Haben alle in Adam gesündigt?

Wer behauptet: Adams Sündenfall hat nur ihm, nicht aber seiner Nachkommenschaft Schaden zugefügt, und er hat die von Gott empfangene Heiligkeit und Gerechtigkeit, die er verloren hat, nur für sich, nicht aber auch für uns verloren; oder: befleckt durch die Sünde des Ungehorsams, hat er nur den Tod und die körperlichen Strafen auf das ganze Menschengeschlecht übertragen, nicht aber auch die Sünde, die der Tod der Seele ist: der sei ausgeschlossen. Denn er widerspricht dem Apostel, der sagt: »Durch den einen Menschen ist die Sünde in die Welt eingetreten und durch die Sünde der Tod, und so kam der Tod über alle Menschen, in ihm haben alle gesündigt« (Röm 5,12).

Dies ist ein Teil des Lehrentscheids des Konzils von Trient über die Erbsünde, der in der 5. Sitzung im Jahre 1546 formuliert wurde.1

Die Frage nach den Folgen des Sündenfalls des ersten Menschen für seine Nachkommen ist nicht so einfach. Nach dem Zeugnis der Bibel ist es klar, dass die Folgen nicht nur den ersten Menschen betroffen haben, auch dass die Auswirkungen nicht nur körperlicher Art waren. Das sind die beiden falschen Verständnisse, gegen die sich der Konzilsbeschluss richtet.

Doch kann man sagen, dass die Sünde des ersten Menschen auf alle seine Nachkommen übertragen worden sind? Kann man eine Sünde überhaupt übertragen? Gehört es nicht zum Wesen der Sünde, dass sie eine in Freiheit getroffene Entscheidung gegen den Willen Gottes darstellt?

Begründet wird diese Lehre mit Römer 5,12.

In der Einheitsübersetzung 2016 lautet der Vers so:

Deshalb: Wie durch einen einzigen Menschen die Sünde in die Welt kam und durch die Sünde der Tod und auf diese Weise der Tod zu allen Menschen gelangte, weil alle sündigten

Der Schlussteil des Verses „weil alle sündigten“ ist auch in der ursprünglichen Einheitsübersetzung und in der Übersetzung von Kürzinger gleichlautend. Die Jerusalemer Bibel übersetzt:

[…] auf Grund der Tatsache, daß alle sündigten.

Auch die Textausgabe des zitierten Lehrentscheids von Neuner-Roos erklärt in der Fußnote:

Der griechische Urtext sagt hier: »weil alle gesündigt haben«. Das Konzil benützt aber den Text der Vulgata.

In der auf Hieronymus zurückgehenden lateinischen Vulgata wird das griechische ἐφ’ ᾧ / eph‘ (= epi) hō mit in quo (in dem) wiedergegeben, wobei angenommen wird, dass sich das „quo“ auf den am Versanfang genannten einen Menschen (=Adam) bezieht. Damit argumentiert das Trienter Konzil und kommt zum Schluss, dass in Adam alle gesündigt haben und daher auch die Sünde Adams übernommen haben.

Die Wörter ἐφ’ ᾧ finden wir auch in 2 Korinther 5,4 und Philipper 3,12, beide Male mit „weil“ übersetzt. Wie die angeführten Beispiele zeigen, hat sich die Übersetzung mit „weil“ auch bei den neueren katholischen Übersetzungen durchgesetzt. Wir finden sie sogar in der von Johannes Paul II initiierten Überarbeitung der Vulgata.

[…] eo quod omnes peccaverunt. ([…] weil alle sündigten.)

Somit hat die katholische Kirche ihre eigene Lehre der biblischen Begründung beraubt.

Es ist ein großer Unterschied, ob man sagt, dass alle Menschen alleine dadurch, dass sie Nachkommen Adams sind, Sünder geworden sind, oder ob man sagt, dass weil alle Menschen gesündigt haben, der Tod auf alle Menschen übergegangen ist.

Das Faktum, dass alle Menschen gesündigt haben, zeigt, dass der Mensch von Anfang seines Lebens an nicht in derselben ungetrübten Beziehung zu Gott steht, wie es beim ersten Menschen war. Sonst würde die Sünde nicht so leicht fallen, dass sie jeden betrifft. Die Sünde des ersten Menschen hatte einen negativen Effekt auf die gesamte Menschheit, sodass zumindest in manchen Punkten das Sündigen leichter fällt als das Nichtsündigen. Durch die eigene Sünde wird jeder Mensch tatsächlich zum Sünder. Aber vor seiner ersten persönlichen Sünde ist der Mensch noch kein Sünder.

Zu beachten ist noch Römer 5,19:

19 Denn wie durch den Ungehorsam des einen Menschen (= Adam) die vielen zu Sündern gemacht worden sind, so werden auch durch den Gehorsam des einen (= Jesus) die vielen zu Gerechten gemacht werden.

Den ersten Teil könnte man leicht so verstehen, dass tatsächlich durch den Ungehorsam Adams alle anderen Menschen nach ihm zu Sündern wurden. Dann müsste man aber auch annehmen, dass alle Menschen, die nach Jesus kamen, durch dessen Gehorsam zu Gerechten gemacht wurden. Ein einziger Blick in diese Welt zeigt, dass das nicht so ist. Nicht einmal der Großteil derer, die sich Christen nennen, führen ein gerechtes Leben.

Der Ungehorsam Adams hat dadurch die vielen zu Sündern gemacht, dass sie selber gesündigt haben. Die Sünde Adams hat ihnen ihr eigenes Sündigen beträchtlich erleichtert.

Der Gehorsam Jesu hat das Potential, alle Menschen zu Gerechten zu machen, so wie die Sünde Adams das Potential hatte, alle Menschen zu Sündern zu machen. Wer das Geschenk der durch Jesu Gehorsam gewirkten Erlösung annimmt, in dem wird dieses Potential Realität. Jesus, der Gerechte, macht alle, die ihm folgen gerecht.

So hat auch die Übertretung Adams alle, die ihm durch ihr Sündigen gefolgt sind, zu Sündern gemacht. Auch wenn durch den Sündenfall die Ausgangsposition des Menschen verschlimmert wurde, wird jeder Mensch erst durch seine eigene Sünde zum Sünder.

Wir können die Verantwortung für unsere Sünden nicht auf den ersten Menschen abschieben. Es ist notwendig, die eigene Verantwortung zu sehen und zu übernehmen. Nur wer seine eigene Schuld sieht und erkennt, kann dem Ruf Jesu zur Umkehr folgen. So bringt das Liebeswerk der durch Jesus gewirkten Erlösung Frucht.

Wir haben nicht in Adam gesündigt. Aber in Jesus Christus schenkt uns Gott sein Heil.

[…] damit, wie die Sünde durch den Tod herrschte, so auch die Gnade herrsche durch Gerechtigkeit zum ewigen Leben, durch Jesus Christus, unseren Herrn. (Römer 5,21)


  1. Zitiert nach: Josef Neuner – Heinrich Roos, Der Glaube der Kirche in den Urkunden der Lehrverkündigung, 13. Auflage, Regensburg 1971, S.227, Nr.354. 

Kommentare sind geschlossen.

Bloggen auf WordPress.com.

Nach oben ↑