Die Huldigung Adams durch die Engel

Im Koran lesen wir an sieben Stellen, dass Allah die Engel aufforderte, sich vor Adam niederzuwerfen. Nur Iblis (der Satan) weigerte sich.

11 Und Wir haben euch ja erschaffen. Hierauf haben Wir euch gestaltet. Hierauf haben Wir zu den Engeln gesagt: „Werft euch vor Adam nieder!“ Da warfen sie sich nieder, außer Iblis. Er gehörte nicht zu denjenigen, die sich niederwerfen. 12 Er (Allah) sagte: „Was hat dich davon abgehalten, dich niederzuwerfen, als Ich (es) dir befahl?“ Er sagte: „Ich bin besser als er. Du hast mich aus Feuer erschaffen, ihn aber hast Du aus Lehm erschaffen.“ (Sure 7,11-12)

71 Als dein Herr zu den Engeln sagte: „Ich werde ein menschliches Wesen aus Lehm erschaffen. 72 Wenn Ich es zurechtgeformt und ihm von Meinem Geist eingehaucht habe, dann fallt und werft euch vor ihm nieder.“ 73 Da warfen sich die Engel alle zusammen nieder, 74 außer Iblis; er verhielt sich hochmütig und gehörte zu den Ungläubigen. (Sure 38,71-74)

Und als Wir zu den Engeln sagten: „Werft euch vor Adam nieder.“ Da warfen sie sich nieder, außer Iblis. Er weigerte sich. (Sure 20,116)

Und als Wir zu den Engeln sagten: „Werft euch vor Adam nieder.“ Da warfen sie sich nieder, außer Iblis. Er sagte: „Soll ich mich vor jemandem niederwerfen, den Du aus Lehm erschaffen hast?“ (Sure 17,61)

28 Und als dein Herr zu den Engeln sagte: „Ich bin dabei, ein menschliches Wesen aus trockenem Ton, aus fauligem schwarzen Schlamm zu erschaffen. 29 Wenn Ich es zurechtgeformt und ihm von Meinem Geist eingehaucht habe, dann fallt und werft euch vor ihm nieder.“ 30 Da warfen sich die Engel alle zusammen nieder, 31 außer Iblis; er weigerte sich, mit denen zu sein, die sich niederwerfen. (Sure 15,28-31)

Und als Wir zu den Engeln sagten: „Werft euch vor Adam nieder.“ Da warfen sie sich nieder, außer Iblis; er gehörte zu den Ginn. So frevelte er gegen den Befehl seines Herrn. (Sure 18,50a)

Und als Wir zu den Engeln sagten: „Werft euch vor Adam nieder!“ Da warfen sie sich nieder, außer Iblis. Er weigerte sich und verhielt sich hochmütig und gehörte zu den Ungläubigen. (Sure 2,34)

Ich habe die Abschnitte in der vermuteten chronologischen Reihenfolge angeordnet.

Dass diese Begebenheit so oft geschrieben wurde, lässt annehmen, dass ihr der oder die Herausgeber des Korans eine große Bedeutung zugemessen haben. Im Gegensatz dazu scheint sie unter den heutigen Muslimen nicht so zentral zu sein.

Quellen?

Bevor ich mich mit dem Inhalt dieser Verse beschäftige, soll es um eventuelle Quellen gehen, um andere bekannte Texte mit ähnlichem Inhalt.

Für einen Muslim ist klar, dass der Koran das direkte Wort Allahs ist. Nur Allah ist die Quelle. Zur Überprüfung dieses Anspruchs ist die Suche nach Vergleichsliteratur hilfreich.

In der Bibel finden wir diese Begebenheit nicht. Die Bibel setzt die Rebellion Satans voraus, schreibt aber an keiner Stelle direkt darüber.

Wir werden aber in nachbiblischer apokrypher Literatur fündig.

Heinrich Speyer1 weist auf zwei Texte hin.

Der erste Text ist aus dem „Leben Adams und Evas“2:

Der Teufel antwortete: Adam, was sagst du da zu mir? Um deinetwillen bin ich von dort verstoßen worden. Als du gebildet wurdest, ward ich von Gottes Antlitz verstoßen und aus der Gemeinschaft der Engel verbannt. Als Gott den Lebensodem in dich blies und dein Gesicht und Gleichnis nach Gottes Bild geschaffen wurde, brachte dich Michael und gebot, dich anzubeten im Angesichte Gottes, und Gott der Herr sprach: Siehe, Adam, ich schuf dich nach meinem Bild und Gleichnis.
Und Michael kam herauf und rief alle Engel, also: Betet Gottes des Herrn Ebenbild an, wie Gott der Herr es befohlen! Und Michael selbst betete ihn zuerst an; dann rief er mich und sprach: Bete an das Ebenbild Gottes! Und ich antwortete: Ich brauche Adam nicht anzubeten. Und da Michael mich drängte anzubeten, sprach ich zu ihm: Warum drängst du mich? Ich werde doch den nicht anbeten, der geringer und jünger ist als ich! Ich bin vor ihm erschaffen worden. Ehe er erschaffen ward, war ich geschaffen. Er sollte mich anbeten. […]

Der zweite Text stammt aus der syrischen „Schatzhöhle“3:

Und als die Engel diese göttlichen Stimmen hörten, beugten sie ihr Knie und beteten ihn (Adam) an. Und als das Haupt der unteren Ordnung sah, welche Größe Adam gegeben war, beneidete es ihn von diesem Tage an, weigerte sich, ihn anzubeten, und sprach zu seinen Scharen: Betet ihn nicht an und preist ihn nicht mit den Engeln! Es ziemt ihm, mich anzubeten, der ich Feuer und Geist bin, und nicht mir, dass ich den Staub anbete, der aus einem Sandkörnchen geformt ist. Und solches sagte der Empörer und war ungehorsam und schied sich nach seinem eigenen Willen und seiner Freiheit von Gott, und er war gestürzt und fiel ab; er und seine ganze Schar; […]

Beide Schriften stammen aus einer Zeit vor der Entstehung des Korans. Das „Leben Adams und Evas“ existiert in verschiedenen Versionen (griechisch, lateinisch, armenisch, slawisch, georgisch), die aus dem 3.-5. Jahrhundert stammen. Die „Schatzhöhle“ ist eine Sammlung apokrypher Texte der syrischen Kirche, die im 6. Jahrhundert abgeschlossen wurde.

Es ist klar, dass die koranischen Texte nicht einfach von anderen Texten abgeschrieben wurden. Diese Texte bezeugen jedoch eine Tradition, die auch im Koran ihren Niederschlag fand. Vor allem die „Schatzhöhle“ aus der syrischen Kirche stammt aus dem kulturellen Umfeld des Korans. Sowohl im Text der „Schatzhöhle“ als auch in Sure 7,12 beruft sich der Widersacher darauf, dass er aus Feuer geschaffen wurde.

Im Vergleich mit dem „Leben Adams und Evas“ gibt es vor allem zwei Punkte, die nicht übernommen wurden:

  • In diesem Werk ist es Michael, der zur Anbetung Adams aufrief und nicht Gott direkt.
  • Grund für die Anbetung war, dass Adam nach Gottes Bild und Gleichnis geschaffen wurde. Dieser Gedanke ist dem Koran fremd.

Es wäre schon sehr eigenartig, wenn der allmächtige Gott eine Geschichte „herab sendet“, die es in den früher offenbarten Heiligen Schriften nicht gibt, wohl aber in fantasievollen apokryphen Schriften mit zweifelhafter geistlicher Bedeutung. Macht sich der Allmächtige von Menschen abhängig? Da ist doch näherliegend, dass der Autor oder die Autoren des Korans eine in ihrem Umfeld bekannte Legende aufgriffen, weil sie ihnen aus welchen Gründen auch immer gefallen hat.

Zum Inhalt

Da die Bibel über die Sünde Satans nichts schreibt, hat sich die Fantasie der Schreiber apokrypher Legenden dieses Themas angenommen. Vom Neid des Teufels schreibt bereits das apokryphe Buch der Weisheit, das vermutlich aus dem 1. Jahrhundert v. Chr. stammt:

23 Denn Gott hat den Menschen zur Unvergänglichkeit erschaffen und ihn zum Bild seines eigenen Wesens gemacht. 24 Doch durch den Neid des Teufels kam der Tod in die Welt und ihn erfahren alle, die ihm angehören. (Weisheit 2,23-24)

Spätere Schreiber mochten darüber nachgedacht haben, was der Grund für den Neid des Teufels gewesen sein mag. Tatsächlich schreibt die Bibel nur über den Menschen, nicht aber über die Engel, dass er nach Gottes Bild geschaffen wurde (Genesis 1,27), was auch in Weisheit 2,23 erwähnt wird. Daraus könnte jemand geschlossen haben, dass das die Ursache für den Neid des Teufels war. In einem weiteren Schritt könnte der Gedanke gekommen sein, dass Gott von seinen Engeln verlangt habe, das von ihm geschaffene Bild Gottes anzubeten.

Spätestens bei diesem Schritt hätten bei einem Monotheisten die Alarmglocken läuten müssen. Wie sollte es möglich sein, ein Geschöpf anzubeten?

Da ich von den apokryphen Texten nur die deutsche Übersetzung kenne, weiß ich nicht, welches Wort dort in den antiken Vorlagen genau steht. Im koranischen Text steht das Verb sajada (سَجَدَ). An allen Stellen, wo es nicht darum geht, sich vor Adam niederzuwerfen, geht es ausschließlich um die Verehrung Allahs. Eine Auflistung aller Vorkommen dieses Verbs findet man hier.

Als Beispiele seien genannt:

Vor Allah wirft sich (alles) nieder, was in den Himmeln und was auf der Erde an Tieren ist, und (auch) die Engel, und sie verhalten sich nicht hochmütig. (Sure 16,49)

Siehst du nicht, daß sich vor Allah (jeder) niederwirft, wer in den Himmeln und wer auf der Erde ist, und (auch) die Sonne, der Mond und die Sterne, die Berge, die Bäume und die Tiere und viele von den Menschen? (Sure 22,18a)

und in (einem Teil) der Nacht, da wirf dich vor Ihm nieder und preise Ihn lange Zeit zur Nacht. (Sure 76,26)

Wenn hier ein Verb verwendet wird, das sonst im Koran ausschließlich für die Anbetung Allahs verwendet wird, sollte da Allah seinen Engeln befehlen, sein Werk zu verehren? Noch dazu, wo der Islam den Grund, der in der ursprünglichen Legende dafür genannt wurde, nämlich die Gottesebenbildlichkeit des Menschen, ablehnt?

Es sieht so aus, dass dem Autor der koranischen Texte die geistliche Einsicht und Beurteilung gefehlt hat, um zu erkennen, wie sehr diese Geschichte dem Monotheismus widerspricht. Allein dem Schöpfer gebührt Anbetung.

Das hat Jesus, als der Versucher von ihm die Anbetung verlangt hat, klar ausgedrückt:

Da sagte Jesus zu ihm: Weg mit dir, Satan! Denn in der Schrift steht: Den Herrn, deinen Gott, sollst du anbeten und ihm allein dienen. (Matthäus 4,10)

Es gibt nur einen einzigen Menschen, der der Anbetung würdig ist. Es ist der ewige wesensgleiche Sohn des Vaters, der Mensch geworden ist, Jesus Christus.

11 Ich sah und ich hörte die Stimme von vielen Engeln rings um den Thron und um die Lebewesen und die Ältesten; die Zahl der Engel war zehntausend mal zehntausend und tausend mal tausend. 12 Sie riefen mit lauter Stimme: Würdig ist das Lamm, das geschlachtet ist, Macht zu empfangen, Reichtum und Weisheit, Kraft und Ehre, Lob und Herrlichkeit. 13 Und alle Geschöpfe im Himmel und auf der Erde, unter der Erde und auf dem Meer, alles, was darin ist, hörte ich sprechen: Ihm, der auf dem Thron sitzt, und dem Lamm gebühren Lob und Ehre und Herrlichkeit und Kraft in alle Ewigkeit. 14 Und die vier Lebewesen sprachen: Amen. Und die vierundzwanzig Ältesten fielen nieder und beteten an. (Offenbarung 5,11-14)

Anstatt das gotteslästerliche Märchen zu glauben, dass Gott die Anbetung Adams wollte, sollten Muslime dem ewigen Wort Gottes, das in Jesus herabgekommen ist, die Ehre geben, die ihm gebührt.


  1. Heinrich Speyer, Die biblischen Erzählungen im Qoran, 3. Nachdruckauflage, Hildesheim 1988, S. 56-58. 
  2. Speyer zitiert nach Emil Kautzsch, Die Apokryphen und Pseudepigraphen des Alten Testaments, Band 2, Tübingen 1900, S. 513. 
  3. Speyer zitiert nach Carl Bezold, Die Schatzhöhle, Band 1, Leipzig 1883, S. 16. 

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