Tieropfer und Stellvertretung

Für moderne Menschen scheint es ziemlich befremdlich, dass das Schlachten von Tieren etwas mit unserer Beziehung zu Gott zu tun haben sollte. Das hat wohl auch mit dem kulturellen Einfluss des Christentums zu tun, das keine Tieropfer kennt. Auch das Judentum ist seit der Zerstörung des Tempels in Jerusalem im Jahre 70 zu einer Religion ohne Tieropfer geworden, da diese nur dort dargebracht werden durften. So ist heute für die meisten Menschen die Verbindung zwischen Religion und dem rituellen Schlachten von Tieren eher fremd. Nur im Islam werden beim jährlichen Opferfest Tiere für Allah geschlachtet.

Im Alten Testament jedoch finden wir vor allem in den Büchern Levitikus und Numeri sehr detaillierte Opfervorschriften. Für das Leben eines Christen haben diese Vorschriften keine besondere Bedeutung mehr, da wir glauben, dass die alttestamentlichen Opfer durch die vollkommene Hingabe Jesu erfüllt worden sind.

Im Hebräerbrief heißt es:

11 Christus aber ist gekommen als Hohepriester der künftigen Güter durch das größere und vollkommenere Zelt, das nicht von Menschenhand gemacht, das heißt nicht von dieser Schöpfung ist. 12 Nicht mit dem Blut von Böcken und jungen Stieren, sondern mit seinem eigenen Blut ist er ein für alle Mal in das Heiligtum hineingegangen und so hat er eine ewige Erlösung bewirkt. 13 Denn wenn schon das Blut von Böcken und Stieren und die Asche einer jungen Kuh die Unreinen, die damit besprengt werden, so heiligt, dass sie leiblich rein werden, 14 um wie viel mehr wird das Blut Christi, der sich selbst als makelloses Opfer kraft des ewigen Geistes Gott dargebracht hat, unser Gewissen von toten Werken reinigen, damit wir dem lebendigen Gott dienen. (Hebräer 9,11-14)

11 Und jeder Priester steht Tag für Tag da, versieht seinen Dienst und bringt viele Male die gleichen Opfer dar, die doch niemals Sünden wegnehmen können. 12 Dieser aber hat nur ein einziges Opfer für die Sünden dargebracht und sich dann für immer zur Rechten Gottes gesetzt. (Hebräer 10,11-12)

Nach christlichem Verständnis können also die alttestamentlichen Opfer, die zur Zeit der Niederschrift des Hebräerbriefs noch dargebracht worden sind, Sünden nicht wirklich wegnehmen. Sie weisen auf das einzige Opfer, das Jesus in seiner eigenen Person dargebracht hat, hin. Er hat diese Opfer durch seine vollkommene Hingabe erfüllt.

Wenn nun die alttestamentlichen Tieropfer auf das vollkommene Opfer Jesu hinweisen, können manche Aspekte dieser Opfer auch für das Verständnis des Opfers Jesu hilfreich sein.

So schreibt der Calvinist Thomas R. Schreiner in seinem Artikel „Stellvertretende Sühne“ auf evangelium21.net:

Wir sehen die stellvertretende Sühne in den alttestamentlichen Opfern, denn ihr Hauptzweck besteht darin, Sündenvergebung zu erlangen. Die Menschen legten ihre Hände auf das Tier, um zu zeigen, dass das Tier als ihr Stellvertreter fungierte. So wurde ihre Sünde auf das Tier übertragen. Der gewaltsame Tod des Tieres steht für die Strafe, die der Mensch für seine Sünde verdient. Der Tod des Tieres erfolgt also stellvertretend für den Anbeter. Der stellvertretende Charakter der Opfer wird besonders deutlich am Versöhnungstag (vgl. 3Mose 16), dem großen Tag im Jahr, an dem die Sünden Israels gesühnt wurden. In 3. Mose 17,11 sehen wir, dass Sühne durch das Vergießen von Blut durch einen gewaltsamen Tod erfolgt. Vergebung kommt nur durch den gewaltsamen Tod eines Tieres, und das Tier nimmt die Strafe auf sich, die der Anbeter verdient hat.

Tieropfer können keine ewige Sühnung der Sünden bewirken (vgl. Hebr 9,1–10.18). Diese Opfer weisen auf den Sühnetod Jesu Christi hin, der die vollständige und dauerhafte Vergebung der Sünden gewährleistet.

Schreiner sieht in den alttestamentlichen Tieropfern vor allem die Aspekte der stellvertretenden Sühne und dem Zusammenhang zwischen Vergebung und einem gewaltsamen Tod. Diese Aspekte sollen zum richtigen Verständnis des Todes Jesu beitragen.

Ich möchte auf Basis des Texts von Schreiner einige Fragen stellen, die sich im Vergleich zwischen den Tieropfern und dem Tod Jesu nach der Theorie des stellvertretenden Sühnetods Jesu (Penal Substitutionary Atonement) ergeben.

1 Bestand der Hauptzweck der alttestamentlichen Opfer darin, Sündenvergebung zu erlangen?

Im Alten Testament lesen wir in unterschiedlichen Zusammenhängen über Opfer. Oft geht es bei den Opfern nicht um Sündenvergebung.

Die ersten in der Bibel berichteten Opfer waren die Opfer von Kain und Abel (Genesis 4,3-4). Sündenvergebung scheint nicht der Zweck dieser Opfer gewesen zu sein. Beide Brüder wollten etwas von der Frucht ihrer Arbeit, die sie letztlich Gott verdankten, opfern, Kain von den Früchten des Erdbodens, Abel von den Erstlingen seiner Herde. Es waren wohl eher Dankopfer.

Auch beim Opfer Noachs nach der Flut (Genesis 8,20) wird die Sündenvergebung nicht angesprochen. Es ging wohl um einen Dank an Gott für die Rettung aus der Flut und eine Bitte um seinen Segen für den neuen Anfang.

Auch bei keinem der in der Schrift erzählten Opfer, die Abraham und seine Nachkommen Isaak und Jakob darbrachten, ist die Sündenvergebung als Ziel des Opfers genannt (Abraham – oft sind die Opfer nur durch das Wort „Altar“ angedeutet: Genesis 12,7.8; 13,4.18; 15,9-10; 21,33; 22,1-13; Isaak: Genesis 26,25; Jakob: Genesis 31,54; 33,20; 35,1-7)

In den Opfergesetzen des Buchs Levitikus werden verschiedene Arten von Opfern genannt:

  • Brandopfer: Levitkus 1: Es wird nur der „technische“ Ablauf des Opfers geschildert. Das Anliegen des Opfers wird nicht thematisiert.
  • Speiseopfer: Levitikus 2 (bei diesen Opfern wurde kein Tier geschlachtet)
  • Heilsopfer: Levitikus 3: Man könnte sie auch Friedens-, Dank- Gemeinschaftsopfer nennen.
    In der Elberfelder Bibel heißt es im lexikalischen Anhang dazu:
    Dieses fröhliche Opfermahl sollte die Freude über das Heil und den Frieden Gottes für sein Volk und über die Gemeinschaft mit Gott und untereinander ausdrücken. Für die Armen gab es nicht wie sonst ein geringwertigeres Opfertier, weil die Armen eingeladen und in die Gemeinschaft mit einbezogen werden sollten.
  • Sündopfer: Levitikus 4; 5,1-13: für Sünden aus Versehen, Unwissenheit oder Unbesonnenheit. Für ganz arme Leute musste kein Tier geschlachtet werden. Es reichte ein Zehntel Efa (ca. 2,2 l) Weizenfeinmehl (Levitikus 5,11).
  • Schuldopfer: Levitikus 5,14-26: Auch hier geht es zum Teil um Sünden „aus Versehen“ (Levitikus 5,15), oder aber um Täuschung (Levitikus 5,21). Zusätzlich zu dem Opfer musste eine Ersatzleistung gegeben werden (Levitikus 5,16.24).

Das sind die in den Anfangskapiteln von Levitikus genannten Opferarten. Wir sehen, dass Sündenvergebung nicht der einzige oder Hauptzweck der Opfer waren.

In den Kapiteln 28 und 29 des Buchs Numeri finden wir eine Auflistung der Opfer, die regelmäßig (täglich, wöchentlich, monatlich) und zu den Festen Israels vorgeschrieben worden sind. Die meisten dieser Opfer waren keine ausdrücklichen Sündopfer. Nur zum Neumondfest (Numeri 28,15), beim Pessachfest (Numeri 28,22), zum Neujahrsfest (Numeri 29,5), am Versöhnungstag (Numeri 29,11– zusätzlich zum Sündopfer der Versöhnung), sowie an den acht Tagen des Laubhüttenfests (Numeri 29,15-38) sollte zusätzlich zu den zahlreichen anderen Opfern jeweils ein Ziegenbock als Sündopfer geopfert werden. Nach den Vorschriften von Numeri 28 und 29 sollten jährlich über 1000 Lämmer, 113 Jungstiere, 37 Widder geopfert werden, die nicht als Sündopfer angeführt werden. Ausdrücklich als Sündopfer werden nur 11 Ziegenböcke genannt. Allerdings soll laut Levitikus 16,3.11 Aaron (= der Hohepriester) am Versöhnungstag einen Jungstier für sich selbst und sein Haus als Sündopfer darbringen. Die überwiegende Mehrzahl der regelmäßig dargebrachten Opfer werden aber nicht ausdrücklich als Sündopfer bezeichnet.

Auch bei den in den Psalmen immer wieder erwähnten Opfern war oft nicht die Sündenvergebung das Motiv. Einige Beispiele:

Nun kann sich mein Haupt erheben über die Feinde, die mich umringen. So will ich Opfer darbringen in seinem Zelt, Opfer mit Jubel, dem HERRN will ich singen und spielen. (Psalm 27,6)

Wer Opfer des Dankes bringt, ehrt mich; wer den rechten Weg beachtet, den lasse ich das Heil Gottes schauen. (Psalm 50,23)

Bereitwillig will ich dir opfern, will deinem Namen danken, HERR, denn er ist gut. (Psalm 54,8)

Ich will dir ein Opfer des Dankes bringen, ausrufen will ich den Namen des HERRN. (Psalm 116,17)

Man kann also nicht sagen, dass der Hauptzweck der Opfer war, Sündenvergebung zu erlangen. Für die Israeliten waren die Opfer ein Ausdruck ihrer Beziehung zu Gott. In dieser Beziehung geht es nicht nur um Sündenvergebung, sondern auch um Lob und Dank und Gemeinschaft.

2 Fungierte das geopferte Tier als Stellvertreter des Menschen?

2.1 Sündenübertragung durch Handauflegung?

Schreiner schreibt:

Die Menschen legten ihre Hände auf das Tier, um zu zeigen, dass das Tier als ihr Stellvertreter fungierte.

Tatsächlich sollte am Versöhnungstag der Hohepriester

seine beiden Hände auf den Kopf des lebenden Bockes legen und über ihm alle Schuld der Israeliten und alle ihre Frevel mitsamt all ihrer Sünden bekennen. (aus Levitikus 16,21)

Doch dieser Bock wurde nicht geopfert, sondern:

Nachdem er sie so auf den Kopf des Bockes geladen hat, soll er ihn durch einen bereitstehenden Mann in die Wüste schicken 22 und der Bock soll alle ihre Sünden mit sich in die Einöde tragen. (Levitikus 16,21b-22a)

Die Sünden wurden also nicht auf das zu opfernde Tier „übertragen“.

Ausdrücklich lesen wir in Levitikus über das Auflegen einer Hand auf das Opfertier beim Brandopfer in Levitikus 1,4, beim Heilsopfer in Levitikus 3,2, und beim Sündopfer in Levitikus 4,4. Beim Brandopfer ging es wahrscheinlich und beim Heilsopfer sicher nicht um Sünden. Also muss hier die Auflegung einer Hand etwas anderes bedeuten als die Übertragung von Sünden.

Michael Rau1 schreibt dazu:

Die Handauflegung (z.B. Lev 1,4) soll wahrscheinlich zeigen: das ist mein Geschenk. Sie kommt nur vor bei großen Tieren, die auf dem Boden stehen. Hier ist Identifizierung nötig unter dem Gesichtspunkt, zu wem sie gehören, aus wessen Hand sie kommen. Bei den Tauben (Lev 5,7 ff.) oder beim Mehl (Lev 5,11ff.) entfällt die Handauflegung. Warum? Der sie bringt, hat sie ja sowieso in der Hand und es ist unzweifelhaft, wessen Geschenk an Gott sie sind.

Die Handauflegung dient demnach sehr wohl zur Identifizierung, aber zur Identifizierung des Tieres als mein Geschenk und nicht zur Identifizierung mit dem Tier. Die Handauflegung im Opferritual hat demnach mit Stellvertretung oder gar Subjektübertragung überhaupt nichts zu tun.

Ich halte seine Argumentation für schlüssig.

2.2 Wurde das Tier an Stelle des Menschen bestraft?

Dieser Gedanke findet sich bei den Opfervorschriften des Alten Testaments nicht und wurde wohl von Theologen, die diesen Gedanken beim Opfer Jesu angenommen haben, in das Alte Testament hineininterpretiert.

Zu beachten ist auch, dass es für Vergehen, die „mit erhobener Hand“ begangen wurden und mit dem Tode bestraft werden sollten, keine Opfer gab (Numeri 15,28.30-31). Für Vergehen, die wirklich todeswürdig waren, gab es kein Opfer und somit auch keine stellvertrende Strafe.

Da Tiere nicht nur für Sündopfer geschlachtet wurden und es für ganz arme Leute reichte, ein unblutiges Opfer von Mehl darzubringen, passt dieser Gedanke nicht. Bei Heils- oder Gemeinschaftsopfern macht es keinen Sinn, eine Bestrafung des geschlachteten Tieres anzunehmen. Das Verbrennen von Mehl (Levitikus 5,12) kann man wohl nicht als stellvertretende Strafe interpretieren.

Dazu wieder ein Zitat von Michael Rau:

Dass beim Opfer ein Tier geschlachtet wird, liegt auf derselben Ebene, wie wenn Abraham ein Kalb schlachtet, um seine Gäste zu bewirten (Gen 18,7). Das fehlerlose Tier bringt zum Ausdruck, wieviel dem Menschen die Begegnung wert ist, beim Opfer, wieviel ihm daran liegt, Gott nahe zu kommen.

Wenn das Tier nicht stellvertretend für den Menschen bestraft wurde, trifft für die Tieropfer auch nicht zu, dass diese ein Objekt des göttlichen Zorns sein könnten – ein Gedanke, der im Hinblick auf das Opfer Jesu vertreten wird.

2.3 Stellvertretung am Versöhnungstag?

Der Versöhnungstag war im Tempelkult des alten Israel der wichtigste Tag des Jahres, da nur an ihm der Hohepriester das Allerheiligste im Tempel betreten durfte. Das Ritual dieses Tages finden wir im Detail in Levitikus 16 dargelegt.

Im Zentrum des Rituals stehen zwei Ziegenböcke.

[…] 7 dann soll Aaron die beiden Ziegenböcke nehmen und sie vor dem HERRN am Eingang des Offenbarungszeltes aufstellen. 8 Für die beiden Böcke soll er Lose kennzeichnen, ein Los für den HERRN und ein Los für Asasel. 9 Aaron soll den Bock, für den das Los für den HERRN herauskommt, herbeiführen und ihn als Sündopfer darbringen. 10 Der Bock, für den das Los für Asasel herauskommt, soll lebend vor den HERRN gestellt werden, um für ihn Sühne zu erwirken, damit er für Asasel in die Wüste geschickt werde. […]
15 Nachher soll er den Bock schlachten, der als Sündopfer für das Volk bestimmt ist, und sein Blut hinter den Vorhang tragen. Er soll es mit diesem Blut ebenso machen wie mit dem Blut des Jungstiers und es auf die Sühneplatte und vor die Sühneplatte spritzen. 16 So soll er für das Heiligtum von den Unreinheiten der Israeliten und von all ihren Freveltaten einschließlich all ihrer Sünden Sühne erwirken und so soll er mit dem Offenbarungszelt verfahren, das bei ihnen inmitten ihrer Unreinheiten seinen Sitz hat. […]
21 Aaron soll seine beiden Hände auf den Kopf des lebenden Bockes legen und über ihm alle Schuld der Israeliten und alle ihre Frevel mitsamt all ihrer Sünden bekennen. Nachdem er sie so auf den Kopf des Bockes geladen hat, soll er ihn durch einen bereitstehenden Mann in die Wüste schicken 22 und der Bock soll alle ihre Sünden mit sich in die Einöde tragen. […] (Levitikus 16,7-10.15-16.21-22a)

Der eine Bock soll als Sündopfer geschlachtet werden. Der Hohepriester soll sein Blut auf und vor die Deckplatte der Bundeslade sprengen.

So soll er für das Heiligtum von den Unreinheiten der Israeliten und von all ihren Freveltaten einschließlich all ihrer Sünden Sühne erwirken. (Levitikus 16,16a)

Die Grundbedeutung des mit „Sühne erwirken“ wiedergegebenen hebräischen Worts כִפֶּ֣ר / kippär hat mit „zudecken“ oder auch mit „reinigen“ zu tun. Darum übersetzte Martin Buber Levitikus 16,16a so:

Er bedecke über dem Heiligtum vor den Makeln der Söhne Jissraels und vor ihren Abtrünnigkeiten, all ihren Versündigungen …

Das Blut des Sündopfers sollte das Heiligtum von den Sünden Israels reinigen. Es diente nicht der „Sühne“ in dem Sinn, den es üblicherweise in der deutschen Sprache hat, nämlich für eine Schuld bezahlen oder eine Strafe ableisten / auf sich nehmen (laut Duden).

Der geopferte Ziegenbock starb also nicht stellvertend für das Volk Israel, sondern sein Blut sollte das Heiligtum von den Sünden Israels reinigen.

Von einer Stellvertretung könnte man vielleicht im Hinblick auf den zweiten Ziegenbock reden. Auf ihn „lud“ der Hohepriester alle Schuld der Israeliten und alle ihre Frevel mitsamt all ihrer Sünden. Der Bock wurde für die Sünden nicht als Opfer geschlachtet, sondern lebend in die Wüste „zu Asasel“ geschickt.2

Das Wegschicken des mit Sünden beladenen Bocks verstehe ich als ein Symbol dafür, wie Gott mit unseren Sünden umgeht, wenn wir sie bereuen und uns so von den Sünden abwenden. Wir finden das in der Bibel auch mit anderen Worten ausgedrückt:

So weit der Aufgang entfernt ist vom Untergang, so weit entfernt er von uns unsere Frevel. (Psalm 103,12)

Ich habe weggewischt deine Vergehen wie eine Wolke und deine Sünden wie Nebel. Kehr um zu mir; denn ich habe dich erlöst. (Jesaja 44,22)

Er wird sich unser wieder erbarmen, er wird niedertreten unsere Schuld. Ja, du wirst in die Tiefen des Meeres werfen alle ihre Sünden. (Micha 7,19)

In diesen Bildern wird ebenso wie beim Wegschicken des sündenbeladenen Bocks in die Wüste ausgedrückt, dass durch Gottes Vergebung die Sünde tatsächlich verschwunden ist. Sie trennt uns nicht mehr von Gott. Wenn Gott in seiner großen Liebe vergibt, muss niemand bestraft werden, auch kein Tier, auch nicht sein ewiger Sohn.

Im Neuen Testament finden wir im Hebräerbrief einen Vergleich zwischen dem Hohenpriester, der mit dem Blut des geopferten Bocks jedes Jahr in das irdische Allerheiligste getreten ist, und Jesus, der mit seinem eigenen Blut ein für allemal in das himmlische Heiligtum gegangen ist (Hebräer 9,6-14). Auch dort ist keine Rede von stellvertretender Bestrafung, sondern:

[…] um wie viel mehr wird das Blut Christi, der sich selbst als makelloses Opfer kraft des ewigen Geistes Gott dargebracht hat, unser Gewissen von toten Werken reinigen, damit wir dem lebendigen Gott dienen. (Hebräer 9,14)

Jesus war ein makelloses Opfer, kein schuldbeladener Bock. Sein Blut wurde nicht als Strafe gewaltsam vergossen, sondern dient der Reinigung unseres Gewissens von den toten Werken. Sein Blut reinigt uns, weil es sein Leben meint, das er für uns hingegeben hat. Um die Bedeutung des Bluts geht es im nächsten Punkt.

3 Geht es in Levitikus 17,11 um den gewaltsamen Tod des Tieres?

Denn das Leben des Fleisches ist im Blut. Und ich selbst habe es für euch auf den Altar gegeben, um für euer Leben Versöhnung zu erwirken; denn das Blut ist es, das durch Leben Versöhnung erwirkt. (Levitikus 17,11)

Mit diesem Vers wird das Verbot des Blutgenusses (Levitikus 17,10-14) begründet. Weil im Blut das Leben des Fleisches liegt, darf es nicht genossen werden. Das Leben im Blut soll auf dem Altar „Versöhnung“ (andere Übersetzungen: „Sühne“; Martin Buber: „zu bedecken“ – siehe Erklärung bei Punkt 2.3) erwirken.

Noch einmal die Erklärung von Thomas R. Schreiner:

In 3. Mose 17,11 sehen wir, dass Sühne durch das Vergießen von Blut durch einen gewaltsamen Tod erfolgt. Vergebung kommt nur durch den gewaltsamen Tod eines Tieres, und das Tier nimmt die Strafe auf sich, die der Anbeter verdient hat.

In Levitikus 17,11 steht nichts über den „gewaltsamen Tod“ des Tieres und die Strafe, die der Anbieter verdient hat, sondern es steht über das Blut, durch das wir Leben haben.

Gott ist nicht ein Gott der Gewalt, der ohne Gewaltanwendung nicht vergeben könnte.

Das Blut der Opfertiere steht für das Leben, nicht für den Tod, schon gar nicht für einen gewaltsamen Tod. Für moderne Menschen mag das seltsam klingen und schwer nachvollziehbar sein. Aber wenn wir verstehen, wofür das Blut bei den Opfern steht, können wir auch besser nachvollziehen, was die Bedeutung des Blutes Jesu ist.

Wir sind nicht durch das Vergießen von 5 – 7 Litern Blut erlöst, sondern durch das Leben, das Jesus vollkommen hingegeben hat. Seine Lebenshingabe wäre auch dann vollkommen gewesen, wenn er nicht von bösen Menschen ermordet worden wäre. Nicht der Tod erlöst uns, sondern das Leben. Sein Blut reinigt uns von unseren Sünden, weil Er das Leben in Person ist. In unserer Beziehung zu ihm erlangen wir Leben, das von Gott kommt.


Die Tieropfer im Alten Testament wurden nicht stellvertretend für die Sünden Israels durch einen gewalttätigen Tod bestraft. Auch der Kreuzestod Jesu war keine stellvertretende Strafe. Er hat aus Liebe sein Leben für uns hingegeben, nicht um den Zorn des Vaters zu besänftigen, sondern um uns zu reinigen und Anteil an seinem Leben zu schenken.

Ich bin das lebendige Brot, das vom Himmel herabgekommen ist. Wer von diesem Brot isst, wird in Ewigkeit leben. Das Brot, das ich geben werde, ist mein Fleisch für das Leben der Welt.
(Johannes 6,51)


  1. Michael Rau, Im Blut ist das Leben!: Deutsches Pfarrerblatt, 102. Jg., Heft 3, März 2002, S. 121-125. Abrufbar unter academia.edu
  2. „Asasel“ wird unterschiedlich erklärt. Manche sehen in ihm einen Wüstendämon, andere meinen, dass das Wort nur „Wegschaffung“ bedeutet. Ich beschäftige mich in diesem Beitrag nicht mit dieser Frage. 

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