Den Juden ein Jude …

 19 Obwohl ich also von niemandem abhängig bin, habe ich mich für alle zum Sklaven gemacht, um möglichst viele zu gewinnen. 20 Den Juden bin ich ein Jude geworden, um Juden zu gewinnen; denen, die unter dem Gesetz stehen, bin ich, obgleich ich nicht unter dem Gesetz stehe, einer unter dem Gesetz geworden, um die zu gewinnen, die unter dem Gesetz stehen. 21 Den Gesetzlosen bin ich sozusagen ein Gesetzloser geworden – nicht als ein Gesetzloser vor Gott, sondern gebunden an das Gesetz Christi – , um die Gesetzlosen zu gewinnen. 22 Den Schwachen bin ich ein Schwacher geworden, um die Schwachen zu gewinnen. Allen bin ich alles geworden, um auf jeden Fall einige zu retten.
(1 Korinther 9,19-22)

Diese Worte von Paulus werden auf unterschiedliche Weise missbraucht. Einerseits berufen sich christliche Gruppierungen auf diese Verse, um ihre Anpassung an einen sündigen Lebensstil zu rechtfertigen. Andererseits werfen manchmal Muslime Paulus Täuschung und Lüge vor. Das dient in der Regel der Abwehr des Vorwurfs, der Islam erlaube „Taqīya“, d. h. Lüge. Wir wollen uns hier mit beiden Missbräuchen auseinandersetzen.

Was will Paulus sagen?

In den Kapiteln 8 und 10 des 1. Korintherbriefes geht es um die Frage, ob Christen Fleisch, das heidnischen Götzen geopfert worden ist, essen dürfen. In Kapitel 9 wird dieses Thema nicht angesprochen, hat aber indirekt damit zu tun. Paulus geht auch bei anderen Fragen in einer ähnlichen Weise vor. So geht es in den Kapiteln 12 und 14 desselben Briefes um die Frage der Geistesgaben, vor allem der Zungenrede und der prophetischen Rede. Im 13. Kapitel geht es um die Liebe, die über diesen Geistesgaben steht und die den richtigen Umgang mit diesen bestimmen soll. So sollen wir auch das 9. Kapitel im Zusammenhang der umgebenden Kapitel betrachten.

In 1 Korinther 8,8 betont Paulus, dass eine Speise an sich uns in geistlicher Hinsicht weder nützt noch schadet. Aber danach weist er auf die Bedeutung der Rücksichtnahme auf andere hin. Darum schreibt er in 8,13:

Wenn darum eine Speise meinem Bruder zum Anstoß wird, will ich bis in Ewigkeit kein Fleisch mehr essen, um meinem Bruder keinen Anstoß zu geben.

Der Blick auf den Bruder im Glauben soll unser Handeln bestimmen. Wenn ich weiß, dass mein Verhalten einem Bruder schadet, dann soll ich darauf verzichten, auch wenn ich an und für sich das Recht darauf hätte. Im 10. Kapitel kommt Paulus auf das Thema des Götzenopferfleisches zurück und betont dort die Notwendigkeit der Abgrenzung vom heidnischen Götzendienst und bezieht sich am Ende des Kapitels auf konkrete Situationen im Detail.

Im 9. Kapitel geht es um die Rücksichtnahme auf andere und auf den Verzicht auf eigene Ansprüche.

Paulus hätte als Apostel das Recht, von den Gemeinden unterstützt zu werden, sogar mit einer eventuellen Partnerin (9,5). Er nimmt dieses Recht aber nicht in Anspruch. Er will die Gemeinden nicht belasten. Darum geht es im ersten Abschnitt des Kapitels.

Im zweiten Abschnitt, ab Vers 19, geht es um die Rücksichtnahme auf andere. Wenn Paulus sich unter Juden aufhält, passt er sich, der er selber Jude ist, an die jüdischen Gebräuche an. Er provoziert seine jüdischen Mitmenschen nicht dadurch, dass er etwas isst, was ihren Speisevorschriften zuwider läuft. Andererseits will er in einer nichtjüdischen Umgebung nicht durch das Bestehen auf koscheres Essen herausfordern.

Sein Anliegen ist, die Menschen auf das Wesentliche hinzulenken. Sie sollen sich nicht damit beschäftigen, was sie essen sollen, und was nicht. Sie sollen das Evangelium kennenlernen, die Botschaft von Gottes Liebe, der uns durch Jesus von unseren Sünden befreit.

Ist das unehrlich?

Paulus hat seine Lehre nicht geheim gehalten. Auch wenn er sich als Jude unter Juden an die jüdischen Speisevorschriften gehalten hat, hat er den Juden klar gemacht, dass Christen, die aus dem Heidentum kommen, diese Speisevorschriften nicht auferlegt werden dürfen. Aber er hat von Juden, auch von Juden, die Christen wurden, nie verlangt, ihre Speisevorschriften zu missachten. Das hat Paulus auch vor Nichtjuden festgehalten. Auch wenn er sich an die nichtjüdische Umgebung angepasst hat, war klar, dass nichtjüdische Christen von ihren jüdischen Brüdern nicht erwarten durften, dass sie so wie Paulus handeln. Paulus hat seinen Standpunkt nicht verheimlicht. Er hat sich in der geistlich unbedeutenden Frage des Essens an die jeweilige Umgebung angepasst.

Auch heute ist es für Christen nicht angebracht, jüdischen oder muslimischen Gästen Schweinefleisch anzubieten. Das wäre eine Provokation. Trotzdem können diese Gäste wissen, dass Christen bei sonstigen Gelegenheiten Schweinefleisch essen. Wenn in einer gemeinsamen Mahlzeit kein Schweinefleisch serviert wird, täuscht der Christ nicht vor, dass er sonst kein Schweinefleisch isst. Er nimmt Rücksicht auf seine Gäste. Es ist ein Unterschied, ob ich mit den Gästen eine Mahlzeit ohne Schweinefleisch esse, obwohl sie wissen, dass ich das sonst schon esse, oder ob ich vor den Gästen einen Schweinsbraten zu mir nehme oder diesen sogar den Gästen vorsetze.

In dieser Hinsicht sind die Verse aus 1 Korinther 9 zu verstehen. Es geht um Rücksichtnahme.

Dazu passen auch die Worte aus 1 Korinther 10,31-33:

31 Ob ihr also esst oder trinkt oder etwas anderes tut: Tut alles zur Verherrlichung Gottes! 32 Gebt weder Juden noch Griechen, noch der Kirche Gottes Anlass zu einem Vorwurf! 33 Auch ich suche allen in allem entgegenzukommen; ich suche nicht meinen Nutzen, sondern den Nutzen aller, damit sie gerettet werden.

Zur Frage der Speisegebote

In Markus 7,14-23 lesen wir:

14 Dann rief er (= Jesus) die Leute wieder zu sich und sagte: Hört mir alle zu und begreift, was ich sage! 15 Nichts, was von außen in den Menschen hineinkommt, kann ihn unrein machen, sondern was aus dem Menschen herauskommt, das macht ihn unrein. 17 Er verließ die Menge und ging in ein Haus. Da fragten ihn seine Jünger nach dem Sinn dieses rätselhaften Wortes 18 Er antwortete ihnen: Begreift auch ihr nicht? Versteht ihr nicht, dass das, was von außen in den Menschen hineinkommt, ihn nicht unrein machen kann? 19 Denn es gelangt ja nicht in sein Herz, sondern in den Magen und wird wieder ausgeschieden. Damit erklärte Jesus alle Speisen für rein. 20 Weiter sagte er: Was aus dem Menschen herauskommt, das macht ihn unrein. 21 Denn von innen, aus dem Herzen der Menschen, kommen die bösen Gedanken, Unzucht, Diebstahl, Mord, 22 Ehebruch, Habgier, Bosheit, Hinterlist, Ausschweifung, Neid, Lästerung, Hochmut und Unvernunft. 23 All dieses Böse kommt von innen und macht den Menschen unrein. 

Auch wenn Jesus sich als Jude in einer jüdischen Umwelt immer an die jüdischen Speisevorschriften gehalten hat, hat er doch klar gemacht, dass eine Speise den Menschen nicht verunreinigt. Der Mensch wird nicht durch das Essen unrein, sondern durch die Sünden, die aus seinem Herzen kommen. Deswegen muss das Herz des Menschen durch eine Umkehr zu Gott gereinigt werden.

Am Anfang der Urgemeinde, solange alle Jünger aus dem Judentum kamen, waren die Speisegebote kein Thema. Alle Jünger haben sich daran gehalten.

Als Gott den Apostel Simon Petrus zum Nichtjuden Kornelius sandte, ließ er ihm eine Vision sehen:

11 Er sah den Himmel offen und eine Art Gefäß herabkommen, das aussah wie ein großes Leinentuch, das, an den vier Ecken gehalten, auf die Erde heruntergelassen wurde. 12 Darin waren alle möglichen Vierfüßler, Kriechtiere der Erde und Vögel des Himmels. 13 Und eine Stimme rief ihm zu: Steh auf, Petrus, schlachte und iss! 14 Petrus aber antwortete: Niemals, Herr! Noch nie habe ich etwas Unheiliges und Unreines gegessen. 15 Da erging die Stimme ein zweites Mal an ihn: Was Gott für rein erklärt hat, nenne du nicht unrein! (Apostelgeschichte 10,11-15)

Es ging in dieser Vision in erster Linie nicht um die Speisevorschriften, sondern darum, dass Petrus einen Heiden nicht unrein nennen sollte, und sich ohne Probleme in das Haus eines Nichtjuden begeben durfte (vergleiche Apostelgeschichte 10,28). Doch schließt der Inhalt dieser Vision auch ein, dass es keine unreinen Tiere gibt.

Als die Zahl der nichtjüdischen Brüder immer größer wurde und manche frühere Pharisäer forderten, dass die Brüder aus dem Heidentum auch beschnitten werden sollten und die jüdischen Ritual- und Speisegebote halten sollten (Apostelgeschichte 15,5), beschloss eine Versammlung der Apostel und Ältesten in Jerusalem, dass man dies von ihnen nicht fordern darf. Was die Speisegebote betrifft, sollten die Brüder mit heidnischem Hintergrund aber kein Ersticktes und kein Blut zu sich nehmen (Apostelgeschichte 15,19).

Das war nicht eine Sonderlehre von Paulus, sondern eine von allen Aposteln und Ältesten getragene Entscheidung, die allgemein bekannt war. So hat Paulus durch sein in 1 Korinther 9 beschriebenes Verhalten in dieser Hinsicht auch überhaupt nichts verheimlichen können.

Den Sündern ein Sünder?

Wenn Paulus „den Gesetzlosen ein Gesetzloser“ geworden ist, dann wurde er das „gebunden an das Gesetz Christi“ (1 Korinther 9,21). Paulus war frei vom Gesetz im Hinblick auf die Speisen, aber nicht im Hinblick auf die Sünden. Diese Worte sind kein Freibrief, sich an eine sündige Umgebung anzupassen. Ein Christ kann nicht mit Nichtchristen seinen Körper durch Nikotin oder Drogen zerstören, um es seinen rauchenden oder drogenabhängigen Mitmenschen leichter zu machen, Christen zu werden. Er macht es ihnen nicht leichter, sondern bezeugt durch sein Verhalten, dass er an die Sünde gebunden ist.

Die Aufgabe des Christen ist es, Licht zu sein, aber nicht, sich an die Finsternis anzupassen.

14 Ihr seid das Licht der Welt. Eine Stadt, die auf einem Berg liegt, kann nicht verborgen bleiben. 15 Man zündet auch nicht eine Leuchte an und stellt sie unter den Scheffel, sondern auf den Leuchter; dann leuchtet sie allen im Haus. 16 So soll euer Licht vor den Menschen leuchten, damit sie eure guten Taten sehen und euren Vater im Himmel preisen. (Matthäus 5,14-16)

8 Denn einst wart ihr Finsternis, jetzt aber seid ihr Licht im Herrn. Lebt als Kinder des Lichts! 9 Denn das Licht bringt lauter Güte, Gerechtigkeit und Wahrheit hervor. 10 Prüft, was dem Herrn gefällt, 11 und habt nichts gemein mit den Werken der Finsternis, die keine Frucht bringen, deckt sie vielmehr auf! (Epheser 5,8-11)

Anpassung und Rücksichtnahme kann und darf nie bedeuten, an den Sünden anderer Menschen teilzuhaben.

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