Ein Haus für Gott?

1 So spricht der HERR: Der Himmel ist mein Thron und die Erde der Schemel für meine Füße. Was wäre das für ein Haus, das ihr mir bauen könntet? Was wäre das für ein Ort, der meine Ruhe ist?  2 Dies alles hat meine Hand gemacht und so ist dies alles geworden – Spruch des HERRN. Auf den blicke ich: auf den Armen und auf den, der zerschlagenen Geistes ist und der zittert vor meinem Wort. (Jesaja 66,1-2)

Diese Worte eines großen Propheten drücken eine tiefe Wahrheit aus, die im Alten Testament noch nicht ihre volle Verwirklichung erfahren hat. Gott ist größer als alles, weil er der Schöpfer von allem ist. Deshalb kann es für ihn kein Haus geben.

Auch der Bau des Tempels in Jerusalem geschah in diesem Bewusstsein. In Salomos Ansprache bei der Einweihung des Tempels heißt es:

Wohnt denn Gott wirklich auf der Erde? Siehe, selbst der Himmel und die Himmel der Himmel fassen dich nicht, wie viel weniger dieses Haus, das ich gebaut habe. (1 Könige 8,27)

Und weiter:

28 Wende dich, HERR, mein Gott, dem Beten und Flehen deines Knechtes zu! Höre auf das Rufen und auf das Gebet, das dein Knecht heute vor dir verrichtet! 29 Halte deine Augen offen über diesem Haus bei Nacht und bei Tag, über der Stätte, von der du gesagt hast, dass dein Name hier wohnen soll! Höre auf das Gebet, das dein Knecht an dieser Stätte verrichtet! 30 Achte auf das Flehen deines Knechtes und deines Volkes Israel, wenn sie an dieser Stätte beten! Höre sie im Himmel, dem Ort, wo du wohnst! Höre sie und verzeih! (1 Könige 8,28-30)

Gott wohnt „im Himmel“. Das meint nicht den Raum über den Wolken. Es ist der Bereich Gottes, der hoch über der vergänglichen Materie steht. Der Tempel war als Wohnort des Namens Gottes gedacht. In seinem Namen ist Gott gegenwärtig. Er ist den Menschen nahe, aber er ist nicht verfügbar wie ein Götze, der von den Menschen zur Erfüllung ihrer Wünsche benötigt wird.

In Jesaja 66,2b wird gesagt, wem Gott nahe ist, auf wen er blickt:

Auf den blicke ich: auf den Armen und auf den, der zerschlagenen Geistes ist und der zittert vor meinem Wort.

Er blickt auf die Armen, wobei es bei der Armut nicht nur um den Mangel an materiellen Gütern geht, sondern auch um eine Gesinnung der Abhängigkeit von Gott. Ein zerschlagener Geist meint ein Herz, das sich selbst mit den Augen Gottes sieht und deswegen mit Trauer und Scham über seine Sünden erfüllt ist und Gott um Vergebung anruft. Darum geht es auch beim Zittern vor seinem Wort. Man sieht die Autorität Gottes und seines Wortes und naht sich Gott mit der Bitte um Vergebung, die nur er schenken kann.

Gott braucht kein Haus, um den Menschen nahe zu sein. Er möchte, dass die Menschen in ihrer Not zu ihm kommen.

Stephanus hat in seiner Rede kurz vor seiner Ermordung die Worte aus Jesaja 66 aufgegriffen, um dadurch den Formalismus, der mit dem Tempel verbunden war, zu kritisieren.

47 Salomo aber baute ihm ein Haus. 48 Doch der Höchste wohnt nicht in dem, was von Menschenhand gemacht ist, wie der Prophet sagt: 49 Der Himmel ist mein Thron und die Erde der Schemel für meine Füße. Was für ein Haus könnt ihr mir bauen?, spricht der Herr. Oder welcher Ort kann mir als Ruhestätte dienen? 50 Hat nicht meine Hand dies alles gemacht? (Apostelgeschichte 7,47-50)

Es ist anzunehmen, dass Stephanus sowohl die Worte Jesu über die kommende Zerstörung des Tempels (z. B. Markus 13) kannte, als auch die Worte, die Jesus zu einer samaritanischen Frau sprach.

19 Die Frau sagte zu ihm: Herr, ich sehe, dass du ein Prophet bist. 20 Unsere Väter haben auf diesem Berg (dem Berg Garizim) Gott angebetet; ihr aber sagt, in Jerusalem sei die Stätte, wo man anbeten muss. 21 Jesus sprach zu ihr: Glaube mir, Frau, die Stunde kommt, zu der ihr weder auf diesem Berg noch in Jerusalem den Vater anbeten werdet. 22 Ihr betet an, was ihr nicht kennt, wir beten an, was wir kennen; denn das Heil kommt von den Juden. 23 Aber die Stunde kommt und sie ist schon da, zu der die wahren Beter den Vater anbeten werden im Geist und in der Wahrheit; denn so will der Vater angebetet werden. 24 Gott ist Geist und alle, die ihn anbeten, müssen im Geist und in der Wahrheit anbeten. (Johannes 4,19-24)

Nach dem Willen Gottes sollte es in Zukunft keine besonderen heiligen Orte oder Gotteshäuser geben. Der Tempelkult mit seinen Opfern sollte im vollkommenen Opfer Jesu seine Erfüllung finden. Geleitet vom Heiligen Geist wird im neuen Volk Gottes das Wort aus Jesaja 66 seine Erfüllung finden.

In der Anfangszeit wurde in Jerusalem der Tempel auch von der Gemeinde der Jünger Jesu besucht, zum Teil, um dort, wo viele Juden zusammenkamen, das Wort zu verkünden. Sie haben sich aber auch in den lang gezogenen Halle Salomos im Randbereich des Tempels versammelt (Apostelgeschichte 5,12). Doch hat sich das Gemeindeleben vor allem in den Häusern, in denen sie lebten, abgespielt. Das Leben und die Anbetung waren keine getrennten Wirklichkeiten. Der wahre Gottesdienst ist ein Leben nach dem Willen Gottes.

1 Ich ermahne euch also, Brüder, kraft der Barmherzigkeit Gottes, eure Leiber als lebendiges, heiliges und Gott wohlgefälliges Opfer darzubringen – als euren geistigen Gottesdienst. 2 Und gleicht euch nicht dieser Welt an, sondern lasst euch verwandeln durch die Erneuerung des Denkens, damit ihr prüfen und erkennen könnt, was der Wille Gottes ist: das Gute, Wohlgefällige und Vollkommene! (Römer 12,1-2)

In anderen Städten haben sich die Gemeinden nur in den Häusern versammelt. An keinem Ort wurde von den Christen ein sogenanntes Gotteshaus errichtet. In einem Privathaus konnten sich gerade so viele Brüder und Schwestern treffen, dass jeder sich aktiv in die Gemeindeversammlungen einbringen konnte. Jeder kannte jeden, und sie konnten in dieser Weise ihr Leben miteinander teilen.

Das Haus Gottes war kein Bauwerk aus Steinen, sondern die Gemeinde der Gläubigen.

20 Ihr seid auf das Fundament der Apostel und Propheten gebaut; der Eckstein ist Christus Jesus selbst. 21 In ihm wird der ganze Bau zusammengehalten und wächst zu einem heiligen Tempel im Herrn. 22 Durch ihn werdet auch ihr zu einer Wohnung Gottes im Geist miterbaut. (Epheser 2,20-22)

Christus aber ist treu als Sohn, der über das Haus Gottes gesetzt ist. Sein Haus sind wir, wenn wir an der Zuversicht und an der Hoffnung festhalten, derer wir uns rühmen. (Hebräer 3,6)

Lasst euch als lebendige Steine zu einem geistigen Haus aufbauen, zu einer heiligen Priesterschaft, um durch Jesus Christus geistige Opfer darzubringen, die Gott gefallen! (1 Petrus 2,5)

Dem Dialog Octavius von Minucius Felix kann man entnehmen, dass auch im späten 2. oder frühen 3. Jahrhundert die Christen keine besonderen Bauwerke für die Anbetung hatten. Ein Verteidiger des Christentums antwortet in einer Diskussion auf die Vorwürfe eines Heiden.

1. Glaubt ihr aber, wir halten den Gegenstand unserer Verehrung geheim, wenn wir keine Tempel und Altäre haben? Welches Bild soll ich für Gott ersinnen, da doch im Grunde genommen der Mensch selbst Gottes Ebenbild ist? Welchen Tempel soll ich ihm bauen, da diese ganze Welt, das Werk seiner Hände, ihn nicht zu fassen vermag? Und während ich als Mensch geräumiger wohne, soll ich die Größe solcher Majestät in eine einzige Zelle einschließen? 2. Müssen wir nicht besser in unserer Seele ihm ein Heiligtum errichten, nicht lieber in unserer Brust eine Stätte weihen? Kleine und große Tiere soll ich Gott opfern, welche er doch zu meinem Nutzen erschaffen, so daß ich ihm eigentlich seine Gabe zurückgebe? Das wäre undankbar, wenn doch ein gutes Herz, ein reiner Sinn und ein unbeflecktes Gewissen ein angenehmes Opfer ist. 3. Wer also Unbescholtenheit übt, der erfleht Gottes Barmherzigkeit; wer Gerechtigkeit liebt, bringt Gott Spenden dar; wer sich von Betrug fernhält, versöhnt Gott; wer einen Menschen der Gefahr entreißt, schlachtet das beste Opfertier. Das sind unsere Opfer, das ist Gottesdienst. So gilt bei uns der Gerechteste als der Frömmste. (Minucius Felix, Octavius 32,1-3)

Es war ein großer Schritt weg von Jesus und der Lehre der Apostel, als im Rahmen des Christentums begonnen wurde, „Gotteshäuser“ zu errichten. Auch wenn dadurch großartige architektonische Leistungen wie etwa Notre Dame in Paris zustande kamen, ändert das nichts daran, dass hier der Wille Gottes missachtet wurde.

Gott will nicht, dass ihm große schöne Häuser gebaut werden. Er blickt auf den Armen und auf den, der zerschlagenen Geistes ist und der zittert vor seinem Wort.

Schlachtopfer für Gott ist ein zerbrochener Geist, ein zerbrochenes und zerschlagenes Herz wirst du, Gott, nicht verschmähen.
(Psalm 51,19)

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