Ist die Liebe eine unabtragbare Schuld?

Niemandem bleibt etwas schuldig, außer der gegenseitigen Liebe! Wer den andern liebt, hat das Gesetz erfüllt. (Römer 13,8)

Unter Berufung auf Deuteronomium 6,5 hat Jesus das Gebot, Gott zu lieben, das wichtigste und erste Gebot genannt. Ebenso wichtig ist das Gebot, den Nächsten so zu lieben, wie sich selbst, das wir ebenfalls schon in der Thora, in Levitikus 19,18, finden.

35 Einer von ihnen, ein Gesetzeslehrer, wollte ihn versuchen und fragte ihn: 36 Meister, welches Gebot im Gesetz ist das wichtigste? 37 Er antwortete ihm: Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben mit ganzem Herzen, mit ganzer Seele und mit deinem ganzen Denken. 38 Das ist das wichtigste und erste Gebot. 39 Ebenso wichtig ist das zweite: Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst. 40 An diesen beiden Geboten hängt das ganze Gesetz und die Propheten. (Matthäus 22,35-40)

So hat auch Paulus im Römerbrief die Liebe als Erfüllung des Gesetzes gesehen.

Wie sollen wir die „Schuld“ der gegenseitigen Liebe sehen? Heißt das, dass, wie sehr wir uns auch immer um die Liebe zu anderen bemühen, die Schuld ständig unabtragbar groß bleibt?

Ich habe bei Norbert Baumert1 interessante Gedanken dazu gefunden, die ich hier auszugsweise wiedergeben möchte.

Er gibt den ersten Teil des Verses nicht als Imperativ, sondern als Indikativ wieder, was vom Griechischen her möglich ist:

Niemandem schuldet ihr irgendetwas anderes als das ‚Einander-Lieben‘.

Seine Gedanken dazu:

Der Imperativ ist schwierig, denn er besagt: ‚Seid oder bleibt niemand etwas schuldig, außer einander zu lieben‘ (vgl. Luther, EÜ). Dann wäre die Liebe eine Schuld, die niemals abzutragen ist und daher ständig als Schuld auf dem Gewissen lastet, während man im übrigen sich bemühen sollte, möglichst „schuldenfrei“ zu sein! Warum soll man aber gerade in der Liebe stets unter Druck stehen, dass man nicht genug getan hat und daher das Gebot nicht erfüllt habe? Merkwürdig! Die Liebe fließt doch aus der Gabe des Heiligen Geistes (5,5). Sagt sie nicht von innen her, was jeweils zu tun ist? Warum dieses ständige Schuldbewusstsein? […]
Aber es bleibt der merkwürdige Druck, dass man Liebesschuld nie loswerden könne, weil man ja immer noch mehr lieben müsse. Zeller schreibt2, dass die Liebe „als nie zu begleichende Schuld erscheint“. Noch krasser Zahn3: „Die Schuld der Liebe ist unabtragbar; nach jeder Erfüllung der Liebespflicht liegt die Forderung der Liebe wieder als eine noch erst zu erfüllende Verpflichtung auf dem Gewissen des Christen.“ Aber darin liegt ein Trugschluss! Jedes Gebot gilt für die jeweilige Situation; in der Beziehung zu diesem Menschen in dieser Situation fordert die Liebe dies und jenes – nichts Unmögliches und nicht immer noch mehr! Wenn man es getan hat, dann bleibt für diese Situation keine Schuld übrig, sondern dann ist das Gebot für die Situation erfüllt. Dass man bei der nächsten Gelegenheit wieder neu zu einer konkreten Liebe aufgerufen ist, das ist etwas anderes; das ist keine zurückgebliebene Schuld, sondern eine neue Anforderung in einer neuen Situation. Liebe ist also zwar je neu ‚Pflicht‘, aber bleibt nicht nach der Tat immer noch „Schuld“! Wer letzteres ernst nehmen würde, geriete unter einen ständigen moralischen Druck! Doch wie kann Paulus dann sofort sagen: „wer liebt, hat das Gesetz erfüllt”? Dann hätte er also unter dieser Rücksicht doch nicht zugleich immer noch eine ‚Schuld‘, was die soeben „erfüllte“ Liebestat betrifft! Paulus würde sich also widersprechen! […]

Also: „Miss alles, was du tust oder zu tun hast, an der Liebe, dann weißt du, was jeweils von Gott geboten ist.‘ Denn Gott sagt dir letztlich, was du tun sollst, nicht etwa der ‚Nächste‘ mit irgendwelchen Forderungen. Wenn du also liebst und dann tust, was dir die Liebe sagt, dann erfüllst du Gottes Gebot! […]

Mich haben diese Gedanken angesprochen. Vielleicht sind sie auch für andere hilfreich.

Wir wollen lieben, weil er uns zuerst geliebt hat. (1 Johannes 4,19)


  1. Norbert Baumert, Christus – Hochform von ›Gesetz‹. Übersetzung und Auslegung des Römerbriefs, Würzburg 2012, S. 267-272. 
  2. D. Zeller, Der Brief an die Römer (RNT), Regensburg 1985, S. 217. 
  3. Th. Zahn, Der Brief des Paulus an die Römer, Leipzig 1910, S. 562. 

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