Was sahen und hörten die Begleiter des Saulus?

1 Saulus wütete noch immer mit Drohung und Mord gegen die Jünger des Herrn. Er ging zum Hohepriester 2 und erbat sich von ihm Briefe an die Synagogen in Damaskus, um die Anhänger des Weges Jesu, Männer und Frauen, die er dort finde, zu fesseln und nach Jerusalem zu bringen. 3 Unterwegs aber, als er sich bereits Damaskus näherte, geschah es, dass ihn plötzlich ein Licht vom Himmel umstrahlte. 4 Er stürzte zu Boden und hörte, wie eine Stimme zu ihm sagte: Saul, Saul, warum verfolgst du mich? 5 Er antwortete: Wer bist du, Herr? Dieser sagte: Ich bin Jesus, den du verfolgst. 6 Steh auf und geh in die Stadt; dort wird dir gesagt werden, was du tun sollst! 7 Die Männer aber, die mit ihm unterwegs waren, standen sprachlos da; sie hörten zwar die Stimme, sahen aber niemanden. (Apostelgeschichte 9,1-7)

Die Erscheinung des auferstandenen Herrn Jesus vor dem die Jünger verfolgenden Pharisäer Saulus war eines der wichtigsten Ereignisse der Geschichte der frühen Gemeinde. Einerseits ist diese Begebenheit ein zusätzliches Zeugnis für die Auferstehung Jesu. Dieses Zeugnis ist von besonderer Bedeutung, weil Jesus hier sogar einem Verfolger erschienen ist. Auch wenn man den Bericht der Apostelgeschichte auch als Lichtvision verstehen könnte, geht aus den Worten, die Saulus / Paulus1 in seinen Briefen verwendet, klar hervor, dass er den Auferstandenen gesehen hat und dass er das auf einer Ebene mit den übrigen Erscheinungen Jesu betrachtet hat.

Bin ich nicht frei? Bin ich nicht ein Apostel? Habe ich nicht Jesus, unseren Herrn, gesehen? Seid ihr nicht mein Werk im Herrn? (1 Korinther 9,1)

3 Denn vor allem habe ich euch überliefert, was auch ich empfangen habe: Christus ist für unsere Sünden gestorben, gemäß der Schrift, 4 und ist begraben worden. Er ist am dritten Tag auferweckt worden, gemäß der Schrift, 5 und erschien dem Kephas, dann den Zwölf. 6 Danach erschien er mehr als fünfhundert Brüdern zugleich; die meisten von ihnen sind noch am Leben, einige sind entschlafen. 7 Danach erschien er dem Jakobus, dann allen Aposteln. 8 Zuletzt erschien er auch mir, gleichsam der Missgeburt. (1 Korinther 15,3-8)

Andererseits war Paulus ein auserwähltes Werkzeug Gottes (Apostelgeschichte 9,15), durch dessen Wirken Gott der Gemeinde vieles schenken konnte. Er hat keine neuen Lehren eingeführt, hat aber vieles, was von Jesus und den zwölf Aposteln grundgelegt worden war, vertieft.

Was war mit den Begleitern von Saulus am Weg nach Damaskus? Sie haben ganz offensichtlich mitbekommen, dass mit ihm etwas Außergewöhnliches geschehen ist. Da sie Saulus in seinen Aktivitäten gegen die Jünger unterstützen wollten, kann man annehmen, dass ihre Einstellung der Gemeinde gegenüber ebenso ablehnend war. Es wird nicht berichtet, ob jemand von ihnen dieses Ereignis zum Anlass genommen hat, tiefer nachzudenken und sich Jesus zuzuwenden. Wir können es nicht ausschließen, aber wir wissen es einfach nicht.

Was haben diese Menschen gesehen?

In 9,7 heißt es:

Die Männer aber, die mit ihm unterwegs waren, standen sprachlos da; sie hörten zwar die Stimme, sahen aber niemanden.

In Apostelgeschichte 22 sprach Paulus in Jerusalem vor einer Volksmenge, die ihn zuvor lynchen wollte, über seine Bekehrung. Was er dort über seine Begleiter sagte, scheint dem Bericht aus Kapitel 9 zu widersprechen.

Meine Begleiter sahen zwar das Licht, die Stimme dessen aber, der zu mir sprach, hörten sie nicht. (Apostelgeschichte 22,9)

Haben sie nun die Stimme gehört oder nicht? Was haben sie gesehen?

Die Spannung zwischen den beiden Berichten muss auch Lukas, dem Autor der Apostelgeschichte, bekannt gewesen sein. Es ist nicht anzunehmen, dass er bei der Abfassung von Kapitel 22 vergessen hat, dass er im 9. Kapitel anders darüber geschrieben hat. Möglicherweise lagen ihm unterschiedliche Quellen vor. In Kapitel 22 wollte er die Worte von Paulus getreu wiedergeben. Kapitel 9 ging möglicherweise auf einen der Begleiter von Paulus zurück, was die Bekehrung dieses Zeugen voraussetzen würde, was aber ungewiss ist. Auf jeden Fall waren die beiden Berichte für Lukas nicht unvereinbar.

Bei dem, was die Begleiter gesehen haben, besteht zwischen den beiden Berichten kein Widerspruch. In 22,9 sagt Paulus, dass sie das Licht gesehen haben. Nach 9,7 sahen sie niemanden. Nur Saulus sah den Herrn Jesus. Die Begleiter sahen ihn nicht, konnten aber als Begleiterscheinung ein Licht wahrnehmen. Das erinnert an Daniel 10,7, wo nur Daniel die Erscheinung sah, seine Begleiter aber ein großer Schrecken befiel.

Bei dem, was sie gehört haben, wird es schwieriger. In beiden Stellen steht für die „Stimme“, die sie gehört oder auch nicht gehört haben, das griechische Wort φωνή / phōnē. Dieses Wort hat einen weiten Bedeutungsumfang. Es kann eine Stimme meinen, aber auch nur ein Geräusch oder einen Ton, wie z. B. in Apostelgeschichte 2,6; 1 Korinther 14,7. Könnte es nicht sein, dass in Apostelgeschichte 9,7 Lukas sagen wollte, dass die Begleiter etwas hörten, Paulus in Apostelgeschichte 22,9 aber ausdrücken wollte, dass nur er die Worte des Herrn verstanden hatte. Sie haben die Stimme im Sinne einer sinnvollen Rede nicht verstanden und gehört.

Vielleicht war es ähnlich wie in dieser Situation in Johannes 12:

Da kam eine Stimme vom Himmel: Ich habe ihn schon verherrlicht und werde ihn wieder verherrlichen. 29 Die Menge, die dabeistand und das hörte, sagte: Es hat gedonnert. Andere sagten: Ein Engel hat zu ihm geredet. (Johannes 12,28b-29)

Für die Menge waren die Worte der himmlischen Stimme unverständlich, sie haben aber mit ihren Ohren etwas vernommen.

Die unterschiedliche Darstellung in den beiden Kapiteln der Apostelgeschichte ist also kein unlösbarer Widerspruch.

Das große Wunder, das Gott an Saulus / Paulus gewirkt hat, ist eine Einladung an alle, sich diesem Gott, der durch seinen Sohn zu uns gesprochen hat, ganz anzuvertrauen.

Das Wort ist glaubwürdig und wert, dass man es beherzigt: Christus Jesus ist in die Welt gekommen, um die Sünder zu retten. Von ihnen bin ich der Erste. (1 Timotheus 1,15)


  1. Es ist nicht so, dass Saulus durch seine Bekehrung „zum Paulus geworden“ ist. Er hatte von Anfang an den hebräischen Namen Saul, den er im semitischen Sprachraum auch nach seiner Bekehrung noch führte (z. B. Apostelgeschichte 9,22; 11,25) und den römischen Namen Paulus. 

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