Der Altar der Christen

Wir haben einen Altar, von dem zu essen die Diener des Zeltes keine Erlaubnis haben. (Hebräer 13,10)

Gegen Ende des Hebräerbriefs ermahnt der Schreiber seine judenchristlichen Leser zur Abgrenzung vom Judentum. Er betont, dass die „Diener des Zeltes“ nicht vom Altar der Christen essen dürfen. Mit den „Dienern des Zeltes“ sind im eigentlichen Sinne die Priester, die nach wie vor ihren Kult im Tempel ausübten, gemeint, im weiteren Sinne alle, die am Opferkult im Tempel von Jerusalem noch teilnahmen. Nachdem der Schreiber im Brief immer wieder auf verschiedenste Weise gezeigt hat, dass das einmalige Opfer Jesu den Opferdienst des Alten Bundes erfüllt und abgelöst hat, macht er klar, dass wer an diesen Opfern weiterhin teilnimmt, keinen Anteil am Altar der Christen hat.

Was ist dieser Altar?

Traditionalistische Katholiken betonen, dass damit ein „wirkliches Kultmöbel“ gemeint sei.

Stefan Heid schrieb im Artikel Der frühchristliche Altar – Kein Mahltisch, sondern sakraler Ort:1

Bereits der Hebräerbrief (Hebr 13,10) und Ignatius von Antiochia sprechen um 100 vom eucharistischen „Opferaltar“ (thysiastérion) im Sinne eines wirklichen Kultmöbels.

Ähnlich schrieb Matthias Gaudron im Artikel Der christliche Altar:

Im Hebräerbrief (13,20) heißt es dann: „Wir haben einen Altar, von dem die nicht ermächtigt sind zu essen, die dem Zelt dienen.“ Damit sind die Juden gemeint. Sie dürfen nicht vom christlichen Altar, vom Tisch des Herrn essen, also die hl. Kommunion empfangen. Der Hebräerbrief wurde wie die anderen Briefe beim Gottesdienst vorgelesen, und damit war klar, was die Gläubigen unter dem Altar verstanden.

War das wirklich so klar, wie sich das Herr Gaudron vorstellt, der sich im Ungehorsam gegenüber den Worten Jesu in Matthäus 23,9 Pater Matthias Gaudron nennt?

Dass er die Hebräerbriefstelle mit einer falschen Versangabe (20 statt 10) zitiert, ist natürlich nur ein Flüchtigkeitsfehler, zeigt aber vielleicht doch eine oberflächliche Herangehensweise. Wer sich dem katholischen Dogma verpflichtet weiß, dass die Eucharistie ein wahres Opfer ist, das für Lebende und Verstorbene dargebracht wird, kann gar nicht anders, als hier ein „wirkliches Kultmöbel“ zu sehen. Wenn dieses Dogma stimmt, mussten bereits die ersten Christen das Herrenmahl Gott als ein Opfer darbringen.

Minucius Felix schrieb im 3. Jahrhundert:

1. Glaubt ihr aber, wir halten den Gegenstand unserer Verehrung geheim, wenn wir keine Tempel und Altäre haben? Welches Bild soll ich für Gott ersinnen, da doch im Grunde genommen der Mensch selbst Gottes Ebenbild ist? Welchen Tempel soll ich ihm bauen, da diese ganze Welt, das Werk seiner Hände, ihn nicht zu fassen vermag? Und während ich als Mensch geräumiger wohne, soll ich die Größe solcher Majestät in eine einzige Zelle einschließen? 2. Müssen wir nicht besser in unserer Seele ihm ein Heiligtum errichten, nicht lieber in unserer Brust eine Stätte weihen? Kleine und große Tiere soll ich Gott opfern, welche er doch zu meinem Nutzen erschaffen, so daß ich ihm eigentlich seine Gabe zurückgebe? Das wäre undankbar, wenn doch ein gutes Herz, ein reiner Sinn und ein unbeflecktes Gewissen ein angenehmes Opfer ist. 3. Wer also Unbescholtenheit übt, der erfleht Gottes Barmherzigkeit; wer Gerechtigkeit liebt, bringt Gott Spenden dar; wer sich von Betrug fernhält, versöhnt Gott; wer einen Menschen der Gefahr entreißt, schlachtet das beste Opfertier. Das sind unsere Opfer, das ist Gottesdienst. So gilt bei uns der Gerechteste als der Frömmste. (Minucius Felix, Dialog Octavius 32,1-3)

Er betont in einer Diskussion mit einem heidnischen Gesprächspartner, dass Christen keine Tempel und keine Altäre haben.

Dazu schrieb Stefan Heid:

Das steht nicht in Gegensatz zur Aussage des römischen Schriftstellers Minucius Felix. Er sagt um 200, die Christen besäßen weder Tempel noch Altäre. Minucius Felix spricht aber nur von heidnischen Tempeln, Götterbildern und Schlachtopferaltären und lässt den jüdischen Kult, der Tempel und Altäre kannte, gelten.

„Den jüdischen Kult, der Tempel und Altäre kannte“, gab es zur Zeit von Minucius Felix nicht mehr, da der einzige Tempel der Juden, der in Jerusalem stand, bereits im Jahre 70 zerstört worden war. Er ließ diesen Kult gelten.

2. Aber „den Juden hat es nichts genutzt, daß auch sie einen einzigen Gott mit Altären und Tempeln aufs ängstlichste verehrt haben“. Du irrst aus Unkenntnis, indem du die Vergangenheit vergessen hast oder unkundig nur der späteren Zeit gedenkst. 3. Denn auch sie wurden, solange sie unseren Gott — er ist ja derselbe Gott für alle — [ihn nämlich] in Reinheit, Unschuld und Ehrfurcht verehrten, solange sie seinen heilsamen Geboten gehorchten, aus wenigen eine zahllose Schar, aus Armen reich, aus Knechten zu Herrschern. In kleiner Zahl haben sie viele, wehrlos haben sie einen wohlgerüsteten Feind, auf der Flucht ihre Verfolger auf Gottes Geheiß und mit Hilfe der Elemente überwältigt. 4. Lies nur ihre Schriften oder forsche, um ältere Schriftsteller zu übergehen, bei Flavius Josephus oder, wenn du Römer bevorzugst, bei Antonius Julianus über die Juden nach. Dann wirst du einsehen, daß sie durch ihre Verworfenheit sich ihr Schicksal zugezogen und daß nichts geschehen ist, was ihnen nicht für den Fall fortgesetzter Verstockung schon vorausverkündet war. 5. So wirst du begreifen, daß sie zuerst Gott verlassen, bevor er sie verlassen hat, und daß sie nicht, wie du freventlich sagst, samt ihrem Gott in Gefangenschaft gerieten, sondern von Gott als Verräter an seinem Gesetz preisgegeben wurden. (Minucius Felix, Dialog Octavius 33,2-5)

Sie haben Gott dadurch verlassen, dass sie den von ihm gesandten Messias abgelehnt haben. Im Opfer Jesu haben die Opfer des Tempels ihre Erfüllung und damit ihr Ende gefunden.

Hätte Minucius Felix das Herrenmahl als ein Opfer verstanden, hätte er das ohne Probleme als Antwort auf die heidnischen Vorwürfe schreiben können. Doch er nennt ein gutes Herz, einen reinen Sinn und ein unbeflecktes Gewissen als Opfer. Er erwähnt noch Unbescholtenheit und Gerechtigkeit.

Das sind unsere Opfer, das ist Gottesdienst.

Das erinnert an Römer 12,1:

Ich ermahne euch also, Brüder, kraft der Barmherzigkeit Gottes, eure Leiber als lebendiges, heiliges und Gott wohlgefälliges Opfer darzubringen – als euren geistigen Gottesdienst.

Auch Hebräer 13,15-16 passt dazu:

15 Durch ihn also lasst uns Gott allezeit das Opfer des Lobes darbringen, nämlich die Frucht der Lippen, die seinen Namen bekennen. 16 Vergesst nicht, Gutes zu tun, und vernachlässigt nicht die Gemeinschaft; denn an solchen Opfern hat Gott Gefallen!

Warum hat Minucius Felix nicht auf das regelmäßige „Messopfer“ hingewiesen? Offensichtlich hat er das gemeinsame Feiern des Herrenmahls nicht als Opfer verstanden.

Auch im Rahmen des Hebräerbriefs wäre es höchst seltsam, wenn der Schreiber, nachdem er so stark betont hat, dass die Opfer des Alten Bundes im einmaligen Opfer Jesu erfüllt wurden, nun auf Opfer in den Gemeindeversammlungen hinweisen würde.

Der Altar ist entweder das Kreuz, an dem Jesus Christus sich hingegeben hat. Oder man versteht das Wort allgemeiner auf das gesamte Opfergeschehen in der Hingabe Jesu, die nicht nur seinen Tod meint, sondern sein ganzes Leben umfasst.

Wer trotz des vollkommenen Opfers Jesu immer noch oder wieder am alttestamentlichen Opferdienst teilnimmt, hat keinen Anteil am Opfer Jesu. Er weist die durch Jesus geschenkte Erlösung zurück.

Auch in den Folgeversen geht es um das Leiden und den Tod Jesu im Vergleich zu den am Versöhnungstag geopferten Tieren:

11 Denn die Leiber der Tiere, deren Blut vom Hohepriester zur Sühnung der Sünde in das Heiligtum gebracht wird, werden außerhalb des Lagers verbrannt. 12 Deshalb hat auch Jesus, um durch sein eigenes Blut das Volk zu heiligen, außerhalb des Tores gelitten. (Hebräer 13,11-12)

Beim Altar geht es nicht um den Tisch, an dem das Herrenmahl gehalten wurde, sondern um das Opfer Jesu, der mit seinem Blut das Volk geheiligt hat.

Jesus ist nicht gekommen, um den blutigen Kult des Alten Testaments durch einen unblutigen Kult zu ersetzen.

In diesem Willen sind wir geheiligt durch das ein für alle Mal geschehene Opfer des Leibes Jesu Christi. (Hebräer 10,10 Elberfelder)


  1. Zu dem von Heid angeführten Ignatius von Antiochien: Dieser war ein großer Förderer (möglicherweise sogar der Erfinder) einer unbiblischen Gemeindestruktur mit einem einzigen Gemeindeleiter („Bischof“) an der Spitze. Er hat diese Struktur in den meisten seiner Briefe (Ausnahme: Brief an die Römer) propagiert. Er könnte durchaus auch in anderen Bereichen innovativ gewesen sein. Ich habe in seinen Briefen folgende Stellen gefunden, in denen er das Wort „Altar“ verwendet (Laut Gaudron sollten es sechs Stellen sein, ich habe aber nur diese drei gefunden.):
    Kommet alle zusammen wie in einen Tempel Gottes, wie zu einem Altare, zu dem einen Jesus Christus, welcher von einem Vater ausging und bei dem einen blieb und zu ihm zurückgekehrt ist. (An die Magnesier 7,2)
    Er schreibt zweimal „wie“. Er vergleicht das Zusammenkommen der Christen mit einem Tempel oder einem Altar. Aber er sagt nicht, dass es einen Altar gegeben hätte.
    Erweiset mir damit den größten Gefallen, dass ich Gott geopfert werde, solange der Altar noch bereit steht, auf dass ihr in Liebe einen Chor bildet und dem Vater lobsinget in Christus Jesus, weil Gott den Bischof von Syrien zu finden sich gewürdigt hat und ihn vom Osten nach dem Westen sich herbeigeholt hat. Es ist schön, von der Welt unterzugehen zu Gott, damit ich bei ihm auferstehe. (An die Römer 2,2)
    Er schreibt über seinen eigenen Tod als Opfer. Es geht nicht um einen Altar bei den Gemeindeversammlungen.
    Bemühet euch, nur eine Eucharistie zu feiern; denn es ist nur ein Fleisch unseres Herrn Jesu Christi und nur ein Kelch zur Einigung mit seinem Blute, nur ein Altar, wie nur ein Bischof ist in Verbindung mit dem Presbyterium und (den) Diakonen, meinen Mitknechten, auf dass, was immer ihr tuet, ihr tuet gemäß dem Willen Gottes. (An die Philadelphier 4,1)
    Diese Stelle spricht tatsächlich von einem Altar im Zusammenhang mit der Eucharistiefeier. Im selben Vers propagiert er auch die unbiblische Neuerung, dass es nur einen „Bischof“ geben soll (vergleiche dazu Philipper 1,1, wo von mehreren Vorstehern – wörtlich episkopoi / „Bischöfen“ – die Rede ist).
    Ignatius scheint den Tisch, um den sich die Gemeinde versammelt, „Altar“ genannt zu haben. Eine andere – weniger wahrscheinliche – Möglichkeit wäre, dass er an den „Altar“ des Opfers Christi denkt. Im Herrenmahl wird dieses Opfers gedacht. Dann würde er darauf hinweisen, dass Jesus ein einziges Opfer dargebracht hat.
    Wenn Ignatius den Tisch des Herrenmahls tatsächlich „Altar“ genannt haben sollte, bedeutet das noch nicht zwangsläufig, dass er die Feier des Herrenmahls als eine Opferhandlung betrachtete. Anders als das von Ignatius propagierte monarchische Bischofsamt dürfte sich die Benennung des Mahltisches als „Altar“ nicht so schnell durchgesetzt haben. Minucius Felix konnte mehr als hundert Jahre später schreiben, dass wir keine Tempel und Altäre haben. Keinesfalls darf eine biblisch nicht begründbare Lehre allein auf den Schriften eines nachbiblischen Autors aufgebaut werden. 

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