Fordert Jesus Hass?

Wenn jemand zu mir kommt und hasst nicht seinen Vater und die Mutter und die Frau und die Kinder und die Brüder und die Schwestern, dazu aber auch sein eigenes Leben, so kann er nicht mein Jünger sein. (Lukas 14,26 – Elberfelder)

Wenn man diesen Satz liest, ist man vielleicht geschockt. Manche mögen denken, dass Jesus doch nicht dieser Prediger der Liebe Gottes ist, für den er vielfach gehalten wird. Andere sehen in diesem Satz einen Beweis, dass das Evangelium verfälscht wurde. Jesus kann doch so etwas nicht gesagt haben.

Wenn wir verschiedene Übersetzungen vergleichen, stellen wir fest, dass vor allem neuere Übersetzungen oder Übertragungen in diesem Vers nicht das Wort „hassen“ verwenden.

  • Einheitsübersetzung 2016: Wenn jemand zu mir kommt und nicht Vater und Mutter, Frau und Kinder, Brüder und Schwestern, ja sogar sein Leben gering achtet, dann kann er nicht mein Jünger sein.
  • Neue Genfer Übersetzung: Wenn jemand zu mir kommen will, muss er alles andere zurückstellen – Vater und Mutter, Frau und Kinder, Brüder und Schwestern, ja sogar sein eigenes Leben; sonst kann er nicht mein Jünger sein.
  • Hoffnung für Alle: Wenn einer mit mir gehen will, so muss ich für ihn wichtiger sein als seine Eltern, seine Frau, seine Kinder, seine Geschwister, ja wichtiger als das eigene Leben. Sonst kann er nicht mein Jünger sein.
  • Gute Nachricht Bibel: Wer sich mir anschließen will, muss bereit sein, mit Vater und Mutter zu brechen, ebenso mit Frau und Kindern, mit Brüdern und Schwestern; er muss bereit sein, sogar das eigene Leben aufzugeben. Sonst kann er nicht mein Jünger sein.

Alle diese Übersetzungen vermeiden das Wort „hassen“. Vor allem die „Hoffnung für Alle“ und die „Gute Nachricht Bibel“ haben grundsätzlich das Ziel, nicht eine wortwörtliche Wiedergabe zu liefern, sondern für die Menschen unserer Zeit das wiederzugeben, was die Übersetzer als die Botschaft dieses Textes erkennen.

Es stellt sich die Frage, ob diese Übersetzungen den Text verfälschen oder das von Jesus Gemeinte zum Ausdruck bringen.

Sprachen sind nie deckungsgleich. Die Bedeutungsbreite eines Wortes in einer Sprache entspricht nicht der Bedeutungsbreite des entsprechenden Wortes in einer anderen Sprache. So ist es auch mit dem Wort „hassen“.

Der Duden definiert das deutsche Wort „Hass“ so: heftige Abneigung; starkes Gefühl der Ablehnung und Feindschaft gegenüber einer Person, Gruppe oder Einrichtung.

Ein anderes Wort Jesu kann uns helfen, den Bedeutungsumfang dieses Wortes in der biblischen Sprache zu erkennen.

Niemand kann zwei Herren dienen; er wird entweder den einen hassen und den andern lieben oder er wird zu dem einen halten und den andern verachten. Ihr könnt nicht Gott dienen und dem Mammon. (Matthäus 6,24)

Auch wenn ein Diener zweier Herren einen der beiden bevorzugt, heißt das nicht notwendigerweise, dass er dem anderen mit einem starken Gefühl der Ablehnung oder Feindschaft begegnen wird. Prioritäten müssen aber gesetzt werden. Deswegen darf für einen Diener Gottes der Mammon, das Geld, nie Vorrang haben. Aber es geht nicht um ein Gefühl der Feindschaft. Unsere Entscheidungen sollen vom Willen Gottes bestimmt werden, nicht von finanziellen Erwägungen.

Das ist auch die Botschaft von Lukas 14,26. Jesus muss uns wichtiger sein als alles andere, wichtiger als die engsten Verwandten, als die Familie, wichtiger als unser eigenes Leben. Das schließt auch unsere eigenen Pläne für Beruf und Karriere ein, unsere Hobbys. Es darf keinen Bereich in unserem Leben geben, der uns wichtiger ist als Jesus.

In Matthäus 10,37 hat Jesus dieselbe Botschaft mit anderen Worten ausgedrückt:

Wer Vater oder Mutter mehr liebt als mich, ist meiner nicht wert, und wer Sohn oder Tochter mehr liebt als mich, ist meiner nicht wert.

Die Botschaft, die Jesus vermittelt ist hart. Jesus erwartet von seinen Jüngern klare Prioritäten und deren konsequente Umsetzung. Was er nicht erwartet, sind Gefühle der Abneigung und Feindschaft gegen irgendjemanden, schon gar nicht gegen die eigene Familie. Im Gespräch mit dem reichen jungen Mann hat Jesus das Gebot, Vater und Mutter zu ehren, betont (Matthäus 19,19).

Er will auch keinen Selbsthass. Wir sind ja von ihm geliebt. Er will aber, dass alles in uns, was von der Sünde, von unserem Egoismus geprägt ist, aus unserem Leben verschwindet. Nur so sind wir fähig, so zu lieben, wie er uns geliebt hat.

Wie mich der Vater geliebt hat, so habe auch ich euch geliebt. Bleibt in meiner Liebe! (Johannes 15,9)

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