Wie lange noch, HERR, vergisst du mich ganz? Wie lange noch verbirgst du dein Angesicht vor mir? (Psalm 13,2)
Der Psalmist befand sich in einer von Kummer und Sorgen erfüllten Lage (Vers 3). Er war in großer Gefahr, sein Leben durch übermächtige Feinde zu verlieren (Verse 4-5). Doch im Vertrauen auf Gottes Güte konnte er schon jubeln:
Ich aber habe auf deine Güte vertraut, mein Herz soll über deine Hilfe jubeln. Singen will ich dem HERRN, weil er mir Gutes getan hat. (Psalm 13,6)
Dem Psalmisten war trotz seiner Worte klar, dass er nicht von Gott vergessen war, dass Gott sein Angesicht nicht vor ihm verborgen hat. Er schrie in seiner Not zum Herrn und war sich dessen Hilfe gewiss.
John MacArthur schrieb in seinem Bibelkommentar zu den Versen 2-3:1
Diese Zeilen wiederholen das vertraute Dreieck, das aus dem Psalmisten, Gott, und seinen Feinden besteht. Diese Dreierbeziehung verursacht Verwunderung und Schmerz. Angesichts der scheinbaren Abwesenheit Gottes (V. 2) scheint David auf seine eigenen Mittel angewiesen zu sein, die unzureichend sind, um mit seinen real existierenden Feinden umzugehen (V. 3). (Hervorhebung von mir)
John MacArthur spricht hier von einer scheinbaren Abwesenheit Gottes. Es war nur der Psalmist, der in seiner Not Gottes Abwesenheit empfunden hat. Doch war der Herr immer da.
Derselbe Autor schrieb zu Psalm 22,2, wo der Psalmist betet:
Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen, bleibst fern meiner Rettung, den Worten meines Schreiens?
folgende Erklärung:2
[…] »Verlassen« ist ein starker Ausdruck für persönliches Im-Stich-Gelassensein, was David schmerzlich spürte und im vollsten Ausmaß Christus am Kreuz erfuhr (Mt 27,46).
Für mich hört sich diese Erklärung so an, dass David zwar ein „Im-Stich-Gelassensein“ schmerzlich spürte, aber nicht wirklich von Gott verlassen war, ähnlich wie es in Psalm 13,2 der Fall war. Nur Jesus Christus hat es am Kreuz im vollsten Ausmaß erfahren.
So schreibt dieser Autor auch zur Matthäusstelle:3
[…] Dieser Aufschrei ist eine Erfüllung von Ps 22,2 und eine von vielen erstaunlichen Parallelen zwischen diesem Psalm und den Einzelheiten der Kreuzigung […]. In diesem Augenblick erlitt Christus den ganzen Jammer des Verlassenseins, weil der Zorn Gottes auf ihm als Sündenträger niederging.
Nach welchem Kriterium hat der Autor festgestellt, dass der Psalmist (David) nur scheinbar von Gott verlassen war, Jesus Christus hingegen, als er am Kreuz die Worte des Psalmisten ausrief, die Gottverlassenheit im vollsten Ausmaß erfuhr? Es wurde ja auch in Psalm 22,25 gesagt, dass Gott sein Angesicht nicht vor dem Beter verborgen hat:
Denn er hat nicht verachtet, nicht verabscheut des Elenden Elend. Er hat sein Angesicht nicht verborgen vor ihm; er hat gehört, als er zu ihm schrie.
Interessanterweise gibt es bei John MacArthur zu Psalm 22,25 keine Erklärung.
Ich habe bereits in einem früheren Beitrag darüber geschrieben, dass Jesus am Kreuz nicht von Gott verlassen war. Auf Jesus, der immer in tiefer Einheit mit seinem himmlischen Vater war, ging auch nicht der Zorn Gottes nieder (siehe hier).
Was hat einen als großen Bibellehrer gefeierten Menschen wie John MacArthur daran gehindert, sein Verständnis von Psalm 13,2 auch auf Jesus anzuwenden, als er am Kreuz Psalm 22,2 ausrief? Hätte er sich nicht an Jesu eigenen Worten orientieren sollen? Er sagte am Abend vor seinem Tod:
Siehe, die Stunde kommt und sie ist schon da, in der ihr versprengt sein werdet, jeder in sein Haus, und mich alleinlassen werdet. Aber ich bin nicht allein, denn der Vater ist bei mir. (Johannes 16,32)
Hinterlasse einen Kommentar