Hat Mohammed den Mond gespalten?

Näher ist die Stunde (des Gerichts) gekommen, und gespalten hat sich der Mond. (Sure 54,1)

Das Zeugnis des Korans spricht dafür, dass Mohammed keine Wunder gewirkt hat (mehr dazu im Beitrag Hat Mohammed Wunder gewirkt?).

Viele Muslime entnehmen aber aus Sure 54,1, dass sich auf das Wort Mohammeds der Mond gespalten habe, der sich danach wieder wunderbar zusammengefügt hätte. Das wird sowohl von Sunniten (z. B. hier) als auch Schiiten (z. B. hier) geglaubt.

Diese Koranstelle wird dennoch unterschiedlich interpretiert.

Viele Muslime verstehen diese Stelle historisch, d. h. sie beziehen sie auf ein tatsächliches Ereignis, das sich zur Zeit Mohammeds zugetragen habe.

Andere haben eine eschatologische Deutung. Das Wunder der Mondspaltung würde erst in der Zukunft, kurz vor dem letzten Tag geschehen. Dafür würde der erste Teil von Vers 1 sprechen: Näher ist die Stunde (des Gerichts) gekommen. Die Ankündigung eines zukünftigen Ereignisses wäre im „prophetischen Perfekt“ formuliert worden. Eine Sonderform dieses eschatologischen Verständnisses hat der unter dem Pseudonym Harun Yahya publizierende Adnan Oktar vertreten. In seinem Artikel „Die Zeichen des Jüngsten Tages“ heißt es:

Der Infinitiv des in diesem Vers benutzten Wortes „gespalten“ heißt auf arabisch „shaqqa“, was in dieser Sprache mehrere Bedeutungen hat. Manche Qurankommentare verwenden das Wort „gespalten“. Doch im Arabischen kann „shaqqa“ auch „die Erde umpflügen“ oder „ausgraben“ bedeuten. […]
Wenn wir in das Jahr 1969 zurückgehen könnten, würden wir eines der großen Wunder des Quran sehen. Die Experimente, die am 20. Juli 1969 auf der Mondoberfläche ausgeführt wurden, könnten ein Hinweis sein auf das Eintreten eines Ereignisses, dass 1400 Jahre zuvor in der Sure al-Qamar beschrieben worden ist. Amerikanische Astronauten haben an diesem Tag als erste Menschen den Fuß auf den Mond gesetzt. Sie gruben in der Mondoberfläche, führten wissenschaftliche Experimente durch und sammelten Mondgestein und Mondstaub. Es ist hochinteressant, dass all das genau mit den Aussagen dieses Verses übereinstimmt.

Adnan Oktar weicht hier von dem traditionellen islamischen Verständnis ab und beschreitet neue Wege. Dieses Verständnis wurde auch von Rashad Khalifa vertreten.1

Manche Muslime verstanden oder verstehen Sure 54,1 auch metaphorisch2 oder symbolisch (der Mond als Symbol für die Araber3).

Bei der historischen Deutung gibt es auch verschiedene Varianten. Eine neuere „historische“ Deutungsvariante interpretiert den Passus als Abspaltung des Mondes von der Erde, geht also von einer sehr viel länger zurückliegenden „Mondspaltung“ aus.4

Ich lasse hier die nicht historischen Erklärungen beiseite und beschäftige mich nur mit der Frage, ob es glaubwürdig ist, dass sich der Mond tatsächlich auf Geheiß Mohammeds gespalten hat.

Da der Koran bestenfalls eine ganz kurze Andeutung darauf macht, sind die Erklärer auf andere Quellen angewiesen.

Der Tafsīr Al-Qur’ān Al-Karīm erwähnt zur Stelle 54,1 Berichte von Ibn Mas‘ūd und Anas Ibn Mālik, die der Überlieferung zufolge Gefährten Mohammeds waren:

Ibn Mas‘ūd berichtete: ”Der Gesandte Allāhs sagte: »Fünf Zeichen sind schon eingetreten, darunter die Spaltung des Mondes.«“ Und Anas Ibn Mālik sagte, dass die Makkaner ein Wunderzeichen vom Propheten verlangten, und dass er ihnen den Mond zeigte, wie er gespalten wurde, so dass der Berg Ḥirā’ zwischen den beiden Hälften des Mondes stand.

Eine Zusammenstellung verschiedener Hadithe auf sunnah.com ist hier zu finden.

Spätere Berichte haben die Geschichte noch mehr ausgeschmückt. Andreas Görke fasst zusammen:5

Wohl ebenfalls aus der Zeit um das 8./14. Jahrhundert herum stammt die Geschichte eines indischen Herrschers, der die Mondspaltung beobachtet und sich zum Islam bekehrt, als er erfährt, was es damit auf sich hat. Gegenüber den eher kurzen Überlieferungen zur Mondspaltung ist diese Geschichte erheblich ausgeschmückt: Muḥammad wird vorab von Gabriel darüber informiert, dass jemand von ihm verlangen werde, den Mond zu spalten, was er dann auch vollbringen werde. Dies werde ein Herrscher in Indien sehen und sich daraufhin zum Islam bekehren. Der Mond spaltet sich nicht einfach, sondern spricht zunächst zu Muḥammad, steigt dann zur Erde herab, schlüpft in Muḥammads rechten Ärmel und aus dem linken wieder heraus, teilt sich dann und bleibt so eine Weile am Himmel zu sehen, ehe er sich wieder vereinigt und schließlich untergeht. Der indische Herrscher, der die Mondspaltung beobachtet und sich daraufhin später zum Islam bekehrt, wird in der hier beschriebenen Version Šakarwatī Farmāḍ genannt, wobei Šakarwatī wohl eine Verballhornung von Sanskrit „Cakravartin“, Universalherrscher, ist.

Allein die Ausschmückung, dass der Mond durch die beiden Ärmel Mohammeds geschlüpft ist, bevor er sich gespalten hat, zeigt, dass diese Darstellung mehr mit Phantasie als mit der Wirklichkeit zu tun hat. Auch der in dieser Überlieferung genannte indische Herrscher ist aus der Geschichtsschreibung nicht bekannt. Außerdem liegen zwischen dem erzählten Ereignis und der Niederschrift mehr als 700 Jahre.

Wenn es sich bei der „Mondspaltung“ tatsächlich um eine Spaltung des Mondes handelte, müsste dieses Ereignis auch anderswo gesehen worden sein, da der Mond doch eine dominierende Position am astronomischen Himmel einnimmt, die nicht nur von Astronomen beobachtet wurde. Doch es gibt keinen einzigen zeitgenössischen Bericht über ein derartiges Phänomen.

Die Spaltung des Mondes hätte überdies katastrophale Auswirkungen auf die Erde gehabt, da sich Erde und Mond in ihrer Gravitation gegenseitig stark beeinflussen.

Manche sehen in der Rima Ariadaeus einen Beweis für die Mondspaltung. Es handelt sich um eine über 300 km lange geradlinige Rille am Mond.


(Quelle: Von NASA (image by Apollo 10) – Apollo 10 Photography Index: image AS10-31-4646 (black fields losslessly cropped).Look also APOD: 2002 October 29 – A Lunar Rille, Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=474629)

Die NASA hat auf die Behauptung, dass es sich hier um einen Beweis für die Mondspaltung handle, im Jahr 2010 reagiert:

Derzeit gibt es keine wissenschaftlichen Belege dafür, dass der Mond jemals in der Vergangenheit in zwei (oder mehr) Teile gespalten und dann wieder zusammengesetzt wurde.

Manche Erklärer gehen dann davon aus, dass es sich um eine außergewöhnliche Mondfinsternis gehandelt habe. Nun aber ist eine Mondfinsternis ein natürliches Ereignis und kein Wunder. Tatsächlich hätten im angenommenen Zeitraum (ca. 5 Jahre vor der Hedschra, d. h. im Jahr 617) Mondfinsternisse in Mekka beobachtet werden können. Das waren aber normale astronomische Ereignisse, die kein Anzeichen für das Nahen der Stunde des Gerichts darstellten.

Es gibt keine glaubwürdigen Hinweise darauf, dass das von vielen Muslimen geglaubte Wunder Mohammeds tatsächlich stattgefunden hätte. Das entspricht auch dem Zeugnis des Korans, der Mohammed als „deutlichen Warner“, nicht aber als Wundertäter vorstellt. Mehr dazu im Beitrag Hat Mohammed Wunder gewirkt?

Von Jesus wissen wir, dass er viele Wunder gewirkt hat. Schauwunder wie die Spaltung des Mondes oder anderer Zeichen am Himmel hat Jesus aber abgelehnt. Sogar der Koran bestätigt, dass Jesus Kranke geheilt und Tote auferweckt hat.6 Das hat Mohammed nicht getan.

War es das offensichtliche Fehlen von Wundern beim angeblich letzten Propheten, das seine Anhänger dazu bewogen hat, aus einer dunklen Koranstelle ein Wunder zu konstruieren?

Jesus hatte das nicht nötig. Seine Wunder waren offensichtlich. Er hat so viele Wunder gewirkt, dass gar nicht alle aufgeschrieben werden konnten.

30 Noch viele andere Zeichen hat Jesus vor den Augen seiner Jünger getan, die in diesem Buch nicht aufgeschrieben sind. 31 Diese aber sind aufgeschrieben, damit ihr glaubt, dass Jesus der Christus ist, der Sohn Gottes, und damit ihr durch den Glauben Leben habt in seinem Namen. (Johannes 20,30-31)

Dieses Leben aus dem Glauben an Jesus wünsche ich auch allen Muslimen.


  1. Nach Andreas Görke, Die Spaltung des Mondes in der modernen Koranexegese und im Internet: Die Welt des Islams 50 (2010) 60-116; Seite 82. 
  2. In dieser metaphorischen Deutung könnte der Vers etwa wie folgt übersetzt werden: „Die Stunde (des Gerichts) ist nahe gekommen, so deutlich (oder: was so deutlich ist) wie das Aufscheinen des Mondes (am dunklen Nachthimmel). (Nach Görke, Seite 78) 
  3. Görke, Seite 83. 
  4. Görke, Seite 82. 
  5. Görke, Seite 90. 
  6. Siehe dazu den Beitrag Die Wunder Jesu im Koran

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