Aber er ist um unsrer Missetat willen verwundet und um unsrer Sünde willen zerschlagen. Die Strafe liegt auf ihm, auf dass wir Frieden hätten, und durch seine Wunden sind wir geheilt.
(Jesaja 53,5 – Luther 2017)
Jesus hat uns dadurch erlöst, dass er am Kreuz statt uns für unsere Sünden bestraft worden ist. Sowohl der leibliche Tod, aber noch viel mehr der geistliche Tod, die Gottesferne, sind die gerechte Strafe für unsere Sünden. Um uns nicht bestrafen zu müssen, hat Gott seinen Sohn gesandt, der als sündenloser Mensch die gerechte Strafe für uns Sünder bezahlt hat. Dadurch ist die Schuld beglichen. Gott kann uns als Gerechte ansehen. Er kann uns die Sünden vergeben, weil Jesus dafür bestraft worden ist. — So etwa lautet ein verbreitetes Verständnis der Erlösung durch den Tod Jesu, auf Englisch „Penal Substitution Atonement“ genannt, im Deutschen manchmal mit „Sühnung von Strafschuld durch Stellvertretung“ wiedergegeben.
Mit der Frage, ob Jesus am Kreuz von Gott verlassen war, habe ich mich schon in diesen beiden Beiträgen beschäftigt: War Jesus am Kreuz von Gott verlassen? und: Drei Stunden Gottesferne am Kreuz?
Einer der Texte zur Begründung dieses Verständnisses ist der eingangs zitierte Vers Jesaja 53,5. Auf den ersten Blick scheint dieser Vers diese Gedanken zu bestätigen. Es geht um unsere Missetaten und Sünden, die die Wunden und Schläge des Knechts des Herrn bewirken. Dann steht noch ausdrücklich, dass die Strafe zu unserem Frieden oder Heil auf ihm lag.
Der Abschnitt Jesaja 52,13-53,12 wird oft als das Vierte Gottesknechtslied bezeichnet. In vier Texten des Buches Jesaja ist von einem Knecht Gottes die Rede, der — anders als das ebenfalls als Gottesknecht genannte Volk Israel — in der Treue zu Gott ausharrt. Im Vierten Gottesknechtslied geht es um das Leiden und Sterben und die anschließende Erhöhung dieses Knechts. Das Neue Testament (und somit auch alle Christen) sieht diese prophetischen Worte in Jesus erfüllt.
So bezieht Matthäus in 8,16-17 Jesaja 53,4 auf die Krankenheilungen Jesu.
16 Am Abend brachte man viele Besessene zu ihm. Er trieb mit seinem Wort die Geister aus und heilte alle Kranken, 17 damit sich erfüllen sollte, was durch den Propheten Jesaja gesagt worden ist: Er hat unsere Leiden auf sich genommen und unsere Krankheiten getragen.
Es ist bemerkenswert, dass Matthäus Jesaja 53,4, wo vom Tragen und auf sich Nehmen der Krankheiten und Leiden die Rede ist, in den von Jesus gewirkten Heilungen und nicht in seinem Leiden erfüllt sieht.
Doch wenden wir uns Vers 5 zu. Es ist offensichtlich, dass die Leiden des Knechtes in einem Zusammenhang mit unseren Sünden stehen. Welcher Art dieser Zusammenhang ist, wird im ersten Teil des Verses nicht ausgeführt. Luther schreibt „um … willen“, die Einheitsübersetzung „wegen“. Die hebräische Präposition
In vielen deutschen Übersetzungen finden wir das Wort „Strafe“ aber anschließend.
Die Strafe liegt auf ihm, auf dass wir Frieden hätten.
Außer Luther verwenden auch die Elberfelder Bibel, die Übersetzungen von Menge und Schlachter und auch die Zürcher Bibel das Wort „Strafe“. Allerdings merkt die Elberfelder Bibel in einer Fußnote an, dass die wörtliche Übersetzung „Züchtigung“ lautet. So lautet auch die Einheitsübersetzung:
Zu unserem Heil lag die Züchtigung auf ihm.
„Züchtigung“ ist auch die Bedeutung des hebräischen Wortes מוּסַ֤ר / mûsar. Eine Züchtigung kann auch den Charakter eine Strafe haben, doch steht immer das Ziel der Besserung vor Augen. Ein Vater züchtigt seinen Sohn, damit er sein schlimmes Verhalten ablegt. Im Fokus steht die Besserung, nicht die Strafe im rechtlichen Sinn. Mûsar / „Züchtigung“ hat nicht notwendigerweise mit Gewaltanwendung zu tun. Es kann auch „Zurechtweisung“, „Verwarnung“, „Rüge“, auch „Erziehung“ und „Bildung“ heißen. In diesem Sinn steht das Wort etwa in Sprichwörter 1:
2 um Weisheit und Erziehung kennenzulernen, um kundige Rede zu verstehen, 3 um Erziehung zur Einsicht zu erlangen: Gerechtigkeit, Rechtssinn und Redlichkeit, 4 um Unerfahrenen Klugheit zu verleihen, der Jugend Kenntnis und Umsicht. (Sprichwörter 1,2-4)
Die Furcht des HERRN ist Anfang der Erkenntnis, nur Toren verachten Weisheit und Erziehung. (Sprichwörter 1,7)
Erziehung war in der Antike oft mit Schlägen verbunden – aber nicht immer. Mûsar war nicht eine Bestrafung, die von einem Gericht verhängt wurde. Es ging um Erziehung.
Auch die Septuaginta verwendet in Jesaja 53,5 das Wort παιδεία / paideía „Erziehung“, „Unterweisung“. In der Septuaginta Deutsch1 lautet dieser Vers so:
Er aber wurde verwundet um unserer Gesetzlosigkeiten willen und ist gebrechlich gemacht um unserer Sünden willen: Unsere Erziehung zum Frieden ruht auf ihm, durch seine Strieme wurden wir geheilt.
In der Fußnote wird als alternative Übersetzung angeboten:
Die Züchtigung(, die) zu unserem Frieden (dient, fällt) auf ihn.
Wenn man diese Übersetzung (Unsere Erziehung zum Frieden ruht auf ihm) liest, kommt man nicht auf den Gedanken, dass es hier darum geht, dass Jesus an unserer Stelle bestraft worden wäre.
Der Text sagt, dass die „Züchtigung“ oder „Erziehung“ des Knechts zu unserem Frieden dient.
Wenn Jesus vollkommen war, wozu sollte er „gezüchtigt“ oder „erzogen“ werden? Brauchte er eine Besserung? Jesus war ja ganz ohne Sünde.
Im Hebräerbrief heißt es:
8 Obwohl er der Sohn war, hat er durch das, was er gelitten hat, den Gehorsam gelernt; 9 zur Vollendung gelangt, ist er für alle, die ihm gehorchen, der Urheber des ewigen Heils geworden. (Hebräer 5,8-9)
Bei Jesus war das Lernen des Gehorsams oder die Erziehung im Gehorsam nicht ein Schritt vom Ungehorsam zum Gehorsam, so wie es bei uns leider immer wieder nötig ist. Bei ihm war es ein Wachstum im Gehorsam, kein Ablegen des Ungehorsams, den er ja nicht kannte. (Mehr dazu im Beitrag Musste Jesus den Gehorsam lernen?)
Die Leiden, die der „Erziehung“ Jesu dienten und in denen er seinen Gehorsam erwiesen hat, waren keine vom Vater auferlegte Strafen, die er statt uns tragen musste. Er hat die Folgen der menschlichen Sünde und Bosheit getragen.
Der Text von Jesaja 53,5 sagt nicht, von wem der Knecht gezüchtigt wurde. Es könnte Gott sein oder auch die Menschen. Menschen, nicht Gott, haben ihn verfolgt, gequält, verspottet und letztlich getötet. Es war Gottes Wille, dass Jesus in all diesen Qualen nicht sündigt, dass er sich in seiner Liebe vollkommen hingibt. Doch das Böse kam nicht von Gott. Es konnte ja nicht von ihm, der absolut gut und heilig ist, kommen.
Das ist die Botschaft, die wir von ihm gehört haben und euch verkünden: Gott ist Licht und keine Finsternis ist in ihm. (1 Johannes 1,5)
Gott hat nicht die Bosheit der Menschen benutzt, um Jesus durch sie an unserer Statt für unsere Sünden zu strafen. Gott hat inmitten der Bosheit der Menschen seine Liebe gezeigt, dadurch dass sein Sohn auch durch die schlimmsten Qualen und den größten Hass nicht von seiner Liebe gewichen ist. Die Menschen haben Jesus gequält. Jesus aber hat für seine Feinde gebetet:
Jesus aber betete: Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun! (Lukas 23,34a)
Jesus konnte in dieser Liebe bleiben, weil er tief mit seinem Vater verbunden war, der seinen geliebten Sohn nicht verlassen hat.
Gott muss nicht strafen, um vergeben zu können. Würden wir es als gerecht sehen, wenn ein staatlicher Gerichtshof einen Mörder nicht verurteilen würde, dafür aber seinen Bruder, der an dem Verbrechen überhaupt nicht beteiligt war, sondern im Gegenteil seinen verbrecherischen Bruder immer wieder zum Guten ermuntert hat? Wird durch die Bestrafung eines Unschuldigen Gerechtigkeit geschaffen? Geschieht dadurch nicht erst recht ein neues Unrecht?
Durch den Propheten Ezechiel hat Gott gesagt:
Der Mensch, der sündigt, nur er soll sterben. Ein Sohn soll nicht an der Schuld des Vaters mittragen und ein Vater soll nicht an der Schuld des Sohnes mittragen. Die Gerechtigkeit des Gerechten kommt über ihn selbst und die Schuld des Schuldigen kommt über ihn selbst. (Ezechiel 18,20)
Weiter heißt es dort:
21 Wenn der Schuldige sich von allen Sünden, die er getan hat, abwendet, alle meine Satzungen bewahrt und nach Recht und Gerechtigkeit handelt, wird er bestimmt am Leben bleiben, er wird nicht sterben. 22 Keines seiner Vergehen, die er begangen hat, wird ihm angerechnet. Wegen seiner Gerechtigkeit, die er geübt hat, wird er am Leben bleiben. 23 Habe ich etwa Gefallen am Tod des Schuldigen – Spruch GOTTES, des Herrn – und nicht vielmehr daran, dass er umkehrt von seinen Wegen und am Leben bleibt? (Ezechiel 18,21-23)
Gott vergibt dem Sünder, weil dieser sich von seinen Sünden abwendet, nicht deswegen, weil jemand anderer statt ihm bestraft wurde. Gott vergibt aufgrund der Umkehr, nicht aufgrund einer formaljuristischen Konstruktion, für die er sogar seinen Sohn geopfert hätte.
Gott hat seinen Sohn, den Herrn Jesus Christus nicht bestraft. Ganz im Gegenteil war nach den Worten von Paulus Gott in Christus, als er die Welt mit sich versöhnte.
[…] wie denn Gott in Christus war, und die Welt mit sich selbst versöhnte, ihnen ihre Übertretungen nicht zurechnete und in uns das Wort von der Versöhnung gelegt hat.
(2 Korinther 5,19 – Elberfelder)
1 Septuaginta Deutsch, Stuttgart, 2. Auflage 2010, S. 1276.
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