Warum Tieropfer?

Vor kurzem schrieb ich den Beitrag Tieropfer und Stellvertretung, in dem es um den Zusammenhang der alttestamentlichen Tieropfer mit dem Opfer Jesu geht. Da stellt sich die grundsätzliche Frage nach dem Sinn der Tieropfer. Warum finden wir im Alten Testament so viele Gesetze, die sich mit dem Schlachten von Tieren im Gottesdienst befassen? War es für Gott wirklich wichtig, dass Menschen aus religiösen Gründen Tiere töten? Darum soll es in diesem Beitrag gehen.

Zur Frage nach dem Warum der Tieropfer habe ich auf einer jüdischen Website die ernüchternde Antwort gefunden:

[…] Tieropfer hingegen lehren uns weder Gehorsam noch Zurückhaltung, sie sind lediglich ein Akt der Huldigung G-ttes. Dennoch wissen wir, dass Er unsere Opfer braucht. Das macht das Opfern zu einem einzigartig berührenden Ausdruck unserer Hingabe an Ihn.

[…] Allmächtiger G-tt, wir haben keine Ahnung, warum Du um Opfer gebeten hast, aber jetzt, da Du es getan hast, wollen wir Dir nur noch gefallen. (Yossi Ives, Was ist der Zweck von Tieropfern, Hervorhebung von mir)

Der Wunsch, Gott gefallen zu wollen, ist begrüßenswert. Doch braucht Gott tatsächlich unsere Opfer?

7 Höre, mein Volk, ich rede. Israel, ich bin gegen dich Zeuge, Gott, dein Gott bin ich. 8 Nicht wegen deiner Opfer rüge ich dich, deine Brandopfer sind mir immer vor Augen. 9 Aus deinem Haus nehme ich keinen Stier an, keine Böcke aus deinen Hürden. 10 Denn mir gehört alles Wild des Waldes, das Vieh auf den Bergen zu Tausenden. 11 Ich kenne alle Vögel der Berge, was sich regt auf dem Feld, ist mein Eigen. 12 Hätte ich Hunger, ich brauchte es dir nicht zu sagen, denn mein ist der Erdkreis und seine ganze Fülle. 13 Soll ich denn das Fleisch von Stieren essen und das Blut von Böcken trinken? 14 Bring Gott ein Opfer des Dankes und erfülle dem Höchsten deine Gelübde! 15 Ruf mich am Tage der Not; dann rette ich dich und du wirst mich ehren. (Psalm 50,7-15)

18 Schlachtopfer willst du nicht, ich würde sie geben, an Brandopfern hast du kein Gefallen. 19 Schlachtopfer für Gott ist ein zerbrochener Geist, ein zerbrochenes und zerschlagenes Herz wirst du, Gott, nicht verschmähen. (Psalm 51,18-19)

7 An Schlacht- und Speiseopfern hattest du kein Gefallen, doch Ohren hast du mir gegraben, Brand- und Sündopfer hast du nicht gefordert. (Psalm 40,7)

Nach den Worten der Psalmisten braucht Gott keine Opfer. Er will sie auch nicht. Warum hat er sie dann geboten?

Gehen wir zurück an den Beginn der biblischen Erzählung! Das erste Opfer, über das die Bibel schreibt, ist das Opfer von Kain und Abel1. Wir lesen darüber in Genesis 4,3-5. In Vers 3 heißt es einfach:

Nach einiger Zeit brachte Kain dem HERRN eine Gabe von den Früchten des Erdbodens dar.

Kain und Abel haben ihre Gaben dargebracht, ohne dass es von Gott ausdrücklich geboten worden wäre. Liegt es nicht einfach in der Natur eines Menschen, der sich seiner Abhängigkeit vom Schöpfer bewusst ist, dass er aus Dankbarkeit für seine Gaben oder aus dem Wunsch heraus, seine Bitte durch eine Gabe zu unterstreichen, Gott etwas, von der Frucht seiner Arbeit zum Geschenk macht? Auch bei der Bitte um Sündenvergebung, um die es beim Opfer von Kain und Abel jedoch nicht geht, konnte ein Opfer ein Ausdruck der tiefen Reue um das begangene Unrecht sein.

Wir sehen auch bei den nächsten in der Bibel erzählten Opfern kein Gebot Gottes zum Opfer. Das war weder bei Noach (Genesis 8,20) noch bei Abraham2 (Genesis 12,7.8; 13,4.18; 21,33) der Fall.

Den ersten Aufruf Gottes zu einem Opfer finden wir in Genesis 22,1-2, wo Gott Abraham sagte, er solle seinen Sohn als Brandopfer darbringen.Hier ging es aber um eine ganz spezielle Situation, auch nicht um ein Tieropfer, sondern, was noch problematischer ist, um ein Menschenopfer. Mehr dazu im Beitrag: Die Prüfung Abrahams.

Erst in Exodus 12,3-6 findet sich mit dem Gebot des Schlachtens des Paschalammes die erste göttliche Anordnung, ein Opfertier zu schlachten. Das Paschalamm hatte aber unter den (später gebotenen) Opfern eine Sonderstellung, da es nicht auf dem Altar dargebracht wurde, sondern in den Häusern verzehrt wurde.

In späteren Teilen der Thora finden wir Texte, in denen die Opfer, die Israel darbringen sollte, im Detail geregelt wurden (besonders Levitikus 1-7; Numeri 28-29, aber auch viele andere Stellen).

Ich würde folgende Gedankenreihe dazu vorschlagen:

  • Gott braucht keine Opfer. Das wird in den oben angeführten Psalmstellen klar ausgedrückt.
  • Der Mensch spürt in seinem Inneren den richtigen Drang, sich Gott durch Hingabe von etwas Wertvollem erkenntlich zu zeigen, ihm seinen Dank auszudrücken.
    Oder er konnte seine Bitte um die göttliche Hilfe durch ein kostbares Geschenk bestärken. In einem heidnischen Denken konnte das auch dazu führen, dass man mit Gott eine Art Geschäftsverbindung eingehen wollte: Ich gebe dir etwas, damit du mir meine Wünsche erfüllst.
    Der Verzicht auf ein wertvolles Tier konnte auch Ausdruck der Ernsthaftigkeit der Reue für begangene Sünden sein. So konnte ein Tieropfer auch die Bitte um Vergebung unterstützen.
  • Tieropfer waren in der Antike bei fast allen Religionen verbreitet.
  • Für viele Menschen im Volk Israel wäre eine Gottesverehrung ohne Tieropfer eine Überforderung gewesen.
  • Deswegen hat Gott die Tieropfer im Volk Israel als Ausdruck der Gottesverehrung zugelassen.
  • Die Opfergesetze der Bibel dienten vor allem dazu, dass die Opfer im Rahmen eines geordneten Regelwerks dargebracht werden.

Die Tieropfer wären demnach nicht der ursprüngliche Wille Gottes gewesen, sie waren von Gott vielleicht wegen der „Herzenshärte“ des Volkes akzeptiert und in die religiöse Glaubenswelt Israels integriert worden.

Vielleicht wurde in früher Zeit jedes Töten eines Tieres als eine Art Opfer betrachtet, da man Gott, dem Schöpfer allen Lebens, etwas von dem Leben, dem man nun ein Ende gesetzt hat, zurückgeben wollte. Man könnte Levitikus 17,3-4 und Deuteronomium 12,13-15 in diese Richtung verstehen. Nun aber sollte zwischen „normalen“ Schlachtungen und Opfern unterschieden werden.

Dass Opfer allein für die Beziehung zu Gott zu wenig waren, wurde nicht nur in den oben zitierten Psalmen, sondern immer wieder von den Propheten ausgedrückt, z. B. von Jesaja:

10 Hört das Wort des HERRN, ihr Wortführer von Sodom! Horcht auf die Weisung unseres Gottes, Volk von Gomorra! 11 Was soll ich mit euren vielen Schlachtopfern?, spricht der HERR. Die Brandopfer von Widdern und das Fett von Mastkälbern habe ich satt und am Blut der Stiere, Lämmer und Böcke habe ich kein Gefallen. 12 Wenn ihr kommt, um vor meinem Angesicht zu erscheinen – wer hat von euch verlangt, dass ihr meine Vorhöfe zertrampelt? 13 Bringt mir nicht länger nutzlose Gaben, Räucheropfer, die mir ein Gräuel sind! Neumond und Sabbat, das Ausrufen von Festversammlungen, ich ertrage nicht Frevel und Feier. 14 Eure Neumonde und Feste sind mir in der Seele verhasst, sie sind mir zur Last geworden, ich bin es müde, sie zu ertragen. 15 Wenn ihr eure Hände ausbreitet, verhülle ich meine Augen vor euch. Wenn ihr auch noch so viel betet, ich höre es nicht. Eure Hände sind voller Blut. 16 Wascht euch, reinigt euch! Schafft mir eure bösen Taten aus den Augen! Hört auf, Böses zu tun! 17 Lernt, Gutes zu tun! Sucht das Recht! Schreitet ein gegen den Unterdrücker! Verschafft den Waisen Recht, streitet für die Witwen! (Jesaja 1,10-17)

Was bei Gott zählt, ist die Veränderung des Herzens, nicht das Töten eines Tiers. Diese Veränderung führt zu einem Leben, das Gott gefällt und den Mitmenschen in ihren Nöten hilft. Der Prophet Hosea hat es so ausgedrückt:

Denn an Liebe habe ich Gefallen, nicht an Schlachtopfern, an Gotteserkenntnis mehr als an Brandopfern. (Hosea 6,6; von Jesus in Matthäus 9,13; 12,7 zitiert)

Die Tieropfer gehörten nicht zum Kern der alttestamentlichen Gottesverehrung. Sie waren ein Teil der antiken Kultur, der auch in die Religion Israels integriert wurde, aber ohne den heidnischen Gedanken, dass die Gottheit das Opfer brauchte oder dass man dadurch mit der Gottheit in eine Geschäftsbeziehung3 treten könnte. Das Wesen lag immer in der Liebe zu Gott und der sich daraus ergebenden Liebe zum Nächsten.

4 Höre, Israel! Der HERR, unser Gott, der HERR ist einzig. 5 Darum sollst du den HERRN, deinen Gott, lieben mit ganzem Herzen, mit ganzer Seele und mit ganzer Kraft. (Deuteronomium 6,4-5)

Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst. Ich bin der HERR. (Levitikus 19,18b)

Der alttestamentliche Kult mit seinen Tieropfern kann in gewisser Weise als eine Vorbereitung auf das vollkommene Opfer Jesu gesehen werden, sicher nicht aber im Hinblick auf eine Stellvertretung (siehe hier). Jesus hat uns durch seine liebevolle Hingabe erlöst, die sowohl sein Leben als auch seinen Tod erfüllt hat. Ihm dürfen wir durch die Hingabe unseres Lebens als Gott wohlgefälliges Opfer folgen.

1 Ich ermahne euch also, Brüder, kraft der Barmherzigkeit Gottes, eure Leiber als lebendiges, heiliges und Gott wohlgefälliges Opfer darzubringen – als euren geistigen Gottesdienst. 2 Und gleicht euch nicht dieser Welt an, sondern lasst euch verwandeln durch die Erneuerung des Denkens, damit ihr prüfen und erkennen könnt, was der Wille Gottes ist: das Gute, Wohlgefällige und Vollkommene!
(Römer 12,1-2)

Durch ihn also lasst uns Gott allezeit das Opfer des Lobes darbringen, nämlich die Frucht der Lippen, die seinen Namen bekennen.
(Hebräer 13,15)


  1. Manche meinen, dass das erste Opfer noch früher war. Weil in Genesis 3,21 Gott dem Menschen und seiner Frau Gewänder aus Fell machte, was die Tötung eines Tieres voraussetzt, denken manche, dass die Tötung dieses Tieres das erste Opfer gewesen sei. So heißt es auf einer Website:
    Damit Gott unsere Vorfahren mit Fellen bekleiden konnte, mußten Tiere geschlachtet werden. Das erste Tieropfer in der Menschheitsgeschichte.
    Beachten wir auch: Die Menschen hatten sich zunächst Bekleidung aus Blättern gemacht. Gott ersetzte das mit den Tierfellen. Sagt uns das, daß nur Blut als Opfer ausreicht, um von der Sünde zu reinigen?
    Nach dieser Erklärung wäre es Gott gewesen, der das erste Opfer dargebracht hat. Also  hätte beim ersten Opfer Gott sich selbst ein Opfer dargebracht. Noch dazu ein Opfer, das in der Bibel gar nicht als Opfer erwähnt wird.
    Zum Zusammenhang von Sündenvergebung und Blut siehe den Beitrag: Keine Vergebung ohne Blutvergießen
  2. In den angeführten Stellen steht nicht direkt über Opfer. Meist wird nur erwähnt, dass er einen Altar gebaut hat. Altäre wurden jedoch zum Opfern errichtet. In Genesis 15,9-10 hat Gott Abraham geboten, einige Tiere zu holen, die Abraham dann getötet und zerteilt hat. Doch wird dieser einmalige Vorgang, der im Zusammenhang mit einer Verheißung Gottes an Abraham stand, nicht als Opfer bezeichnet. 
  3. Die Vorstellung einer Geschäftsbeziehung mit Gott findet sich auch im Koran, etwa in Sure 9,111. Siehe dazu den Beitrag: Zu Sure 9,111

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