„Weide meine Schafe!“

Unter den Bibelstellen, die Katholiken zur Begründung des Papsttums anführen, ist Johannes 21,15-17 bedeutsam.

15 Als sie gegessen hatten, sagte Jesus zu Simon Petrus: Simon, Sohn des Johannes, liebst du mich mehr als diese? Er antwortete ihm: Ja, Herr, du weißt, dass ich dich liebe. Jesus sagte zu ihm: Weide meine Lämmer!
16 Zum zweiten Mal fragte er ihn: Simon, Sohn des Johannes, liebst du mich? Er antwortete ihm: Ja, Herr, du weißt, dass ich dich liebe. Jesus sagte zu ihm: Weide meine Schafe!
17 Zum dritten Mal fragte er ihn: Simon, Sohn des Johannes, liebst du mich? Da wurde Petrus traurig, weil Jesus ihn zum dritten Mal gefragt hatte: Liebst du mich? Er gab ihm zur Antwort: Herr, du weißt alles; du weißt, dass ich dich liebe. Jesus sagte zu ihm: Weide meine Schafe!

Aus katholischen Dokumenten

So heißt es in der Bulle Unam Sanctam von Papst Bonifatius VIII aus dem Jahr 1302:

Die eine und einzige Kirche (hat) also einen Leib, ein Haupt, nicht zwei Häupter wie eine Mißgeburt, nämlich Christus und den Stellvertreter Christi, Petrus, und den Nachfolger des Petrus; denn der Herr sagt zu Petrus selbst: „Weide meine Schafe“ [Joh 21,17]. „Meine“, sagt er, und zwar allgemein, nicht einzeln diese oder jene: daraus ersieht man, dass ihm alle anvertraut wurden. Wenn also Griechen oder andere sagen, sie seien Petrus und seinen Nachfolgern nicht anvertraut worden, dann müssen sie gestehen, dass sie nicht zu den Schafen Christi gehören; denn der Herr sagt bei Johannes: „es gibt eine Hürde, einen und nur einen Hirten“ [Joh 10,16].

Ich möchte hier die eigenartige Mathematik (ein Haupt = Christus + Petrus + Nachfolger des Petrus, also eigentlich drei Häupter) nur am Rande erwähnen. Es soll vor allem ein Beleg dafür sein, wie selbstverständlich die Päpste Johannes 21 als Begründung des Papsttums herangezogen haben.

Das Erste Vatikanische Konzil berief sich 1870 in der Dogmatischen Konstitution Pastor Aeternus, in der die Unfehlbarkeit des Papstes erklärt wurde, im 1. Kapitel ebenfalls auf Johannes 21:

Simon Petrus allein endlich verlieh Jesus nach seiner Auferstehung die oberste Hirten- und Führergewalt über seine ganze Herde mit den Worten: „Weide meine Lämmer. Weide meine Schafe.“

Auch das Zweite Vatikanische Konzil bezog sich 1964 in Lumen Gentium, der Dogmatischen Konstitution über die Kirche, in Punkt 22 auf diese Stelle:

Der Herr hat allein Simon zum Fels und Schlüsselträger der Kirche bestellt (vgl. Mt 16,18-19) und ihn als Hirten seiner ganzen Herde eingesetzt (vgl. Joh 21,15 ff).

In keinem dieser Dokumente wird die Bibelstelle erklärt. Es wird einfach vorausgesetzt, dass hier Jesus Petrus die Führungsposition über alle anderen Jünger gegeben habe, und dass diese Führungsposition danach auf seinen Nachfolger, zu dem man ahistorisch den Bischof von Rom erklärt, übergegangen sei.

Was sagt der Zusammenhang?

Nachdem Jesus seinen Jüngern als Auferstandener in Jerusalem zweimal erschienen war, begaben sie sich nach Galiläa, wohin sie Jesus in Matthäus 28,10 bestellt hatte. Dort fischten sie während einer Nacht, ohne auch nur einen Fisch zu fangen (Johannes 21,3). Am Morgen forderte sie Jesus, den sie anfangs nicht erkannten dazu auf, das Netz auf der anderen Seite auszuwerfen, und sie hatten einen reichen Fang. Als Petrus erkannte, dass es Jesus war, sprang er ins Wasser und schwamm zu ihm ans Ufer (Johannes 21,4-11).

Nach dem gemeinsamen Frühstück fand der eingangs zitierte Dialog statt. Jesus fragte Petrus dreimal, ob er ihn liebe. Dreimal antwortete Petrus, dass er ihn liebe. Das dritte Mal war er schon ganz traurig dabei. Die dreimalige Frage hat in Petrus gewiss daran erinnert, dass er Jesus nach seiner Gefangennahme dreimal verleugnet hatte (Johannes 18,17.25-27). Es war wichtig, dass Petrus sich der Tragweite dieser Sünde noch stärker bewusst werden sollte. Er hatte seinen Herrn verleugnet, als Jesus aus Liebe sein Leben hingegeben hat. Jesus wollte nun Petrus wieder eine große Verantwortung anvertrauen. Damit das möglich wird, musste zuerst die Vergangenheit bereinigt werden. Durch die dreimalige Frage wurde Petrus auch bewusst, dass seine Liebe ganz anders sein muss, als sie in der Vergangenheit war. Liebe bewährt sich dann, wenn es am schwierigsten ist. Petrus hat das verstanden und akzeptiert. Jesus hat Petrus anschließend noch gesagt, dass auch er sein Leben wegen seines Glaubens an Jesus hingeben werde, dass er als Blutzeuge sterben werde (Johannes 21,18-19).

In diesem Zusammenhang sagte Jesus zu Petrus dreimal: Weide meine Schafe bzw. Lämmer! Sollte das heißen, dass er das Oberhaupt aller Christen werden sollte? Es hieß, dass er sich um die Gläubigen kümmern sollte. Er sollte Sorge tragen für die anderen Jünger und auch für alle, die nach der Ausgießung des Heiligen Geistes sich der jungen Gemeinde anschließen würden. Aber das sollte nicht nur er tun. Jesus hatte ja deswegen Jünger um sich geschart, damit sie von ihm lernen und nach seiner Himmelfahrt fähig sein sollten, Verantwortung für andere zu tragen.

Aus verschiedenen Stellen der Apostelgeschichte geht hervor, dass Petrus in der Anfangszeit tatsächlich eine wichtige Position innehatte. Es war oft er, der im Namen der Gemeinde sprach. Er trat aber auch gemeinsam mit Johannes auf. Er war es, der gemeinsam mit Johannes von der Gemeinde nach Samaria geschickt wurde (Apostelgeschichte 8,14). Er wurde geschickt. Er war nicht der Chef, der über die anderen verfügt hat. In der Apostelgeschichte wird auch sichtbar, dass er vor allem in der Anfangszeit wichtig war. Je mehr die Gemeinde wuchs, umso mehr trat er zurück. Er war nicht der erste Papst. Er war ein bedeutender Jünger Jesu. Er hat aus seinen Sünden gelernt und hat sich von Gott befähigen lassen, die ihm anvertrauten Aufgaben zu erfüllen. Er tat es aus Liebe zu Gott und seinen Geschwistern heraus.

Über einen eventuellen Nachfolger hat Jesus nichts gesagt. Wenn Jesus tatsächlich an ein Amt wie das Papsttum gedacht hätte, dann hätte er im Zusammenhang von Vers 18, wo er über den Tod von Petrus sprach, auch etwas zur Nachfolgefrage sagen können, was aber nicht geschah.

Was hat Petrus dazu gemeint?

Wir finden in den Worten Petri, die wir aus seinen Reden oder seinen beiden Briefen kennen, keinen direkten Bezug auf diesen Dialog aus Johannes 21,15-17. Es gibt aber einige Verse aus dem 1. Petrusbrief, die gut dazu passen.

1 Eure Ältesten ermahne ich, als Mitältester und Zeuge der Leiden Christi, der auch an der Herrlichkeit teilhaben soll, die sich offenbaren wird: 2 Weidet die euch anvertraute Herde Gottes, nicht gezwungen, sondern freiwillig, wie Gott es will; auch nicht aus Gewinnsucht, sondern mit Hingabe; 3 seid nicht Beherrscher der Gemeinden, sondern Vorbilder für die Herde! 4 Wenn dann der oberste Hirt erscheint, werdet ihr den nie verwelkenden Kranz der Herrlichkeit empfangen. (1 Petrus 5,1-4)

Hier ermahnt Petrus die älteren Brüder der Gemeinden, an die er seinen Brief schrieb. Er nennt sich schlicht „Mitältester“. Er sieht sich grundsätzlich auf derselben Ebene wie seine Adressaten, auch wenn er als Apostel und Zeuge der Leiden Christi eine größere Verantwortung hatte. Er verwendet auch das Bild vom Weiden der Herde. Die Ältesten dieser Gemeinden sollten sich um ihre Geschwister kümmern. Sie sollen für sie sorgen, sie aber nicht beherrschen, sondern durch ein vorbildhaftes Leben voller Hingabe ihren Dienst erfüllen. Tun sie das, werden sie vom obersten Hirten ihren Lohn empfangen.

Mit dem „obersten Hirten“ hat Petrus natürlich nicht sich selbst gemeint, sondern Jesus. Fragt man einen Katholiken, wer der oberste Hirte der Kirche ist, erhält man mit großer Wahrscheinlichkeit die Antwort: der Papst. Petrus hat da ganz anders gedacht. Er war einer der Hirten, der in seinem Brief andere, die auch Hirten waren, unterwies. Petrus sah sich gemeinsam mit den anderen Hirten in der Verantwortung vor dem Oberhirten Jesus Christus.

Diese Stelle aus 1 Petrus 5 zeigt somit sehr schön, dass Petrus die Worte Jesu in Johannes 21 keineswegs so verstanden hat, wie es in den katholischen Dokumenten vorausgesetzt wird. Wenn nun Petrus das nicht so gesehen hat, wie es die offiziellen katholischen Lehrdokumente tun, dann sollen wir seinem Beispiel folgen und nicht dem der Hierarchie, die viele Jahrhunderte später in diese Stelle etwas hineingelesen hat, was nicht dort steht.

Als ein Beispiel für das altkirchliche Verständnis von Johannes 21 möchte ich auf die Erklärungen von Augustinus (Vorträge über das Johannesevangelium, 123. Vortrag, 4-5) hinweisen. Er hatte viele interessante Gedanken zu dieser Stelle. Der Gedanke an das Papsttum war nicht dabei.

Nach diesen Worten sagte er zu ihm: Folge mir nach!
(Johannes 21,19b)

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