Die große Drangsal

Denn jene Tage werden eine Drangsal sein, wie es sie nie gegeben hat, von Anfang der Schöpfung, die Gott geschaffen hat, bis heute, und wie es auch keine mehr geben wird. (Markus 13,19)

„Endzeitspezialisten“ erwarten für die Zeit vor dem zweiten Kommen Jesu eine extrem schlimme Zeit, die alle früheren Katastrophen bei Weitem übertreffen wird: die große Drangsal oder große Trübsal. Es gibt verschiedene Varianten dieser Erwartung, die mit dem Glauben an eine Entrückung der Gläubigen zum Herrn verbunden ist. Diese Entrückung könne entweder schon vor der Trübsal, während der Trübsal oder auch erst nach der Trübsal stattfinden. Ich beschäftige mich in diesem Beitrag nicht mit diesen Theorien, sondern möchte möchte mich auf die Verse konzentrieren, die ausdrücklich von einer „großen Drangsal“ sprechen. Der eingangs zitierte Vers aus dem Markusevangelium ist einer davon.

Diese Worte stammen aus einem Gespräch, das Jesus mit Petrus, Jakobus, Johannes und Andreas geführt hat, nachdem sie die Pracht und Herrlichkeit des Herodianischen Tempels bewundert hatten. Diese Rede ist in Markus 13 und Matthäus 24 zu lesen.

Angesichts der Prachtbauten des Mittelpunkts des Judentums erklärte Jesus seinen Jüngern, dass diese Bauten durch eine Katastrophe größten Ausmaßes zerstört werden würden.

Die Worte, in denen Jesus von dieser Drangsal sprach, stehen in direktem Zusammenhang mit der Zerstörung des Tempels und der Stadt Jerusalem.

14 Wenn ihr aber den Gräuel der Verwüstung an dem Ort seht, wo er nicht stehen darf – der Leser begreife -, dann sollen die Bewohner von Judäa in die Berge fliehen; 15 wer gerade auf dem Dach ist, soll nicht hinabsteigen und hineingehen, um etwas aus seinem Haus zu holen; 16 und wer auf dem Feld ist, soll nicht zurückkehren, um seinen Mantel zu holen. 17 Weh aber den Frauen, die in jenen Tagen schwanger sind oder ein Kind stillen! 18 Betet darum, dass es nicht im Winter geschieht! 19 Denn jene Tage werden eine Drangsal sein, wie es sie nie gegeben hat, von Anfang der Schöpfung, die Gott geschaffen hat, bis heute, und wie es auch keine mehr geben wird. 20 Und wenn der Herr die Tage nicht verkürzt hätte, dann würde kein Mensch gerettet; aber um seiner Auserwählten willen hat er die Tage verkürzt. (Markus 13,14-20)

Die Parallele in Matthäus 24,15-22 entspricht im Wesentlichen dem Text bei Markus.

Es ist offensichtlich, dass es hier um Jerusalem geht. Die Bewohner von Judäa sollen in die Berge fliehen. Es soll nicht im Winter (oder an einem Sabbat) geschehen. Wenn Jesus vom „Gräuel der Verwüstung“ sprach, erinnerte das an das Götzenbild, das Antiochus IV. Epiphanes im Jahre 167 v. Chr. im Tempel in Jerusalem aufstellen ließ (vergleiche Daniel 9,27; 11,31; 1 Makkabäer 1,54). Vor der Zerstörung Jerusalems im Jahre 70 wurde kein derartiges Bildnis errichtet. Man könnte möglicherweise die Legionsstandarten der Römer darauf beziehen, die in jüdischen Augen auch als Götzenbilder betrachtet wurden. Jesus hat mit Bildern, die den Jüngern schon aus dem Alten Testament geläufig waren, über die künftige Zerstörung Jerusalems gesprochen. Es ging nicht um eine exakte Vorhersage aller Details, sondern um das Wesentliche, nämlich dass Jerusalem aufgrund der Sünden des Gottesvolkes wieder bestraft werden würde, wie es schon im 6. Jahrhundert vor Christus der Fall gewesen war. Die Beobachtung, dass wir hier keine genaue Beschreibung der Ereignisse des Jahres 70 n. Chr. finden, zeigt, dass dieser Text – entgegen den Behauptungen vieler Theologen – schon vor der Zerstörung der Stadt und des Tempels niedergeschrieben wurde.

Warum spricht Jesus über diese Not als so einzigartig? Von Anfang der Schöpfung gab es keine solche Drangsal, und es wird auch nie wieder etwas Derartiges geben. Die fünf Monate dauernde Belagerung Jerusalems und die nachfolgende Zerstörung waren gewiss eine sehr schlimme Erfahrung für das jüdische Volk. Doch kann man sagen, dass das schlimmer war als Auschwitz, als all die Gräuel, die Despoten wie Dschingis Khan, Tamerlan, Lenin, Hitler, Stalin, Mao, Pol-Pot … verbrochen haben? Kann man die schrecklichen Leiden der Menschen überhaupt miteinander vergleichen?

Vielleicht ging es Jesus mehr um die geistliche Bedeutung der Tempelzerstörung als um die konkreten Schmerzen und Leiden, die die Menschen erdulden mussten, so unvorstellbar schlimm diese auch waren.

Bereits nach der ersten Tempelzerstörung klagte die personifizierte Stadt Jerusalem:

Ihr alle, die ihr des Weges zieht, schaut doch und seht, ob ein Schmerz ist wie mein Schmerz, den man mir angetan, mit dem der HERR mich geschlagen hat am Tag seines glühenden Zornes. (Klagelieder 1,12)

Schon die erste Zerstörung Jerusalems durch die Chaldäer war eine große Katastrophe. Doch gab es damals eine konkrete Hoffnung auf die Rückkehr aus dem Exil und auf den Wiederaufbau der Stadt und des Tempels. Viele Juden besannen sich und wandten sich erneut Gott zu.

Die zweite Zerstörung des Tempels war jedoch von größerer geistlicher Bedeutung. Diesmal wurde der Tempel für immer zerstört. Die Ablehnung des Messias, die in seiner Kreuzigung gipfelte, brachte nach 40 Jahren, in denen es möglich war, umzukehren, das Gericht über die Stadt. Das war eine geistliche Katastrophe einmaligen Ausmaßes. Das Volk Gottes hat sich in Feindschaft gegen Gott erhoben, wenn auch nicht ohne Hoffnung, wie Paulus es ausdrückte:

Vom Evangelium her gesehen sind sie Feinde, und das um euretwillen; von ihrer Erwählung her gesehen aber sind sie Geliebte, und das um der Väter willen. (Römer 11,28)

Die große Drangsal, von der Jesus sprach, gab es also schon im Jahre 70.

Doch bringen nicht die Folgeverse die große Drangsal in Zusammenhang mit der Wiederkunft Christi?

24 Aber in jenen Tagen, nach jener Drangsal, wird die Sonne verfinstert werden und der Mond wird nicht mehr scheinen; 25 die Sterne werden vom Himmel fallen und die Kräfte des Himmels werden erschüttert werden. 26 Dann wird man den Menschensohn in Wolken kommen sehen, mit großer Kraft und Herrlichkeit. 27 Und er wird die Engel aussenden und die von ihm Auserwählten aus allen vier Windrichtungen zusammenführen, vom Ende der Erde bis zum Ende des Himmels. (Markus 13,24-26)

Die Version bei Matthäus ist etwas ausführlicher:

29 Sofort nach den Tagen der großen Drangsal wird die Sonne verfinstert werden und der Mond wird nicht mehr scheinen; die Sterne werden vom Himmel fallen und die Kräfte des Himmels werden erschüttert werden. 30 Danach wird das Zeichen des Menschensohnes am Himmel erscheinen; dann werden alle Völker der Erde wehklagen und man wird den Menschensohn auf den Wolken des Himmels kommen sehen, mit großer Kraft und Herrlichkeit. 31 Er wird seine Engel unter lautem Posaunenschall aussenden und sie werden die von ihm Auserwählten aus allen vier Windrichtungen zusammenführen, von einem Ende des Himmels bis zum andern. (Matthäus 24,29-31)

Die kosmischen Zeichen in Matthäus 24,29 // Markus 13,24-25 sind symbolisch zu deuten. Vor allem das Fallen der Sterne auf die Erde ist physikalisch unmöglich. Auch wenn Jesus und seine Zeitgenossen ein anderes Weltbild als wir hatten, ist davon auszugehen, dass sie das nicht wörtlich verstanden haben.

Im Zusammenhang mit dem Gericht über Babel lesen wir in Jesaja 13,10:

Die Sterne und Sternbilder am Himmel lassen ihr Licht nicht leuchten. Die Sonne ist dunkel bei ihrem Aufgang und der Mond lässt sein Licht nicht scheinen.

Für die Babylonier und andere heidnische Völker waren die Himmelskörper auch Götter. Im Zusammenhang mit dem Gericht über Babel sollte wohl gesagt werden, dass die Götter machtlos sind, wenn das von Gott angekündigte Gericht kommt. Sie können ihren Verehrern nicht helfen.

Im Zusammenhang mit der Zerstörung Jerusalems geht es jedoch nicht um die Gestirnsgötter. Es passt aber eine andere Symbolik, die im Traum Josefs mit Sonne, Mond und Sternen verbunden ist.

9 Er hatte noch einen anderen Traum. Er erzählte ihn seinen Brüdern und sagte: Siehe, ich träumte noch einmal: Und siehe, die Sonne, der Mond und elf Sterne warfen sich vor mir nieder. 10 Als er davon seinem Vater und seinen Brüdern erzählte, schalt ihn sein Vater und sagte zu ihm: Was soll der Traum, den du da geträumt hast? Sollen wir etwa, ich, deine Mutter und deine Brüder, kommen und uns vor dir zur Erde niederwerfen? (Genesis 37,9-10)

Sonne, Mond und Sterne stehen hier für die Familie Jakobs, den Ursprung des Volkes Israel. Sonne und Mond werden verfinstert, die Sterne fallen vom Himmel. Das Volk Israel verliert seine Stellung vor Gott. Auch die Sterne, die in Daniel 8,10 auf die Erde geworfen wurden, scheinen für abgefallene Juden zu stehen.

Nachdem die Sterne vom Himmel gefallen sind, erscheint das Zeichen des Menschensohns am Himmel. Das sichtbare Volk Gottes ist nunmehr die Gemeinde.1 Die Gemeinde repräsentiert den Menschensohn, Jesus, der sich mit der Gemeinde identifiziert (vergleiche Apostelgeschichte 9,4). Wie viel Zeit dann noch bis zum sichtbaren Kommen des Herrn vergehen wird, lässt der Text offen.

Die in Markus 13,24 // Matthäus 24,29 erwähnte Drangsal ist dieselbe wie die zuvor im Zusammenhang mit der Zerstörung Jerusalems genannte. Aus den Worten Jesu in der sogenannten „Endzeitrede“ kann man nicht entnehmen, dass es kurz vor seiner Wiederkunft eine große Drangsal geben werde.

Eine weitere Stelle, in der von der großen Drangsal die Rede ist, finden wir im Buch der Offenbarung.

9 Danach sah ich und siehe, eine große Schar aus allen Nationen und Stämmen, Völkern und Sprachen; niemand konnte sie zählen. Sie standen vor dem Thron und vor dem Lamm, gekleidet in weiße Gewänder, und trugen Palmzweige in den Händen. 10 Sie riefen mit lauter Stimme und sprachen: Die Rettung kommt von unserem Gott, der auf dem Thron sitzt, und von dem Lamm. 11 Und alle Engel standen rings um den Thron, um die Ältesten und die vier Lebewesen. Sie warfen sich vor dem Thron auf ihr Angesicht nieder, beteten Gott an 12 und sprachen: Amen, Lob und Herrlichkeit, Weisheit und Dank, Ehre und Macht und Stärke unserem Gott in alle Ewigkeit. Amen 13 Da nahm einer der Ältesten das Wort und sagte zu mir: Wer sind diese, die weiße Gewänder tragen, und woher sind sie gekommen? 14 Ich erwiderte ihm: Mein Herr, du weißt das. Und er sagte zu mir: Dies sind jene, die aus der großen Bedrängnis kommen; sie haben ihre Gewänder gewaschen und im Blut des Lammes weiß gemacht. 15 Deshalb stehen sie vor dem Thron Gottes und dienen ihm bei Tag und Nacht in seinem Tempel; und der, der auf dem Thron sitzt, wird sein Zelt über ihnen aufschlagen. 16 Sie werden keinen Hunger und keinen Durst mehr leiden und weder Sonnenglut noch irgendeine sengende Hitze wird auf ihnen lasten. 17 Denn das Lamm in der Mitte vor dem Thron wird sie weiden und zu den Quellen führen, aus denen das Wasser des Lebens strömt, und Gott wird alle Tränen von ihren Augen abwischen. (Offenbarung 7,9-17)

Johannes sieht eine unzählbar große Schar von Menschen aus allen Völkern. Einer der Ältesten deutet dem Seher die Vision. Ist hier gemeint, dass es kurz vor dem Ende der Geschichte eine große Bedrängnis geben wird, und dass es hier nur um die Märtyrer geht, die in dieser großen Drangsal ihr Leben für den Herrn gegeben haben? Oder meint das Bild mehr? Die Bilder der Offenbarung sind manchmal vielschichtig und haben mehrere Bedeutungsebenen. Es scheint hier so zu sein, dass einerseits – im Unterschied zu den in den Versen 4-8 genannten Versiegelten aus den zwölf Stämmen Israels – die Geretteten aus allen Nationen gemeint sind. Andererseits wird der Aspekt der Bedrängnis, der Verfolgung betont. Im Hintergrund darf man die große Verfolgung unter Nero annehmen, die zur Zeit der Niederschrift der Offenbarung noch in frischer Erinnerung war. Damals musste jeder Christ in Rom mit hoher Wahrscheinlichkeit damit rechnen, als Märtyrer zu sterben. So steht in manchen Stellen der Offenbarung der Märtyrer als Prototyp des Christen. Die Lebenshingabe bis zum Tod ist auch die Erwartung des Herrn an jeden Christen, auch wenn es in der Praxis meist nicht so weit kommt. So stehen die Märtyrer aus der neronischen Verfolgung als Sinnbild für alle Christen aus den Heidenvölkern. Das bedeutet nun nicht, dass es kurz vor der Wiederkunft Christi eine große Drangsal geben wird. Aber es heißt, dass Verfolgung und Bedrängnis wesensmäßig zum Christsein gehört.

Aber auch alle, die in der Gemeinschaft mit Christus Jesus ein frommes Leben führen wollen, werden verfolgt werden. (2 Timotheus 3,12)

Diese Verfolgung sieht in unterschiedlichen Zeiten und Situationen auch unterschiedlich aus. Das kann bedeuten, dass man Spott ausgesetzt ist oder Probleme am Arbeitsplatz bekommt oder von Freunden oder Verwandten Ablehnung erfährt. Es kann aber auch Gefängnis, Folter und Tod meinen.

Zeiten der Bedrängnis und Verfolgung hat es immer wieder gegeben und wird es auch in Zukunft immer wieder geben. Das heißt aber nicht, dass es die eine große Drangsal kurz vor der Wiederkunft geben wird.

2 Ihr selbst wisst genau, dass der Tag des Herrn kommt wie ein Dieb in der Nacht. 3 Während die Menschen sagen: Friede und Sicherheit!, kommt plötzlich Verderben über sie wie die Wehen über eine schwangere Frau und es gibt kein Entrinnen. 4 Ihr aber, Brüder, lebt nicht im Finstern, sodass euch der Tag nicht wie ein Dieb überraschen kann. (1 Thessalonicher 5,2-4)

Es wird keine Vorzeichen der Wiederkunft geben. Da wir jeden Tag sterben können, ist es auch nicht wichtig, sich auf den Tag des Kommens Christi am Ende der Geschichte zu konzentrieren. Es geht darum, jeden Tag bereit zu sein, vor dem Herrn zu stehen.

Das Leben des Christen in dieser Welt ist nicht frei von Bedrängnis, ob diese Bedrängnisse die alltäglichen kleineren Probleme sein mögen, die sich durch die Treue im Glauben ergeben, oder ob es Zeiten harter Verfolgung sein mögen. Was beständig bleibt, ist die Zusage Jesu:

Dies habe ich zu euch gesagt, damit ihr in mir Frieden habt. In der Welt seid ihr in Bedrängnis; aber habt Mut: Ich habe die Welt besiegt. (Johannes 16,33)


  1. Das bedeutet nicht, dass das Volk Israel keine heilsgeschichtliche Bedeutung mehr hat. Doch das ist hier nicht das Thema. 

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