Der Calvinismus und 1 Timotheus 2,4

… er will, dass alle Menschen gerettet werden und zur Erkenntnis der Wahrheit gelangen. (1 Timotheus 2,4)

Wenn Paulus über den Willen Gottes, alle Menschen zu retten, schreibt, haben Calvinisten damit ein Problem, da sie glauben, dass Gott von Ewigkeit nur eine begrenzte Anzahl von Menschen für die Erlösung bestimmt hat, die große Mehrheit der Menschen aber für die ewige Verdammnis.

So schreibt der Theologe Bernhard Kaiser:1

Wenn Gott will, dass alle Menschen gerettet werden, aber seinen Willen gegen den sündigen Willen des Menschen nicht durchsetzen kann, dann ist er ein schwacher Gott, ein Gott, der nichts fertig bringt – im Grunde genommen überhaupt kein Gott. Also: Vorsicht, bei der Annahme eines universalen Heilswillens Gottes!

Wie nun erklären Calvin und die Vertreter seiner Lehre 1 Timotheus 2,4, wo es doch für den unvoreingenommenen Leser so aussieht, dass Gott tatsächlich das Heil aller Menschen will? Ich bin auf zwei unterschiedliche Deutungen gestoßen, eine, die Calvin vertreten hat und eine, die erst in späterer Zeit aufkam.

1 „Alle Menschen“ bedeutet „alle Arten von Menschen.

Calvin schrieb in seiner Erklärung zu 1 Timotheus 2,4-6:2

[…] „Wenn Gott“, sagen sie, „will, dass alle Menschen ohne Unterschied gerettet werden, ist es falsch, dass einige nach seinem ewigen Ratschluss zur Errettung und andere zur Verdammnis vorherbestimmt sind.“ Sie hätten mit dieser Behauptung vielleicht einen gewissen Grund gehabt, wenn Paulus hier von einzelnen Menschen gesprochen hätte; doch selbst dann hätten wir die Möglichkeit gehabt, ihrem Argument zu widersprechen. Denn obwohl der Wille Gottes nicht anhand seiner geheimen Beschlüsse beurteilt werden sollte, wenn er sie uns durch äußere Zeichen offenbart, folgt daraus nicht, dass er nicht für sich selbst entschieden hat, was er mit jedem einzelnen Menschen tun will.

Doch ich sage dazu nichts, da es mit dieser Stelle nichts zu tun hat. Der Apostel meint lediglich, dass kein Volk und kein Stand auf der Welt von der Errettung ausgeschlossen ist, weil Gott will, dass das Evangelium allen ohne Ausnahme verkündet wird. Die Verkündigung des Evangeliums schenkt Leben; und daraus schließt er zu Recht, dass Gott alle gleichermaßen zur Errettung einlädt. Der vorliegende Diskurs bezieht sich jedoch auf Klassen von Menschen und nicht auf einzelne Personen; denn sein einziges Ziel ist es, Fürsten und fremde Nationen in diese Zahl einzubeziehen. […]

Der allgemeine Begriff „alle“ muss sich immer auf Klassen beziehen: auf Menschen und nicht auf Personen; als ob er gesagt hätte, dass nicht nur Juden, sondern auch Heiden, nicht nur Menschen von niedrigem Stand, sondern auch Fürsten durch den Tod Christi erlöst wurden.

Calvin folgte hier einer Erklärung, die schon Augustinus in Verteidigung seiner Prädestinationslehre vertrat.3

[…] jenes Schriftwort muß vielmehr so aufgefaßt werden, daß wir unter „allen Menschen“ jede Menschenklasse verstehen, so verschieden sie auch sein mögen: Könige oder Privatleute, Adelige oder Nichtadelige, Hohe oder Niedrige, Gelehrte oder Ungelehrte, Gesunde oder Gebrechliche, Menschen von Geist oder von langsamer Fassungskraft oder von Geistesschwäche, Reiche oder Arme oder mäßig Bemittelte, Männer oder Frauen, Kinder oder Knaben, Jünglinge oder junge Männer, Männer von reifem Alter oder schon Greise, Menschen aller Sprachen und Sitten, aller Künste und Berufe, Menschen von den verschiedensten Willensrichtungen und von der verschiedensten Gewissensverfassung und was es sonst noch für einen Unterschied unter den Menschen geben kann. Denn was gibt es für Menschenklassen, aus denen nicht Gott durch seinen Eingeborenen, unsern Herrn, unter allen Völkern Menschen zur Seligkeit führen wollte und an denen er nicht darum, weil sein Wollen doch kein leeres sein kann, auch wirklich all das erfüllte, was er will.

Für dieses Verständnis des Wortes „alle“ verwies Augustinus auf Lukas 11,42

Aber wehe euch Pharisäern! Denn ihr verzehntet die Minze und die Raute und alles Kraut und übergeht das Gericht und die Liebe Gottes; diese Dinge hättet ihr tun und jene nicht lassen sollen. (Elberfelder)

und schrieb dazu:

Jener Ausdrucksweise hat sich auch der Herr im Evangelium bedient, wo er zu den Pharisäern sagte: „Ihr verzehntet die Minze und die Raute und jedes Kraut“ Denn auch die Pharisäer verzehnteten ja doch nicht alle fremden Kräuter und alle Kräuter aller anderen Völker aller Länder. Wie wir nun hier an dieser Stelle unter „jedem Kraut“ nur alle Arten von Kräutern verstehen, so können wir an jener Stelle unter „allen Menschen“ alle Klassen von Menschen verstehen.

Diese Erklärung passt nicht ganz zum Text, da die Pharisäer ja nur die Gartenkräuter verzehnteten, die sie tatsächlich anbauten und nicht alle möglichen Kräuter aller anderen Völker aller Länder, die sie ja ohnehin nicht hatten. Aber es ist durchaus möglich, dass man das Wort „alle“ in manchen Zusammenhängen so verstehen kann.

Gibt es im konkreten Zusammenhang von 1 Timotheus 2,4 irgendeinen Hinweis darauf, dass Paulus mit „allen Menschen“ nicht alle Menschen, sondern nur alle „Arten“ von Menschen gemeint haben soll?

Im Kontext (1 Timotheus 2,1-7) ruft Paulus zum Gebet für alle Menschen auf, insbesondere für Herrscher und Machthaber. Dadurch können Christen in Ruhe leben, und durch sie kann das Evangelium alle Menschen erreichen. Sie können dadurch von Jesus erfahren, dem einzigen Mittler zwischen Gott und Menschen. Jesus hat sich für das Heil aller Menschen hingegeben (siehe dazu auch den Beitrag Jesu Hingabe als Lösegeld). Es ist hier dreimal von „allen“ die Rede. In Vers 1 fordert Paulus zum Gebet für alle Menschen auf, in Vers 4 will Gott, dass alle Menschen gerettet werden und in Vers 6 hat sich Jesus für alle hingegeben. Paulus hat in diesem Zusammenhang das Wort „alle“ wiederholt betont. Müssten wir da nicht erwarten, dass er, wenn er nicht alle Menschen, sondern nur alle Arten von Menschen gemeint hat, das auch klar ausdrückt?

Können wir dann überhaupt wissen, dass Paulus auch in anderen Stellen, wo er von „allen“ schreibt, tatsächlich alle Menschen meint?

Wie ist es etwa mit Römer 3,23?

Alle haben ja gesündigt und die Herrlichkeit Gottes verloren.

Heißt das dann nur, dass alle Arten von Menschen gesündigt haben, aber doch nicht alle Menschen?

Sprache wird bei einer derartigen Auslegung zur Beliebigkeit. Man interpretiert Texte so, wie sie zur eigenen theologischen Doktrin passen. Nicht der Text ist der Ausgangspunkt, sondern das eigene Vorverständnis.

2 Unterscheidung zwischen Gottes „wünschendem Willen“ und seinem ewigen Ratschluss

John MacArthur schrieb in seiner Studienbibel zu 1 Timotheus 2,4:4

Das gr. Wort für »will« ist nicht der Begriff, der üblicherweise Gottes Willen oder Beschluss ausdrückt (seinen ewigen Ratschluss), sondern es bezeichnet Gottes wünschenden Willen. Man muss unterscheiden zwischen Gottes Wunsch und seinem ewigen rettenden Vorsatz, der über seine Wünsche hinausgeht. […] Letztendlich sind Gottes Entscheidungen nicht von seinen Wünschen bestimmt, sondern von seinem souveränen, ewigen Ratschluss. […]

Im Griechischen steht für das Wort „wollen“ θέλω / thélō. Dieses Wort hat tatsächlich eine große Bandbreite in seiner Bedeutung, kann aber auch einen festen Entschluss ausdrücken (z. B. Matthäus 8,3).

In Johannes 5,21 sagt Jesus:

Denn wie der Vater die Toten auferweckt und lebendig macht, so macht auch der Sohn lebendig, wen er will.

Hier geht es nicht um einen allgemeinen Wunsch Jesu, sondern um seinen Entschluss, den er tatsächlich umsetzen wird.

Daher ist die Erklärung, dass es in 1 Timotheus 2,4 nur um einen „Wunsch“ Gottes gehe, der aber nicht seinem wirklichen Willen entspricht, aus der Bedeutung des Wortes θέλω / thélō nicht ableitbar.

Überdies hat Gott es in seiner Liebe zugelassen, dass Menschen auch seinen Ratschluss, der nach calvinistischer Erklärung doch unwiderstehbar sein soll, für sich selbst wirkungslos machen (Vergleiche Lukas 7,30. Mehr dazu im Beitrag Kann man Gottes Ratschluss verwerfen?)

Gott ist die Liebe (1 Johannes 4,8). Liebe gibt es nur mit Freiheit. Wenn Gott die Errettung aller Menschen will, dann will er sie wirklich. Es ist nicht ein allgemeiner Wunsch, der in Widerspruch zu seinem Ratschluss steht. Doch zwingt Gott seinem Willen niemandem auf. Weil er uns liebt, lässt er uns die Freiheit, seinen Willen auch abzulehnen. Eine Beziehung ohne Freiheit kann niemals eine Liebesbeziehung sein.

Diese Freiheit scheint ein Problem für Calvinisten zu sein, da sie ihrem Konzept von Gottes absoluter Allmacht widerspricht, in dem es für Freiheit keinen Raum gibt.

Für ihre Theologie nehmen sie sogar in Kauf, dass sie an einen Gott glauben, der zwei Willen hat, einen allgemeinen guten Willen für alle, den er aber nicht durchsetzen will, und einen faktischen Ratschluss, der nur wenige Auserwählte rettet, weil er eben doch nicht alle retten will. So führt das vorgebliche Bemühen um die Ehre Gottes, dessen Allmacht von seiner Liebe getrennt wird, zu einem Gott, in dessen Inneren es zwei unterschiedliche Willen gibt. Ist das nicht eine Gotteslästerung?

Gott liebt alle Menschen. Er will das Heil aller. Aber er zwingt niemanden zu seinem Glück.

Gott, der über die Zeiten der Unwissenheit hinweggesehen hat, gebietet jetzt den Menschen, dass überall alle umkehren sollen.
(Apostelgeschichte 17,30)

Denn die Gnade Gottes ist erschienen, um alle Menschen zu retten.
(Titus 2,11)


  1. Bernhard Kaiser, Von der Erwählung, https://www.irt-ggmbh.de/downloads/vondererwaehlung.pdf, S. 16. 
  2. Aus dem Englischen übersetzt nach: https://calvinandcalvinism.wordpress.com/2007/09/16/cavlin-on-1-tim-24-4/
  3. Augustinus, Enchiridion oder Buch vom Glauben, von der Hoffnung und von der Liebe, 27,103
  4. John MacArthur Studienbibel, 6. Auflage Bielefeld 2009, S. 1783. 

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