Deine Schwester Sodom und ihre Töchter werden in ihren früheren Zustand zurückkehren […] (Ezechiel 16,55a)
In Ezechiel 16 spricht der Prophet in einem Gleichnis über die Beziehung Gottes zu Jerusalem. Die Stadt und ihre Bewohner werden mit einem Mädchen verglichen, dessen sich Gott schon als Säugling erbarmt hat, weil sich niemand um sie gekümmert hat. Als sie heranwuchs, schloss er mit ihr einen Bund. Sie aber hielt sich nicht an diesen Bund und lebte ein Leben in Hurerei, die einerseits in Götzendienst bestand hin bis zum Opfern der eigenen Kinder (Verse 20-21), andererseits in Bündnissen mit den benachbarten Großmächten. Darum kündigte Gott durch den Propheten das Strafgericht an.
In diesem Zusammenhang werden die beiden „Schwestern“ Jerusalems genannt.
46 Deine ältere Schwester ist Samaria mit ihren Töchtern, die links von dir wohnt; deine jüngere Schwester ist Sodom mit ihren Töchtern, die rechts von dir wohnt. 47 Du bist nicht nur ihrem Wandel gefolgt und hast nicht nur ihre Gräueltaten begangen. In nur kurzer Zeit hast du es noch schlimmer getrieben als sie auf allen deinen Wegen. 48 So wahr ich lebe – Spruch GOTTES des Herrn: Deine Schwester Sodom, sie und ihre Töchter haben es nicht so getrieben, wie du und deine Töchter es trieben. 49 Siehe, dies war die Schuld deiner Schwester Sodom: In Hochmut, Überfluss an Brot und in sorgloser Ruhe lebte sie mit ihren Töchtern, ohne die Hand des Elenden und Armen zu stärken. 50 Sie wurden hochmütig und begingen Gräuel vor meinen Augen. So habe ich sie verstoßen, als ich sie sah. 51 Samaria hat nicht die Hälfte deiner Sünden begangen. Du hast mehr Gräueltaten verübt als sie und du lässt deine Schwestern gerecht erscheinen durch all deine Gräueltaten, die du begangen hast. 52 Du, ja, trag du deine Schande, die du deinen Schwestern durch deine Sünden Genugtuung verschaffst! Weil du abscheulicher als sie gehandelt hast, erscheinen sie gerechter als du. Du, ja, schäme du dich und trag deine Schande, da du deine Schwestern gerecht erscheinen lässt! 53 Aber ich werde ihr Schicksal wenden, das Schicksal Sodoms und ihrer Töchter, das Schicksal Samarias und ihrer Töchter und das Schicksal deiner Gefangenen in ihrer Mitte, 54 damit du deine Schande tragen kannst und dich schämen musst über all das, was du getan und wodurch du sie getröstet hast. 55 Deine Schwester Sodom und ihre Töchter werden in ihren früheren Zustand zurückkehren, Samaria und ihre Töchter werden in ihren früheren Zustand zurückkehren. Du aber und deine Töchter, auch ihr werdet in euren früheren Zustand zurückkehren. 56 Diente dir nicht deine Schwester Sodom als abschreckendes Beispiel in deinem Mund am Tage deines Hochmuts, 57 bevor deine Bosheit wie jetzt offenbar wurde? Ein Hohn bist du den Aramäerinnen und allen rings um sie her, den Philisterinnen, die dich von ringsum verachten. 58 Deine Schandtat und deine Gräueltaten, du selbst hast sie zu tragen – Spruch des HERRN. 59 Denn so spricht GOTT, der Herr: Ich werde an dir handeln, wie du gehandelt hast; du hast den Eid missachtet und den Bund gebrochen. 60 Ich aber, ich werde meines Bundes mit dir aus den Tagen deiner Jugend gedenken, und ich werde einen ewigen Bund für dich aufrichten. 61 Du wirst deiner Wege gedenken und dich schämen, wenn du deine Schwestern aufnimmst, deine älteren mitsamt deinen jüngeren. Und ich gebe sie dir zu Töchtern, aber nicht deines Bundes wegen. 62 Ich selbst richte meinen Bund mit dir auf, damit du erkennst, dass ich der HERR bin. 63 So sollst du gedenken, sollst dich schämen und wirst vor Scham den Mund nicht mehr öffnen können, weil ich dir Versöhnung gewähre für alles, was du getan hast – Spruch GOTTES, des Herrn. (Ezechiel 16,46-63)
Der Prophet vergleicht die Sündhaftigkeit Jerusalems mit der ihrer Schwestern Samaria und Sodom, wobei Jerusalem vorgeworfen wird, es ärger als diese getrieben zu haben.
Schon vor Ezechiel wurde Jerusalem oder Israel mit Sodom verglichen. So wurde in Deuteronomium 29,22 dem sündigen Volk Israel ein Gericht angekündigt, das mit dem Gericht über Sodom vergleichbar ist.
Schwefel und Salz bedecken es (das Land); seine Fläche ist eine einzige Brandstätte; es kann nicht besät werden und lässt nichts aufkeimen; kein Hälmchen kann wachsen; alles ist wie nach der Zerstörung von Sodom und Gomorra, Adma und Zebojim, die der HERR in seinem glühenden Zorn zerstört hat.
Auch die Propheten Jesaja und Jeremia haben Jerusalem oder Juda mit Sodom und Gomorra verglichen.
9 Hätte der HERR der Heerscharen für uns nicht einige Entkommene übrig gelassen, wir wären wie Sodom geworden, wir glichen Gomorra. 10 Hört das Wort des HERRN, ihr Wortführer von Sodom! Horcht auf die Weisung unseres Gottes, Volk von Gomorra! (Jesaja 1,9-10)
8 Ja, Jerusalem ist gestürzt und Juda gefallen; denn ihre Worte und ihre Taten richteten sich gegen den HERRN, um den Augen seiner Herrlichkeit zu trotzen. 9 Der Ausdruck ihrer Gesichter klagte sie an und wie Sodom taten sie ihre Sünde kund, verhehlten sie nicht. Wehe ihnen, denn sie erwiesen sich selbst Böses. (Jesaja 3,8-9)
Aber bei den Propheten Jerusalems sah ich Grauenhaftes: Sie brechen die Ehe, gehen mit Lügen um und bestärken die Bösen, sodass keiner umkehrt von seiner Bosheit. Für mich sind sie alle wie Sodom und die in Jerusalem wohnen, sind für mich wie Gomorra. (Jeremia 23,14)
Was bei Ezechiel auffällt, ist, dass er Sodom eine Schwester Jerusalems nennt, und zwar eine jüngere (wörtlich: die kleiner ist als du) Schwester. Sodom war ja schon zur Zeit Abrahams zerstört worden, lange bevor Jerusalem eine Stadt Israels wurde. Vielleicht hat das Wort „kleiner“ hier doch nicht die Bedeutung „jünger“, die ihm von der Einheitsübersetzung zugewiesen wurde. Dass Samaria eine Schwester Jerusalems genannt wird, ist zu erwarten. Die Stämme des Nordreichs gehörten ja zum selben Volk. Auch im Falle Samarias passt die Bedeutung „ältere“ Schwester nicht. Die Stadt Samaria wurde deutlich später als Jerusalem gegründet. Vielleicht sollte man es beim wörtlichen Verständnis der Wörter „größer“ und „kleiner“ belassen. Zum Nordreich, dessen Hauptstadt Samaria war, gehörten ja mehr Stämme als zum Südreich.
Ezechiel sprach nicht nur vom Gericht, er sprach auch vom Erbarmen Gottes nach dem Gericht. Auch in diesem Zusammenhang nannte er Sodom und Samaria.
Aber ich werde ihr Schicksal wenden, das Schicksal Sodoms und ihrer Töchter, das Schicksal Samarias und ihrer Töchter und das Schicksal deiner Gefangenen in ihrer Mitte. (Ezechiel 16,53)
Deine Schwester Sodom und ihre Töchter werden in ihren früheren Zustand zurückkehren, Samaria und ihre Töchter werden in ihren früheren Zustand zurückkehren. Du aber und deine Töchter, auch ihr werdet in euren früheren Zustand zurückkehren. (Ezechiel 16,55)
Diese Verse werden manchmal so verstanden, dass auch Sodom gerettet werden wird. Das wird dann als ein Hinweis genommen, dass Gott am Schluss alle Menschen retten wird. Wenn sogar Sodom, das in der Bibel als Beispiel der Bosheit und Gottlosigkeit dient, gerettet wird, dann dürfen wir hoffen, dass Gott alle Menschen retten werde.
Doch lässt sich diese Erklärung mit dem Neuen Testament vereinbaren?
Amen, ich sage euch: Dem Gebiet von Sodom und Gomorra wird es am Tag des Gerichts erträglicher ergehen als dieser Stadt. (Matthäus 10,15)
Das hat Jesus über eine Stadt gesagt, die die Jünger zurückweist und auf ihre Verkündigung nicht hört. Das bedeutet aber nicht, dass Sodom gerettet wird, sondern zeigt die große Sünde auf, die in der Abweisung der von Jesus ausgesandten Boten Gottes liegt.
Auch Sodom und Gomorra und ihre Nachbarstädte sind ein Beispiel: In ähnlicher Weise wie diese trieben sie Unzucht und liefen anderem Fleisch nach; daher erleiden sie die Strafe ewigen Feuers. (Judas 1,7)
Judas konnte nicht das Feuer gemeint haben, mit dem die Städte zerstört wurden. Er spricht von einem Erleiden der Strafe ewigen Feuers in der Gegenwart. Das „ewige“ (αἰώνιος / aiōnios) Feuer wird von Anhängern der Allversöhnung einen „Äon“ lange dauernd aufgefasst. Nachdem der Äon der Strafe sein Ziel der Umkehr erreicht hat, werde Gott sich auch der Menschen von Sodom erbarmen und sie retten. Woher können wir dann aber wissen, dass das „ewige“ (αἰώνιος / aiōnios) Leben nicht auch nur für einen „Äon“ bestimmt ist? In Matthäus 25,46 verwendet Jesus dasselbe Wort sowohl für die Strafe als auch für das Leben:
Und diese werden weggehen zur ewigen Strafe, die Gerechten aber zum ewigen Leben.
Hatte Ezechiel in Kapitel 16 überhaupt die Ewigkeit im Sinn? Ging es im Hinblick auf Jerusalem nicht um die Beendigung der damals aktuellen Strafe, die in der Zerstörung der Stadt und im Exil bestand? Nach Vers 53 ging es um die Gefangenen. Das für „Schicksal“ verwendete Wort konnte auch „Gefangenschaft“ bedeuten.
Als Kyrus den Juden erlaubte, aus dem Exil zurückzukehren, wurde sein Edikt im ganzen Perserreich verkündet (Esra 1,1), auch in den Bereichen, in denen es Exilierte aus dem Nordreich gab. Nach Esra 6,2 gab es auch in Ekbatana in Medien eine Abschrift des von Kyrus erlassenen Befehls. In die Städte Mediens wurden von den Assyrern Bewohner des Nordreichs verschleppt (2 Könige 17,6). Es ist daher durchaus wahrscheinlich, dass sich aufgrund des Befehls von Kyrus aus Samaria stammende Exilierte gemeinsam mit dem Rest Judas auf den Weg zurück ins Land der Verheißung gemacht haben. Insofern konnten sich die Worte Ezechiel über die „große Schwester“ Samaria im 6. Jahrhundert erfüllen.
Aber wie war das mit Sodom? Die Stadt Sodom war mindestens 1000 Jahre früher zerstört worden. Zu Lebzeiten Ezechiels gab es keine Nachkommen oder „Töchter“ Sodoms. Ich könnte mir vorstellen, dass Ezechiel an die Moabiter und Ammoniter gedacht hat. Diese stammten nach Genesis 19,36-38 von den Töchtern Lots ab. Wenn Lots Frau aus Sodom stammte, was man vielleicht daran sehen kann, dass sie sich innerlich von ihrer Stadt nicht trennen konnte und darum umkam (Genesis 19,26), dann wären seine Töchter die einzigen Nachkommen Sodoms gewesen.
Moab wurde damals aber nicht in Gefangenschaft gebracht. Im Gegenteil scheinen sie nach Ezechiel 25,8-11 eine Genugtuung über das Schicksal Judas empfunden haben, wofür ihnen Ezechiel das Gericht ankündigt. Eine Gerichtsankündigung über Moab lesen wir auch in Jeremia 48. Doch heißt es dort am Ende in den Versen 46-47:
46 Wehe dir, Moab! – Verloren ist das Volk des Kemosch. Denn deine Söhne schleppt man in die Verbannung, deine Töchter in die Gefangenschaft. 47 Aber am Ende der Tage wende ich Moabs Geschick – Spruch des HERRN.
„Ich wende das Geschick.“ Das ist dieselbe Formulierung wie in Ezechiel 16,53.
Im Bezug auf die Ammoniter ist die Situation ähnlich. Auch ihnen wird in Ezechiel 25,1-7 wegen ihrer Schadenfreude über Israel das Gericht angekündigt, ebenso in Jeremia 49,1-6. Und auch hier heißt es am Ende des Gerichtsworts in Vers 6:
Aber danach wende ich das Geschick der Ammoniter – Spruch des HERRN.
Es gab also für diese „Töchter“ Sodoms eine Erwartung, dass Gott sie strafen und danach ihr Schicksal wenden werde.
Die Erwartung von Ezechiel 16,61, dass Jerusalem die „kleine Schwester“ als ihre Töchter aufgenommen hätte, dürfte sich damals aber nicht erfüllt haben. Die geistlichen Grenzen zwischen Israel und den Völkern wurden erst in Jesus Christus überwunden.
Der Zusammenhang von Ezechiel 16 spricht dafür, dass der Hintergrund und die Erwartung die damalige Zeit betrifft und dass es nicht um die Frage der Errettung der Menschen aus Sodom ging, die bei dem in Genesis 19 erzählten Strafgericht zugrunde gingen.
Auch die Städte Sodom und Gomorra hat er eingeäschert und zum Untergang verurteilt, als ein Beispiel für die Gottlosen in späteren Zeiten. (2 Petrus 2,6)
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