Konnte Mohammed das Vater Unser beten?

9 So sollt ihr beten:
Unser Vater im Himmel,
geheiligt werde dein Name, 10 dein Reich komme, dein Wille geschehe wie im Himmel, so auf der Erde. 11 Gib uns heute das Brot, das wir brauchen! 12 Und erlass uns unsere Schulden, wie auch wir sie unseren Schuldnern erlassen haben! 13 Und führe uns nicht in Versuchung, sondern rette uns vor dem Bösen!
(Matthäus 6,9-13)

Als Jesus seine Jünger dieses Gebet lehrte (vergleiche auch Lukas 11,1-4), ging es ihm nicht darum, eine exakt zu wiederholende Gebetsformel zu liefern, sondern er hat uns gelehrt, welche Anliegen uns in unseren Gebeten wichtig sein sollen und auch, dass wir zu Gott als zu unserem Vater sprechen dürfen. (Mehr dazu im Beitrag: Das „Vater Unser“ – ein Formelgebet?)

Jesus hat diese Worte seine Jünger gelehrt. Jeder wahre Gläubige kann sich diese Worte aneignen, somit natürlich auch jeder Prophet. Alle Propheten, die vor Jesus gekommen sind, hätten dieses Gebet zu ihrem eigenen machen können. Ebenso auch alle Propheten, die nach Jesus gekommen sind. (Auch wenn die göttliche Offenbarung in der Person Jesu, der das Wort Gottes in Person ist, ihren vollkommenen Abschluss gefunden hat, spricht die Bibel von Propheten unter den Christen, die jedoch keine neuen Offenbarungen bringen, wie etwa in Apostelgeschichte 11,27; 13,1; 15,32; 1 Korinther 12,28; …)

Wenn nun Mohammed nicht nur ein Prophet, sondern der letzte und vollkommene Gesandte Gottes war, durch den Gott endgültig seine Botschaft an die Menschheit übermittelt hat, müsste auch er das Gebet, das Jesus seine Jünger gelehrt hat, seinen eigenen Nachfolgern zumindest inhaltlich vermittelt haben. Er hätte es wenigstens auch selber beten können.

Unser Vater im Himmel

Nun aber finden wir die Worte des Vater Unser weder im Koran noch in der Hadithliteratur. Im Gegenteil: Im Islam wird die Vaterschaft Gottes abgelehnt.

Er hat nicht gezeugt und ist nicht gezeugt worden. (Sure 112,3)
(Vergleiche dazu: Sure 112 aus christlicher Sicht)

 90 Beinahe brechen davon die Himmel auseinander, und (beinahe) spaltet sich die Erde, und (beinahe) stürzen die Berge in Trümmern zusammen, 91 daß sie dem Allerbarmer Kinder zuschreiben. 92 Es ziemt dem Allerbarmer nicht, Sich Kinder zu nehmen. 93 Niemand in den Himmeln und auf der Erde wird zum Allerbarmer anders denn als Diener kommen (können). (Sure 19,90-93)

(Er ist) der Schöpfer der Himmel und der Erde in ihrer schönsten Form. Wie soll Er Kinder haben, wo Er doch keine Gefährtin hat und Er (sonst) alles erschaffen hat? Und Er weiß über alles Bescheid. (Sure 6,101)
(Vergleiche dazu: Braucht Gott eine Frau, um einen Sohn zu haben?)

Insbesondere aus Sure 6,101 geht hervor, dass dem Autor dieses Textes die Vorstellung einer geistlichen Vaterschaft wie im Christentum fern lag. Er stellte sich Vaterschaft nur im Rahmen einer sexuellen Zeugung vor.

Der Koran lehnt nicht nur die Gottessohnschaft Jesu ab, sondern auch die Gotteskindschaft der Gläubigen:

Die Juden und Christen sagen: „Wir sind Allahs Söhne und Seine Lieblinge.“ Sag: Warum bestraft Er euch dann für eure Sünden? Nein! Vielmehr seid ihr menschliche Wesen von denen, die Er erschaffen hat. Er vergibt, wem Er will, und Er straft, wen Er will. Und Allah gehört die Herrschaft der Himmel und der Erde und dessen, was dazwischen ist, und zu Ihm ist der Ausgang. (Sure 5,18)
(Vergleiche dazu: Wie versteht der Koran Gotteskindschaft?)

Diese strikte Ablehnung des Gedankens, dass Gott unser Vater ist oder auch nur sein könnte, zeigt, dass Mohammed keinesfalls das Gebet, das Jesus seine Jünger gelehrt hat, hätte beten können oder wollen. Die vertrauensvolle Beziehung zu Gott, die Christen durch Jesus erfahren, war ihm fremd. Er hat sie auch allen seinen Anhängern und Nachfolgern versperrt.

Geheiligt werde dein Name!

Diese Bitte habe ich im Koran nicht gefunden. Ähnlich lautende Stellen sind:

Darum preise den Namen deines Allgewaltigen Herrn. (Sure 56,74; ebenso in Vers 94)

Preise den Namen deines höchsten Herrn! (Sure 87,1)

Den Namen Gottes heiligen ist nach meinem Verständnis mehr als ihn zu preisen. Beim Preisen denke ich mehr an die Worte meines Mundes. Geheiligt werden soll der Name Gottes durch mein ganzes Leben. Es geht um mehr als eine rituelle Gottesverehrung.

Dein Reich komme!

Auch diese Bitte oder die Verheißung des Kommens des Reiches Gottes habe ich im Koran nicht gefunden. Nur in Sure 76,20 wird das Paradies als ein „großes Reich“ vorgestellt:

Und wenn du dort hinsiehst, wirst du Wonne und ein großes Reich sehen.

Man kann aber im Hintergrund des bewaffneten Dschihads, von dem der Koran wiederholt spricht, einen Kampf um eine Art Herrschaft Allahs sehen. Dieser Kampf ist aber ganz anders als der Kampf für das Reich Gottes, den uns Jesus und seine Apostel gelehrt haben. (Vergleiche dazu: „Großer und „kleiner“ Dschihad im Koran)

Dein Wille geschehe wie im Himmel, so auf der Erde!

An zahlreichen Stellen steht im Koran, dass Allah macht, was er will z. B.:

Allah läßt in die Irre gehen, wen Er will, und Er leitet recht, wen Er will. (aus Sure 35,8)

Das liest sich aber eher als eine Feststellung, weniger als ein Gebetsanliegen der Gläubigen.
Eine Stelle, die noch irgendwie in diese Richtung geht, steht in Sure 18,35:

Würdest du doch, wenn du deinen Garten betrittst, sagen: ,(Es sei,) was Allah will; es gibt keine Kraft außer durch Allah‘!

Wenn ohnehin alles von Allah bestimmt wird, das Gute und das Böse, fehlt die Motivation dafür zu beten, dass Gottes guter Wille geschehe. Dem Menschen bleibt nur, sich in den unabänderlichen Willen Allahs zu fügen.

Gib uns heute das Brot, das wir brauchen!

Diese Bitte fehlt im Koran. Das Wort „Brot“ habe ich nur in Sure 12,36 im Munde eines Mitgefangenen von Josef gefunden.

Gelegentlich steht, dass Allah die Nahrung schenkt:

Er hat in ihr festgegründete Berge gemacht, (die) über ihr (aufragen), und hat sie gesegnet und in ihr die Nahrung im rechten Maß in vier Tagen festgelegt, gleichmäßig für diejenigen, die danach fragen. (Sure 41,10)

24 So schaue der Mensch doch auf seine Nahrung: 25 Wir gießen ja Güsse von Wasser, 26 hierauf spalten Wir die Erde in Spalten auf 27 und lassen dann auf ihr Korn wachsen 28 und Rebstöcke und Grünzeug 29 und Ölbäume und Palmen 30 und Gärten mit dicken Bäumen 31 und Früchte und Futter, 32 als Nießbrauch für euch und für euer Vieh. (Sure 80,24-32)

Eine Aufforderung zur Bitte um Brot oder Nahrung habe ich im Koran aber nicht gefunden.

Und erlass uns unsere Schulden, wie auch wir sie unseren Schuldnern erlassen haben!

Der Koran fordert dazu auf, um Vergebung zu bitten, etwa in folgenden Stellen:

[…] und bittet Allah um Vergebung. Allah ist Allvergebend und Barmherzig. (Sure 2,199)

Und beeilt euch um Vergebung von eurem Herrn und (um) einen (Paradies)garten, dessen Breite (wie) die Himmel und die Erde ist. Er ist für die Gottesfürchtigen bereitet, (Sure 3,133)

Sogar Mohammed, der nach der Überzeugung vieler Muslime sündenlos war, wird zur Bitte um Vergebung für seine Sünden aufgefordert.

So sei standhaft. Gewiß, Allahs Versprechen ist wahr. Und bitte um Vergebung für deine Sünde und lobpreise deinen Herrn am Abend und am frühen Morgen. (Sure 40,55)

Wisse also, daß es keinen Gott außer Allah gibt. Und bitte um Vergebung für deine Sünde und für die gläubigen Männer und die gläubigen Frauen. Allah kennt euren Wandel und euren Aufenthalt. (Sure 47,19)

[…] damit dir Allah das von deinen Sünden vergebe, was vorher war und was später sein wird, und damit Er Seine Gunst an dir vollende und dich einen geraden Weg leite […] (Sure 48,2)

Mehr dazu im Beitrag Jesu Reinheit und Mohammeds Sünden im Koran.

In Sure 3,133-134 wird die Vergebung Allahs in einem Zusammenhang mit der Verzeihung, die wir anderen gewähren, genannt.

133 Und beeilt euch um Vergebung von eurem Herrn und (um) einen (Paradies)garten, dessen Breite (wie) die Himmel und die Erde ist. Er ist für die Gottesfürchtigen bereitet, 134 die in Freude und Leid ausgeben und ihren Grimm zurückhalten und den Menschen verzeihen. Und Allah liebt die Gutes Tuenden.

Auch wenn die Verbindung nicht so direkt ist wie im „Vater Unser“, so ist der Zusammenhang doch gegeben.

Und führe uns nicht in Versuchung, …

Zum Verständnis dieser Bitte verweise ich auf die im Beitrag „Und führe uns nicht in Versuchung …“ geäußerten Gedanken. Ich sehe das als eine Bitte darum, dass Gott uns so führen soll, dass wir nicht in Versuchung geraten.

Eine formal ähnliche Bitte finden wir in Sure 9,49:

Unter ihnen gibt es manche, die sagen: „Erlaube mir (, zurückzubleiben) und setze mich nicht der Versuchung aus!“ Dabei sind sie doch in Versuchung gefallen. Und wahrlich, die Hölle umfaßt die Ungläubigen.

Hier geht es um Menschen, die nicht in den bewaffneten Dschihad ziehen wollten, um dadurch nicht Versuchungen ausgesetzt zu sein. Allahs Antwort war, dass sie schon in Versuchung gefallen sind.

Inhaltlich passen vielleicht die beiden Schlussverse der ersten Sure zu dieser Bitte:

6 Leite uns den geraden Weg, 7 den Weg derjenigen, denen Du Gunst erwiesen hast, nicht derjenigen, die (Deinen) Zorn erregt haben, und nicht der Irregehenden! (Sure 1,6-7)

Es wird auch hier um die Führung auf dem geraden Weg gebeten, was in sich einen Weg meint, auf dem man nicht in Versuchung fällt.

… sondern rette uns vor dem Bösen!

In einer Bitte derer, die den Thron tragen, für die Gläubigen heißt es:

Und bewahre sie vor den bösen Taten. Wen Du an jenem Tag vor den bösen Taten bewahrst, dessen hast Du dich ja erbarmt, und das ist der großartige Erfolg. (Sure 40,9)

Diese Bitte ähnelt der vorigen Bitte darum, nicht in Versuchung geführt zu werden.

Dass Allah die Gläubigen rettet, wird im Koran oft gesagt, z. B.:

Dann werden Wir Unsere Gesandten und diejenigen, die glauben, erretten. So ist es Uns eine Pflicht: Wir retten die Gläubigen. (Sure 10,103)

Sinngemäß finden wir die letzte Bitte des Vater Unsers in der Sure 114:

1 Sag: Ich nehme Zuflucht beim Herrn der Menschen, 2 dem König der Menschen, 3 dem Gott der Menschen, 4 vor dem Übel des Einflüsterers, des Davonschleichers, 5 der in die Brüste der Menschen einflüstert, 6 von den Ginn und den Menschen. (Sure 114,1-6)

Allah ist derjenige, bei dem der Muslim Zuflucht vor allem Bösen nimmt.


Zusammenfassend kann gesagt werden, dass ein großer Teil des Inhalts des Gebets, das uns der Herr Jesus gelehrt hat, auch von Muslimen, also auch von Mohammed, gebetet werden könnte, auch wenn nicht alle Bitten eine direkte Parallele im Koran haben.

Doch erlaubt der Koran keinem Muslim und auch Mohammed nicht, Gott als Vater anzusprechen. Der vorgeblich größte und abschließende Prophet kann das Gebet, das Jesus seine Jünger gelehrt hat, nicht sprechen. Wie kann dieser Mann dann tatsächlich der größte Prophet sein, wenn ihm dieser persönliche Zugang zu Gott als Vater verwehrt war, ein Zugang, den Gott jedem Menschen schenkt, der durch den Glauben an Jesus zum Kind Gottes geworden ist? Auch der einfachste Christ hat eine tiefere Beziehung zu Gott als sie Mohammed je hatte.

Allen aber, die ihn (= Jesus) aufnahmen, gab er Macht, Kinder Gottes zu werden, allen, die an seinen Namen glauben.
(Johannes 1,12)

Denn alle seid ihr durch den Glauben Söhne Gottes in Christus Jesus. (Galater 3,26)

Seht, welche Liebe uns der Vater geschenkt hat: Wir heißen Kinder Gottes und wir sind es. (1 Johannes 3,1a)

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