Aber Waschti, die Königin, weigerte sich, dem Befehl des Königs, den die Eunuchen überbracht hatten, zu folgen und zu kommen. Da wurde der König erbost und es packte ihn großer Zorn.
(Ester 1,12)
In Ester 1,1-8 lesen wir über ein gigantisches Gastmahl, das der Perserkönig Xerxes1 in der Burg Susa gab. Dieses Mahl währte 180 Tage und wurde durch ein besonderes Festmahl, das sieben Tage lang dauerte, abgeschlossen. Bei diesem Fest floss der Wein in Strömen. Zeitgleich veranstaltete die Königin Waschti ein Festmahl für die Frauen im Palast (Ester 1,9).
Dann heißt es:
10 Als der König am siebten Tag vom Wein angeheitert war, befahl er Mehuman, Biseta, Harbona, Bigta, Abagta, Setar und Karkas, den sieben Eunuchen, die ihn persönlich bedienten, 11 Königin Waschti im königlichen Diadem vor den König zu bringen, damit das Volk und die Fürsten ihre Schönheit bewunderten; denn sie war sehr schön. 12 Aber Waschti, die Königin, weigerte sich, dem Befehl des Königs, den die Eunuchen überbracht hatten, zu folgen und zu kommen. Da wurde der König erbost und es packte ihn großer Zorn. (Ester 1,10-12)
Nach eingehender Beratung mit den Weisen des Landes verstieß Xerxes die Königin Waschti. Denn:
Von heute an werden alle Fürstinnen Persiens und Mediens, die vom Verhalten der Königin hören, dies allen Fürsten des Königs vorhalten und es gibt viel Ärger und Verdruss. (Ester 1,18)
Damit das Verhalten von Waschti nicht von den Fürstinnen des Reichs als Vorbild genommen werde, sollte der König an ihr ein Exempel statuieren, sie verstoßen und den Rang der Königin einer anderen verleihen, die würdiger ist als sie (Ester 1,19).2 Dadurch werden alle Frauen ihren Ehemännern, den vornehmsten wie den geringsten, die gebührende Achtung erweisen (Ester 1,20).
Wie sollen wir nun den Ungehorsam der Königin Waschti beurteilen? Was kann eine christliche Ehefrau von ihr lernen?
Ist sie ein abschreckendes Beispiel, weil sie sich ihrem Ehemann, dem König Xerxes, nicht untergeordnet hat und sich geweigert hat, ihm zu gehorchen?
Immerhin hat Paulus geschrieben:
Ihr Frauen, ordnet euch den Männern unter, wie es sich im Herrn geziemt! (Kolosser 3,18)
21 Einer ordne sich dem andern unter in der gemeinsamen Furcht Christi! 22 Ihr Frauen euren Männern wie dem Herrn […] (Epheser 5,21-22)
Hier sollten die Texte aber genau gelesen werden. In Kolosser 3,18 heißt es: wie es sich im Herrn geziemt! In Epheser 5,21 schreibt Paulus von der gemeinsamen Furcht Christi. In Vers 25 erwartet er von den Männern:
Ihr Männer, liebt eure Frauen, wie auch Christus die Kirche geliebt und sich für sie hingegeben hat.
In einer Ehe, in der der Mann seine Frau so liebt, wie Christus die Kirche geliebt und sich für sie hingegeben hat, gewinnt die Unterordnung der Frau eine neue Bedeutung.
Keinesfalls darf man die Ehe des Perserkönigs mit Waschti auf einer ähnlichen Stufe wie eine christliche Ehe sehen. Der König, so wie er im Esterbuch dargestellt wird, hatte einen vermutlich großen Harem. In Ester 2,8-11 lesen wir über einen „Aufseher der Frauen“ und einen „Frauenpalast“. Ester 2,12-14 beschreibt, wie die Mädchen der Reihe nach zum König gebracht wurden, bei dem sie eine Nacht verbrachten. Anschließend kamen sie in den zweiten Frauenpalast, wo ein Eunuch als „Aufseher der Nebenfrauen“ für sie verantwortlich war. Dort mussten sie warten, bis der König sie vielleicht wieder einmal zu sich rief. Eine von diesen Mädchen sollte dann die Königin werden. Auch die Königin war nur eine von vielen Frauen. Sollte sie ungebeten zu ihrem Mann kommen, begab sie sich in Lebensgefahr (Ester 4,11). Eine derartige Beziehung, in der der König eine seiner unzähligen Sexualpartnerinnen zur Königin erhoben hat, kann unmöglich auch nur annähernd mit einer christlichen Ehe gleichgesetzt werden. Der im Grunde sehr arme König hatte zwar viele Sexualpartnerinnen, aber keine Frau, mit der er in tiefer, vertrauensvoller Liebe verbunden gewesen wäre.
Der vom Wein angeheiterte König wollte seine wunderschöne Königin seinen wohl ebenso angeheiterten Gästen vorführen. Dadurch hätte er sie zu einem Schauobjekt betrunkener Männer degradiert, auch wenn er es persönlich anders ausgedrückt hätte. Seine Gäste sollten ja bloß ihre Schönheit „bewundern“.
Nach meinem Urteil hat Waschti völlig richtig gehandelt. Eine Frau, die ein Gefühl für ihre Ehre hat, lässt sich nicht von ihrem betrunkenen Mann, so mächtig er auch sein mag, vor einer Schar ebenfalls betrunkener Männer zu einem „Ausstellungsstück“ erniedrigen. Sie will keine „Puppe“ sein, die man vorführt.3
Wir wissen über Waschti außerhalb der Bibel nichts. Sie war keine Jüdin, kannte den Gott Israels vermutlich nicht. Aber sie hatte ein Gewissen und ein Ehrgefühl, dem sie gefolgt ist.
Sollte heute ein Ehemann tatsächlich auf den Gedanken kommen, seine Frau in einer für sie ähnlich demütigenden Weise anderen vorzuführen, wie es Xerxes mit Waschti tun wollte, hat seine Frau das Recht zum Ungehorsam. Ihr Mann kann sich dabei keineswegs auf die von Gott gewollte Unterordnung der Frau unter ihren Ehemann berufen.
Hier gilt, was Petrus den gläubigen Frauen schreibt:
Sara gehorchte Abraham und nannte ihn Herr. Ihre Kinder seid ihr geworden, wenn ihr recht handelt und euch vor keiner Einschüchterung fürchtet. (1 Petrus 3,6)
Es gibt eine Unterordnung. Doch diese hat Grenzen. Wenn es um den Willen Gottes geht, soll eine christliche Frau sich vor keiner Einschüchterung fürchten.
Denn:
Man muss Gott mehr gehorchen als den Menschen.
(Apostelgeschichte 5,29)
- Die Einheitsübersetzung folgt der griechischen Übersetzung und nennt den König Artaxerxes. Im älteren hebräischen Text ist aber zweifellos Xerxes gemeint. ↩
- Diese würdigere Frau war dann die Jüdin Ester, nach der das Buch benannt ist. ↩
- So hat es Helga Lampe in diesem lesenswerten Artikel ausgedrückt. ↩
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