Gefiel es Gott, Jesus zu zerschlagen?

Doch dem HERRN gefiel es, ihn zu zerschlagen. Er hat ihn leiden lassen.
(Jesaja 53,10a – Elberfelder)

Die Erlösung durch den Tod Jesu wird vor allem in protestantischen Kreisen immer wieder so erklärt, dass Gott Jesus statt uns für unsere Sünden bestraft habe. Damit Gott uns vergeben könne, habe er Jesus an unserer Stelle bestraft.

Dieser Gedankengang scheint durch Jesaja 53,10 bestätigt zu werden. Jesaja 53 wird auch das vierte Gottesknechtslied genannt. Die vier Gottesknechtslieder (Jesaja 42,1-9; 49,1-7; 50,4-11; 52,13-53,12) sprechen in prophetischer Weise von einem Knecht Gottes, der anders als der blinde und taube Knecht (Jesaja 42,19), welcher das ungehorsame Volk Israel symbolisiert, ganz im Gehorsam zu Gott steht. Nach dem Zeugnis des Neuen Testaments ist dieser Knecht Jesus (vergleiche z. B. Matthäus 8,16-17).

Jesaja 53 spricht vom Leiden dieses gerechten Knechtes Gottes. Wenn es nun in Vers 10 heißt, dass es dem HERRN gefiel, ihn zu zerschlagen, scheint das doch zu sagen, dass Gott selber seinen gerechten Knecht zerschlagen hat und dass er am Zerschlagen seines Knechts sogar Gefallen gefunden hat.

Die Luther-Übersetzung schreibt nicht von „gefallen“, sondern von „wollen“.

Aber der HERR wollte ihn also zerschlagen mit Krankheit.

Auch das Wort „wollen“ drückt eine starke Entscheidung Gottes aus, dass er seinen Knecht tatsächlich zerschlagen wollte. Doch das hebräische Verb חָפֵץ / chāfētz beinhaltet in der Regel auch ein Wohlgefallen an einem Tun.

Jesus wurde nicht mit „Krankheit“ zerschlagen. Man wird dieses Wort vielleicht in einem breiteren Sinn mit „Leiden“ deuten müssen, wie es auch die Elberfelder Bibel tut.

Im Vergleich verschiedener Übersetzungen zeigt sich, dass dieser Versteil ganz unterschiedlich übersetzt wird.

So heißt es in der katholischen Einheitsübersetzung:

Doch der HERR hat Gefallen an dem von Krankheit Zermalmten.

Ähnlich auch die ebenfalls katholische Pattloch-Bibel:

Der Herr jedoch fand Gefallen an seinem Zerschlagenen;

Auch die Elberfelder Übersetzung schreibt in der Fußnote:

Andere nehmen als ursprünglichen Text an: Doch der HERR hatte Gefallen an seinem Zerschlagenen. […]

Der hebräische Text ist in diesem Vers leider nicht ganz einfach, was zu unterschiedlichen Übersetzungen führte.

Wenn wir die durchaus mögliche Übersetzung „Der HERR fand Gefallen an dem Zermalmten“ heranziehen, dann ist keinesfalls gesagt, dass Gott ihn zermalmt hat. Gott fand Gefallen an ihm, der trotz aller Leiden, die er von den Menschen erdulden musste, Gott die Treue hielt und an der Liebe zu den Menschen festgehalten hat. Die Weise, in der der Unschuldige das ihm von bösen Menschen angetane Leid getragen hat, hat Gottes Wohlgefallen gefunden.

Noch komplizierter wird die Lage, wenn wir sehen, wie bereits in vorchristlicher Zeit die sogenannte Septuaginta diesen Vers ins Griechische übersetzt hat.1

Aber der Herr will ihn reinigen von dem (Unglücks)schlag;

Hier ist es der Herr, der aktiv ist, aber nicht im Zerschlagen, sondern im Reinigen. In der Vorlage der Übersetzer stand wohl nicht das Verb דָּכָא / dākā‘ („zerschlagen“) sondern זָכָה / sākāh („reinigen“). Der Knecht wird von den Menschen geschlagen, aber von Gott gereinigt und befreit. Die Septuaginta, die auch von den Aposteln und den frühen Christen als Heilige Schrift verwendet wurde, wirft ein anderes Licht auf das Leiden Jesu, als es heute oft verstanden wird.

Wir stehen hier vor einem textkritischen Problem. Die hebräische Vorlage der Septuaginta ist älter als alle existierenden hebräischen Handschriften. Allerdings bestätigt die älteste hebräische Handschrift, die Jesaja-Rolle aus Qumran, die Septuaginta nicht. Sie hat dieselben Konsonanten wie die späteren hebräischen Handschriften. Es ist auch darauf hinzuweisen, dass die Septuaginta zwar schon im 3. Jahrhundert vor Christus aus dem Hebräischen ins Griechische übersetzt wurde, dass aber das älteste Septuagintamanuskript von Jesaja 53 meines Wissens der Kodex Vatikanus aus  dem 4. Jahrhundert n. Chr. ist. Die textkritische Situation ist also nicht so klar.

Bei manchen Bibelstellen ist es so, dass das Vorverständnis eines Übersetzers auch dessen Übersetzung prägt. Jesaja 53,10 ist eine dieser Stellen, die in mehrere Richtungen offen sind. Man kann daher diesen Text nicht so einfach als Beweis für ein bestimmtes Erlösungsverständnis heranziehen.

Die Deutung, dass es Gott gefallen hat, seinen gerechten Knecht zu zerschlagen, ist nur eine der möglichen Deutungen. Die anderen Deutungen, dass Gott an seinem zerschlagenen Knecht Gefallen fand oder dass es Gott gefiel, seinen Knecht zu reinigen, sind mindestens genauso möglich.

Im Zusammenhang des Kapitels ist sonst nicht die Rede davon, dass der Knecht von Gott geschlagen wurde.

In Vers 4b heißt es:

Wir meinten, er sei von Gott geschlagen, von ihm getroffen und gebeugt.

In den Augen der Menschen erschien der Knecht wie einer, den von Gott geschlagen war. Doch dieser Eindruck entsprach nicht der Wirklichkeit.

Auch der zweite Teil von Jesaja 53,10 spricht nicht dafür, dass der Knecht von Gott zerschlagen wurde. Auch hier differieren die Übersetzungen.

Wenn er sein Leben als Schuldopfer eingesetzt hat, wird er Nachkommen sehen, er wird ⟨seine⟩ Tage verlängern. Und was dem HERRN gefällt, wird durch seine Hand gelingen. (Elberfelder)

Wenn du, Gott, sein Leben als Schuldopfer einsetzt, wird er Nachkommen sehen und lange leben. Was dem HERRN gefällt, wird durch seine Hand gelingen. (Einheitsübersetzung)

Ob es hier Gott ist, der das Leben des Knechtes als Schuldopfer einsetzt, oder der Knecht selbst, ist vielleicht nicht so bedeutsam, da der Knecht immer im Willen Gottes gehandelt hat. Es entspricht nicht dem biblischen Opferverständnis, dass die Schuldopfer die Strafe des Sünders tragen mussten oder an Stelle des Opfernden getötet wurden (darüber vielleicht mehr in einem späteren Beitrag). Die Schlachtopfer sollten ein Ausdruck der Reue und der Umkehr sein. Um zu zeigen, dass es einem mit der Umkehr ernst ist, gab man Gott etwas sehr Wertvolles. Bei einem Opfer war es nicht Gott, der es „zerschlug“. Das Wesentliche beim Opfer war nicht der Akt des Tötens, sondern die Besprengung mit Blut, das für das Leben stand. Zudem gab es auch unblutige Opfer.

Das Opfer Jesu bestand in der liebevollen Hingabe seines Lebens, nicht in einem göttlichen Strafgericht, das er ertragen musste.

Dass es nicht Gott war, der den Messias geschlagen hat, sondern böse Menschen, hat auch Petrus vor dem Hohen Rat bekannt. Gott hat ihn auferweckt. Getötet wurde er von den Menschen.

Der Gott unserer Väter hat Jesus auferweckt, den ihr ans Holz gehängt und ermordet habt. (Apostelgeschichte 5,30)

Wenn Gott schon keinen Gefallen am Tod des Sünders hat, wie er es durch seinen Propheten Ezechiel ausgedrückt hat,

Habe ich etwa Gefallen am Tod des Schuldigen – Spruch GOTTES, des Herrn – und nicht vielmehr daran, dass er umkehrt von seinen Wegen und am Leben bleibt? (Ezechiel 18,23)

wie sollte er dann Gefallen daran haben, seinen gerechten und sündlosen Knecht Jesus zu zerschlagen?

Gott muss nicht einen Unschuldigen zerschlagen, damit er Sündern vergeben kann. Das ist weder Liebe, noch Gerechtigkeit.


  1. Wiedergabe nach: Septuaginta Deutsch, Stuttgart, 2. Auflage 2010, S. 1276. 

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