75 Al-Masīḥ, der Sohn Maryams, war doch nur ein Gesandter, vor dem bereits Gesandte vorübergegangen waren. Und seine Mutter war sehr wahrheitsliebend; sie (beide) pflegten Speise zu essen. Schau, wie Wir ihnen die Zeichen klar machen, und schau, wie sie sich abwendig machen lassen! 76 Sag: Wollt ihr außer Allah dem dienen, was euch weder Schaden noch Nutzen zu bringen vermag? Und Allah ist es (doch), der Allhörend und Allwissend ist. 77 Sag: O Leute der Schrift, übertreibt nicht in eurer Religion außer in (dem Rahmen) der Wahrheit und folgt nicht den Neigungen von Leuten, die schon zuvor irregegangen sind und viele (andere mit ihnen) in die Irre geführt haben und vom rechten Weg abgeirrt sind. (Sure 5,75-77)
In diesen Versen setzt sich die koranische Argumentation gegen das Christentum fort. In Vers 73 wurde der Glaube an die Dreieinigkeit als Glaube an drei Götter fehlinterpretiert. In Vers 75 wird betont, dass der Messias nur ein Gesandter war, der in eine Reihe mit den Gesandten gestellt wird, die schon vor ihm gekommen waren. Der Hinweis darauf, dass er und seine wahrheitsliebende Mutter Speise gegessen haben, sollte wohl als Hinweis darauf dienen, dass Jesus nicht Gott sein konnte.
Der Tafsīr Al-Qur’ān Al-Karīm erklärt es so:
Wer Speise zu sich nimmt, der hat es nötig, sein Leben nach dem Gesetz der Schöpfung zu erhalten. Ferner hat er ein menschliches Bedürfnis, seine Notdurft zu verrichten. Sowohl die Aufnahme der Nahrung als auch die Verrichtung der Notdurft vereinbaren sich nicht mit der Unabhängigkeit und Reinheit der göttlichen Natur.
Es fällt auf, dass in Vers 75 sowohl über Jesus als auch über seine Mutter gesagt wird, dass sie beide Speise zu sich genommen haben. Der koranische Autor scheint auch hier von seinem in Sure 5,116 geäußerten offensichtlichen Irrtum auszugehen, dass Christen Maria als einen Teil der Dreieinigkeit betrachten. Mehr dazu hier.
Dass Jesus ebenso wie seine Mutter Speise zu sich genommen hat, steht außer Frage. Er hat das sogar noch nach seiner Auferstehung getan.
41 Als sie es aber vor Freude immer noch nicht glauben konnten und sich verwunderten, sagte er zu ihnen: Habt ihr etwas zu essen hier? 42 Sie gaben ihm ein Stück gebratenen Fisch; 43 er nahm es und aß es vor ihren Augen. (Lukas 24,41-43)
40 Gott aber hat ihn am dritten Tag auferweckt und hat ihn erscheinen lassen, 41 zwar nicht dem ganzen Volk, wohl aber den von Gott vorherbestimmten Zeugen: uns, die wir mit ihm nach seiner Auferstehung von den Toten gegessen und getrunken haben. (Apostelgeschichte 10,40-41)
Das zeigt, dass Jesus auch nach seiner Auferstehung noch Mensch war.
Die menschliche Natur Jesu wird von Christen auch nicht infragegestellt. Sie gehört sogar zum Kern des Christentums. Gerade das ist die großartige Botschaft des Christentums, dass Gott nicht nur durch Propheten gesprochen hat, sondern dass er selber durch die Menschwerdung seines ewigen Wortes zu uns gekommen ist. In seiner übergroßen Liebe ist er einer von uns geworden.
Dass Gott keinerlei Speise benötigt und diese daher auch nicht verdauen und ausscheiden muss, ist ganz offensichtlich. Bei einem Menschen hingegen gehört das zu seiner Natur und ist daher nichts Schlechtes. Das gehört zur von Gott gut geschaffenen Natur des Menschen. Auch eine gut funktionierende Verdauung und Ausscheidung ist eine Gabe unseres Schöpfers, für die wir dankbar sein dürfen.
Wenn es nun Gottes Wille war, dass sein ewiges Wort Mensch wird, dann wurde er Mensch mit allen Konsequenzen einschließlich der Notwendigkeit des Essens und des Schlafens und aller anderen Dinge, die zu unserer menschlichen Natur gehören.
Muslime glauben, dass Gottes Wort kein Mensch, sondern ein Buch geworden ist. Dafür wurde in Analogie zur Inkarnation der Begriff der Inlibration geprägt. Letztlich ist Gottes Wort nicht nur ein Buch, sondern viele Bücher geworden, da ständig neue Korane gedruckt werden. Doch wie ist das mit der Unabhängigkeit und Reinheit Gottes vereinbar, wenn er sein ewiges Wort vergänglichem Papier oder sogar der Vergänglichkeit eines Bildschirms am Computer oder Smartphone ausliefert? Das Papier kann beschmutzt, zertreten oder sogar verbrannt werden, wie es z. B. auch der dritte „rechtgeleitete“ Kalif getan haben soll. Noch Schlimmeres kann mit dem Koran am Bildschirm geschehen. Derselbe Bildschirm, der das „ewige Wort Allahs“ anzeigt, zeigt auch allerlei ganz profane Dinge an, die in sich noch nicht schlecht sein müssen. Aber ich fürchte, dass es auch immer wieder vorkommt, dass auf demselben Bildschirm, auf dem der Koran gelesen wird, zu anderen Zeiten sehr sündhafte Bilder angeschaut werden. Wie passt das zur Reinheit Allahs, wenn er zulässt, dass das mit seinem Wort geschieht?
Anders als die Bücher und Bildschirme, denen Allah sein ewiges Wort anvertraut hat, die auch für sehr sündhafte Zwecke verwendet werden können, ist der Mensch Jesus Christus, der Gottes ewiges Wort in Person ist, völlig rein und heilig. Er ist durch keine einzige Sünde verunreinigt. Er hat zwar die Sünde der Welt auf sich genommen und hat die Bosheit der Menschen ertragen. Doch er blieb rein und heilig. So rein und heilig wie Gottes Wort, das er in seinem irdischen Leben war und in alle Ewigkeit ist.
Die Menschen, die auf dieses in Jesus Mensch gewordene Wort hören, dienen keinem anderen als Gott. Sie übertreiben es auch nicht in ihrer Religion (Wie kann man seine Religion übertreiben?). Sie folgen auch nicht den Neigungen von Leuten, die irregegangen sind, da sie doch dem Wort Gottes direkt folgen. Jesus hat anders als Mohammed (vergleiche Sure 33) nicht seinen eigenen Vorteil gesucht. Jesus hatte keine andere „Neigung“ als die, alles zur Ehre seines himmlischen Vaters zu tun.
Und das Wort ist Fleisch geworden und hat unter uns gewohnt und wir haben seine Herrlichkeit geschaut, die Herrlichkeit des einzigen Sohnes vom Vater, voll Gnade und Wahrheit. (Johannes 1,14)
Niemand hat Gott je gesehen. Der Einzige, der Gott ist und am Herzen des Vaters ruht, er hat Kunde gebracht. (Johannes 1,18)
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