Du wirst ganz gewiß finden, daß diejenigen Menschen, die den Gläubigen am heftigsten Feindschaft zeigen, die Juden und diejenigen sind, die (Allah etwas) beigesellen. Und du wirst ganz gewiß finden, daß diejenigen, die den Gläubigen in Freundschaft am nächsten stehen, die sind, die sagen: „Wir sind Christen.“ Dies, weil es unter ihnen Priester und Mönche gibt und weil sie sich nicht hochmütig verhalten. (Sure 5,82)
Der Autor der 5. Sure schwankt in seiner Beurteilung des Christentums. So wird in 5,69 (wie auch in der Parallele in 2,62) den Christen (wie auch den Sabäern und den in 5,82 kritisierten Juden) Trost zugesprochen. Sie sollen keine Furcht haben. In 5,47 wird ihnen gesagt, dass sie sich nach dem Evangelium richten sollen. Andererseits werden sie als Ungläubige betrachtet, weil sie den göttlichen Anspruch, den Jesus wiederholt ausgedrückt hat, ernst nehmen und Jesus als Gott verehren. Christen werden deswegen als „Beigeseller“ verurteilt. Auch die vom Autor der 5. Sure falsch verstandene Lehre der Dreieinigkeit (siehe dazu hier und hier) stellt die Christen in ein schlechtes Licht.
In Vers 82 scheint der Verfasser dieser Sure aber vergessen zu haben, was er in den Versen 17, 72 und 73 geschrieben hat, wo er die Christen als Ungläubige verurteilt hat. Er unterscheidet die Christen von den Juden und denjenigen, die „beigesellen“. Die „Beigeseller“ aus Vers 82 werden üblicherweise als Polytheisten gedeutet. Einige Übersetzungen verwenden daher die Wörter „Götzendiener“ (Abu-r-Rida) oder „Polytheisten“ (Khoury). In Vers 72 sind es jedoch die Christen, denen vorgeworfen wird, dass sie „beigesellen“:
Fürwahr, ungläubig sind diejenigen, die sagen: „Gewiß, Allah ist al-Masīḥ, der Sohn Maryams“, wo doch al-Masīḥ (selbst) gesagt hat: „O Kinder Isrāʾīls, dient Allah, meinem Herrn und eurem Herrn!“ Wer Allah (etwas) beigesellt, dem verbietet fürwahr Allah das Paradies, und dessen Zufluchtsort wird das (Höllen)feuer sein. Die Ungerechten werden keine Helfer haben.
Möglicherweise haben an der 5. Sure verschiedene Autoren mit unterschiedlicher Einstellung den Christen gegenüber gearbeitet. Oder die Abschnitte stammen aus verschiedenen Zeiten. Es ist zumindest erstaunlich zu sehen, wie sich der Koran innerhalb weniger Verse widerspricht.
In Vers 82 spiegelt sich eine positive Erfahrung wieder, die die Muslime mit denen, die sich Christen nennen, gemacht haben, nicht aber mit den Juden und den „Beigesellern“.
Das Christentum des 7. Jahrhunderts war in vielen Punkten anders als das Leben der ersten Jünger Jesu. Aber im Leben dieser Menschen war offensichtlich noch etwas von der Menschenfreundlichkeit Gottes sichtbar, die durch Jesus zu uns gekommen ist. Darum haben sie so gehandelt, wie es Paulus z. B. in Titus 3,2 geschrieben hat:
[…] niemanden zu schmähen, friedfertig zu sein, gütig und alle Freundlichkeit allen Menschen gegenüber zu zeigen!
Sie haben von Jesus gelernt, der gesagt hat:
Nehmt mein Joch auf euch und lernt von mir; denn ich bin gütig und von Herzen demütig; und ihr werdet Ruhe finden für eure Seele. (Matthäus 11,29)
So hat der Verfasser dieser Sure auch gesehen, dass sie sich nicht hochmütig verhalten. Sie waren den frühen Muslimen gegenüber gesprächsbereit und freundlich gesinnt. So wird von ihnen gesagt, dass sie diejenigen sind, die den Gläubigen in Freundschaft am nächsten stehen.
Umgekehrt wurde aber den Muslimen angeordnet:
O ihr, die ihr glaubt, nehmt euch nicht die Juden und die Christen zu Freunden. Sie sind untereinander Freunde. (Sure 5,51, Khoury)
Hier steht allerdings ein anderes Wort für „Freund“, das auch als „Schutzherr“ oder „Beschützer“ wiedergegeben wird.
Man muss auch zwischen einer freundlichen Gesinnung allen Menschen gegenüber und einer tiefen, in Gott gegründeten Freundschaft unterscheiden, die nur auf der Basis der gemeinsamen Beziehung zu Gott möglich ist.
Mir ist keine Stelle im Koran bekannt, in der die Muslime aufgefordert werden, allen Menschen mit dieser „Freundschaft“ zu begegnen, wie sie in 5,82 bei den Christen den Muslimen gegenüber festgestellt wird.
Dazu passt auch eine Stelle aus Sure 57:
Hierauf ließen Wir auf ihren Spuren Unsere Gesandten folgen; und Wir ließen ʿĪsā, den Sohn Maryams, folgen und gaben ihm das Evangelium. Und Wir setzten in die Herzen derjenigen, die ihm folgten, Mitleid und Barmherzigkeit. […] (Sure 57,27a)
Auch hier kenne ich keine Koranstelle, in der über Muslime Ähnliches gesagt wird. Sondern es heißt in Sure 48,29a:
Muhammad ist Allahs Gesandter. Und diejenigen, die mit ihm sind, sind den Ungläubigen gegenüber hart, zueinander aber barmherzig.
Ist es nicht erstaunlich, dass Gott in die Nachfolger Jesu eine Gesinnung gesetzt hat, die er den Nachfolgern Mohammeds nicht geben kann?
Sure 5,82 verbindet die freundliche Gesinnung der Christen den Muslimen gegenüber mit den Priestern und Mönchen, die es bei ihnen gibt. Es ist gewiss gut, wenn diese Priester und Mönche die Demut und Menschenfreundlichkeit Jesu gelehrt haben. Aber weder das Priestertum noch das Mönchtum gehen auf Jesus zurück.
Jesus hat das alttestamentliche Priestertum durch sein Opfer, das er ein für alle Mal dargebracht hat, erfüllt und vollendet. Darum kannten die ersten Christen keine Priester. Das Mönchtum hat sich ohnehin erst einige Jahrhunderte später entwickelt. Als sich die „Kirche“ immer mehr an die Welt angepasst hat, haben manche Leute gedacht, dass sie durch den Rückzug in ein Mönchsleben Gott besser dienen können. Das Evangelium kennt keine Mönche.
Dass das Mönchtum nicht von Gott kommt, sondern eine Erfindung von Menschen ist, steht auch im Koran. Im bereits zitierten Vers 57,27 heißt es:
Hierauf ließen Wir auf ihren Spuren Unsere Gesandten folgen; und Wir ließen ʿĪsā, den Sohn Maryams, folgen und gaben ihm das Evangelium. Und Wir setzten in die Herzen derjenigen, die ihm folgten, Mitleid und Barmherzigkeit, und (auch) Mönchtum, das sie erfanden – Wir haben es ihnen nicht vorgeschrieben –, (dies) nur im Trachten nach Allahs Wohlgefallen. Sie beachteten es jedoch nicht, wie es ihm zusteht. Und so gaben Wir denjenigen von ihnen, die glaubten, ihren Lohn. Aber viele von ihnen waren Frevler.
Das Mönchtum war auch nach den Worten des Korans von Menschen erfunden worden und keine Vorschrift Gottes. Danach scheint der Vers aber einzuräumen, dass diese Erfindung „im Trachten nach Allahs Wohlgefallen“ geschah. Aber wie kann das Gott gefallen, wenn es nicht seinen Geboten entspricht?
Dem Autor der 5. Sure scheint jedoch die Erkenntnis des Verfassers der 57. Sure nicht bekannt gewesen zu sein. Er sieht in den Priestern und Mönchen eine positive Einrichtung. Nach der üblichen zeitlichen Reihenfolge wurde die 57. Sure vor der 5. Sure geschrieben. Der Autor der 5. Sure hätte sie kennen müssen. Oder war er nur vergesslich?
Unabhängig von diesen Spannungen und Widersprüchen zwischen verschiedenen Stellen des Korans bezeugt Sure 5,82, dass Christen eine Gesinnung haben, die Allah den Muslimen nicht zu geben vermag. Sollte das Muslimen nicht zu denken geben? Erlösung von der Sünde und eine Veränderung des Herzens gibt es nur bei Jesus.
Wenn also jemand in Christus ist, dann ist er eine neue Schöpfung: Das Alte ist vergangen, siehe, Neues ist geworden. (2 Korinther 5,17)
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