Parakletos oder Periklytos? / Beistand oder Hochgepriesener?

Am Abend vor seinem Tod hat Jesus bei seinem letzten Zusammensein mit seinen Jüngern das Kommen eines „Beistands“ angekündigt.

16 Und ich werde den Vater bitten und er wird euch einen anderen Beistand geben, der für immer bei euch bleiben soll, 17 den Geist der Wahrheit, den die Welt nicht empfangen kann, weil sie ihn nicht sieht und nicht kennt. Ihr aber kennt ihn, weil er bei euch bleibt und in euch sein wird. (Johannes 14,16-17)

Der Beistand aber, der Heilige Geist, den der Vater in meinem Namen senden wird, der wird euch alles lehren und euch an alles erinnern, was ich euch gesagt habe. (Johannes 14,26)

Wenn aber der Beistand kommt, den ich euch vom Vater aus senden werde, der Geist der Wahrheit, der vom Vater ausgeht, dann wird er Zeugnis für mich ablegen. (Johannes 15,26)

7 Doch ich sage euch die Wahrheit: Es ist gut für euch, dass ich fortgehe. Denn wenn ich nicht fortgehe, wird der Beistand nicht zu euch kommen; gehe ich aber, so werde ich ihn zu euch senden. 8 Und wenn er kommt, wird er die Welt der Sünde überführen und der Gerechtigkeit und des Gerichts; 9 der Sünde, weil sie nicht an mich glauben; 10 der Gerechtigkeit, weil ich zum Vater gehe und ihr mich nicht mehr seht; 11 des Gerichts, weil der Herrscher dieser Welt gerichtet ist. 12 Noch vieles habe ich euch zu sagen, aber ihr könnt es jetzt nicht tragen. 13 Wenn aber jener kommt, der Geist der Wahrheit, wird er euch in der ganzen Wahrheit leiten. Denn er wird nicht aus sich selbst heraus reden, sondern er wird reden, was er hört, und euch verkünden, was kommen wird. 14 Er wird mich verherrlichen; denn er wird von dem, was mein ist, nehmen und es euch verkünden. (Johannes 16,7-14)

Das mit „Beistand“ übersetzte griechische Wort παράκλητος / paráklētos steht noch einmal im 1. Johannesbrief, wo Jesus damit gemeint ist.

Meine Kinder, ich schreibe euch dies, damit ihr nicht sündigt. Wenn aber einer sündigt, haben wir einen Beistand beim Vater: Jesus Christus, den Gerechten. (1 Johannes 2,1)

Der „andere Beistand“, den Jesus angekündigt hat, ist der Heilige Geist, was aus dem Zusammenhang der jeweiligen Stellen deutlich wird. Dennoch wird von Muslimen immer wieder behauptet, dass Jesus an diesen Stellen das Kommen Mohammeds angekündigt habe.

Ich habe mich in dem Beitrag „Hat Jesus Mohammed angekündigt?“ mit dem Inhalt dieser Stellen beschäftigt und dargelegt, dass alle über das Kommen des Heiligen Geistes sprechen und keine einzige von ihnen das Kommen eines Propheten ca. 600 Jahre nach dem Kommen Jesu ankündigt.

In diesem Beitrag geht es um den von manchen Muslimen erhobenen Vorwurf, dass in den Evangelientexten ursprünglich nicht paráklētos, sondern periklytós gestanden sei. Periklytós habe die Bedeutung „der Hochgepriesene“, was dem „Ahmad“ aus Sure 61,6 entspreche.

Und als ʿĪsā, der Sohn Maryams, sagte: „O Kinder Isrāʾīls, gewiß, ich bin Allahs Gesandter an euch, das bestätigend, was von der Tora vor mir (offenbart) war, und einen Gesandten verkündend, der nach mir kommen wird: sein Name ist Ahmad‘.“ Als er nun mit den klaren Beweisen zu ihnen kam, sagten sie: „Das ist deutliche Zauberei.“

Die islamische Argumentation findet man z. B. auf der Website des Sufi-Zentrums Braunschweig.

Die wichtigsten Punkte der Argumentation lauten:

  • Paráklētos ist kein korrektes Griechisch.
  • Die traditionell christliche Auffassung, dass der Heilige Geist gemeint sei, wird von der neueren Theologie infrage gestellt.
  • Paráklētos steht in den postnicänischen Texten der Codizes Vaticanus und Sinaitcus. Vornicänische Handschriften weichen davon ab.
  • Die in syrischer Sprache gehaltene Handschrift Syrus Sinaiticus (Sinai-Syrer) bezeugt mit der Lesart PRQLYTA, dass an den genannten Stellen ursprünglich periklytós gestanden sei.
  • Periklytós kann sich nicht auf den Heiligen Geist beziehen, weil periklytós männlich ist, der Geist aber in allen semitischen Sprachen weiblich ist.

Zusätzlich werden im Artikel des Sufi-Zentrums eine Reihe von historischen Dingen angeführt, mit denen ich mich hier nicht beschäftige, weil sie mit der Hauptfrage nur am Rande zu tun haben. Wenn geklärt werden kann, dass paráklētos die ursprüngliche Lesart ist, erübrigen sich alle diese historischen Bezüge.

Nun zu den Punkten im Detail:

1 Paráklētos kein korrektes Griechisch?

Es stimmt, dass dieses Wort in vor- und außerchristlicher griechischer Literatur nur selten belegt ist. Aber es kommt auch in dieser Literatur vor.

Das Wörterbuch von Walter Bauer nennt folgende Autoren, in deren Werken paráklētos zu finden ist: Demosthenes (4. Jh. v. Chr.); Dionysius Halicarnassensis (1. Jh. v. Chr.); Heraclitus Stoicus (1. Jh. v. Chr. – 1. Jh. n. Chr., jedenfalls vor der Abfassung des Johannesevangeliums). In nachneutestamentlicher, aber außerchristlicher Literatur wurde dieses Wort von Cassius Dio im 2. – 3. Jh. n. Chr. verwendet.
In diesen Texten hat es laut Bauer die Bedeutung: der zugunsten eines anderen Auftretende, der Mittler, der Fürsprecher, der Helfer.

Die genannten antiken griechischen Autoren hatten kein Problem damit, dieses Wort zu verwenden. Ihrer Ansicht nach muss es wohl korrektes Griechisch gewesen sein.

Da Jesus zu seinen Jüngern nicht auf Griechisch, sondern auf Aramäisch oder Hebräisch gesprochen hat, können wir nicht wissen, welches semitische Wort Jesus verwendet hat. Aber wir dürfen davon ausgehen, dass der Jünger Johannes, der beide Sprachen beherrschte, ein korrektes griechisches Wort für das von Jesus verwendete Wort zur Wiedergabe verwendet hat.

2 Mit paráklētos ist nicht der Heilige Geist gemeint?

Die Behauptung, dass die neuere Theologie infrage stellt, ob mit dem paráklētos der Heilige Geist gemeint sei, mag zutreffen. Das im Artikel genannte Buch Otto Betz, Der Paraklet kenne ich nicht. Doch wird von der neueren Theologie sehr vieles infrage gestellt. „Neuere Theologen“, die ihre Methoden auf den Koran anwenden, kommen zu Ergebnissen, die den meisten Muslimen nicht gefallen.

In allen vier Texten des Johannesevangeliums, an denen das Wort paráklētos vorkommt, geht aus dem Zusammenhang eindeutig hervor, dass der „Heilige Geist“ oder der „Geist der Wahrheit“ damit gemeint seien. Zumindest der Evangelist hat das so verstanden.

3 Paráklētos nur in postnicänischen Handschriften?

Im Jahre 325 bekannte das Konzil von Nicäa, dass Jesus Christus der wesensgleiche Sohn Gottes war. Damit wurde ein wesentlicher Punkt der Lehre der Dreieinigkeit gelehrt. Der Heilige Geist war zumindest kein Hauptthema.

In dem muslimischen Artikel wird der Eindruck erweckt, dass nur in Handschriften ab dem 4. Jahrhundert, wie den Codizes Vaticanus und Sinaiticus, an den genannten Stellen das Wort paráklētos steht, nicht aber in älteren Handschriften.

Es gibt aber zwei Handschriften, die deutlich vor dem Konzil von Nicäa geschrieben wurden, die an den fraglichen Stellen, soweit sie in den Handschriften erhalten sind, eindeutig das Wort paráklētos haben.

Die eine der beiden Handschriften ist unter der Bezeichnung Papyrus 66 oder Papyrus Bodmer II bekannt und wird in Cologny bei Genf in der Bibliotheca Bodmeriana aufbewahrt. Papyrus 66 enthält fast das komplette Johannesevangelium. Die Datierung dieses Papyrus schwankt zwischen den Jahren 100 und 200. Auf jeden Fall wurde dieser Papyrus mehr als 100 Jahre vor dem Konzil von Nicäa geschrieben.

In Johannes 14,16 schaut das Wort so aus:

Wegen des Akkusativs ist ein Ny am Ende.

So ist es in Johannes 14,26:

Transkribiert: ΠAPAKΛHTOC TO ΠNA. PNA ist die Abkürzung für Pneuma, den Geist (der Wahrheit).

Die beiden anderen Stellen sind nicht erhalten, da das Papyrusblatt, auf dem diese beiden Stellen stehen, nur sehr bruchstückhaft vorhanden ist.

Das zweite alte Manuskript ist Papyrus 75 oder Bodmer XIV und XV. Auch diese Handschrift ist in Cologny bei Genf in der Bibliotheca Bodmeriana aufbewahrt. Dieser Papyrus enthält einen großen Teil des Lukasevangeliums und das Johannesevangelium bis 15,10. Die Schlussblätter sind nicht erhalten. Datiert wird dieser Papyrus zwischen der zweiten Hälfte des 2. und dem 3. Jahrhundert, ebenfalls deutlich vor dem Konzil von Nicäa.

Johannes 14,16:

Der Papyrus ist etwas beschädigt. Aber es ist sichtbar, dass am Anfang para und nicht peri steht und dass auf das Lambda ein Eta (H) folgt.

Johannes 14,26:

Auch hier ist die Situation klar.

Da Papyrus 75 nur bis Johannes 15,10 erhalten ist, fehlen auch in diesem Papyrus die beiden anderen Stellen. Es gibt aber keinen Grund anzunehmen, dass in Johannes 15,26 und 16,7 ein anderes Wort stehen sollte.

Auch die vornicänischen Handschriften kennen nur die Version mit paráklētos. Es gibt keine einzige griechische Handschrift mit der von den Muslimen gewünschten Lesart periklytós.

4 Syrus Sinaiticus und PRQLYTA

Die Handschrift Syrus Sinaiticus ist keine griechische Handschrift, sondern eine Übersetzung ins Syrische. Es handelt sich um ein sogenanntes Palimpsest. Das heißt, dass der ursprüngliche Evangelientext, der auf Pergament geschrieben war, abgeschabt wurde und das Pergament für einen anderen (nicht biblischen) Text verwendet wurde. Da die Tinte des ursprünglichen Textes ins Leder eingedrungen ist, ist es möglich, den ursprünglichen Text zu eruieren.

Laut dem muslimischen Artikel datiert der im 4. Jahrhundert auf das Pergament kopierte Text „inhaltlich ins 2. Jahrhundert“. Nach dieser Definition datiert der griechische Text inhaltlich ins 1. Jahrhundert.

Ich habe keinen Zugang zu dieser auch „Sinai-Syrer“ genannten Handschrift, kann auch nicht Syrisch. Ich gehe daher davon aus, dass die Angabe, dass im Sinai-Syrer an den vier Stellen des Johannesevangeliums PRQLYTA steht, korrekt ist.

Bemerkenswert ist, dass bei der Übersetzung ins Syrische das fragliche Wort nicht übersetzt wurde, sondern nur ins syrische transkribiert wurde. Offensichtlich wusste der Übersetzer nicht, welches Wort Jesus auf Aramäisch, das in etwa dasselbe wie das Syrische ist, verwendet hat. Vielleicht war dieses Wort im 2. Jahrhundert bereits ein derart fester Bestandteil der christlichen Sprache, dass es einfach in andere Sprachen übernommen wurde.

Im Syrischen wurden wie im Hebräischen und auch im Arabischen ursprünglich nur die Konsonanten geschrieben. Später wurden die Vokale durch unter oder über oder in die Konsonanten platzierte Punkte angezeigt. Ich nehme an, dass das A, das ja ein Konsonant ist, für ein Alef steht, das in den semitischen Sprachen ein Konsonant (der sogenannte Knacklaut) ist. Wichtiger ist für uns das Y. Das Y steht für das Jod. Da im Englischen und im Französischen der Buchstabe J anders als das Jod in den semitischen Sprachen ausgesprochen wird, hat sich zur Transkription des Jod das Y eingebürgert. Ein Y wie im Griechischen gibt es in den semitischen Sprachen nicht. Darum darf man nicht dem Kurzschluss verfallen, dass das Jod in einem semitischen Text, das mit einem Y in moderne Texte transkribiert wird, für den griechischen Vokal Y steht.

Schon bevor begonnen wurde, die Vokale mit eingefügten Punkten anzuzeigen, wurden manchmal Konsonantenzeichen für Vokale eingesetzt. Im Hebräischen konnte ein Jod vor allem für die Vokale I oder E stehen, ein Waw für ein U oder ein O.

Laut dem Wörterbuch von Bauer wurde das griechische paráklētos von den Juden als Fremdwort aufgenommen (Pirqe Avot 4,11): פְרַקְלִיט / peraklît. Dabei wurde das griechische Eta, das ohnehin als I ausgesprochen wurde, mit einem hebräischen Jod wiedergegeben. Wenn nun im Sinai-Syrer ein Jod steht, so kann, ganz vorsichtig ausgedrückt, zumindest nicht ausgeschlossen werden, dass auch dort das Jod für ein griechisches Eta steht. Dadurch gibt es keinen Beweis, dass im Sinai-Syrer periklytós steht. Es ist vielmehr zu erwarten, dass das Eta wie im Hebräischen mit einem Jod übertragen wurde, dass auch in der syrischen Handschrift parakleta zu lesen ist.

Es gibt in einem der wenigen aramäischen Texte des Alten Testaments auch ein Beispiel dafür, wie ein griechisches Y in einen aramäischen Text übertragen wurde.

Sobald ihr den Klang der Hörner, Pfeifen und Zithern, der Harfen, Lauten und Sackpfeifen und aller anderen Instrumente hört, sollt ihr niederfallen und das goldene Standbild verehren, das König Nebukadnezzar errichtet hat. (Daniel 3,5)

Für die „Sackpfeifen“ steht im Aramäischen סוּמְפוֹנְיָה / sûmpônejāh. Das Wort stammt aus dem Griechischen, wo es symphōnía heißt. Für das griechische Y wurde im Aramäischen nicht das Jod verwendet, sondern ein Waw. Wenn im Sinai-Syrer tatsächlich periklytós zu lesen wäre, dann wäre die Transkription PRKLWTA zu erwarten, da das griechische Y mit einem W wiedergegeben wird. Die Behauptung, dass der Syrus Sinaiticus die Lesart periklytós bezeugt, steht somit auf sehr schwachen Beinen. Da war eher der Wunsch der Vater des Gedankens.

5 Periklytós ist männlich, der Geist weiblich.

Im islamischen Artikel heißt es:

Schließlich ist der Periqlyta in den syrischen Evangelien männlichen Geschlechts während der Ruha d. h der heilige Geist in allen semitischen Sprachen weiblich ist. Eine Identität von Ruha und Periqlytos lässt sich demnach mit Gewissheit ausschließen.

Dieses Argument gilt unabhängig davon, ob dort periklytós oder paráklētos steht. Beide Wörter sind männlich. Auch im Griechischen ist der Geist nicht männlich, sondern Neutrum. Man darf eben das grammatische Geschlecht nicht mit dem natürlichen Geschlecht verwechseln. Gott (und somit auch der Heilige Geist) steht ohnehin über den Geschlechtern, die ein Teil der Schöpfung sind.

In Johannes 4,24 sagte Jesus:

Gott ist Geist und alle, die ihn anbeten, müssen im Geist und in der Wahrheit anbeten.

Hier hat Jesus in seiner semitischen Muttersprache das weibliche Wort „Geist“ für Gott verwendet. Warum sollte dann ein männliches Wort nicht für den Heiligen Geist stehen?


Keines der angeführten Argumente vermag zu überzeugen. Überdies scheint auch der „Hochgepriesene“ nicht die korrekte Übersetzung von periklytós zu sein. Dieses Wort kommt im Bibelgriechischen nicht vor. Ein englisches Wörterbuch gibt die Bedeutung mit famous, renowned wieder, was dem Deutschen „berühmt“ entspricht. Das ist zwar ein dem „hochgepriesen“ ähnliches Wort, aber doch nicht dasselbe. Doch das ist nur ein Gedanke am Rande.

Die Argumentation mit dem angeblich in einer syrischen Handschrift zu findenden Wort periklytós ist ein verzweifelter Versuch, die Wahrheit von Sure 61,6 zu bestätigen. Ehrlicher wäre es, sich einzugestehen, dass auch in diesem Vers einer der zahlreichen Fehler des Korans vorliegt, der sich dadurch wieder einmal als Menschenwerk zeigt.

Das ewige Wort Gottes ist kein Buch geworden, sondern ein Mensch: Jesus Christus.

Und das Wort ist Fleisch geworden und hat unter uns gewohnt und wir haben seine Herrlichkeit geschaut, die Herrlichkeit des einzigen Sohnes vom Vater, voll Gnade und Wahrheit. (Johannes 1,14)

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