Der Blick auf den Durchbohrten

33 Als sie aber zu Jesus kamen und sahen, dass er schon tot war, zerschlugen sie ihm die Beine nicht, 34 sondern einer der Soldaten stieß mit der Lanze in seine Seite und sogleich floss Blut und Wasser heraus. 35 Und der es gesehen hat, hat es bezeugt und sein Zeugnis ist wahr. Und er weiß, dass er Wahres sagt, damit auch ihr glaubt. 36 Denn das ist geschehen, damit sich das Schriftwort erfüllte: Man soll an ihm kein Gebein zerbrechen. 37 Und ein anderes Schriftwort sagt: Sie werden auf den blicken, den sie durchbohrt haben.
(Johannes 19,33-37)

Diese Worte eines Augenzeugen zeigen einerseits, dass Jesus tatsächlich am Kreuz gestorben ist. Es war Jesus, der gekreuzigt wurde, und nicht jemand anderer, wie viele Muslime denken. Jesus war tatsächlich tot, nicht scheintot, wie die Ahmadiyya-Gemeinschaft und in ihrem Gefolge verschiedene Verschwörungstheoretiker behaupten.

Andererseits verweist Johannes in Vers 37 auf ein Wort aus dem Buch des Propheten Sacharja, das uns helfen kann, die Bedeutung des Todes Jesu besser zu verstehen.

10 Doch über das Haus David und über die Einwohner Jerusalems werde ich einen Geist des Mitleids und des flehentlichen Bittens ausgießen. Und sie werden auf mich blicken, auf ihn, den sie durchbohrt haben. Sie werden um ihn klagen, wie bei der Klage um den Einzigen; sie werden bitter um ihn weinen, wie man um den Erstgeborenen weint. 11 An jenem Tag wird die Klage in Jerusalem so groß sein wie die Klage um Hadad-Rimmon in der Ebene von Megiddo. 12 Das Land wird trauern, jede Sippe für sich: die Sippe des Hauses David für sich und ihre Frauen für sich; die Sippe des Hauses Natan für sich und ihre Frauen für sich; 13 die Sippe des Hauses Levi für sich und ihre Frauen für sich; die Sippe des Schimi für sich und ihre Frauen für sich; 14 alle übrig gebliebenen Sippen, jede Sippe für sich und ihre Frauen für sich. 13,1 An jenem Tag wird für das Haus David und für die Einwohner Jerusalems eine Quelle entspringen gegen Sünde und Unreinheit. (Sacharja 12,10-13,1)

Sie werden auf mich blicken.

In Vers 10 heißt es sowohl im hebräischen Masoretentext als auch in der griechischen Septuaginta: Sie werden auf mich blicken […]. Der Sprecher ist Gott selbst. Der Durchbohrte, auf den geblickt wird, ist JHWH, der Gott Israels. Zumindest identifiziert sich JHWH mit dem Durchbohrten. Mit welchen Gedanken der Prophet das verbunden hat, erschließt sich aus dem Text nicht. Die Textvariante, die Johannes zur Hand hatte, hatte dieses „auf mich“ nicht. Da es aber sowohl im Masoretentext als auch in der bereits vor Christus erstellten griechischen Übersetzung zu finden ist, muss man von der Ursprünglichkeit dieses Textes ausgehen. Es ist nicht zu erwarten, dass die jüdischen Masoreten den Text in eine Richtung abändern, die die christliche Interpretation erleichtert.

JHWH ist der Durchbohrte. Gott kann man aber nicht durchbohren. Der Durchbohrte ist ein Mensch. Das entspricht genau dem, was mit Jesus geschehen ist. Gott wurde Mensch. Dieser Mensch wurde durchbohrt. Gott selbst kann nicht sterben. Das widerspricht seinem göttlichen Wesen. Doch durch die Menschwerdung war der ewige Gott in der Person Jesu untrennbar mit dem Menschen verbunden, mit dem er auch in seinem Tod voll und ganz verbunden blieb.

Wir finden also im prophetischen Wort einen Hinweis auf die Inkarnation und auf das Leiden und Sterben des Gott-Menschen. Voll verstanden konnte das aber erst durch die Erfüllung werden.

Die Klage wie um den Erstgeborenen

Im Wort des Propheten nimmt die Schilderung der Klage ziemlich viel Platz ein. Sie wird mit der Klage um den Einzigen verglichen, um den Erstgeborenen, auf dem die ganze Hoffnung für die Zukunft der Familie ruht. Das weist auf eine sehr große Bedeutung des Betrauerten hin. Dementsprechend groß ist die Trauer.

Der Vergleich mit der Klage um (andere übersetzen: von / in) Hadad-Rimmon wurde unterschiedlich interpretiert. In der Vergangenheit (so auch Hieronymus) sah man in Hadad-Rimmon eine Ortsangabe. Neuere Erklärer sehen einen Vergleich mit der rituellen Trauer um den aramäischen Vegetationsgott Hadad-Rimmon. Im letzteren Fall sollte wohl nur die Intensität der Trauer beschrieben werden. Eine Ähnlichkeit zwischen dem Durchbohrten und einem heidnischen Götzen war für die Juden von vornherein ausgeschlossen.

Die Trauer betrifft ganz Jerusalem. Vermutlich steht Jerusalem hier für die Gesamtheit des Volkes. Hervorgehoben werden die beiden führenden Sippen des Volkes, die Sippe Davids und Levis, jeweils noch durch eine Untersippe (Nathan für David und Schimi für Levi).

Nun wissen wir aber, dass beim Tod Jesu nicht das ganze Volk getrauert hat, die führenden Mitglieder des Haues Levi, die obersten Priester, schon gar nicht. Diese hatten den Tod Jesu verschuldet.

Nach Lukas 23,48 war aber ein Teil des Volkes durchaus vom Sterben Jesu beeindruckt und reumütig.

Und all die Volksmengen, die zu diesem Schauspiel zusammengekommen waren, schlugen sich, als sie sahen, was geschehen war, an die Brust und kehrten zurück. (Elberfelder)

Als die Jünger Jesu nach der Geistausgießung die Menschen zur Umkehr aufriefen, bekehrten sich auch viele (Apostelgeschichte 2,41; 4,4), aber bei Weitem nicht das ganze Volk.

Im Buch der Offenbarung schreibt Johannes:

Siehe, er kommt mit den Wolken, und jedes Auge wird ihn sehen, auch die, welche ihn durchstochen haben, und wehklagen werden seinetwegen alle Stämme der Erde. Ja, Amen. (Offenbarung 1,7 – Elberfelder)

Das griechische Wort für Erde kann sowohl „Erde“ als auch „Land“ heißen. Die „Stämme des Landes“ beziehen sich auf die Stämme Israels. Das Wehklagen der Stämme Israels wird ein Ausdruck der Umkehr und Reue sein, so wie es in Sacharja 12 zu lesen ist. So besteht Hoffnung, dass der Teil Israels, der den durchbohrten Jesus noch nicht als den Messias und Sohn Gottes erkennt, das noch tun wird. Auch Matthäus 24,30 wird man in dieser Richtung verstehen müssen.

In Sacharja lesen wir über den „Geist des Mitleids und des flehentlichen Bittens“, den Gott über das Haus Davids und die Einwohner Jerusalems ausgießen wird. Der Geist wurde schon ausgegossen. Wenn der Rest Israels Jesus als seinen Messias erkennt, werden auch sie die Ausgießung des Heiligen Geistes als Frucht der Erlösung erfahren.

Eine Quelle gegen Sünde und Unreinheit

Sacharja 13,1 spricht von einer Quelle gegen Sünde und Unreinheit. Im Hebräischen steht nicht „entspringen“, wie in der Einheitsübersetzung, sondern „geöffnet sein“. Das führt uns wieder zurück zu Johannes 19, wo der römische Soldat mit der Lanze in die Seite Jesu stieß und so die Seite Jesu öffnete. Die geöffnete Seite Jesu steht symbolisch für das Heil, das uns durch die liebende Hingabe Jesu geschenkt wurde. In seiner Liebe ruft er uns zu sich und reinigt uns von Sünde und Befleckung. Er verändert und erneuert das Leben derer, die sich ihm anvertrauen. Er selber ist die Quelle, die uns reinigt. In ihm begegnen wir Gott, der die Quelle des ewigen Lebens ist.

Denn bei dir ist die Quelle des Lebens, in deinem Licht schauen wir das Licht. (Psalm 36,10)

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