Ein Wunder, damit alle glauben …

Unter den vom römisch-katholischen Lehramt anerkannten Marienerscheinungen ragen neben denen von Lourdes vor allem die Erscheinungen im portugiesischen Fatima hervor. Den Berichten zufolge war am 13. Mai 1917 eine in weiß gekleidete Dame, strahlender als die Sonne, drei Kindern im Alter von sieben, acht und zehn Jahren erschienen. Sie bat sie, auch in den kommenden fünf Monaten jeweils am 13. um zwölf Uhr mittags zu dem besagten Ort zu kommen. Das taten die Kinder auch. Am 13. Juli sagte ihnen die Erscheinung: „Kommt weiterhin jeden Monat hierher! Im Oktober werde ich euch sagen, wer ich bin und was ich wünsche und werde ein Wunder tun, damit alle glauben“.“ Dieselbe Ankündigung eines Wunders, damit alle glauben, das am 13. Oktober geschehen sollte, gab es auch im August und im September.

Am 13. Oktober sollen dann tatsächlich 50.000 bis 70.000 Personen an jenem Ort gewesen sein, von einem Professor, der angeblich einen guten Überblick hatte, wurde die Zahl der anwesenden Menschen sogar auf 100.000 geschätzt.

Zuerst regnete es intensiv, dann aber wurden diese Menschen den Berichten zufolge Zeugen des sogenannten Sonnenwunders. Ein Reporter einer Zeitung berichtete:

Vor den erstaunten Augen der Menge, die, barhäuptig den Blick zum Himmel gewandt, einen biblischen Anblick bot, begann die Sonne zu zittern und führte plötzlich unglaubliche, außerhalb jeglichen kosmischen Gesetzes liegende Bewegungen aus. Die Sonne ‚tanzte‘, das war der typische Ausdruck, wie er von den Leuten gebraucht wurde. Die große Mehrheit bestätigte, dass sie die Sonne ‚zittern‘ und ‚tanzen‘ sah, während andere glaubten, das Antlitz der seligen Jungfrau gesehen zu haben. Wieder andere schworen, dass sich die Sonne um sich selbst gedreht habe wie ein gigantisches Feuerrad und dass sie sich der Erde näherte, als wollten ihre Strahlen sie verbrennen. Einige hatten festgestellt, dass sich die Farben laufend änderten.“

Ich bin in der Darstellung einem Artikel von Dr. Michael Hesemann auf kath.net gefolgt, der die Sache vom katholischen Standpunkt aus darstellt. Ich möchte seine Darstellung nicht von vornherein infrage stellen.

Interessant ist sein abschließendes Statement:

50.000 bis 100.000 Augenzeugen, darunter auch Kritiker, Atheisten und Vertreter der bürgerlichen Presse, konnten nicht alle Opfer einer Massensuggestion oder kollektiven Hysterie geworden sein. Kein astronomisches Observatorium, weder in Portugal noch in einem anderen Teil der Welt, hatte an diesem 13. Oktober 1917 irgendwelche Anomalien auf der Sonnenoberfläche beobachtet, eine natürliche Erklärung war also ausgeschlossen. Was immer die Zeugen von Fatima gesehen hatten, es blieb ein Mysterium.

Es ist offensichtlich, dass es sich bei den Geschehnissen vom 13. Oktober 1917 nicht um ein astronomisches Ereignis handeln konnte. Hätte die Sonne wirklich zu „tanzen“ begonnen, hätte das katastrophale Auswirkungen auf das gesamte Sonnensystem gehabt. Was immer geschehen war, war es etwas, das örtlich beschränkt war. Der maximale Umkreis, in dem das „Sonnenwunder“ zu sehen war, war 50 km. Ich möchte keine endgültige Erklärung liefern, doch für mich scheint das nicht anders erklärbar, als dass sich alles, was gesehen wurde, in den Gehirnen der Menschen abgespielt hat, da ja die echte Sonne nicht tanzen konnte. Auch wenn es tatsächlich ein Wunder gewesen sein sollte, spricht doch einiges dagegen, dass dieses Wunder göttlichen Ursprungs war.

Ich möchte hier vor allem auf einen Aspekt hinweisen, nämlich, dass ein Wunder auf Tag und Stunde genau angekündigt wurde, mit dem Ziel: damit alle glauben.

1 Da kamen die Pharisäer und Sadduzäer zu Jesus, um ihn zu versuchen. Sie forderten von ihm, ihnen ein Zeichen vom Himmel zu zeigen. 2 Er antwortete ihnen: Wenn es Abend wird, sagt ihr: Es kommt schönes Wetter; denn der Himmel ist feuerrot. 3 Und am Morgen sagt ihr: Heute kommt schlechtes Wetter, denn der Himmel ist feuerrot und trübt sich ein. Das Aussehen des Himmels wisst ihr zu beurteilen, die Zeichen der Zeit aber könnt ihr nicht beurteilen. 4 Diese böse und treulose Generation fordert ein Zeichen, aber es wird ihr kein anderes gegeben werden als das Zeichen des Jona. Und er ließ sie stehen und ging weg.  (Matthäus 16,1-4)

Von Jesus wurde ein Zeichen vom Himmel gefordert. Jesus hat ein derartiges Wunder abgelehnt. Die Dame von Fatima hingegen soll genau so ein Wunder gewirkt haben. Hat Gott im Laufe der Jahrhunderte seine Meinung geändert?

Jesus hat viele Wunder gewirkt. Die meisten seiner Wunder waren darauf ausgerichtet, dass Menschen in einer Notsituation geholfen wird. Es ging vor allem um Heilungen und um Befreiung von dämonischen Mächten. Tote wurden ins Leben zurückgerufen. Auch die beiden Brotvermehrungen sollten den Menschen in einer Notlage helfen, ebenso die Stillung des Sturms am See Gennesaret. Diese Machttaten Jesu hatten auch den Sinn, den Glauben in den Menschen zu fördern. Doch hat Jesus kein Schauwunder gewirkt, das nur zur Demonstration seiner Wundermacht dienen sollte, um die Menschen zum Glauben zu führen.

Eine gewisse Ausnahme war der Seewandel (Matthäus 14,25-31). Durch dieses Wunder sollte der Glaube der Jünger gestärkt werden. Aber sie waren schon Jünger Jesu. Sie mussten nicht vom Unglauben zum Glauben geführt werden. Dieses Wunder war auch nicht Monate vorher angekündigt und fand im vertrauten Jüngerkreis statt. Es war kein Wunder, das die Massen zum Glauben führen sollte.

Am Tag nach der Speisung der 5000 wurde Jesus eine Frage gestellt:

30 Sie sagten zu ihm: Welches Zeichen tust du denn, damit wir es sehen und dir glauben? Was für ein Werk tust du? 31 Unsere Väter haben das Manna in der Wüste gegessen, wie es in der Schrift heißt: Brot vom Himmel gab er ihnen zu essen. 32 Jesus sagte zu ihnen: Amen, amen, ich sage euch: Nicht Mose hat euch das Brot vom Himmel gegeben, sondern mein Vater gibt euch das wahre Brot vom Himmel. 33 Denn das Brot, das Gott gibt, kommt vom Himmel herab und gibt der Welt das Leben. (Johannes 6,30-33)

Einen Tag nach einem großen Wunder wurde Jesus gefragt, welches Zeichen er tut, damit sie ihm glauben, als ob die Speisung einer großen Menschenmenge mit fünf Broten und zwei Fischen nicht gereicht hätte. Jesus war nicht bereit, ihnen ein weiteres Wunder vorzuführen, damit sie nun doch endlich an ihn glaubten. Er hat die Menschen darauf hingewiesen, dass er das Brot ist, das vom Himmel herabgekommen ist. Wer nur um der Wunder willen glaubt, hat etwas sehr Wesentliches vom Glauben nicht verstanden. Es geht um ein tiefes Vertrauen in Gott, darum, dass man sich selbst ganz Gott anvertraut und ihm die Herrschaft über das eigene Leben gibt. Diese Entscheidung muss aus Freiheit geschehen und kann nie durch ein Wunder bewirkt oder erzwungen werden.

Man könnte einwenden, dass Johannes schreibt, dass die Wunder zum Glauben führen sollen:

30 Noch viele andere Zeichen hat Jesus vor den Augen seiner Jünger getan, die in diesem Buch nicht aufgeschrieben sind. 31 Diese aber sind aufgeschrieben, damit ihr glaubt, dass Jesus der Christus ist, der Sohn Gottes, und damit ihr durch den Glauben Leben habt in seinem Namen. (Johannes 20,30-31)

Die Wunder Jesu bezeugen seine ihm von Gott geschenkte Autorität, seine Messianität. Insofern sind sie eine Hilfe zum Glauben und deswegen hat Johannes diese Wunder auch aufgeschrieben. Aber Jesus hat diese Wunder nicht alleine aus diesem Grund gewirkt, sondern hat, wie bereits erwähnt, den Menschen in ihren Nöten geholfen. Seine Wunder waren keine Schauwunder.

Auch die mit dem Wunder in Fatima verbundene Lehre unterscheidet sich wesentlich von den biblischen Wundern. Im Zentrum steht nicht Gott oder sein ewiger Sohn, sondern die Dame in weißen Kleidern, die sich als „Unsere Liebe Frau vom Rosenkranz“ vorgestellt hat. Diese Erscheinung hatte nicht das im Sinn, was die echte Maria, die Mutter Jesu sagte:

Was er euch sagt, das tut! (Johannes 2,5b)

Auch die Betonung des Gebets zu Maria besonders in der Form des Rosenkranzes, oder die etwas eigenwillige Vorstellung von Satan oder die Höllenschau in den Visionen passen nicht zu der biblischen Offenbarung. Diese Punkte werden vielleicht später behandelt werden.

Jesus sagte zu ihm: Ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben; niemand kommt zum Vater außer durch mich.
(Johannes 14,6)

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