Denn sein Zorn dauert nur einen Augenblick, doch seine Güte ein Leben lang. Wenn man am Abend auch weint, am Morgen herrscht wieder Jubel. (Psalm 30,6)
Warum ist es so, dass Gottes Zorn nur einen Augenblick dauert, doch seine Güte ein Leben lang?
Ist Gott ein emotionsgesteuertes Wesen, das kurz einmal grollt, sich dann aber doch wieder besinnt und lieber seine Güte zeigt?
Die Bibel widerspricht einem derartigen Gedanken:
Jede gute Gabe und jedes vollkommene Geschenk kommt von oben herab, vom Vater der Gestirne, bei dem es keine Veränderung oder Verfinsterung gibt. (Jakobus 1,17)
Das ist die Botschaft, die wir von ihm gehört haben und euch verkünden: Gott ist Licht und keine Finsternis ist in ihm. (1 Johannes 1,5)
Oder hat Gott sich daran erinnert, dass er all seinen Zorn auf Jesus ausgießen würde und dass er daher keinen Grund hat, den Zorn, den er dem Psalmisten kurz gezeigt hat, auf Dauer aufrechtzuerhalten? Im Zusammenhang des Psalms gibt es keinen Hinweis in diese Richtung. (Mehr zu dieser Fragestellung im Beitrag Musste Jesus den Zorn Gottes besänftigen?)
Was sagt der Zusammenhang des Psalms?
Der Psalmist dankt Gott für seine Hilfe. Er hat ihn vor Feinden gerettet (Vers 2). Er war schon nahe daran zu sterben, er kam sich bereits vor wie im Totenreich, doch Gott hat ihn von dort herausgeholt (Vers 4). Darum ruft er zum Gotteslob auf:
Singt und spielt dem HERRN, ihr seine Frommen, dankt im Gedenken seiner Heiligkeit! (Psalm 30,5)
In den Versen 7-12 erzählt der Psalmist seine Geschichte.
Die Festigkeit, die ihm Gott geschenkt hat, hat dazu geführt, dass er sich in sicherem Glück gewähnt hat.
7 Im sicheren Glück dachte ich einst: Ich werde niemals wanken. 8 HERR, in deiner Güte hast du meinen Berg gefestigt. (Psalm 30,7-8a)
Es sieht so aus, dass er selbstsicher geworden ist: Ich werde niemals wanken.
Doch dann musste er erfahren, dass der Grund seiner Sicherheit nur in Gott liegt.
Du hast dein Angesicht verborgen. Da bin ich erschrocken. (Psalm 30,8b)
Das heißt nicht, dass Gott tatsächlich sein Angesicht vor ihm verborgen hat. Aber der Psalmist hat seine Situation so erlebt, als wäre Gott abwesend. Vielleicht hat er seine Feinde als übermächtig wahrgenommen. Nach Vers 10 hat er sein Leben in Gefahr gesehen. So hat er Gott um Hilfe gerufen.
Höre, HERR, und sei mir gnädig! HERR, sei du mein Helfer! (Psalm 30,11)
Er hat dann Gottes Hilfe erfahren, ein Grund zur Freude und zum überschwänglichen Gotteslob.
12 Du hast mein Klagen in Tanzen verwandelt, mein Trauergewand hast du gelöst und mich umgürtet mit Freude, 13 damit man dir Herrlichkeit singt und nicht verstummt. HERR, mein Gott, ich will dir danken in Ewigkeit. (Psalm 30,12-13)
Was der Psalmist als kurzen Zorn Gottes erfahren hat, war nicht eine kurzzeitige Gefühlsschwankung beim Allmächtigen. Es war Gottes liebevolle Erziehung, die ihn vor Selbstsicherheit bewahrt hat. Wenn Gott anscheinend sein Gesicht verborgen hat, dann nicht, weil er seinen Diener verlassen hätte, sondern weil er ihn gelehrt hat, dass Gott allein unser Fels und unsere Sicherheit ist.
Gott hat seinen „Zorn“ auch nicht deswegen von ihm abgewandt, weil er wusste, dass einige Jahrhunderte später Jesus seinen vollen Zorn tragen würde. Der Psalmist hat gelernt und erkannt, dass er nicht auf sich selbst bauen kann, sondern einzig und allein auf Gott. Unser barmherziger Gott vergibt, ohne dass die Strafe verbüßt werden oder dass Blut fließen muss.
Ruf mich am Tage der Not; dann rette ich dich und du wirst mich ehren. (Psalm 50,15)
10 Er handelt an uns nicht nach unsern Sünden und vergilt uns nicht nach unsrer Schuld. 11 Denn so hoch der Himmel über der Erde ist, so mächtig ist seine Huld über denen, die ihn fürchten. 12 So weit der Aufgang entfernt ist vom Untergang, so weit entfernt er von uns unsere Frevel. (Psalm 103,10-12)
- Herr, dein Lob will ich verkünden. Aus der Tiefe zogst du mich.
Nicht ließest Du überwinden meine Feinde über mich.
Dich, mein Gott, hab ich gerufen und durch dich bin ich geheilt.
Hast dem Tode mich entwunden und zum Leben mich befreit. - Singt und spielt dem Herrn, ihr Frommen! Preiset seinen heil’gen Nam‘.
Kurz nur ist sein Zorn gekommen, seine Gnad währt lebenslang.
Herrscht am Abend auch noch Weinen, kehrt am Morgen Jubel ein.
Denn der Herr ist treu den Seinen, will uns aus der Not befrein. - Einst dacht ich im sich’ren Glücke: Niemals werde wanken ich.
Denn, Du, Herr, in Deiner Güte bargst auf festem Berge mich.
Doch dein Antlitz du verbargest; ich erschrak und kam in Not,
schrie zu meinem Herrn um Gnade, rief um Hilf‘ zu meinem Gott. - Nützet dir mein Blut im Grabe? Preist der Staub dich, deine Treu?
Hör mich, Herr, in deiner Gnade! Sei mein Helfer! Mich befrei!
Meine Klag hast du gewandelt. Kummer wurde Reigentanz.
Zogst mir aus den Trauermantel, gürtest mich mit Freudenglanz. - Darum will mein Herz dir singen und verstummen nimmermehr,
ewiglich dir Dank darbringen, dir, der du mein Gott und Herr!
Dir, dem Vater, dir, dem Sohne, dir, dem treuen heil’gen Geist,
einz’ger Gott in drei Personen, immerdar dein Volk dich preist.
Hinterlasse einen Kommentar