Drei Stunden Gottesferne am Kreuz?

Der Herr Jesus war am Kreuz von der sechsten bis zur neunten Stunde nicht nur äußerlich von Nacht umgeben, sondern befand sich in dieser Zeit auch in der Finsternis des göttlichen Gerichts. In diesen drei Stunden litt Er für unsere Sünden und wurde zur Sünde gemacht (2. Kor 5,21; 1. Pet 3,18). Weil Gott Licht ist und Sünde nicht sehen kann, brachte Er Finsternis über seinen Sohn, als dieser am Kreuz mit unseren Sünden beladen war. In dieser Zeit der äußeren Finsternis musste der Heiland auch die furchtbare Finsternis des Gottverlassenseins erdulden. (Quelle)

Ich habe mich bereits in einem früheren Beitrag mit der Frage beschäftigt, ob Jesus am Kreuz von Gott verlassen war. Ich habe darin meine Gründe dargelegt, warum ich überzeugt bin, dass Jesus auch am Kreuz in tiefer Einheit mit seinem Vater war.

Ich habe selber auch einmal geglaubt, dass Jesus am Kreuz die Gottverlassenheit durchlebt hat. Aber ich konnte mir nur vorstellen, dass seine Gottesferne nur einen kurzen Moment dauerte. Kürzlich wurde ich mit der Annahme konfrontiert, dass Jesus tatsächlich die drei Stunden lang, die er am Kreuz hing, in der Gottesferne das göttliche Gericht ertragen musste. Ich habe einen Text, der das ausdrückt, oben zitiert.

Ich werde nicht auf alles in diesem Text Gesagte eingehen. Ich habe zu dieser Thematik schon in früheren Beiträgen (Zur Sünde gemacht?, Musste Jesus den Zorn Gottes besänftigen?, Jesus, von Gott verflucht?, Gottes Gerechtigkeit und die Vergebung der Sünden) etwas geschrieben. In diesem Text soll es nur um die drei Stunden Jesu am Kreuz gehen.

In Matthäus 27,45-46 lesen wir:

45 Von der sechsten Stunde an war Finsternis über dem ganzen Land bis zur neunten Stunde. 46 Um die neunte Stunde schrie Jesus mit lauter Stimme: Eli, Eli, lema sabachtani?, das heißt: Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?

Die dreistündige Finsternis wird auch in Markus 15,33 und Lukas 23,44 berichtet. Nach heutiger Zeitrechnung dauerten die drei Stunden etwa von 12.00 bis 15.00 Uhr.

Da Jesus nach Johannes 19,14 um die sechste Stunde noch vor Pilatus stand, von dem er kurz danach zur Kreuzigung überliefert wurde (Johannes 19,16)1, umfasste die dreistündige Finsternis die gesamte Zeit, die Jesus am Kreuz hing.

Wenn Jesus während dieser Zeit von Gott verlassen war, hat er alles, was er am Kreuz gesprochen hat, in der Gottesferne gesprochen.

Jesus aber betete: Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun! (Lukas 23,34a)

Jesus hat in dieser Situation, in der er ganz der Bosheit der Menschen ausgesetzt war, für seine Peiniger gebetet. Er hat sich an seinen Vater gewandt. Konnte er da wirklich von ihm getrennt sein? Oder sollen wir sagen, dass das ganz am Anfang war, kurz nachdem Jesus ans Kreuz genagelt worden war? Erst danach habe Gott ihn verlassen.

39 Einer der Verbrecher, die neben ihm hingen, verhöhnte ihn: Bist du denn nicht der Christus? Dann rette dich selbst und auch uns! 40 Der andere aber wies ihn zurecht und sagte: Nicht einmal du fürchtest Gott? Dich hat doch das gleiche Urteil getroffen. 41 Uns geschieht recht, wir erhalten den Lohn für unsere Taten; dieser aber hat nichts Unrechtes getan. 42 Dann sagte er: Jesus, denk an mich, wenn du in dein Reich kommst! 43 Jesus antwortete ihm: Amen, ich sage dir: Heute noch wirst du mit mir im Paradies sein. (Lukas 23,39-43)

Hat Jesus, als er die Höllenstrafe ertragen musste, dem mit ihm gekreuzigten Übeltäter das Paradies versprochen? Wie konnte er das, wenn er doch fern von Gott war? War auch dieses Ereignis noch vor der Gottesferne? Nach Lukas 23,34-37 konnte diese Situation nicht ganz am Beginn gewesen sein. In der Zwischenzeit hatten die Soldaten die Kleider Jesu verteilt. Jesus war zum Gegenstand des Spottes des anwesenden Volks und seiner Führer als auch der Soldaten geworden. Sie hatten ihm auch Essig zum Trinken gereicht.

Dass die Zeitdauer der Finsternis erst in Lukas 23,44 genannt wird, besagt nicht, dass die Finsternis erst nach den zuvor genannten Geschehnissen eingesetzt hat. Lukas hat die Finsternis in einem Zusammenhang mit dem Zerreißen des Vorhangs im Tempel beim Tod Jesu genannt (Lukas 23,45). Daher hat er sie erst unmittelbar vor dem Tod Jesu erwähnt.

Und Jesus rief mit lauter Stimme: Vater, in deine Hände lege ich meinen Geist. Mit diesen Worten hauchte er den Geist aus. (Lukas 23,46)

Konnte Jesus in der Gottesferne diese vertrauensvollen Worte sprechen? Aber da das schon am  Ende der drei Stunden war, wird wohl angenommen, dass die Gottesferne nicht bis zum leiblichen Tod Jesu gedauert habe. War dann Jesus, als er starb, doch nicht mehr von Gott getrennt?

26 Als Jesus die Mutter sah und bei ihr den Jünger, den er liebte, sagte er zur Mutter: Frau, siehe, dein Sohn! 27 Dann sagte er zu dem Jünger: Siehe, deine Mutter! Und von jener Stunde an nahm sie der Jünger zu sich. (Johannes 19,26-27)

Auch wenn diese Stelle nicht besagt, dass Jesus Maria zur Mutter seiner Jünger oder sogar der ganzen Welt gemacht hat (siehe hier und hier), sehen wir ihn auch in seinem Todesleiden als liebevollen Sohn, der sich um seine Mutter kümmert. Hat er das in der Gottesferne getan?

Als Jesus von dem Essig genommen hatte, sprach er: Es ist vollbracht! Und er neigte das Haupt und übergab den Geist. (Johannes 19,30)

Hat Jesus den Ruf „Es ist vollbracht!“, der wohl mit dem in Matthäus 27,50 und Markus 15,37 berichteten Schrei gleichzusetzen ist, noch als von Gott getrennter Mensch oder bereits wieder in Gemeinschaft mit dem Vater ausgestoßen? Hat Jesus den geistlichen Tod durchgemacht, als sein Leib noch lebte und danach den leiblichen Tod, als sein Geist wieder mit Gott verbunden war? Die Lehre der dreistündigen Gottverlassenheit Jesu am Kreuz lässt sich nur schwer konsequent durchhalten.

Alles, was Jesus am Kreuz gesagt hat, waren Worte, die ein Mensch gesprochen hat, der mit Gott verbunden war und daher auch mit geistlicher Vollmacht reden konnte.

Jesus, der das Wort Gottes in Person ist, der ewige Sohn Gottes, der für uns Mensch geworden ist, war auch in seinem Leiden und Sterben nicht von seinem Vater getrennt. Gott muss nicht strafen, um vergeben zu können. Er vergibt, weil er liebt und bleibt seinen Dienern und auch seinem Sohn in ihrer großen Not ganz nahe.

2 Preise den HERRN, meine Seele, und vergiss nicht, was er dir Gutes getan hat! 3 Der dir all deine Schuld vergibt und all deine Gebrechen heilt, 4 der dein Leben vor dem Untergang rettet und dich mit Huld und Erbarmen krönt. (Psalm 103,2-4)

24 Die ihr den HERRN fürchtet, lobt ihn; all ihr Nachkommen Jakobs, rühmt ihn; erschauert vor ihm, all ihr Nachkommen Israels! 25 Denn er hat nicht verachtet, nicht verabscheut des Elenden Elend. Er hat sein Angesicht nicht verborgen vor ihm; er hat gehört, als er zu ihm schrie. (Psalm 22,24-25)

Siehe, die Stunde kommt und sie ist schon da, in der ihr versprengt sein werdet, jeder in sein Haus, und mich alleinlassen werdet. Aber ich bin nicht allein, denn der Vater ist bei mir. (Johannes 16,32)


  1. Die Angabe von Markus 15,25, dass Jesus um die dritte Stunde (09.00 Uhr) gekreuzigt worden ist, steht in Spannung zu der Angabe von Johannes 19,14 und beruht vermutlich auf einem Überlieferungsfehler. Manche sehen in Markus 15,25 einen späteren Einschub, der ursprünglich nicht zum Markusevangelium gehörte (so: Josef Blinzler, Der Prozeß Jesu, Regensburg 1969, S.416-422. 

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