„Er wird nicht immer rechten …“

Er wird nicht immer rechten und nicht ewig trägt er nach.
(Psalm 103,9)

„Loblied auf den barmherzigen und gerechten Gott“ – so wird Psalm 103 in der Einheitsübersetzung zurecht überschrieben. In diesem Zusammenhang verstehe ich auch Vers 9 als eine Aussage über Gottes barmherzige Liebe. Er ist kein nachtragender Gott, so wie es auch in Exodus 34,6 heißt:

Der HERR ist der HERR, ein barmherziger und gnädiger Gott, langmütig und reich an Huld und Treue.

Die zweite Vershälfte von Psalm 103,9 wird von der Elberfelder Bibel wörtlicher übersetzt:

[er wird …] nicht ewig zürnen.

Wenn Gott vergibt, hat sein Zorn ein Ende.

Lesen wir Vers 9 im Zusammenhang, sehen wir, wie sehr die Vergebung, nicht das Gericht, das Thema ist.

Preise den HERRN, meine Seele, und alles in mir seinen heiligen Namen! 2 Preise den HERRN, meine Seele, und vergiss nicht, was er dir Gutes getan hat! 3 Der dir all deine Schuld vergibt und all deine Gebrechen heilt, 4 der dein Leben vor dem Untergang rettet und dich mit Huld und Erbarmen krönt, 5 der dich dein Leben lang mit Gaben sättigt, wie dem Adler wird dir die Jugend erneuert. 6 Der HERR vollbringt Taten des Heils, Recht verschafft er allen Bedrängten. 7 Er hat Mose seine Wege kundgetan, den Kindern Israels seine Werke. 8 Der HERR ist barmherzig und gnädig, langmütig und reich an Huld. 9 Er wird nicht immer rechten und nicht ewig trägt er nach. 10 Er handelt an uns nicht nach unsern Sünden und vergilt uns nicht nach unsrer Schuld. 11 Denn so hoch der Himmel über der Erde ist, so mächtig ist seine Huld über denen, die ihn fürchten. 12 So weit der Aufgang entfernt ist vom Untergang, so weit entfernt er von uns unsere Frevel. 13 Wie ein Vater sich seiner Kinder erbarmt, so erbarmt sich der HERR über alle, die ihn fürchten. (Psalm 103,1-13)

Umso erstaunter war ich, als ich in der John MacArthur Studienbibel folgende Erklärung zu Psalm 103,9 las:1

nicht immerfort rechten. Es wird einen letzten Tag der Rechenschaftsabgabe geben, sowohl beim Tod (Lk 16,19-31) als auch vor dem großen weißen Thron (Offb 20,11-15). Die Sintflut war ein deutlicher Hinweis auf diese Wahrheit (vgl. 1Mo 6,3).

Dass Gott die Menschen richten wird, ist klare Botschaft der Bibel. Doch ebenso klar ist, dass Psalm 103,9 nicht davon spricht, sondern von der vergebenden Liebe Gottes.

Wenn der Psalmist sagt, dass Gott nicht immerfort rechten wird, dann deswegen, weil er Gott als einen vergebenden Gott erkannt und erfahren hat. Keinesfalls wollte der Psalmist an dieser Stelle sagen, dass Gott deswegen nicht immerfort rechten wird, weil es nach dem „letzten Tag der Rechenschaftsabgabe“ keinen Grund mehr zum Rechten geben wird. Gott ist ein barmherziger Gott, der auch ohne Gerichtsurteil von seinem „Rechten“ abläßt, der aus Liebe aufhört, zu zürnen, ohne dass er seinen Zorn ersatzweise auf ein unschuldiges Opfer richtet.

Der Psalmist hat Gottes großes Erbarmen gesehen. Er hat Gott für seine vergebende Liebe gedankt. Wenn wir ihm in Ehrfurcht nahen, dürfen wir mit all unseren Sünden vertrauensvoll zu ihm kommen und ihm für seine Vergebung danken.

Doch die Huld des HERRN währt immer und ewig für alle, die ihn fürchten.
(Psalm 103,17a)


  1. John MacArthur Studienbibel, 6. Auflage Bielefeld 2009, S. 819. ↩

Kommentar verfassen

Bloggen auf WordPress.com.

Nach oben ↑