Mariä Himmelfahrt

Nachdem Wir nun lange und inständig zu Gott gefleht und den Geist der Wahrheit angerufen haben, verkündigen, erklären und definieren Wir zur Verherrlichung des Allmächtigen Gottes, dessen ganz besonderes Wohlwollen über der Jungfrau Maria gewaltet hat, zur Ehre seines Sohnes, des unsterblichen Königs der Ewigkeit, des Siegers über Sünde und Tod, zur Mehrung der Herrlichkeit der erhabenen Gottesmutter, zur Freude und zum Jubel der ganzen Kirche, kraft der Vollmacht Unseres Herrn Jesus Christus, der heiligen Apostel Petrus und Paulus und Unserer eigenen Vollmacht:

Die unbefleckte, immerwährend jungfräuliche Gottesmutter Maria ist, nachdem sie ihren irdischen Lebenslauf vollendet hatte, mit Leib und Seele in die himmlische Herrlichkeit aufgenommen worden.

Mit diesen Worten definierte Papst Pius XII. am 1. November 1950 in der Bulle Munificentissimus Deus (44) den Inhalt des heute von den römischen Katholiken gefeierten Festes. In manchen Ländern, wie in meiner Heimat Österreich, ist dieses Fest sogar ein gesetzlicher Feiertag.

Nicht vergessen werden soll auch der darauffolgende Satz, der die meisten Katholiken (zumindest in Mitteleuropa) zu Apostaten erklärt:

Wenn daher, was Gott verhüte, jemand diese Wahrheit, die von Uns definiert worden ist, zu leugnen oder bewusst in Zweifel zu ziehen wagt, so soll er wissen, dass er vollständig vom göttlichen und katholischen Glauben abgefallen ist. (Munificentissimus Deus 45)

Durch diese Aussage wird eine Sache, die im Neuen Testament nicht einmal erwähnt wird, zu einem zentralen Inhalt des Glaubens gemacht, dessen Leugnung den Abfall nicht nur vom katholischen, sondern sogar vom göttlichen Glauben bedeutet. Es kommt sogar noch anmaßender:

Keinem Menschen sei es also erlaubt, diese Unsere Erklärung, Verkündigung und Definition ungültig zu machen, ihr in verwegener Kühnheit entgegenzutreten oder sie zu bekämpfen! Sollte sich aber jemand unterfangen, es dennoch zu tun, so möge er wissen, dass er den Zorn des Allmächtigen Gottes und der heiligen Apostel Petrus und Paulus auf sich herabruft. (Munificentissimus Deus 47)

Was sagt die Bibel dazu?

In der päpstlichen Bulle wird zwar die Behauptung aufgestellt, dass sich dieses Dogma auf die Heilige Schrift stützt. Ein Beweis dafür kann aber nicht erbracht werden.

Alle diese Beweise und Erwägungen der heiligen Väter und der Theologen stützen sich letzten Endes auf die Heilige Schrift. Diese stellt uns die hehre Gottesmutter als aufs engste mit ihrem göttlichen Sohne verbunden und sein Los immer teilend vor Augen. Daher scheint es unmöglich, sie nach diesem irdischen Leben, wenn nicht der Seele, so doch dem Leibe nach von Christus getrennt zu denken, sie, die Christus empfangen, geboren, an ihrer Brust genährt, ihn in den Armen getragen und an ihr Herz gedrückt hat. Weil nun unser Erlöser der Sohn Marias ist, musste er, der vollkommenste Beobachter des Gesetzes, in der Tat wie den Vater, so auch seine liebe Mutter ehren. Da er ihr die große Ehre erweisen konnte, sie vor der Verwesung des Todes zu bewahren, muss man also glauben, dass er es wirklich getan hat. (Munificentissimus Deus 38)

Es wird nur spekuliert und geschlussfolgert, aber nicht bewiesen. Mangels einer klaren Schriftstelle kann auch nicht mehr gemacht werden.

Es soll aber festgehalten werden, dass der Inhalt des Dogmas nicht lautet, dass Maria nicht gestorben und lebendig in den Himmel aufgenommen worden ist. In Punkt 14 der Bulle wird sogar eingeräumt, dass die frühen Gläubigen keine Schwierigkeit darin fanden, „anzunehmen, auch die Gottesmutter sei, wie schon ihr göttlicher Sohn, durch den Tod aus diesem Leben geschieden“.

In der feierlichen Verkündigung des Dogmas wird nur gesagt, dass Maria jetzt mit Leib und Seele in der himmlischen Herrlichkeit ist. Freilich wird dabei auch vorausgesetzt (Punkt 38), dass ihr Leib nicht verwest ist.

Interessant ist, was der an diesem Tag gelesene Abschnitt aus dem 1. Korintherbrief dazu sagt.

20 Nun aber ist Christus von den Toten auferweckt worden als der Erste der Entschlafenen. 21 Da nämlich durch einen Menschen der Tod gekommen ist, kommt durch einen Menschen auch die Auferstehung der Toten. 22 Denn wie in Adam alle sterben, so werden in Christus alle lebendig gemacht werden. 23 Es gibt aber eine bestimmte Reihenfolge: Erster ist Christus; dann folgen, wenn Christus kommt, alle, die zu ihm gehören. 24 Danach kommt das Ende, wenn er jede Macht, Gewalt und Kraft entmachtet hat und seine Herrschaft Gott, dem Vater, übergibt. 25 Denn er muss herrschen, bis Gott ihm alle Feinde unter seine Füße gelegt hat. 26 Der letzte Feind, der entmachtet wird, ist der Tod. 27 Denn: Alles hat er seinen Füßen unterworfen. (1 Korinther 15,20-27a)

Es ist hier nicht der Ort, auf alle Aspekte dieses Textes einzugehen. Wichtig ist die Aussage in Vers 23. Paulus spricht von einer Reihenfolge. Der Erste ich Christus. Bei seiner Wiederkunft folgen alle, die zu ihm gehören. Hier wäre der ideale Ort gewesen, über die Sonderrolle Marias zu schreiben.

Der Text von Vers 23b müsste dann in etwa so lauten:

Erster ist Christus; dann folgt nach Ihrem Entschlafen die Mutter des Herrn; dann folgen, wenn Christus kommt alle, die zu ihm gehören.

Genau diesen mittleren Satz gibt es aber nicht. Maria ist eine von denen, die zu Christus gehören. Sie folgt gemeinsam mit allen, die zu Christus gehören, bei seinem zweiten Kommen. Paulus kennt hier keine Ausnahme. Wir haben hier den seltenen Fall, dass die katholische Kirche anlässlich eines Festes genau den Text lesen lässt, der das Dogma, das gefeiert wird, widerlegt.

Bedenkenswert sind auch folgende Worte Jesu:

19 Es kamen aber seine Mutter und seine Brüder zu ihm; sie konnten jedoch wegen der vielen Leute nicht zu ihm gelangen. 20 Da sagte man ihm: Deine Mutter und deine Brüder stehen draußen und möchten dich sehen. 21 Er erwiderte ihnen: Meine Mutter und meine Brüder sind die, die das Wort Gottes hören und tun. (Lukas 8,19-21)

27 Es geschah aber: Als er das sagte, da erhob eine Frau aus der Menge ihre Stimme und rief ihm zu: Selig der Schoß, der dich getragen, und die Brust, die dich gestillt hat! 28 Er aber erwiderte: Ja, selig sind vielmehr, die das Wort Gottes hören und es befolgen. (Lukas 11,27-28)

Durch diese Worte zeigt Jesus, dass für ihn nicht die leibliche Verwandtschaft zählt, sondern das Hören und Tun des Wortes Gottes. Die oben zitierte Argumentation von Munificentissimus Deus 38 geht daher ins Leere.

Maria, die Mutter Jesu, ist eine der Gläubigen. Sie wird gemeinsam mit allen anderen Gläubigen am Tag der Wiederkunft ihres Sohnes auferstehen und ihn für alle Ewigkeit verherrlichen.

Zeit und Ewigkeit

Wir leben in einer materiellen Welt, die der Veränderung unterworfen ist. Das Maß der Veränderung ist die Zeit. Christen haben die Hoffnung des ewigen Lebens. Wir finden in der Bibel keine klare Beschreibung des Himmels, der ewigen Gemeinschaft mit Gott. Eine Projektion unserer Erfahrung von Raum und Zeit in die Ewigkeit hinein ist nicht möglich. Wir können nicht davon ausgehen, dass nach der Auferstehung die Zeit einfach fortgesetzt wird. Wenn nach katholischer Lehre die Seelen der Geretteten unmittelbar nach dem Tod in der Gottesschau sind (soferne sie nicht vorher noch ins Fegefeuer müssen), und erst am Jüngsten Tag mit ihrem Leib wieder vereinigt werden, wird auch nach dem Tod die Existenz von Zeit vorausgesetzt.

Auch die Bibel spricht von der Auferstehung am Letzten Tag (z. B. in der oben zitierten Stelle von 1 Korinther 15). Das ist von unserem irdischen Standpunkt aus auch so. Dem widerspricht aber nicht, dass der einzelne Gläubige unmittelbar nach seinem Tod die Auferstehung auch des Leibes erfährt.

Dafür spricht 2 Korinther 5,1:

Wir wissen: Wenn unser irdisches Zelt abgebrochen wird, dann haben wir eine Wohnung von Gott, ein nicht von Menschenhand errichtetes ewiges Haus im Himmel.

Das „irdische Zelt“ ist unser irdischer Leib, das „ewige Haus im Himmel“ ist unser Auferstehungsleib.

Darum ist es durchaus richtig zu sagen, dass jeder verstorbene Gläubige (auch Maria) jetzt schon mit Leib und Seele in der Gegenwart Gottes lebt. Er hat die Auferstehung schon unmittelbar nach seinem Tod erfahren und muss nicht auf die Wiedervereinigung mit seinem Leib warten, auch wenn in unserer Welt sein Leib noch im Grab liegt.

Wir können also sagen, dass Maria direkt nach ihrem Tod auch mit ihrem Leib in die Herrlichkeit Gottes eingegangen ist, weil sie nicht mehr in diesem irdischen Raum-Zeit-System verortet werden kann. Ihr irdischen Überreste sind freilich immer noch in ihrem Grab. Diese Verherrlichung betrifft aber nicht nur Maria, sondern jeden, der das Wort Gottes gehört und getan hat.

Jesus sagte zu ihr: Ich bin die Auferstehung und das Leben. Wer an mich glaubt, wird leben, auch wenn er stirbt, und jeder, der lebt und an mich glaubt, wird auf ewig nicht sterben. Glaubst du das? (Johannes 11,25-26)

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