Mein Freund, der mein Brot aß

Auch mein Freund, dem ich vertraute, der mein Brot aß, hat die Ferse gegen mich erhoben. (Psalm 41,10)

Am Abend vor seinem Tod hat Jesus diesen Vers auf sich selbst und den Verrat durch seinen Jünger Judas Iskariot bezogen:

Ich sage das nicht von euch allen. Ich weiß wohl, welche ich erwählt habe, aber das Schriftwort muss sich erfüllen: Der mein Brot isst, hat seine Ferse gegen mich erhoben. (Johannes 13,18)

Das „Erheben der Ferse“ steht hier für Betrug und Hintergehung. Andere verstehen es als „gegen jemanden groß tun“. Im Hebräischen haben die Wörter „Ferse“ und „betrügen“ dieselbe Wurzel.

Wollte Jesus damit sagen, dass Gott den Verrat durch Judas geplant hat und diesen deshalb im Psalm angekündigt hat? Konnte Judas gar nicht anders als Jesus verraten?

Liest man den 41. Psalm, so wie er in der Bibel steht, kommt man nicht auf den Gedanken, dass hier etwas prophezeit würde. In der Einheitsübersetzung trägt er die Überschrift „Gebet eines Kranken und Verlassenen“. Diese Überschrift trifft den Inhalt ganz gut. Es geht um einen Kranken, dessen Feinde nur noch darauf warten, dass er stirbt (Vers 6). Auch seine Besucher sind nicht aufrichtig und gegen ihn (Vers 7). Aber das Schlimmste ist, dass sogar sein Freund, dem er vertraut hatte, sich gegen ihn gewandt hat (Vers 10). Der Psalmist bringt seinen Kummer und seine Not vor Gott. Im Text geht es nur um die konkrete Not des Beters. Man würde nicht auf die Idee kommen, hier eine Prophetie auf den Verrat Jesu durch Judas zu finden.

Wir dürfen das Alte Testament nicht wie ein Drehbuch verstehen, in dem bereits jedes Detail des Wirkens Jesu vorhergesagt wurde und dass Jesus nur mehr das tun musste, was in diesem Drehbuch zu lesen war. Das Leben Jesu war kein Theaterstück oder Film. Das heißt nicht, dass es keine Prophetie gibt. Nur manchmal sind die Zusammenhänge nicht so einfach.

Ich verstehe das so, dass sich Jesus in der Klage dieses Gerechten im Psalm erkannt hat. Diese zutiefst enttäuschende Erfahrung, sogar von seinem Freund verlassen und angefeindet zu werden, hat sich im Leben und Leiden Jesu erfüllt. Dieses Leid, das ein unvollkommener Gerechter des Alten Bundes erfahren musste, blieb auch dem vollkommenen Gerechten, der den Neuen Bund gebracht hat, nicht fern. So hat sich diese Stelle der Schrift in Jesus erfüllt. Hätte Judas Jesus nicht verraten, hätte das an der Messianität Jesu und der Erlösung nichts geändert. Doch aufgrund der freien Entscheidung Judas‘ zum Bösen wurde Jesus auch von diesem Schmerz betroffen.1

Lesen wir Vers 11 des Psalms, dann sehen wir, dass Jesus in einem Punkt anders reagiert hat als der Psalmist.

Du aber, HERR, sei mir gnädig; richte mich auf, damit ich ihnen vergelten kann!

Für den alttestamentlichen Beter gehörte es zur Gerechtigkeit, dass er seinen Feinden vergelten kann. Hier hat Jesus die Grenzen des Alten Testaments gesprengt. Er hat bis zum Ende seines irdischen Lebens geliebt. Sein Wunsch war nicht die Rache, sondern das Beste auch für seine Feinde. Judas war leider schon so tief verhärtet im Bösen, dass ihm nicht mehr zu helfen war. Doch ist es gerade die Liebe Jesu, die die Bosheit überwindet und die die Erlösung gebracht hat. Er hat sein Leben für seine Feinde hingegeben.

Da wir mit Gott versöhnt wurden durch den Tod seines Sohnes, als wir noch Gottes Feinde waren, werden wir erst recht, nachdem wir versöhnt sind, gerettet werden durch sein Leben. (Römer 5,10)

 

 


  1. Ich möchte mich in diesem Beitrag auf die Psalmstelle beschränken. Es bleiben daher im Hinblick auf Judas, seine Berufung und das Wissen Jesu um die Absichten Judas‘ Fragen offen, die in späteren Beiträgen behandelt werden sollen. 

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