Selig preisen mich alle Geschlechter.

Siehe, von nun an preisen mich selig alle Geschlechter. (Lukas 1,48b)

Dieser Vers den wir im Lukasevangelium im Munde Marias finden, ist eine der biblischen Belegstellen für die Marienverehrung, wie sie in verschiedenen christlichen Konfessionen (besonders bei Katholiken, Orthodoxen und verschiedenen orientalischen Kirchen) zu finden ist. Das bedeutet, dass in diesen Konfessionen Maria im Gebet angerufen wird, wenn auch immer wieder betont wird, dass Maria nicht angebetet wird. Anbetung gebühre einzig und allein Gott. Außerdem findet man zahlreiche bildliche Darstellungen der Mutter des Herrn.

Was ist die Botschaft dieses Verses?

Nachdem Maria vom Engel Gabriel erfuhr, dass sie nach dem Willen Gottes die Mutter des Erlösers werden solle, nahm Maria diese Botschaft bereitwillig an.

Da sagte Maria: Siehe, ich bin die Magd des Herrn; mir geschehe, wie du es gesagt hast. (Lukas 1,38a)

Sie machte sich dann auf den Weg, um ihre Verwandte Elisabeth im Bergland von Judäa zu besuchen, die bereits im sechsten Monat mit Johannes dem Täufer schwanger war. Elisabeth begrüßte Maria als die Mutter ihres Herrn und pries ihren Glauben.

Maria antwortete mit einem Lobgebet, in dem sich auch der oben angeführte Satz findet.

46 […] Meine Seele preist die Größe des Herrn 47 und mein Geist jubelt über Gott, meinen Retter.
48 Denn auf die Niedrigkeit seiner Magd hat er geschaut. Siehe, von nun an preisen mich selig alle Geschlechter.
49 Denn der Mächtige hat Großes an mir getan und sein Name ist heilig.
50 Er erbarmt sich von Geschlecht zu Geschlecht über alle, die ihn fürchten.
51 Er vollbringt mit seinem Arm machtvolle Taten: Er zerstreut, die im Herzen voll Hochmut sind;
52 er stürzt die Mächtigen vom Thron und erhöht die Niedrigen.
53 Die Hungernden beschenkt er mit seinen Gaben und lässt die Reichen leer ausgehen.
54 Er nimmt sich seines Knechtes Israel an und denkt an sein Erbarmen,
55 das er unsern Vätern verheißen hat, Abraham und seinen Nachkommen auf ewig.
(Lukas 1,46-55)

Dieser Lobpreis ist nach dem lateinischen Anfang unter dem Titel Magnifikat bekannt. Im Zentrum steht einzig und allein Gott, ihr Retter. Maria beschreibt Gott als den, für den die irdischen Machtverhältnisse nicht gelten. Er ist der Herr, der über allem steht, der erhöht und erniedrigt. Ihre Worte erinnern an das Gebet der Hanna nach der Geburt ihres Sohnes Samuel in 1 Samuel 2,1-10. In den Abschlussversen erinnert sie an die Treue Gottes zu seiner Verheißung.

Nur in den Anfangsversen (46-49) spricht Maria über sich selbst. Sie erinnert an ihre Niedrigkeit, auf die Gott geschaut hat. Sie ist die Magd. Aber Gott hat Großes an ihr getan. Gott ist ihr Retter. Weil Gott so großartig an ihr gehandelt hat, werden alle Geschlechter sie seligpreisen. Einzig und allein Gottes Wirken ist der Grund dafür.

Maria greift in Vers 48b ein Wort aus dem Alten Testament auf. Nach der Geburt Aschers sagte Lea, die Frau Jakobs:

Ich Glückliche! Denn die Töchter werden mich beglückwünschen. (Genesis 30,13)

Deswegen gab sie ihm den Namen Ascher (Glücklicher). Es war zwar der Sohn ihrer Magd Silpa, aber nach den damaligen Gepflogenheiten galt er als ihr Sohn. Dass die Einheitsübersetzung in Genesis 30 „beglückwünschen“ schreibt, in Lukas 1,48 „seligpreisen“ tut nicht viel zur Sache. In Lukas finden wir dasselbe griechische Verb wie in der griechischen Version von Genesis 30, der sogenannten Septuaginta.

So wie Lea in Genesis 30,13 ihre Freude über die Geburt eines Sohnes ausgedrückt hat, so auch Maria, auch wenn sie die Geburt noch vor sich hatte. Der Unterschied besteht in der Bedeutung des Sohnes. Leas (eigentlich Silpas) Sohn war der Stammvater eines der zwölf Stämme Israels, Marias Sohn war der Erlöser der Welt. Deswegen wird Lea „nur“ von „den Töchtern“ seliggepriesen, Maria aber von allen Geschlechtern.

Sollen wir zu Maria beten?

Jeder Christ ist unendlich dankbar für das große Geschenk, das uns Gott durch die Menschwerdung und Hingabe seines ewigen Sohns Jesus Christus gemacht hat. Das schließt auch eine große Dankbarkeit für seine Mutter ein, die bereitwillig zu Gottes Willen Ja gesagt hat. Sie ist wirklich glücklich zu preisen, weil Gott sie für eine einzigartige Aufgabe in seinem Heilsplan auserwählt hat.

Doch heißt „seligpreisen“ auch, dass man seine Gebete an sie richtet? Aus dem Judentum ist nicht bekannt, dass jemals irgendjemand sein Gebet an Lea gerichtet hätte. Nach katholischer Logik wäre das doch für die Menschen aus dem Stamm Ascher naheliegend gewesen.

Auch die frühe Kirche kennt keine Gebete zu Maria. Es gab unter den Jüngern Jesu keinen Menschen, der Maria so gut gekannt hätte, wie Johannes der Täufer. Er stand gemeinsam mit Maria unter dem Kreuz Jesu, der zu beiden kurz vor seinem Tod sprach.

Als Jesus die Mutter sah und bei ihr den Jünger, den er liebte, sagte er zur Mutter: Frau, siehe, dein Sohn! Dann sagte er zu dem Jünger: Siehe, deine Mutter! Und von jener Stunde an nahm sie der Jünger zu sich. (Johannes 19,26-27)

Nach der Tradition ist Johannes sehr alt geworden. Er dürfte Maria um einige Jahrzehnte überlebt haben. Vermutlich hat er die fünf Schriften, die wir von ihm im Neuen Testament haben, erst nach Marias Tod geschrieben. In keiner dieser Schriften finden wir auch nur irgendeinen Hinweis darauf, dass es gut wäre, zu Maria zu beten, oder dass er selber das getan hätte. Das Gebet zu einem Menschen wäre für die aus dem Judentum kommenden ersten Christen, für die klar war, dass man nur zu Gott beten darf, etwas derartig Neues gewesen, dass es zu Diskussionen gekommen wäre, von denen man auch im Neuen Testament etwas finden müsste. Offensichtlich hat weder Johannes noch sonst jemand zu Maria gebetet. Auch in der frühchristlichen Literatur der ersten beiden Jahrhunderte gibt es keinen irgendwie gearteten Hinweis auf eine derartige Praxis.

Erst aus dem dritten Jahrhundert ist das älteste an Maria gerichtete Gebet bekannt. Wenn nun aber die Apostel noch die Christen des 2. Jahrhunderts zu Maria gebetet haben, warum sollen wir das tun? Wenn Johannes, der Maria so gut wie kein anderer gekannt hat, nach ihrem Tod nicht zu ihr gebetet hat, gibt es auch für uns keinen Grund, das zu tun.

Es stellt sich auch die grundlegende Frage, ob Maria überhaupt unsere Gebete hören kann. Maria ist Mensch, ein gottgefälliger Mensch, aber doch nur ein Mensch. Ein Mensch ist ein begrenztes Wesen. Auch wenn sie nun in Gottes Gegenwart lebt, und wir uns nicht vorstellen können, was das konkret bedeutet, bedeutet es doch gewiss nicht Allgegenwart und Allwissenheit. Das sind göttliche Attribute. Wenn Maria weder allgegenwärtig noch allwissend ist, kann sie nicht die Gebete von Millionen Menschen aus allen Erdteilen aufnehmen und verarbeiten. Dazu müsste sie allgegenwärtig und allwissend sein.

Es ist keine Schmähung der Mutter des Herrn, wenn wir nicht zu ihr beten. Es ist ein Akzeptieren der Realität, dass sie nur Mensch ist. Wird Maria nicht vielmehr von denen geschmäht, die sie in eine gottähnliche Position erheben? Die sie als Himmelskönigin verehren, was im Alten Testament eindeutig eine heidnische Göttin meinte (Jeremia 7,18; 44,17-19.25)?

Wenn wir Maria seligpreisen, freuen wir uns über Gottes großes Werk an ihr und danken Ihm dafür. Ihm, dem ewigen dreieinen Gott, dem allein alle Ehre gebührt.

Denn: Einer ist Gott, Einer auch Mittler zwischen Gott und Menschen: der Mensch Christus Jesus. (1 Timotheus 2,5)

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