Zum „Sprachenwunder“ zu Pfingsten

1 Als der Tag des Pfingstfestes gekommen war, waren alle zusammen am selben Ort. 2 Da kam plötzlich vom Himmel her ein Brausen, wie wenn ein heftiger Sturm daherfährt, und erfüllte das ganze Haus, in dem sie saßen. 3 Und es erschienen ihnen Zungen wie von Feuer, die sich verteilten; auf jeden von ihnen ließ sich eine nieder. 4 Und alle wurden vom Heiligen Geist erfüllt und begannen, in anderen Sprachen zu reden, wie es der Geist ihnen eingab. 5 In Jerusalem aber wohnten Juden, fromme Männer aus allen Völkern unter dem Himmel. 6 Als sich das Getöse erhob, strömte die Menge zusammen und war ganz bestürzt; denn jeder hörte sie in seiner Sprache reden. 7 Sie waren fassungslos vor Staunen und sagten: Seht! Sind das nicht alles Galiläer, die hier reden? 8 Wieso kann sie jeder von uns in seiner Muttersprache hören: 9 Parther, Meder und Elamiter, Bewohner von Mesopotamien, Judäa und Kappadokien, von Pontus und der Provinz Asien, 10 von Phrygien und Pamphylien, von Ägypten und dem Gebiet Libyens nach Kyrene hin, auch die Römer, die sich hier aufhalten, 11 Juden und Proselyten, Kreter und Araber – wir hören sie in unseren Sprachen Gottes große Taten verkünden. 12 Alle gerieten außer sich und waren ratlos. Die einen sagten zueinander: Was hat das zu bedeuten? 13 Andere aber spotteten: Sie sind vom süßen Wein betrunken. (Apostelgeschichte 2,1-13)

Als 50 Tage nach der Auferstehung Jesu seine Verheißung (z. B.: Apostelgeschichte 1,4-5) erfüllt wurde und der Heilige Geist auf die Jünger ausgegossen wurde, bewirkte der Heilige Geist das in diesem Text erzählte Zeichen. Was ist geschehen? Wie soll man sich das vorstellen?

Manchmal wird das so verstanden, dass die Jünger in verschiedenen Sprachen gesprochen haben, also z. B. parthisch, medisch, phrygisch, ägyptisch … Wie hätte das praktisch ausgesehen? Hätte etwa Petrus parthisch gesprochen und Johannes ägyptisch, und hätten sich dann die jeweilige Sprachgruppe um den betreffenden Apostel geschart?

Warum sagen die Spötter in Vers 13: „Sie sind vom süßen Wein betrunken“? Wenn andere Menschen in einer Fremdsprache sprechen, die ich nicht verstehe, kann ich trotzdem erkennen, dass hier eine Sprache gesprochen wird.

Überdies konnten sich die Menschen untereinander in einer gemeinsamen Sprache verständigen. Die darauffolgende Rede von Petrus hat er auf Griechisch gehalten, das offensichtlich von allen Anwesenden verstanden wurde.

Die Neue Jerusalemer Bibel schreibt zu der Stelle:

Einer der Aspekte, unter denen das Pfingstwunder gesehen wird, V.4.11.13, ist mit dem Charisma der Glossolalie verwandt, das in den Anfängen der Kirche häufig vorkam […] Wie V.6 zeigt, will Lukas das Reden der Apostel nicht als unverständliches […], sondern als ein Reden in fremden Sprachen verstanden wissen.

Glossolalie oder Zungenrede war eine Geistesgabe, in der vom Heiligen Geist geleitet Worte gesprochen wurden, die für Außenstehende nicht verständlich waren, die dem Lob und der Verherrlichung Gottes dienten. Aus dem heute in pfingstlerischen und charismatischen Gruppen vorkommenden Phänomen gleichen Namens können wir nicht entnehmen, wie die Glossolalie unter den ersten Christen tatsächlich ausgesehen hat. Das heutige Phänomen zeigt uns nur, wie sich die Menschen in diesen Gruppen die Zungenrede vorstellen.

Die Neue Jerusalemer Bibel nimmt an, dass es sich um eine Art Glossolalie gehandelt habe, dass Lukas das aber so interpretiert hat, dass die Jünger in fremden Sprachen gesprochen hätten. Das würde bedeuten, dass alles, was ab Vers 6 folgt, nur Interpretation von Lukas gewesen wäre.

Dafür, dass es sich um Glossolalie handelte, spricht Apostelgeschichte 11,15:

Als ich zu reden begann, kam der Heilige Geist auf sie herab, wie am Anfang auf uns.

Petrus sprach diese Worte, als er sich in der Gemeinde in Jerusalem dafür rechtfertigte, dass er zu Unbeschnittenen, also zu Nichtjuden, ins Haus gegangen war, was nach jüdischer Tradition einen Menschen kultisch verunreinigt hat. In Apostelgeschichte 10 wird dieser Besuch Petri bei Kornelius erzählt. Konkret heißt es in den Versen 44-46a:

44 Noch während Petrus dies sagte, kam der Heilige Geist auf alle herab, die das Wort hörten. 45 Die gläubig gewordenen Juden, die mit Petrus gekommen waren, konnten es nicht fassen, dass auch auf die Heiden die Gabe des Heiligen Geistes ausgegossen wurde. 46 Denn sie hörten sie in Zungen reden und Gott preisen.

In 11,15 bezog sich Petrus auf diese Situation. Der Heilige Geist kam auf die Nichtjuden so herab wie am Anfang auf die Jünger. Diese Parallelität spricht dafür, dass das Kommen des Heiligen Geistes zu Pfingsten sich ebenso durch Zungenreden manifestiert hat wie Jahre später beim Besuch bei Kornelius.

Wenn die Juden und Proselyten1, die aus vielen verschiedenen Ländern zusammengekommen waren, die Jünger in ihren eigenen Sprachen verstanden, so ist das als ein Wirken des Heiligen Geistes zu verstehen. In 1 Korinther 12,10 schreibt Paulus über die Gabe, die Zungenrede auszulegen oder zu „übersetzen“. Diejenigen unter den versammelten Menschen, die eine Offenheit für Gott hatten, verstanden durch ein derartiges Wirken des Heiligen Geistes die Worte der Apostel in ihren eigenen Sprachen. Es war ein Wirken Gottes, das sich in den Gehirnen der Zuhörer abspielte. Sie verstanden, dass die Jünger Gottes große Taten verkündeten. Die übrigen Menschen hörten nur die unverständlichen Wörter, was sie in spöttischer Weise als Betrunkenheit interpretierten.

Ich denke, dass es nicht die Interpretation von Lukas war, dass die Menschen die Worte der Jünger in ihren eigenen Sprachen verstanden. Es war Gottes Wirken, das die offenen Menschen dazu führte, auf die danach folgende Rede, die Petrus auf Griechisch hielt, zu achten.

In gewisser Weise war dieses Wunder ein Gegenbild zu der in Genesis 11,7-9 geschilderten Sprachverwirrung nach dem Turmbau zu Babel. Der Hochmut der Menschen führt dazu, dass sie einander nicht mehr verstehen. Gottes Wirken führt die Menschen, die sich für ihn öffnen, zur Einheit zurück.


  1. Proselyten waren Nichtjuden, die sich dem Judentum im vollen Sinne angeschlossen haben, was bei Männern die Beschneidung einschloss. Sie waren zum Halten der Thora genauso wie Juden, die es durch ihre Abstammung waren, verpflichtet. 

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