Himmlische Wesen als Mittler?

Als es das Buch empfangen hatte, fielen die vier Lebewesen und die vierundzwanzig Ältesten vor dem Lamm nieder; alle trugen Harfen und goldene Schalen voll von Räucherwerk; das sind die Gebete der Heiligen. (Offenbarung 5,8)

3 Und ein anderer Engel kam und trat mit einer goldenen Räucherpfanne an den Altar; ihm wurde viel Räucherwerk gegeben, damit er es mit den Gebeten aller Heiligen auf dem goldenen Altar vor dem Thron darbringe. 4 Aus der Hand des Engels stieg der Weihrauch mit den Gebeten der Heiligen zu Gott empor. (Offenbarung 8,3-4)

An diesen beiden Stellen werden die Gebete der Heiligen als Räucherwerk oder gemeinsam mit Räucherwerk von himmlischen Wesen Gott dargebracht.

Mit den „Heiligen“ sind nicht Menschen gemeint, die nach ihrem Tod vom Papst oder sonst jemandem „heiliggesprochen“ worden sind. Im Neuen Testament ist dieses Wort bedeutungsgleich mit „Christ“ oder „Jünger“. Der Heiligenkult wurde erst in späteren Jahrhunderten eingeführt.

Dass Gebete mit Räucherwerk oder Rauchopfern verglichen werden, finden wir schon im Alten Testament:

Mein Bittgebet sei ein Räucheropfer vor deinem Angesicht, ein Abendopfer das Erheben meiner Hände. (Psalm 141,2)

Das Besondere an den beiden Stellen aus der Offenbarung ist, dass die Gebete der Heiligen durch himmlische Wesen, die gleichsam als Mittler fungieren, vor Gott gebracht werden. Dürfen wir diesen Stellen entnehmen, dass Engel eine Mittlerfunktion zwischen Gott und den Gläubigen haben? Will Gott, dass wir die Engel als Mittler anrufen?

Paulus hat bezüglich der Mittlerschaft zwischen Gott und den Menschen sehr klar gesprochen:

Denn: Einer ist Gott, Einer auch Mittler zwischen Gott und Menschen: der Mensch Christus Jesus. (1 Timotheus 2,5)

Diese unmissverständliche Lehre des Apostels muss uns beim Nachdenken über bildhafte Worte der Offenbarung vor Augen stehen. Man kann nicht die Lehre der Apostel aufweichen, indem man Mittler zum Mittler einführt, wie es die katholische Kirche im Hinblick auf Maria tut.

Die beiden Stellen in Offenbarung 5 und 8 haben eine etwas unterschiedliche Bilderwelt. In Offenbarung 5 sind es die vierundzwanzig Ältesten, die goldene Schalen voll Räucherwerk haben. Dieses Räucherwerk sind die Gebete der Heiligen. In Offenbarung 8 ist ausdrücklich von einem Engel die Rede, der die Gebete gemeinsam mit Räucherwerk vor dem Thron darbringt. Hier werden die Gebete nicht mit dem Räucherwerk gleichgesetzt, sondern gemeinsam damit dargebracht.

Die vierundzwanzig Ältesten sind keine Engel. Sie sind vermutlich als Symbolgestalten zu verstehen. Während die vier lebenden Wesen in Offenbarung 4,6-8 die gesamte Schöpfung Gottes zu symbolisieren scheinen, dürften die vierundzwanzig Ältesten sinnbildlich die Gesamtheit der Gläubigen repräsentieren, das „Königreich von Priestern“, zu dem Jesus seine Jünger gemacht hat (vergleiche Offenbarung 1,6; 5,10). Die Zahl vierundzwanzig ist vielleicht von den vierundzwanzig Priesterklassen im Alten Testament (1 Chronik 24,1-19) abgeleitet.

Wenn die vierundzwanzig Ältesten nur Symbolgestalten sind, erübrigt sich die Frage nach ihrer Mittlerschaft. Wenn sie als symbolische Repräsentanten der Gemeinde der Gläubigen die Gebete der Heiligen als Rauchopfer darbringen, drückt das aus, dass die Gebete der Heiligen vor Gott und das Lamm kommen. Durch seine Heiligen wird Gott verherrlicht.

Etwas anders ist die Situation in Kapitel 8. Nach dem Öffnen des siebten Siegels der Schriftrolle durch das Lamm und bevor sieben Engel in ihre Posaunen stoßen, um dadurch Strafgerichte über die Menschen zu bringen, steigen die Gebete der Heiligen aus der Hand eines anderen Engels mit Weihrauch zu Gott empor. Anschließend werden die Strafgerichte vorbereitet.

Dann nahm der Engel die Räucherpfanne, füllte sie mit glühenden Kohlen, die er vom Altar nahm, und warf sie auf die Erde; da begann es zu donnern und zu dröhnen, zu blitzen und zu beben. (Offenbarung 8,5)

Auch in diesem Zusammenhang haben wir es mit Bildern zu tun, nicht mit der Darstellung eines realen Geschehens. Hier geht es nicht darum, zu zeigen, auf welchem Weg die Gebete der Gläubigen zu Gott gelangen. Es soll nicht gelehrt werden, dass die Gebete nur durch die Hände eines Engels in die Gegenwart Gottes kommen. Gott braucht keine Engel, um die Bitten seiner Kinder zu hören.

7 Wenn ihr betet, sollt ihr nicht plappern wie die Heiden, die meinen, sie werden nur erhört, wenn sie viele Worte machen. 8 Macht es nicht wie sie; denn euer Vater weiß, was ihr braucht, noch ehe ihr ihn bittet. (Matthäus 6,7-8)

26 An jenem Tag werdet ihr in meinem Namen bitten und ich sage euch nicht, dass ich den Vater für euch bitten werde; 27 denn der Vater selbst liebt euch, weil ihr mich geliebt und weil ihr geglaubt habt, dass ich von Gott ausgegangen bin. (Johannes 16,26-27)

In Offenbarung 8 geht es um einen Zusammenhang zwischen den Gebeten der verfolgten Heiligen und den Strafgerichten Gottes über die rebellischen Menschen, die sich dem durch seine Heiligen verkündeten Wort widersetzten. Gott hört seine Kinder. Doch wer in der Rebellion gegen ihn verharrt, erfährt das Gericht Gottes, auch wenn es in der Realität nicht immer so augenscheinlich ist, wie es in den Bildern der Offenbarung dargestellt wird. Die Zurückweisung und Verfolgung der Heiligen bleibt aber nicht ohne Konsequenzen.

Selbst unter der Annahme, dass die Gebete der Gläubigen durch Engel vor Gott gebracht werden, gibt es keinen Grund, die Engel als Mittler anzurufen. Die Heiligen, deren Gebete durch Engel vor Gott gebracht werden, haben ihre Gebete an Gott gerichtet, nicht an die Engel. Die einzigen Adressaten von Gebeten sind Gott und sein wesensgleicher Sohn Jesus Christus. Die frühe Kirche kannte keine Verehrung von Engeln. Auch in nachbiblischer Zeit wurde vor der Anrufung von Engeln gewarnt:

Keine Engel ruft sie an, keine Zaubersprüche gebraucht sie, noch macht sie irgend welche frevelhaften Experimente. Rein, lauter und offen richtet sie ihre Gebete zu dem Herrn, der alles erschaffen hat, und ruft den Namen unseres Herrn Jesu Christi an […] (Irenäus von Lyon, Gegen die Häresien 2,32,5)

Der Engelskult widerspricht also nicht nur der Schrift, sondern auch der Tradition.

Engel sind keine Mittler neben oder zu Jesus Christus, sondern Gottes Diener, durch die er seinen Gläubigen hilft, ohne dass es die Gläubigen in den meisten Fällen überhaupt merken. Die Ehre und die Anbetung gebührt Gott allein.

Sind sie nicht alle nur dienende Geister, ausgesandt, um denen zu helfen, die das Heil erben sollen? (Hebräer 1,14)

Und alle Geschöpfe im Himmel und auf der Erde, unter der Erde und auf dem Meer, alles, was darin ist, hörte ich sprechen: Ihm, der auf dem Thron sitzt, und dem Lamm gebühren Lob und Ehre und Herrlichkeit und Kraft in alle Ewigkeit. (Offenbarung 5,13)

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