Das Schwert in der Seele Marias

Josef und Maria brachten Jesus etwas über einen Monat nach seiner Geburt zum Tempel nach Jerusalem, um ihn „dem Herrn darzustellen“ (Lukas 2,22). Dort begegneten sie Simeon, einem frommen Greis, der Gott dafür dankte, dass seine Augen noch das Heil sehen konnten, das Gott vor allen Völkern bereitet hat, d. h. den neugeborenen Messias.

In diesem Zusammenhang sprach Simeon folgende Worte zu Maria:

Siehe, dieser ist dazu bestimmt, dass in Israel viele zu Fall kommen und aufgerichtet werden, und er wird ein Zeichen sein, dem widersprochen wird, –  und deine Seele wird ein Schwert durchdringen. So sollen die Gedanken vieler Herzen offenbar werden. (Lukas 2,34b-35)

Simeon sah prophetisch die Spaltung, die durch Jesus in das Volk Israel kommen würde, zwischen denen, die durch den Glauben an ihn aufgerichtet werden und denen, die durch ihre Ablehnung des Messias zu Fall kommen werden. In diesem Zusammenhang erwähnte er auch ein Schwert, das die Seele Marias durchdringen wird.

Was ist dieses Schwert? Meist wird an die Schmerzen Marias gedacht, die sie im Laufe ihres Lebens, und vor allem im Zusammenhang mit dem Leiden und dem Tod Jesu erlitten hat. So kennt die katholische Liturgie einen eigenen Gedenktag der Schmerzen Mariens am 15. September.

Doch beziehen sich die Worte Simeons darauf?

Der Satz „Deine Seele wird ein Schwert durchdringen“ ist ein gedanklicher Einschub. Der Hauptgedanke des Wortes von Simeon ist, dass Jesus ein Zeichen sein wird, dem widersprochen wird, wodurch die Gedanken vieler Herzen offenbar werden. Jesus ist der „Stein, an den man anstößt“, und der „Felsen, an dem man zu Fall kommt“ (1 Petrus 2,8). An der Stellung zu Jesus entscheidet sich das Heil eines Menschen. An der Konfrontation mit Jesus zeigt sich, was im Herzen eines Menschen ist, ob er Gott liebt, oder sich selbst.

Dazu passt auch das Bild des Schwertes. Das Bild des Schwertes (allerdings mit einem anderen griechischen Wort) finden wir auch in Hebräer 4,12-13:

Denn lebendig ist das Wort Gottes, wirksam und schärfer als jedes zweischneidige Schwert; es dringt durch bis zur Scheidung von Seele und Geist, von Gelenken und Mark; es richtet über die Regungen und Gedanken des Herzens; vor ihm bleibt kein Geschöpf verborgen, sondern alles liegt nackt und bloß vor den Augen dessen, dem wir Rechenschaft schulden.

Durch Gottes Wort wird aufgedeckt, was in unserem Herzen, in unserer Seele los ist, was unsere Motive und Gedanken sind. Jesus Christus ist das Wort Gottes in Person. So wird bei jedem Menschen in der Begegnung mit Jesus offenbar, wie seine Einstellung Gott gegenüber ist.

So war das auch mit Maria. Sie war gewiss eine Frau, die Gottes Willen tun wollte und auch tat. Darum hat Gott sie auch gewürdigt, die Mutter seines ewigen Sohns zu werden. Aber auch sie musste lernen und sich von Gott verändern lassen. Gerade in der Begegnung mit Jesus musste auch sie sehen, wo sie noch unvollkommen war, und konnte sich verändern.

Ein Beispiel dafür ist Lukas 2,48-49, als der zwölfjährige Jesus beim Paschafest in Jerusalem zurückblieb und Josef und Maria ihn gesucht haben.

Als seine Eltern ihn sahen, waren sie voll Staunen und seine Mutter sagte zu ihm: Kind, warum hast du uns das angetan? Siehe, dein Vater und ich haben dich mit Schmerzen gesucht. Da sagte er zu ihnen: Warum habt ihr mich gesucht? Wusstet ihr nicht, dass ich in dem sein muss, was meinem Vater gehört? 

Für besorgte Eltern scheint das eine normale Reaktion zu sein. Doch gab es hier neben der Sorge auch noch die Betonung auf den Schmerz, den sie erfahren haben. Es gab hier doch eine Verbindung mit der eigenen Gefühlslage. Vor allem hätten Sie aufgrund der göttlichen Verheißungen wissen sollen, dass Gott mit seiner väterlichen Liebe für seinen ewigen Sohn sorgt. Deswegen konnte Jesus Maria und Josef auch kritisieren. Sie hätten wissen sollen, dass der Platz Jesu in den Dingen ist, die seinem Vater gehören.

Eine andere Situation war, als Maria gemeinsam mit anderen Verwandten Jesus zu sich rief, und die Antwort Jesu war, dass seine Mutter und seine Brüder die sind, die den Willen Gottes tun (Markus 3,31-35). Maria musste lernen, dass geistliche Verwandtschaft wichtiger ist als die biologische.

An der Konfrontation mit Jesus wurde auch Marias Seele mit dem Schwert des Wortes Gottes durchdrungen. Es wurde offenbar, was noch nicht die von Gott erforderte Vollkommenheit hatte. Es geht hier nicht darum, Maria als die große Sünderin darzustellen. Das war sie nicht. Aber gerade darin, dass sie sich demütig korrigieren ließ, kann sie auch uns heute ein Vorbild sein.

Wer Jesus liebt, lässt es zu, dass das Schwert des Wortes Gottes in seine Seele eindringt und aufdeckt, was nicht in Ordnung ist. So kann Gott uns verändern. Aus der Sündenerkenntnis wächst die Reue und die Umkehr.

 

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