„… zum Verderben des Fleisches …“

4 Im Namen Jesu, unseres Herrn, wollen wir uns versammeln, ihr und mein Geist, und zusammen mit der Kraft Jesu, unseres Herrn, 5 diesen Menschen dem Satan übergeben zum Verderben seines Fleisches, damit sein Geist am Tag des Herrn gerettet wird.
(1 Korinther 5,4-5)

In 1 Korinther 5,1-5 geht es um den Fall eines Mannes, der eine sexuelle Beziehung zur Frau seines Vaters hatte (wörtlich: dass einer seines Vaters Frau hat). Wie genau diese Beziehung ausgeschaut hat, können wir dem Text nicht entnehmen. Es ist jedoch anzunehmen, dass mit „seines Vaters Frau“ nicht seine Mutter gemeint ist. Das hätte Paulus wohl direkt angesprochen.

Für Paulus war klar, dass eine derartige Beziehung in einer christlichen Gemeinde nicht akzeptiert werden kann. Sie steht nicht nur im Widerspruch zur Thora (Levitikus 18,8; Deuteronomium 27,20), sondern nach 1 Korinther 5,1 kam so etwas nicht einmal unter Heiden vor. Durch diese Sünde war nicht nur das Heil des betreffenden Bruders in höchster Gefahr, sondern auch die Gemeinde, die Gottes Heiligkeit wiederspiegeln soll, kam bei Außenstehenden in Verruf. In Epheser 5,27 schreibt er über den Willen Jesu für seine Gemeinde:

So will er die Kirche herrlich vor sich hinstellen, ohne Flecken oder Falten oder andere Fehler; heilig soll sie sein und makellos.

Daher verlangte Paulus, dass der Sünder aus der Gemeinde ausgeschlossen werden sollte.

Doch Paulus schreibt nicht einfach, dass der Sünder ausgeschlossen werden sollte, sondern verwendet eine besonders harte Sprache. Der Sünder sollte dem Satan übergeben werden zum Verderben des Fleisches, aber auch damit sein Geist am Tag des Herrn gerettet werde.

Sollen wir uns den Satan als „Gehilfen“ Gottes denken, der durch körperliche Qualen den Sünder zur Umkehr bringt? Der Satan ist doch kein Helfer, sondern der Feind Gottes, der von Jesus besiegt wurde. Durch sein Erlösungswerk hat Jesus den Satan und alle „Fürsten und Gewalten“ überwunden und entwaffnet.

Die Fürsten und Gewalten hat er entwaffnet und öffentlich zur Schau gestellt; durch Christus hat Gott über sie triumphiert. (Kolosser 2,15)

Am Ende der Zeit wird er völlig besiegt werden.

Und der Teufel, ihr Verführer, wurde in den See von brennendem Schwefel geworfen, wo auch das Tier und der falsche Prophet sind. Tag und Nacht werden sie gequält, in alle Ewigkeit. (Offenbarung 20,10)

So kann der Satan doch kein Helfer Gottes sein.

Johannes schreibt in 1 Johannes 5,19:

Wir wissen: Wir sind aus Gott, aber die ganze Welt steht unter der Macht des Bösen.

Die Welt gehört Satan nicht rechtmäßig, wie er in Lukas 4,6 zu behaupten scheint:

Und er sagte zu ihm: All die Macht und Herrlichkeit dieser Reiche will ich dir geben; denn sie sind mir überlassen und ich gebe sie, wem ich will.

Es ist nur wegen der Sünden der Menschen, dass Satan einen derart großen Einfluss hat.

Wenn der Sünder ausgeschlossen wird, ist er nicht mehr im „Schutzraum“ der Gemeinde und erfährt die Wirkungen des Bösen direkter. „Dem Satan übergeben“ bedeutet nach meinem Verständnis, dass der Ausgeschlossene nicht mehr unter dem Schutz steht, den er in der Gemeinde der Gläubigen erfahren würde, sondern den Angriffen Satans direkter ausgesetzt ist.

Johannes Chrysostomus hat eine Parallele zu den Anfechtungen gesehen, die Ijob durch das Wirken Satans erdulden musste.

Er sagt aber nicht: dem Satan weihen, sondern: übergeben, und öffnet somit dem Sünder das Thor der Buße und übergibt ihn dem Satan etwa wie einem Zuchtmeister. Und wieder sagt er: „einen Solchen“ und nennt nirgends den Namen desselben. „Zum Verderben des Fleisches;“ wie es bei dem frommen Job geschah, obgleich nicht aus demselben Grunde. Denn dort geschah es, um ihm eine glänzendere Krone zu bereiten, hier aber zur Abbüßung der Sünden, damit ihn der Satan mit einem bösartigen Geschwüre oder einer andern Krankheit schlagen sollte. (Johannes Chrysostomus, Homilien über den ersten Brief an die Korinther, 15,2,4)

Chrysostomus sah hier im Satan eine Art Zuchtmeister, der durch körperliche Schädigung den Sünder zur „Abbüßung der Sünden“ helfen sollte. Aber ist es im Interesse des Teufels Menschen zur Umkehr von den Sünden zu führen? Und kann der Satan tatsächlich so einfach körperlichen Schaden zufügen?

Viele Erklärungen haben wie Chrysostomus den Ausdruck „zum Verderben des Fleisches“ so gedeutet, dass dem ausgeschlossenen Sünder körperlich geschadet werden sollte.

Besonders krass hat der norwegische Volkskundeforscher Thorleif Boman 1 Korinther 5,5 verstanden. Paulus habe von der Gemeinde der Korinther verlangt, dass sie den Tod des Blutschänders herbeiführen sollte. Die Gemeinde habe dem aber nicht Folge geleistet.1

Oder sollte der Teufel den Sünder töten und damit zu seiner Rettung beitragen? Für eine derartige Erklärung fehlt jeder biblische Ansatz.

Müssen wir tatsächlich davon ausgehen, dass mit „Fleisch“ (griechisch σάρξ / sarx) der Körper gemeint ist?

Besonders im Wortgebrauch von Paulus hat dieses Wort öfters eine Bedeutung, die nicht in direktem Zusammenhang mit dem Körper steht. Das „Fleisch“ steht auch für eine Gesinnung, die dem Geist, insbesondere dem Geist Gottes entgegensteht. Eine Gesinnung, die auf den eigenen Vorteil sieht und sich Gott nicht unterordnet.

5 Denn diejenigen, die vom Fleisch bestimmt sind, trachten nach dem, was dem Fleisch entspricht, die aber vom Geist bestimmt sind, nach dem, was dem Geist entspricht. 6 Denn das Trachten des Fleisches führt zum Tod, das Trachten des Geistes aber zu Leben und Frieden. 7 Denn das Trachten des Fleisches ist Feindschaft gegen Gott; es unterwirft sich nämlich nicht dem Gesetz Gottes und kann es auch nicht. 8 Wer aber vom Fleisch bestimmt ist, kann Gott nicht gefallen. 9 Ihr aber seid nicht vom Fleisch, sondern vom Geist bestimmt, da ja der Geist Gottes in euch wohnt. Wer aber den Geist Christi nicht hat, der gehört nicht zu ihm. (Römer 8,5-9)

16 Ich sage aber: Wandelt im Geist, dann werdet ihr das Begehren des Fleisches nicht erfüllen! 17 Denn das Fleisch begehrt gegen den Geist, der Geist gegen das Fleisch, denn diese sind einander entgegengesetzt, damit ihr nicht tut, was ihr wollt. 18 Wenn ihr euch aber vom Geist führen lasst, dann steht ihr nicht unter dem Gesetz. 19 Die Werke des Fleisches sind deutlich erkennbar: Unzucht, Unreinheit, Ausschweifung, 20 Götzendienst, Zauberei, Feindschaften, Streit, Eifersucht, Jähzorn, Eigennutz, Spaltungen, Parteiungen, 21 Neid, maßloses Trinken und Essen und Ähnliches mehr. Ich sage euch voraus, wie ich es früher vorausgesagt habe: Wer so etwas tut, wird das Reich Gottes nicht erben. (Galater 5,16-21)

Manche der „Werke des Fleisches“, wie Unzucht, maßloses Trinken und Essen, haben durchaus mit dem Körper zu tun, andere, wie Streit, Eifersucht, Jähzorn, eher weniger. Mit dem Fleisch ist hier nicht unser Leib gemeint, der von Gott gut geschaffen wurde, sondern eine gottwidrige Gesinnung. Diese Gesinnung mit ihren daraus folgenden Werken soll aus dem Leben eines Christen verschwinden. Die durch den Geist Gottes gewirkte Liebe überwindet das „Fleisch“ des Egoismus. Darum kann Paulus schreiben:

Die zu Christus Jesus gehören, haben das Fleisch und damit ihre Leidenschaften und Begierden gekreuzigt. (Galater 5,24)

Hier ist ganz offensichtlich, dass es nicht um eine Selbstkreuzigung des eigenen Leibes geht, sondern um die Sünden, die uns von Gott getrennt hat. In Römer 6,6 schreibt Paulus, dass unser „alter Mensch“ mitgekreuzigt wurde.

Auch der von Paulus geforderte Ausschluss des Sünders hatte das Ziel, das sein „Fleisch“, seine sündhafte Gesinnung „verdirbt“, dass er von seinen Sünden umkehrt und vom Heiligen Geist geführt lebt. So wird sein eigener Geist (und damit der ganze Mensch) gerettet werden.

So hat es auch Origenes im 3. Jahrhundert ausgedrückt:2

Sie werden [dem Satan] ausgeliefert, um gezüchtigt zu werden, damit das Fleisch, das heißt die fleischliche Denkweise, vernichtet werde (Röm 8,6-7).

Es geht Gott nicht darum, uns körperlichen Schaden zuzufügen, sondern zur Umkehr von unseren Sünden zu bewegen. So war auch das Ziel des Ausschlusses des Sünders aus der Gemeinde von Korinth nicht dessen körperliche Zerstörung, sondern dessen Rettung.

31 Werft alle Vergehen von euch, die ihr verübt habt! Schafft euch ein neues Herz und einen neuen Geist! Warum wollt ihr denn sterben, ihr vom Haus Israel? 32 Ich habe doch kein Gefallen am Tod dessen, der sterben muss – Spruch GOTTES, des Herrn. Kehrt um, damit ihr am Leben bleibt! (Ezechiel 18,31-32)


  1. Thorleif Boman, Die Jesus-Überlieferung im Liche der neueren Volkskunde, Göttingen 1967, S. 193. Die von Boman gewählte Formulierung erscheint mir etwas rätselhaft. (Deshalb kann man als ziemlich sicher voraussetzen, daß die Gemeinde den Tod des Blutschänders in der psychischen Weise, wie er in 1. Kor. 5 fordert, nicht herbeigeführt hat. […] Paulus gesteht selbst 2. Kor. 10, 8 und 13, 10, daß der Herr ihm keine Machtbefugnis zum Verderben von Gemeindegliedern, sondern nur zum Aufbau der Gemeinde gegeben habe. Darin liegt wohl ein stillschweigendes Geständnis, daß der Befehl 1. Kor. 5, 3-5 unrichtig gewesen sei.) Mir ist nicht klar, was mit dem Herbeiführen des Tods „in der psychischen Weise“ gemeint ist. Sollten die Korinther den Unzüchtigen in eine derart schwerwiegende psychische Krise bringen, dass er daran stirbt? Das wäre ja furchtbar und einer christlichen Gemeinde, die aus der Liebe heraus handeln soll, nicht angemessen.
    Der von Toman gezogene Vergleich mit Apostelgeschichte 5,1-11, wo es um den physischen Tod von Hananias und Saphira geht, legt aber nahe, dass er tatsächlich gemeint hat, Paulus habe die Tötung des Sünders angeordnet. Dieses Verständnis ist meines Erachtens völlig auszuschließen, da Todesurteile und deren Vollstreckung der römischen Staatsmacht vorbehalten waren und für den Fall der Tötung eines Sünders durch die korinthischen Christengemeinde diese mit gutem Grund staatlicher Verfolgung ausgesetzt gewesen wäre. Abgesehen davon gibt es keinen Grund zur Annahme, dass die Tötung eines Sünders zur Rettung seines Geistes führen sollte. 
  2. Aus dem Englischen übersetzt nach: 1 Corinthians. Interpreted by Early Christian Commentators. Translated and edited by Judith L. Kovacs, Grand Rapids, 2005, S. 85. 

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