1914 — ein bedeutsames Jahr in der biblischen Prophetie?

Viele, die mit Zeugen Jehovas zu tun hatten, wissen, dass für diese Gruppierung das Jahr 1914 eine besondere Bedeutung hat. Zwar hat sich im Laufe der Geschichte der Inhalt, der mit diesem Jahr verbunden war, geändert. An der Jahreszahl jedoch wurde festgehalten.

1 Geschichtlicher Überblick

Charles Taze Russell, der Begründer der „Ernsten Bibelforscher“, aus denen die Zeugen Jehovas hervorgingen, war der Überzeugung, dass Jesus im Jahre 1874 unsichtbar wiedergekommen und seither gegenwärtig sei. Im April 1878 habe er seine Königsherrschaft angetreten (Schriftstudien Bd. III, Seite 138). 1874 habe die Zeit der Ernte begonnen. Diese würde vierzig Jahre lang dauern und 1914 enden (Schriftstudien Bd. III, ab Seite 123). Im deutschsprachigen Wachtturm vom Januar 1904 finden wir seine Berechnungen bezüglich 1874 auf Seite 9 in den Punkten 3 und 4 erläutert. Wer sich für diese Ausführungen näher interessiert, möge bitte den Link anklicken. Im englischen Wachtturm vom 15. Juli 1894 wurde betont, dass 1914 nicht der Beginn, sondern das Ende der Zeit der Trübsal sei. 1914 sollten alle „gegenwärtigen Regierungen gestürzt und aufgelöst“ und das Reich Gottes vollständig errichtet sein (Schriftstudien Bd. II, Seite 94-95). 1

Da die Geschichte nicht den Ankündigungen von Russell gefolgt ist, musste die Lehre abgeändert werden. Also wurde die unsichtbare Wiederkunft auf das Jahr 1914 verlegt. (Neuerdings ist davon aber nicht mehr die Rede.) In diesem Jahr wurde Jesus auch zum König im Himmel inthronisiert. Satan wurde auf die Erde geworfen. Innerhalb einer Generation sollte das Reich Gottes auf Erden Wirklichkeit werden. Da diese Generation mittlerweile auch schon vergangen ist, wurde versucht, diese vom Kalender widerlegte Lehre mit einer Hilfskonstruktion zu retten, die aber auch nicht sehr lange anhalten wird. Wir dürfen gespannt sein, welches „neue Licht“ demnächst die Wachtturmgesellschaft erleuchten wird.

2 Wie wurde das Jahr 1914 errechnet?

Die Berechnungen Russells waren etwas komplizierter als die Berechnung, die die Wachtturmgesellschaft heute vorlegt. Das hatte mit der Berechnung für die Wiederkunft 1874 zu tun, mit einem Jubeljahr, das erwartet wurde, und auch mit Spekulationen aufgrund der (falschen) Abmessungen der Cheopspyramide.

Die heutige Berechnung wird im Anhang des Büchleins „Was lehrt die Bibel wirklich?“ dargelegt.

Es sollte das Ende der in Lukas 21,24 erwähnten „Zeiten der Nationen“ errechnet werden. Diese Zeiten während derer Jerusalem von den Heiden zertreten wurde, begannen nach ihrer Auffassung im Jahre 607 v. Chr., als die Babylonier Jerusalem einnahmen und damit dem davidischen Königtum ein Ende bereiteten. Da Jesus der rechtmäßige König aus dem Geschlechte Davids ist, würden die „Zeiten der Nationen“ dann zu Ende sein, wenn Jesus als König eingesetzt würde.

Dann erfolgt ein Schwenk zu Daniel 4,10-16 (nach der im deutschen Sprachraum üblichen Zählung: 4,7-13), wo der babylonische König Nebukadnezzar einen Traum hatte, in welchem ihm angekündigt wurde, dass er wegen seines Hochmuts erniedrigt werden würde und sieben Zeiten bei den Tieren des Feldes leben würde (Daniel 4,25 [22]). Das wird mit dem Bild eines gefällten Baumes dargestellt, von dem nur der Stumpf samt den Wurzeln im Boden bleibt. Das Umhauen dieses Baumes wird auf die Könige Jerusalems bezogen, deren Herrschaft für sieben Zeiten unterbrochen wird.

Nun kommt das Buch der Offenbarung ins Spiel. Aus Offenbarung 12,6.14 entnimmt man, dass dreieinhalb Zeiten 1260 Tage sind, sieben Zeiten daher 2520 Tage.

Im nächsten Schritt wird aufgrund von Numeri 14,34 und Ezechiel 4,6 festgestellt, dass ein Tag für ein Jahr steht. Die für die sieben Zeiten ermittelten 2520 Tage sind daher als 2520 Jahre zu verstehen.

Die Zusammenfassung von allem lautet:

Die 2 520 Jahre begannen im Oktober 607 v. u. Z., als Jerusalem in die Hände der Babylonier fiel und der davidische König gestürzt wurde. Sie endeten im Oktober 1914. Damals gingen die  „bestimmten Zeiten der Nationen“ zu Ende und Jesus Christus wurde von Gott als König im Himmel eingesetzt (Psalm 2:1-6; Daniel 7:13, 14). 

So weit die Berechnung der Wachtturmgesellschaft.

3 Beurteilung dieser Berechnung

Zu dieser interessanten Zusammenstellung verschiedener Bibelstellen ist zu sagen:

  • Als die Jünger Jesus kurz vor seiner Himmelfahrt fragten: Herr, stellst du in dieser Zeit das Reich für Israel wieder her?“, antwortete er:
    Euch steht es nicht zu, Zeiten und Fristen zu erfahren, die der Vater in seiner Macht festgesetzt hat. (Apostelgeschichte 1,7)
    Jeder Versuch, diese Zeiten und Fristen trotzdem durch Berechnung zu erfahren, ist von vornherein sündhaft und muss notwendigerweise falsch sein.
  • Im Zusammenhang von Lukas 21 spricht Jesus über die Zerstörung Jerusalems durch die Römer, die im Jahr 70 n. Chr. geschah. In 21,24a geht es um die daran anschließende Zerstreuung der Juden.
    Mit scharfem Schwert wird man sie erschlagen, als Gefangene wird man sie zu allen Völkern schleppen […]
    Ab dieser Zeit wird Jerusalem von den Nationen zertreten werden. Die „Zeiten der Nationen“ beginnen nicht bei der Zerstörung Jerusalems durch die Babylonier, sondern bei der Zerstörung Jerusalems durch die Römer im Jahre 70.
  • Die Babylonier zerstörten Jerusalem nicht im 607 v. Chr., sondern 587 oder 586 v. Chr. Mir ist kein Historiker bekannt, der dafür das Jahr 607 nennt. Stimmt das Ausgangsdatum der Berechnung nicht, dann kann auch das Ergebnis nicht korrekt sein. Falls alles andere stimmen würde, wäre das Ergebnis der Berechnung 1934 und nicht 1914.
  • Daniel 4 hat nichts mit dem Untergang des Königreichs Juda und der davidischen Dynastie zu tun. Es geht um den Hochmut des Königs Nebukadnezzar, der von Gott dadurch bestraft wurde, dass er sieben Zeiten (=Jahre) aus der menschlichen Gesellschaft ausgeschlossen wurde (Verse 25-30 [28-33 NWÜ]). Diese Deutung steht direkt im Text. Die von der Wachtturmgesellschaft gegebene Deutung, dass Bäume oft ein Sinnbild für Herrschaft sind, ist sehr vage. Im Text findet sich keinerlei Anspielung auf die Herrschaft in Juda. Warum der Hochmut eines heidnischen Königs für die Könige Judas stehen sollte, erschließt sich nicht.
  • Ebenso wenig hat Offenbarung 12,6.14 mit dieser Thematik zu tun. Dort geht es um eine Zeit der Verfolgung der christlichen Gemeinde, vermutlich um die Verfolgung durch Nero, nicht wie die Wachtturmgesellschaft lehrt, auf die Zeit 1919-1922.
  • In Numeri 14,34 ist wiederum ein anderes Thema. Dort geht es um die Strafe für das Volk Israel in der Wüste. Weil sie Gott nicht glaubten, sollten sie so viele Jahre in der Wüste bleiben, wie die Kundschafter unterwegs waren, das Land zu erkunden.
  • Ezechiel 4,6 steht immerhin in einem Zusammenhang mit dem Gericht über Jerusalem durch die Babylonier. Für jedes Jahr der Strafe sollte Ezechiel einen Tag dort liegen. Die Deutung ist nicht ganz klar. Aber es ging um vierzig Tage bzw. Jahre, nicht um 2520.

Man sieht, es werden hier verschiedenste Bibelstellen bunt durcheinander gewürfelt, einfach mit dem Ziel, das gewünschte Ergebnis zu erreichen. Die Stellen werden aus den jeweiligen Zusammenhängen herausgerissen und miteinander verknüpft. Überdies wird das Ausgangsdatum völlig unhistorisch angesetzt. Es wird hier alles falsch gemacht, was man nur falsch machen kann. Eine ernsthafte Beschäftigung mit der Heiligen Schrift sieht anders aus.

Zeugen Jehovas sind heutzutage durchaus bereit, zu akzeptieren, dass in der Vergangenheit manches Falsche gesagt wurde. Dass es grundsätzlich sündhaft war, überhaupt derartige Berechnungen anzustellen, wird aber nicht zugegeben. Allen Schwierigkeiten zum Trotz wird am Jahr 1914 festgehalten.

Wenn der Prophet etwas im Namen Jehovas sagt und seine Worte sich nicht erfüllen oder bewahrheiten, dann kommen sie nicht von Jehova. Der Prophet hat sich angemaßt, sie zu äußern. Fürchte dich nicht vor ihm.‘ (Deuteronomium 18,22 NWÜ)


  1. Die deutschsprachige Ausgabe aus 1926 hat den Text der englischen Ausgabe von 1889 etwas verkürzt und somit entschärft wiedergegeben.
    „True, it is expecting great things to claim, as we do, that within the coming twenty-six years all present governments will be overthrown and dissolved. In view of this strong Bible evidence concerning the Times of the Gentiles, we consider it an established truth that the final end of the kingdoms of this world, and the full establishment of the Kingdom of God, will be accomplished at the end of A. D. 1914. […] Be not surprised, then, when in subsequent chapters we present proofs that the setting up of the Kingdom of God is already begun, that it is pointed out in prophecy as due to begin the exercise of power in A.D. 1878, and that the „battle of the great day of God Almighty“ (Rev. 16:14), which will end in A.D. 1914 with the complete overthrow of earth’s present rulership, is already commenced. The gathering of the armies is plainly visible from the standpoint of God’s Word.“ Studies In the Scriptures Series II – The Time Is At Hand (1889) pp.99, 101 

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