurf gegen die Juden

Eine Person namens Uzair ist aus der jüdischen Überlieferung nicht bekannt. Üblicherweise wird angenommen, dass damit Esra gemeint sei. Esra war eine wichtige Persönlichkeit in der Zeit nach der Rückkehr des jüdischen Volkes aus dem Babylonischen Exil. Die Bibel berichtet über ihn in Esra 7-10 und Nehemia 8. Er spielte eine wichtige Rolle bei der geistlichen Wiederherstellung des Judentums. Deswegen beschäftigt sich auch die außerbiblische jüdische Literatur mit ihm. Es gibt jedoch keine einzige Stelle in einer jüdischen Schrift, in der Esra „Sohn Gottes“ genannt wird. Es bleibt daher rätselhaft, woher der Koran diesen Vorwurf nimmt.

Man könnte bestenfalls annehmen, dass unter den Juden von Medina eine derartige Redeweise vorgekommen sein mag. Da die neunte Sure üblicherweise als die zeitlich vorletzte Sure des Korans gesehen wird, ist diese Annahme aber auch nicht hilfreich. Zum Zeitpunkt der „Offenbarung“ dieser Sure gab es in Medina keine Juden mehr. Diese waren schon lange vertrieben oder getötet worden. Medina war bereits „judenfrei“.

In 9,30 heißt es nicht: „Manche Juden sagen“, sondern es wird eine allgemeine Feststellung über die Juden gemacht. Dieselbe allgemeine Feststellung wird auch – korrekt – über die Christen gemacht. Eine von nur wenigen Juden vertretene Sonderlehre darf aber keinesfalls als Begründung zu einer allgemeinen Verfluchung der Juden herangezogen werden, so wie es in diesem Vers geschieht. Außerdem hätten diese wenigen Juden Esra niemals als wesensgleichen Sohn Gottes gesehen, wie es Christen über den Messias bekennen.

Der gegen die Juden gerichtete Vorwurf ist also in keiner Weise zutreffend und zeigt, dass der Autor dieses Verses über das Judentum nur sehr mangelhaft Bescheid wusste.

2 Der Vorwurf gegen die Christen

Al-Masih meint den Messias, also Christus. In Bezug auf die Christen ist der Vorwurf völlig korrekt. Das Bekenntnis der Gottessohnschaft Jesu Christi gehört zum Kern der christlichen Botschaft.

Bereits im Alten Testament wurde der Messias als „Sohn Gottes“ angekündigt.

In Psalm 2 spricht der Messias:

Den Beschluss des HERRN will ich kundtun. Er sprach zu mir: Mein Sohn bist du. Ich selber habe dich heute gezeugt. (Psalm 2,7)

Der Engel Gabriel kündigte Maria die Geburt Jesu mit folgenden Worten an:

Er wird groß sein und Sohn des Höchsten genannt werden. (Lukas 1,32a)
Heiliger Geist wird über dich kommen und Kraft des Höchsten wird dich überschatten. Deshalb wird auch das Kind heilig und Sohn Gottes genannt werden. (Lukas 1,35)

Derselbe Engel, von dem Mohammed behauptete, den Koran empfangen zu haben, kündigt mehr als 600 Jahre vorher Maria die Geburt des Sohnes Gottes an!

Als Jesus getauft wurde, bezeugte Gott selber, dass Jesus sein Sohn ist:

Als Jesus getauft war, stieg er sogleich aus dem Wasser herauf. Und siehe, da öffnete sich der Himmel und er sah den Geist Gottes wie eine Taube auf sich herabkommen. Und siehe, eine Stimme aus dem Himmel sprach: Dieser ist mein geliebter Sohn, an dem ich Wohlgefallen gefunden habe. (Matthäus 3,16-17)

Dazu kommt eine große Anzahl von Stellen, an denen Jesus von Gott als seinem Vater und von sich selbst als dem Sohn spricht. Ein Beispiel von vielen:

Alles ist mir von meinem Vater übergeben worden; niemand kennt den Sohn, nur der Vater, und niemand kennt den Vater, nur der Sohn und der, dem es der Sohn offenbaren will. (Matthäus 11,27)

Wenn in Sure 9,30 die Christen wegen ihres Bekenntnisses zum Messias als dem Sohn Gottes verflucht werden, trifft dieser Fluch auch den alttestamentlichen Psalmisten, den Engel Gabriel, Jesus und sogar Gott. Das ist absurd!

3 Wer spricht den Fluch aus?

Der Fluch „Allah bekämpfe sie!“ spricht über Allah in der dritten Person. Warum heißt es nicht: „Ich werde sie bekämpfen.“ oder: „Wir werden sie bekämpfen!“? Der Autor dieses Verses ist offensichtlich nicht Allah. Doch wie passt das zum islamischen Dogma, dass der Koran das reine Wort Allahs ist, ohne irgendeine menschliche Zutat?

Legt sich hier nicht nahe, dass die Worte von Sure 9,30 von einem Menschen stammen, der ein Feind von Juden und Christen war? Dieser Mensch hatte nur ein sehr bescheidenes Wissen über das Judentum und hat anscheinend auch das Christentum nicht verstanden.

Der Autor von Sure 9,30 war ein schwacher uninformierter und vorurteilsvoller Mensch. Auf keinen Fall können diese Worte vom ewigen allwissenden Gott stammen.

Der Autor ist durch Deuteronomium 18,20 verurteilt:

Doch ein Prophet, der sich anmaßt, in meinem Namen ein Wort zu verkünden, dessen Verkündigung ich ihm nicht geboten habe, […] ein solcher Prophet soll sterben.

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