Windhauch und Luftgespinst …

1 Ich dachte mir: Auf, versuch es mit der Freude, genieß das Glück! Das Ergebnis: Auch das ist Windhauch. 2 Über das Lachen sagte ich: Wie verblendet!, über die Freude: Was bringt sie schon ein? 3 Ich trieb meine Forschung an mir selbst, indem ich meinen Leib mit Wein lockte, während mein Verstand das Wissen auf die Weide führte, und indem ich das Unwissen gefangen nahm. Ich wollte dabei beobachten, wo es vielleicht für die einzelnen Menschen möglich ist, sich unter dem Himmel Glück zu verschaffen während der wenigen Tage ihres Lebens. 4 Ich vollbrachte meine großen Taten: Ich baute mir Häuser, ich pflanzte mir Weinberge. 5 Ich legte mir Gärten und Parks an, darin pflanzte ich alle Arten von Bäumen. 6 Ich legte mir Wasserbecken an, um aus ihnen den sprossenden Baumbestand zu bewässern. 7 Ich kaufte Sklaven und Sklavinnen, obwohl ich schon hausgeborene Sklaven besaß. Auch Vieh besaß ich in großer Zahl, Rinder, Schafe, Ziegen, mehr als alle meine Vorgänger in Jerusalem. 8 Ich häufte mir auch Silber und Gold an und, als meinen persönlichen Schatz, Könige und ihre Provinzen. Ich besorgte mir Sänger und Sängerinnen und die Lust der Männer: Brüste und nochmals Brüste. 9 Ich war schon groß gewesen, doch ich gewann noch mehr hinzu, sodass ich alle meine Vorgänger in Jerusalem übertraf. Und noch mehr: Mein Wissen stand mir zur Verfügung, 10 und was immer meine Augen sich wünschten, verwehrte ich ihnen nicht. Ich musste meinem Herzen keine einzige Freude versagen. Denn mein Herz konnte immer durch meinen ganzen Besitz Freude gewinnen. Und das war mein Anteil, den ich durch meinen ganzen Besitz gewinnen konnte. 11 Doch dann dachte ich nach über alle meine Taten, die, die meine Hände vollbracht hatten, und über den Besitz, für den ich mich bei diesem Tun angestrengt hatte. Das Ergebnis: Das ist alles Windhauch und Luftgespinst. Es gibt keinen Vorteil unter der Sonne. (Kohelet 2,1-11)

Hier kommt ein Mann, dem in seinem Leben keine Grenzen gesetzt wurden, der alles auskostete, was man in der Antike auskosten konnte, zum Ergebnis, dass alles „Windhauch und Luftgespinst“ war. In der Elberfelder Bibel steht dafür: „Nichtigkeit und ein Haschen nach Wind“. Das drückt das durch das hebräische Wort רְעוּת / re′ût ausgedrückte Streben und Trachten besser aus. Es ist nicht nur ein Gespinst in Gedanken. Der Mensch, der sich auf verschiedenste Weise anstrengt, sein Glück in diesem Leben zu finden, bleibt am Ende leer.

Wer wie in Vers 1 die Freude um der Freude willen anstrebt, wird die wahre Freude nicht finden. Es bleibt „Windhauch“ und Nichtigkeit.

Vers 3 ist in der Einheitsübersetzung etwas frei wiedergegeben. In der Elberfelder Übersetzung lautet er so:

Ich beschloss in meinem Herzen, meinen Leib durch Wein zu laben, während mein Herz sich mit Weisheit beschäftigte, und die Torheit zu ergreifen, bis ich sähe, was den Menschenkindern zu tun gut wäre unter dem Himmel, die Zahl ihrer Lebenstage.

Es geht offensichtlich um den Versuch, seinem Körper alles „Gute“ zu geben, gleichzeitig seinen Intellekt („Herz“ hat im Hebräischen auch diese Bedeutung. In Israel hat man nicht mit dem Gehirn, sondern mit dem Herzen gedacht.) durch Philosophie und kluge Gedanken zu beschäftigen. Im Bezug auf die Torheit gehen die Übersetzungen auseinander. Nach der Elberfelder und fast allen anderen Übersetzungen wollte er neben der Weisheit auch die Torheit ergreifen, nach der Einheitsübersetzung hat er „das Unwissen gefangen genommen“. Das Wort אָחַז / ′achas kann beides bedeuten. Mir erscheint es eigenartig, dass man sich zugleich mit Weisheit beschäftigen und die Torheit ergreifen möchte. Da ist das Verständnis der Einheitsübersetzung logischer. Andererseits passt die Version der Elberfelder Bibel auch nicht so schlecht, wenn dadurch ausgedrückt werden wollte, dass er wirklich alles ausprobieren wollte, sowohl die Weisheit als auch die Torheit. Aber gerade das zeigt, dass ihm die wahre Weisheit gefehlt hat.

Die Formulierung der Einheitsübersetzung „Ich trieb meine Forschung an mir selbst“ weist darauf hin, dass er sich selbst zum Objekt gemacht hat. Durch die Selbstbeobachtung hat er sich einerseits in eine Distanz zu sich selbst begeben, blieb dabei aber gerade bei sich selbst stehen. Dadurch hat er es sich unmöglich gemacht, wahres Glück und wahre Freude zu erfahren, die nur im Wegschauen von sich selbst gefunden werden können. Wörtlich steht dort: „Ich spähte in meinem Herzen aus. / Ich erforschte in meinem Herzen.“ Das ist etwas anderes als das „Ich beschloss“ der Elberfelder Bibel.

Vieles von dem, was er getan hat, war in sich nicht schlecht. Das Bauen von Häusern und Pflanzen von Weingärten, das Anlegen von Gärten und Parks, die Viehzucht ist ja grundsätzlich gut, wenn es zum Nutzen der Menschen dient. Es kann aber auch der Selbstverwirklichung oder der Darstellung seines Reichtums und seiner Macht dienen.

Das Ankaufen von Sklaven steht da schon auf einem anderen Blatt, obwohl das im Rahmen der antiken Gesellschaft nicht schlecht gewesen sein muss, wenn er gut für seine Sklaven sorgte. In einer Gesellschaft, in der die Technik das erledigt, was in früheren Zeiten Sklavenarbeit war, kann man sich leicht über die Sklavenhaltergesellschaft erheben. Das rechtfertigt natürlich die Sklaverei in keiner Weise.

Hier ist aber nicht das Wohlergehen der Sklaven das Thema, sondern der Reichtum und die Macht, ebenso wie das Ansammeln von Gold und Silber, die Herrschaft über Könige und Provinzen.

Die „Sänger und Sängerinnen“ passen zu dem vergeblichen Jagen nach Freude. Oberflächliche Unterhaltung kann keine wahre Freude bringen. Unsere Lieder sollen Gott verherrlichen. Nicht die Emotionen sind das Ziel, sondern das Lob Gottes. So führt auch die Musik zu einer Freude, die bleibt.

Der Schlussteil von Vers 8 wird unterschiedlich übersetzt. Das Wort שִׁדָּה / šiddāh kommt im Alten Testament nur an dieser Stelle vor. Im nachbiblischen Hebräisch heißt es „Kasten“. Darum übersetzt die Jerusalemer Bibel:

[…] und den Überfluss der Menschensöhne: Kästen um Kästen.

In der Septuaginta heißt es:

[…] und Lustbarkeiten der Menschenkinder, einen Weinausschenker und Weinausschenkerinnen.

Nach den meisten neueren Übersetzungen handelt es sich um Frauen, die Frauen des umfangreichen Harems Salomos. Die Version der Einheitsübersetzung 2016 „Brüste und nochmals Brüste“ habe ich sonst in keiner Übersetzung gefunden. Das vermutlich stammverwandte Wort שַׁד / šad meint die weibliche Brust.

Wenn hier tatsächlich die Frauen des Harems Salomos gemeint sind, zeigt das, dass die Suche nach dem oberflächlichen Glück es dem Menschen unmöglich macht, in echte Beziehungen einzutreten. Salomo hatte nach 1 Könige 11,3 siebenhundert fürstliche Frauen und dreihundert Nebenfrauen. Doch vermutlich hatte er zu keiner einzigen dieser tausend Frauen eine echte tiefe persönliche Beziehung. Die Frau wird zum Objekt. Sie dient der Repräsentation und dem Lustgewinn. Daraus kann keine echte Freude erwachsen.

Aus Vers 10 könnte man den Eindruck gewinnen, dass er tatsächlich Freude gewonnen hätte.

[…] und was immer meine Augen sich wünschten, verwehrte ich ihnen nicht. Ich musste meinem Herzen keine einzige Freude versagen. Denn mein Herz konnte immer durch meinen ganzen Besitz Freude gewinnen. Und das war mein Anteil, den ich durch meinen ganzen Besitz gewinnen konnte.

Doch die ernüchternde Feststellung aus Vers 11 zeigt, dass das alles nur leer und wertlos war.

Das Ergebnis: Das ist alles Windhauch und Luftgespinst. Es gibt keinen Vorteil unter der Sonne.

Im Zusammenhang ist klar, dass es hier um Salomo geht. Er vergleicht sich in den Versen 7 und 9 mit seinen Vorgängern in Jerusalem, nicht nur mit seinem gottesfürchtigen Vater David, sondern auch mit den jebusitischen Königen. Er sah sich auch in der Tradition eines heidnischen Volkes und dessen Königen. Auch die Erwähnung des Harems zeigt, dass es hier um Salomo geht, und zwar um den von Gott abgefallenen König Salomo.

3 Er hatte siebenhundert fürstliche Frauen und dreihundert Nebenfrauen. Sie machten sein Herz abtrünnig. 4 Als Salomo älter wurde, machten seine Frauen sein Herz anderen Göttern geneigt, sodass sein Herz dem HERRN, seinem Gott, nicht mehr ungeteilt ergeben war wie das Herz seines Vaters David. 5 Er verehrte Astarte, die Göttin der Sidonier, und Milkom, den Götzen der Ammoniter. 6 Er tat, was böse war in den Augen des HERRN, und war ihm nicht so vollkommen ergeben wie sein Vater David. (1 Könige 11,3-6)

Kohelet 2 ist aus der Perspektive Salomos nach seiner Entscheidung gegen Gott verfasst worden. Darum ist in diesem Abschnitt Gott nicht erwähnt. Ich meine, dass diese Worte nicht von Salomo selbst stammen, sondern dass ein Weiser aus der Perspektive Salomos zeigen wollte, dass man ohne Gott keine wahre Freude und kein Glück finden kann. Ohne Gott ist im Grunde alles leer. Es ist nur Windhauch und Luftgespinst.

Freude, die bleibt, besteht nur in der Beziehung zum Gott, dem Schöpfer alles Guten. Er hat uns zur Beziehung zu ihm geschaffen. Seine Liebe ist der Grund für alle echte Freude. Nur er schenkt einen Sinn im Leben, der nicht vergeht.

Du legst mir größere Freude ins Herz, als andere haben bei Korn und Wein in Fülle. (Psalm 4,8)

Freut euch im Herrn zu jeder Zeit! Noch einmal sage ich: Freut euch! (Philipper 4,4)

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