Fratelli tutti – Alle sind Brüder

Unter dem Titel „Fratelli tutti“ veröffentlichte Jorge Mario Bergoglio (besser bekannt als Papst Franziskus) vor kurzem eine Enzyklika. Den Titel „Alle [sind] Brüder“ entnahm er einem von mir nicht verifizierbaren Zitat von Franz von Assisi. Der Inhalt des Schreibens beschäftigt sich weitgehend mit politischen Fragen, auf die ich hier nicht näher eingehen möchte. Positiv ist mir aufgefallen, dass Bergoglio in Punkt 18 den fehlenden Schutz der Ungeborenen und der Alten kritisiert. Er tat das im Vergleich zu den anderen Punkten nur ganz kurz, vermutlich nur, um dieses Thema auch unterzubringen. Aber immerhin hat er das größte Verbrechen der Gegenwart auch angesprochen.

Ich möchte mich hier mit der Frage beschäftigen, inwiefern man auf der Basis der Bibel sagen kann, dass alle Menschen Brüder seien. Welche Bedeutung hat das religiöse Bekenntnis in dieser Frage? Immerhin hat sich Bergoglio vom Großimam Ahmad Al-Tayyeb (der auch schon durch judenfeindliche Aussagen aufgefallen ist) zum Schreiben dieser Enzyklika anregen lassen.

Vom biblischen Befund her betrachten, gibt es auf die Frage „‚Wer ist mein Bruder?“ eine differenzierte Antwort.

1 Alle Menschen sind Geschöpfe Gottes

Im ersten Kapitel der Bibel lesen wir über die Schöpfung des Menschen:

Gott erschuf den Menschen als sein Bild, als Bild Gottes erschuf er ihn. Männlich und weiblich erschuf er sie. (Genesis 1,27)

In der Gottesebenbildlichkeit des Menschen liegt der Grund für die Würde aller Menschen. Gott hat den Menschen nach seinem Bild geschaffen, mit dem Ziel der Gemeinschaft mit seinem Schöpfer. Diese Würde ist jedem Menschen geschenkt.

26 Er hat aus einem einzigen Menschen das ganze Menschengeschlecht erschaffen, damit es die ganze Erde bewohne. Er hat für sie bestimmte Zeiten und die Grenzen ihrer Wohnsitze festgesetzt. 27 Sie sollten Gott suchen, ob sie ihn ertasten und finden könnten; denn keinem von uns ist er fern. (Apostelgeschichte 17,26-27)

Das Ziel ist nicht eine Vielfalt von Religionen (wie sie von Bergoglio und Ahmad Al-Tayyeb in der Abu-Dhabi-Erklärung als einem weisen göttlichen Willen entsprechend postuliert wird) , sondern dass alle Menschen den einen und wahren Gott suchen und finden.

Die einzige mir bekannte Stelle aus der Bibel, in der das Wort „Bruder“ allgemein auf alle Menschen bezogen wird, ist im Gleichnis vom Weltgericht.

Darauf wird der König ihnen antworten: Amen, ich sage euch: Was ihr für einen meiner geringsten Brüder getan habt, das habt ihr mir getan. (Matthäus 25,40)

Jesus spricht in diesem Gleichnis über das Gericht an allen Völkern. Alle, die die Offenbarung Gottes nicht vernommen haben, werden danach gerichtet, wie sie mit ihren notleidenden Mitmenschen umgegangen sind. Durch die Hilfe, die sie ihnen gewährt haben, haben Sie Jesus gedient, der diese Menschen in Not seine Brüder nennt.

Darum ist jede Initiative, die dazu führt, dass die Menschen – unabhängig von Nationalität, Sprache oder Religion – einander mit Respekt und Vertrauen begegnen, grundsätzlich zu begrüßen. Nicht zu begrüßen ist jedoch, wenn zugleich die Unterschiede zwischen den verschiedenen Religionen verwischt werden. Echte Liebe will immer das Beste für den Mitmenschen. Echte Liebe will daher auch, dass der Mitmensch Gott und die von ihm offenbarte Wahrheit findet. Das geht nur durch respektvolles Gespräch, ohne Zwang und Gewalt, wie das von Bergoglios Vorgängern und von Al-Tayyebs Propheten propagiert wurde. Durch Verwischen der Unterschiede zwischen Wahrheit und Lüge wird jedoch keinem Menschen geholfen, sondern – im Gegenteil – schwer geschadet.

2 Die Brüderlichkeit unter den Gläubigen

Wenn wir im Neuen Testament das Wort „Bruder“ lesen, geht es in der Regel nicht um eine weltweite Bruderschaft aller Menschen, sondern um die brüderliche Beziehung der Gläubigen zueinander.

Das hängt mit der Frage nach der Gotteskindschaft zusammen.

11 Er kam in sein Eigentum, aber die Seinen nahmen ihn nicht auf. 12 Allen aber, die ihn aufnahmen, gab er Macht, Kinder Gottes zu werden, allen, die an seinen Namen glauben, 13 die nicht aus dem Blut, nicht aus dem Willen des Fleisches, nicht aus dem Willen des Mannes, sondern aus Gott geboren sind. (Johannes 1,11-13)

Nach dem Neuen Testament ist der Mensch nicht aufgrund seiner Geschöpflichkeit Kind Gottes, sondern aufgrund seines Glaubens an Jesus. Wer Jesus aufnimmt, d. h., wer an ihn glaubt und ihm folgt, ist Kind Gottes. Die Gotteskindschaft wird nicht vererbt, sondern kann nur durch die jeweils eigene Entscheidung erlangt werden. Gott möchte, dass alle Menschen seine Kinder werden. In seiner Liebe akzeptiert er aber die freie Entscheidung jedes Einzelnen. Wer Jesus nicht aufnehmen will, kann daher auch nicht Gottes Kind sein.

Durch die Gotteskindschaft der Gläubigen entsteht unter den Kindern Gottes auch eine neue brüderliche Beziehung zueinander.

Was das konkret bedeutet, können wir im Neuen Testament immer wieder lesen.

Lukas beschreibt in der Apostelgeschichte die Gemeinschaft unter den Gläubigen so:

44 Und alle, die glaubten, waren an demselben Ort und hatten alles gemeinsam. 45 Sie verkauften Hab und Gut und teilten davon allen zu, jedem so viel, wie er nötig hatte. 46 Tag für Tag verharrten sie einmütig im Tempel, brachen in ihren Häusern das Brot und hielten miteinander Mahl in Freude und Lauterkeit des Herzens. 47 Sie lobten Gott und fanden Gunst beim ganzen Volk. Und der Herr fügte täglich ihrer Gemeinschaft die hinzu, die gerettet werden sollten. (Apostelgeschichte 2,44-47)

32 Die Menge derer, die gläubig geworden waren, war ein Herz und eine Seele. Keiner nannte etwas von dem, was er hatte, sein Eigentum, sondern sie hatten alles gemeinsam. 33 Mit großer Kraft legten die Apostel Zeugnis ab von der Auferstehung Jesu, des Herrn, und reiche Gnade ruhte auf ihnen allen. 34 Es gab auch keinen unter ihnen, der Not litt. Denn alle, die Grundstücke oder Häuser besaßen, verkauften ihren Besitz, brachten den Erlös 35 und legten ihn den Aposteln zu Füßen. Jedem wurde davon so viel zugeteilt, wie er nötig hatte. (Apostelgeschichte 4,32-35)

Diese Gemeinschaft, das Teilen der Zeit, der Güter, des Lebens miteinander, ist nur möglich, wenn es eine gemeinsame starke Basis gibt, die die Menschen verbindet und tiefes Vertrauen zueinander ermöglicht. Diese Art der Brüderlichkeit ist mit allen Menschen gar nicht möglich. Sie kann nur funktionieren, wenn der gemeinsame Wille da ist, ein Leben in Heiligkeit zu führen. Dort, wo sich jeder Einzelne von Gott führen und verändern lässt, ist die Grundlage gegeben, die das von den ersten Christen praktizierte Leben ermöglicht.

Von dieser im Neuen Testament bezeugten Brüderlichkeit kann Bergoglio nicht schreiben, weil er sie selber nicht kennt.

Den Satz „Ihr alle seid Brüder“ (italienisch: Voi siete tutti fratelli.) sagte Jesus in Matthäus 23,8:

Ihr aber sollt euch nicht Rabbi nennen lassen; denn nur einer ist euer Meister, ihr alle aber seid Brüder.

Jesus hat hier gegen die Ehr- und Titelsucht der religiösen Führer seiner Zeit gesprochen. Unter seinen Jüngern, die alle Brüder sind, darf diese Ehr- und Titelsucht keinen Platz haben. In diesem Kontext ist auch Vers 9 bedenkenswert:

Auch sollt ihr niemanden auf Erden euren Vater nennen; denn nur einer ist euer Vater, der im Himmel.

Ausgerechnet der Mann, der dieses Wort Jesu völlig missachtet, indem er sich „Heiliger Vater“ nennen lässt, maßt sich also an, die Menschheit über ihre Brüderlichkeit zu belehren. Hat er den Titel seiner Enzyklika „Fratelli tutti“ deswegen einem Franziskus-Zitat entnommen und nicht den gleichlautenden Worten Jesu, weil Matthäus 23,8 doch zu nahe zu Matthäus 23,9 steht, das seine Position grundsätzlich widerlegt?

Was für uns wichtig ist und worüber Bergoglio nicht schreibt, ist der Aufruf an alle Menschen, egal ob sie christlichen, islamischen, buddhistischen oder atheistischen Hintergrund haben, an Jesus als den einzigen Weg zum himmlischen Vater zu glauben, von den Sünden umzukehren und Jesus nachzufolgen. Nur auf dieser Basis ist eine wahrhaft brüderliche Beziehung möglich. Nur wo diese neue brüderliche Beziehung existiert, ist die Gemeinde Jesu. Nicht dort, wo man alte Riten und Traditionen befolgt, die das Leben nicht verändern, und das ganze mit einem oberflächlichen Einheitsgefühl überdeckt.

13 Geht durch das enge Tor! Denn weit ist das Tor und breit der Weg, der ins Verderben führt, und es sind viele, die auf ihm gehen. 14 Wie eng ist das Tor und wie schmal der Weg, der zum Leben führt, und es sind wenige, die ihn finden. (Matthäus 7,13-14)

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