Abu Ayyub Ansari berichtete, dass der Gesandte Allahs (ﷺ) sagte: Wenn ihr keine Sünden begehen würdet, hätte Allah euch aus der Existenz getilgt und durch ein anderes Volk ersetzt, das Sünden begeht, dann Allah um Vergebung bittet und dem Er Vergebung gewährt.
(Sahih Muslim 2748b)
Bei diesem Text handelt es sich um einen Hadith, eine Überlieferung über Mohammed, die allerdings erst mehr als 200 Jahre nach Mohammed niedergeschrieben wurde. Die von Sahih Muslim (ca. 820–875) gesammelten Hadithe gelten unter sunnitischen Muslimen als verlässlich.
Da ich nicht Arabisch kann, habe ich mich an die auf sunnah.com angebotene englische Version gehalten. Die auf derselben Website angebotene arabische Version lautet (mit deepl übersetzt) etwas kürzer:
Wenn ihr keine Sünden hättet, die Allah euch vergibt, würde Allah ein Volk bringen, das Sünden hat, die Er ihnen vergibt.
Im arabischen Text steht nichts von der „Tilgung aus der Existenz“ (Allah would have swept you out of existence). Aber dass Allah ein sündiges Volk bringen würde, dem er vergeben kann, steht auch dort.
Wenn eine islamische Website so große Unterschiede zwischen der englischen und arabischen Version aufweist, zeigt das auch etwas über die Genauigkeit und die Wahrheitsliebe islamischer Gelehrter. Doch darum soll es hier nicht gehen.
Bevor ich meine eigenen Gedanken niederschreibe, möchte ich meine Leser fragen: Wie versteht ihr diesen Hadith? Was sagt er über Gott und Vergebung? Wenn ihr zu einem anderen Verständnis kommt als ich, bitte ich um einen entsprechenden Kommentar. Wenn ihr die Frage nach dem Kontext stellt, der für die Deutung der Worte nicht unwichtig ist, so ist die Antwort, dass er im Hadith nicht überliefert worden ist. Wir sind daher allein auf die Worte, so wie sie Sahih Muslim überliefert hat, angewiesen.
Für mich lautet auf den ersten Blick die Botschaft dieses Wortes Mohammeds in etwa so:
Allah will kein sündenloses Volk. Er will, dass die Menschen sündigen, damit er ihnen vergeben kann.
Oder sollen wir diesen Text so verstehen, dass es nur um das Sündenbewusstsein geht? Sollte sündigen Menschen, die sich selbst sündenlos sehen, weil sie sich ihre Sünde nicht eingestehen wollen, gesagt werden, dass Allah ein Volk lieber ist, das seine Sünden sieht und ihn um Vergebung bittet?
Es ist ja so, dass jeder Mensch sündigt. Auch Propheten und Gottesmänner haben gesündigt. Keiner kann sagen, dass er nicht gesündigt hat. Wenn jemand behauptet, dass er nicht gesündigt hat, zeigt das nur eine starke geistliche Blindheit und einen Mangel an Selbsterkenntnis. Der Einzige, der nicht gesündigt hat, ist Jesus Christus (vergleiche Hebräer 4,15).
Eine Ermahnung zu tieferer Sündenerkenntnis ist daher immer wieder angebracht, da uns die Sündenerkenntnis zur Umkehr und Vergebung führt.
8 Wenn wir sagen, dass wir keine Sünde haben, führen wir uns selbst in die Irre und die Wahrheit ist nicht in uns. 9 Wenn wir unsere Sünden bekennen, ist er treu und gerecht; er vergibt uns die Sünden und reinigt uns von allem Unrecht. (1 Johannes 1,8-9)
Aber im Hadith heißt es nicht: Wenn ihr euch eure Sünden nicht eingesteht, sondern: Wenn ihr keine Sünden begehen würdet, bzw.: Wenn ihr keine Sünden hättet.
Das erweckt bei mir den Eindruck, dass Allah ein sündiges Volk, das ihn um Vergebung bittet, lieber ist als ein reines und sündenloses Volk. Braucht ein guter Gott sündige Geschöpfe, damit er sich selbst als der gute, vergebende Gott zeigen kann?
Der wahre Gott ist ja ein vergebender Gott. Jeder Mensch, der sich selbst prüft und seine Sünden erkennt und bereut, ist zutiefst dankbar dafür.
18 Wer ist Gott wie du, der Schuld verzeiht und an der Verfehlung vorübergeht für den Rest seines Erbteils! Nicht hält er auf ewig fest an seinem Zorn, denn er hat Wohlgefallen daran, gütig zu sein. 19 Er wird sich unser wieder erbarmen, er wird niedertreten unsere Schuld. Ja, du wirst in die Tiefen des Meeres werfen alle ihre Sünden. (Micha 7,18-19)
Das heißt aber nicht, dass Gott ein sündiges Volk lieber ist als ein sündenloses, das es freilich im wirklichen Leben nicht gibt.
Der heilige Gott will die Sünde nicht. Sie steht in völligem Widerspruch zu seinem Wesen.
Das ist die Botschaft, die wir von ihm gehört haben und euch verkünden: Gott ist Licht und keine Finsternis ist in ihm. (1 Johannes 1,5)
Auf mich macht dieser Text den Eindruck, dass Mohammed tatsächlich gemeint hat, dass Allah ein sündloses Volk nicht will, weil er sich dann nicht als der vergebende Gott zeigen könnte. Allah würde in diesem Fall die Sünde wollen.1
Trifft dieses Verständnis zu, dann stellt sich ein weiteres Mal die Frage, ob Mohammed wirklich ein Prophet Gottes sein kann.
So möchte ich meine Leser – vielleicht sind auch ein paar Muslime darunter – fragen, wie sie diesen Hadith verstehen.
Ich denke, dass ich mit den meisten Muslimen in Einheit bin, wenn ich sage, dass Gott die Sünde nicht will, weil sie uns von ihm trennt. Als Christ weiß ich, dass Gott deswegen Jesus gesandt hat, damit er uns von den Sünden befreit. So hat es Jesus selbst gesagt:
34 Jesus antwortete ihnen: Amen, amen, ich sage euch: Wer die Sünde tut, ist Sklave der Sünde. […] 36 Wenn euch also der Sohn befreit, dann seid ihr wirklich frei.
(Johannes 8,34.36)
- Es gibt eine Ähnlichkeit zu Johannes Calvin, der gelehrt hat, dass Gott die Sünde Adams zu seinem Wohlgefallen angeordnet hat (siehe den Beitrag: Calvin über den Sündenfall). ↩
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